Expositorium

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englisch: Expository; französisch: Expositorium; italienisch: Tronetto.


Hans-Karl Lücke (1971)

RDK VI, 714–719


RDK VI, 715, Abb. 1. Münster i. W., 1678.
RDK VI, 715, Abb. 2. Münster i. W., 1729.
RDK VI, 717, Abb. 3. Venraij, Prov. Limburg, 1. H. 18. Jh.
RDK VI, 717, Abb. 4. Reichersdorf Krs. Miesbach, 2. V. 18. Jh.

I. Definition, Verwendung

E. (von lat. exponere = ausstellen, aussetzen) ist ein Gerät, das in der kath. Kirche bei der Aussetzung des Altarsakraments verwendet wird.

Es ist transportabel (Gegensatz: der dem gleichen Zweck dienende, fest mit dem Altarretabel oder -tabernakel verbundene – manchmal bewegliche – Thronus) und wird nur zeitweise gebraucht. Ihm entsprechende Vorrichtungen können auch fallweise hergestellt werden.

Die Bezeichnung E. hat sich anscheinend erst in verhältnismäßig junger Zeit eingebürgert. Früher wurde das E. meist „Thronus“ genannt.

Die Form des E. wird durch die Forderung bedingt, das Allerheiligste sei „in loco eminenti sub umbella“ auszusetzen (s. u.). Es besteht aus einem Sockel und einem ihn über- oder hinterfangenden Aufbau. Diese Grundform liegt allen Formtypen des E. zugrunde (s. III).

Der Anlaß für die Verwendung eines E. ist die expositio publica, bei der – im Gegensatz zur expositio privata – das in der Monstranz geborgene Allerheiligste aus dem Tabernakel herausgenommen und unverhüllt zur Anbetung ausgesetzt wird. Die hauptsächlichen Gelegenheiten für die Aussetzung sind das Fronleichnamsfest (s. Fronleichnam), das Vierzigstündige Gebet, das Herz-Jesu-Fest, sowie Messen und Andachten „coram exposito sacramento“.

II. Geschichte

Die Aussetzung des Allerheiligsten „in throno war ursprünglich ein Ausdruck gegenreformatorischer Sakramentsfrömmigkeit (s. Eucharistie, Sp. 159). Wann und wo sie erstmals erfolgte, ist unbekannt.

Die auch über ihren Geltungsbereich Mailand hinaus sehr einflußreichen Anweisungen des hl. Karl Borromäus über den Kirchenschmuck sehen keinen „locus eminens“ vor (Carlo Borromeo, Instructionum fabricae et supellectilis ecclesiasticae libri duo, Mailand 1577; ital. Teilausg. Carlo Castiglioni und Carlo Marcora, Arte Sacra, Mailand 1952). Die erste offizielle Bestimmung über Verwendung und Aussehen eines Gerätes für die Aussetzung des Allerheiligsten enthält Klemens’ XI. Anweisung zur Liturgie des – schon früher gebräuchlichen – Vierzigstündigen Gebets, die „Instructio Clementina“ von 1705, in deren § V es heißt: „Sopra detto Altare in sito eminente vi sia un Tabernacolo, o Trono con Baldachino proporzionato di color bianco, e sopra la base di esso vi sia un corporale, per collocarvi l’Ostensorio, o Custodia ...“ (Aloysio Gardellini, Decreta authentica Congregationis Sacrorum Rituum ..., Bd. 6, 2, Rom 1825, S. 29). Die Instructio bestätigt einen schon bestehenden Brauch und sucht ihn zu vereinheitlichen. Sie gilt nur für Rom, wurde jedoch schon bald als allgemeingültige Empfehlung für die Praxis der Aussetzung des Altarsakraments verstanden.

Zahlreiche *Altarretabel und Altartabernakel des 17. Jh. (vor allem in Deutschland und Frankreich) zeigen, daß man das Allerheiligste in einem festinstallierten oberen Nischen- oder Baidachingeschoß des Tabernakels oder in einer Nische im Altarretabel aussetzte. Da die Instructio Clementina keine entsprechenden Bestimmungen enthält, mögen bei der großen Häufigkeit der Aussetzungen besonders praktische Gründe bestimmend gewesen sein, auch weiterhin den Thronus stationär einzurichten (eine in diesem Sinne praktische Einrichtung ist das Drehtabernakel – eine Erfindung des 18. Jh. –, bei dem eine der Nischen der Aussetzung vorbehalten ist). Erst ein Dekret der Ritenkongregation vom 27. V. 1911 bestimmt, daß der Thronus „amovibel“ sein müsse (s. Buchberger Bd. 92, Sp. 969).

III. Typen

Die wenigen von der Fachliteratur beachteten E. stammen vornehmlich aus dem 17. und 18. Jh. In Aufbau und Ikonographie folgen sie gewöhnlich dem, was beim Thronus üblich war.

Alle E. sind aus Holz, das häufig Verkleidungen und Zierat aus Silber und – oder – kostbaren Stoffen trägt. Ihre Abmessungen, die sicher auch von der Größe der Monstranzen abhängen, liegen zwischen etwa 1,00 m und 2,00 m Höhe. Bei den bekanntermaßen für eine bestimmte Monstranz gefertigten E. stehen die Höhen von E. und Monstranz im Verhältnis von etwa 2 : 1 (Inv. Westfalen Bd. 41, 5, S. 406 und S. 402) oder – annäherungsweise – 5:3 (Abb. 4).

Der fast immer sehr reiche künstlerische Dekor besteht aus Motiven, die sich symbolisch oder typologisch auf das Altarsakrament beziehen (Ähren und Trauben; Granatäpfel; Aaron und Melchisedek; Engel, s. RDK V 422, 428f. und 589), und solchen, die eher der festlichen Ausgestaltung dienen (Blumen, Früchte, Kronen und Draperien, diese auch durch Silber imitiert). Daneben gibt es E. mit Darstellungen von Gottvater und der Taube des Hl. Geistes, die – während der Aussetzung – durch Hinzukommen des in der Hostie gegenwärtigen Christus zur Dreifaltigkeit ergänzt werden. Auch Stifterwappen kommen vor.

Nach ihrer Form betrachtet repräsentieren die bekanntgewordenen E. vier Typen:

1. Das Nischen-E. – der am häufigsten vertretene Typ – besteht aus Sockel und aufgesetzter Nische, die von einem Rahmen gefaßt wird. Der Sockel, im Grundriß immer breiter als tief, ist gewöhnlich relativ flach (Ausnahme s. Abb. 1). Die Nische überfängt nur selten die ganze Stellfläche, die meist über kurvigem Grundriß nach vorne vorspringt (vgl. z. B. das E. der Stiftskirche Heiligenkreuz, Ö.Ö., 1740: Inv. Österr. Bd. 9, Abb. 129). Der Rahmen, über dem ein bekrönendes Motiv (Krone, Strahlenglorie, Muschel) angebracht sein kann, ist ornamental (Blumen, Voluten) oder architektonisch (Pilaster) gestaltet.

2. Beim Arkaden-E. ist der Sockel für die Monstranz in eine Arkade eingestellt; diese steht bei dem E. der Franziskanerkirche in Venraij (Abb. 3) auf einer flachen Standplatte und ist (ähnlich wie die Rahmung zahlreicher Nischen-E.) aus Getreidebündeln und Trauben gebildet; in ihrem Scheitel hat sie eine Krone.

3. Den Typus des Prospekt-E. repräsentiert ein E. der Mauritzkirche in Münster (Abb. 2): hier steht der Sockel für die Monstranz vor einer breiten, architektonisch gegliederten Schauwand und wird von einem kuppelförmigen Dach überfangen.

4. Bei dem Baldachin-E. der Pfarrkirche von Disentis in Graubünden (Inv. Schweiz Bd. 14, Abb. 102) wird ein kronenartiger, in durchbrochener Arbeit gebildeter Baldachin von vier Stützen über halbkreisförmigem Grundriß (Nischengrundriß!) getragen. Dem gleichen Typus gehört das im 2. V. 18. Jh. entstandene E. in Reichersdorf Krs. Miesbach, Obb., an (Abb. 4).

Wie die fallweise errichteten E. aussahen, läßt sich den Beschreibungen nicht entnehmen (vgl. Gardellini a.a.O. S. 34).

Keiner der Formtypen ist für das E. spezifisch. Dieselben Formen dienen u. a. der (ständigen oder zeitweiligen) Aussetzung von Reliquien, der Aufstellung von Skulpturen (s. *Figurennische), finden sich bei Aufsätzen von Prozessionsstangen und Kastenkrippen.

Zu den Abbildungen

1. Münster in Westf., Dom, E. Holz, silberverkleidet, 1,27 m h. Beschau Köln, Meistermarke NK (nicht bei Rosenberg), 1678. Fot. L.A. für Dpfl., Münster.

2. Münster in Westf., Pfarrkirche St. Mauritz, E. Holz, silberverkleidet, 1,91 m h. Beschau Köln, Meistermarke HK (nicht bei Rosenberg), 1729. Fot. L.A. für Dpfl., Münster.

3. Venraij, Prov. Limburg (Niederl.), Franziskanerkirche, E. Holz, 1,97 m h. 1. H. 18. Jh. Nach Inv. Niederlande Teil 5, 2, Abb. 471.

4. Reichersdorf Krs. Miesbach (Obb.), Filialkirche St. Leonhard, E. Holz, farbig gefaßt und vergoldet, 0,97 m h. 2. V. 18. Jh. Fot. Verf.

Verweise