Augenglas

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englisch: Spectacles; französisch: Lunette, Verre; italienisch: Occhiale.


Albert Schröder (1937)

RDK I, 1248–1252


RDK I, 1247, Abb. 1. Konrad von Soest, Wildunger Altar, 1404.
RDK I, 1247, Abb. 2. Nürnberg, Tucheraltar, c. 1450.
RDK I, 1249, Abb. 3. J. F. Rosbach (?) nach Chr. F. R. Lisiewsky: Der Maler Paul Christian Zingg, 1755.
RDK I, 1249, Abb. 4. Anton Graff: Der Maler Daniel Chodowiecki, E. 18. Jh.

I. Name und Aufkommen

Sammelbezeichnung für Brille, Einglas, Klemmer, Lorgnette, Lorgnon, Monokel, Stielbrille. Erfinder unbekannt, nach früherer Annahme der Florentiner Salvino d’Armato oder der Mönch Alexander de Spina. E. 13. Jh. wird das A. bereits in Oberitalien erwähnt, seit 1482 sind Brillenschleifer in Nürnberg nachweisbar.

II. Darstellung in der bildenden Kunst

In der bildenden Kunst findet sich das A. seit M. 14. Jh. [4 Taf. 1], auf deutschen Denkmälern seit rund 1400 (Abb. 1) dargestellt, um den Schilderungen einen realistischeren Zug zu geben und einzelne Personen durch dieses Attribut in besonderer Weise zu charakterisieren. Besonders häufig ist es bei der Schilderung des Todes Mariäe (Konrad von Soest, Münster; Meister des Sterzinger Altars, Karlsruhe; Martin Schongauer, Stich B 33; Hans Holbein d. Ä., Basel; Greverade-Altar von 1494, Lübeck, Marienkirche; Joos van Cleve, Köln). Kaum weniger oft ist das A. in der Szene „Jesus im Tempel“ (Hausbuchmeister, Mainz, G.G.; Hans Fries, Basel; Relief vom Meister des Pauliner-Altars in Leipzig) und bei der Beschneidung (Schüler des Hausbuchmeisters, Mainz, St. Stephan; Jörg Ratgeb, Herrenberger Altar in Stuttgart), gelegentlich auch bei der Darbringung im Tempel (Relief des Meisters von Osnabrück, Berlin, D. M.) und im Pfingstfest (Niederwildunger Altar des Konrad von Soest, 1404, Abb. 1). Neutestamentliche Szenen und Personen liefern überhaupt den größten Bestand an Darstellungen des A. als „anachronistisches Detail“, wahrend es bei Schilderungen alttestamentlichen Inhalts sehr selten zu finden ist [8]. In karikierender Absicht verwenden es der Meister E. S. (Buchstabe N in L. 295) und der Hausbuchmeister (Buchstabe M des Alphabets für Maria von Burgund); ungewöhnlich ist die Darstellung des Teufels mit A. auf dem Gemälde „Johannes auf Patmos“ von Hier. Bosch in Berlin. – Als Symbol der Gelehrsamkeit und des Alters findet sich das A. häufig bei Darstellungen des Hl. Hieronymus (Dresden, früher Dürer zugeschrieben; Quinten Massys, Berlin; Joos van Cleve, Hannover; Gerard Dou, Amsterdam) und bei anderen Kirchenvätern (z. B. Augustin, Nürnberg, Tucher-Altar, Abb. 2; Wien, Meister von Großgmain, 1498) sowie bei Evangelisten, wo namentlich Lukas mehrfach ein A. trägt (Weingärtner Büste des Heinrich Yselin im Bayer. Nat.-Mus.; Predella des Pacher-Altars in St. Wolfgang). Den Apostel Philippus stattet der Meister E. S. zweimal (L. 119 u. 131) mit dem A. aus, die hl. Anna Geertgen tot sint Jans in dem Amsterdamer Bild der hl. Sippe. Ebenso findet es sich in einer Folge glasgemalter Lebensalter in der Art des Jost Amman in Berlin. Schließlich sind zu nennen Adoranten- und Donatorenfiguren (Kanonikus van der Paele von Jan van Eyck; Meister der hl. Sippe im Germ. Nat.-Mus.; Messe des hl. Gregor von Bernt Notke in Lübeck, Marienkirche) sowie – namentlich seit dem 16. Jh. – Bildnisse („Pius Joachim“ in Basel, um 1460; Quinten Massys, Frankfurt a. M.; Lambert Lombard, Kassel, usw.).

Die spätere Zeit hat das A. nicht mehr so sehr als Charakterisierungsmittel gewertet, sondern fast ausschließlich in den Typenbestand der Porträtattribute eingereiht. In der Gestalt des Lorgnons erscheint es im 18. Jh. ab und zu als Ausstattungsgegenstand der feudalen Gesellschaft (Watteau, Firmenschild des Gersaint). Nachdem es im Biedermeier mitunter mehr zum Beiwerk genrehafter Schilderung gemacht worden war („Der alte Müller“ von J. Oldach(?); Spitzweg), interessiert es eine stärker impressionistisch eingestellte Periode vor allem als koloristisches Objekt durch die Lichtspiegelung auf den Gläsern, während es in der jüngeren Entwicklung (namentlich auch in der Sonderform des Monokels) seine ehemalige Bedeutung als charakterisierendes Attribut bis zu einem gewissen Grade wiedergewonnen hat.

III. Form

Das Mittelalter kennt noch nicht die eigentliche Form der Brille, d. h. das Doppelglas mit Schläfen- bzw. Ohrenbügeln. Die gewöhnlich in Horn oder auch Bein gefaßten Gläser sind entweder durch einen festen Steg (Jan van Eyck, Kanonikus van der Paele; Weingärtner Lukasbüste von Yselin) oder durch ein Scharnier (Abb. 1 und 2) verbunden; in beiden Fällen wurde das A., wie zahlreiche Darstellungen zeigen, beim Lesen in der Regel mit der Hand gehalten (vgl. Abb. 1, ferner den hl. Petrus in der Predella von Herlins Rothenburger Altar von 1466, Yselins Lukasbüste, Hermann tom Ring’s Virgil in Augsburg). Daneben war schon früh die Form des Klemmers oder Zwickers gebräuchlich, bei dem die beiden Gläser mit einem elastischen Steg aus Horn oder Metall verbunden waren. Auch der Klemmer wurde zunächst noch beim Lesen mit der Hand vor die Augen gehalten (Disputation der hl. Augustinus und Ambrosius im Blockbuch „Defensorium inviolatae virginitatis b. Mariae“ von Friedrich Walter, 1470; hl. Servatius von Bernhard Strigel, München, Alte Pinakothek). Die Folgezeit hält an diesen Formen fest (vgl. das Porträt des Malers P. Chr. Zingg von Chr. Fr. Lisiewsky im Museum zu Leipzig, Abb. 3, ferner Kupetzky, Fiedler, Eichler, Öfele und zahlreiche andere). – Die Brille mit seitlichen Stangen (Ohren- bzw. Schläfenbügeln) ist erst seit dem 18. Jh. nachweisbar. Wir finden sie häufig auf den Radierungen von Daniel Chodowiecki, den Anton Graff mit dem gleichen A. auf dem Bild der Berliner Akademie dargestellt hat (Abb. 4), vereinzelt bei Seekatz (Weimar), C. Zick (Koblenz), C. D. Friedrich (Mannheimer Bildniszeichnung). Das gleiche Jahrhundert bringt das Lorgnon (Lorgnette), dessen man sich, wie schon früh bei der Lupe (vgl. den Hippokras am Konstanzer hl. Grab, um 1260, Oberrhein. K. 1, 1925 26 Taf. 59; ferner [4 Taf. 9 u. 10]) mit Hilfe eines einzelnen Stieles oder Griffes bedienen konnte, während die beiden Gläser durch einen festen, später beweglichen Bügel verbunden waren. Eine Abart stellt das Monokel dar, das Einglas, das zunächst noch mit einem Stiel versehen war (Hirth, Kulturgeschichtl. Bilderbuch 6 S. 2238 u. 2287), ausnahmsweise auch wohl mit einem Band am Kopf beteiligt werden konnte (Selbstbildnis der A. D. Therbusch-Liszewska im KFM, Berlin), später aber frei im Auge getragen wurde.

In seltenen Fällen dient das A. als Attribut der Mäßigkeit, vgl. Molsdorf Nr. 1062.

Zu den Abbildungen

1. Konrad von Soest, Wildunger Altar, 1404. Ausschnitt aus dem 1. Flügel. Phot. Dr. F. Stoedtner, Berlin.

2. Nürnberg, Frauenkirche, Tucheraltar, um 1450. Ausschnitt aus dem r. Flügel. Phot. Germ. Nat.-Mus. Nürnberg.

3. J. F. Rosbach(?), unvollendeter Stich nach dem Gemälde von Chr. Friedr. Reinhold Lisiewsky: Der Maler Paul Christian Zingg, 1755. Leipzig, Stadtgesch. Mus. Phot. Mus.

4. Anton Graff (1736–1813): Der Maler Daniel Chodowiecki. Berlin, Akademie d. Künste. Phot. Akademie.

Literatur

1. Emil Bock, Die Brille und ihre Gesch., Wien 1903. 2. Franz Maria Feldhaus, Die Technik der Vorzeit, der geschichtl. Zeit und der Naturvölker, Berlin und Leipzig 1914, Sp. 137ff. 3. G. Prausnitz, Das Augenglas in Bildern der kirchl. K. im 15. und 16. Jh., Stud. z. dt. Kg. 180, Straßburg 1915. 4. Rich. Greef, Die Erfindung der Augengläser, Berlin 1921. 5. Moritz v. Rohr, Aus der Gesch. der Brille, Jb. des Vereins dt. Ingenieure 17, Berlin 1927 S. 30ff. 6. Albert v. Pflugk, Beiträge zur Gesch. der Brille aus alten Abbildungen, Zs. f. ophthalmologische Optik 14, Berlin 1927 S. 138 ff 7. Moritz v. Rohr, Zur Gesch. der Brille, Geistige Arbeit Jg. 1, 1934, Nr. 6 S. 3ff. 8. Ivar Schnell, En anakronistisk detalj i den medeltida ikonografien, Fornvännen 30, 1935 S. 19ff. (mit deutschem Resumé).