Kuttrolf

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englisch: Kuttrolf, Guttrolf; französisch: kuttrolf, guttrolf; italienisch: kuttrolf, guttrolf


Dedo von Kerssenbrock-Krosigk (2018)

Kuttrolf, Deutschland, mittelalterlich, möglicherweise 13. oder 14.–15. Jh.
Kuttrolf, Deutschland, 15. Jh., grünes Glas, formgeblasen und frei geformt.
Kuttrolf, Deutschland, 1. Hälfte 17. Jh., grünes Glas, formgeblasen und frei geformt.


I. Definition

Der Kuttrolf ist im heutigen Sprachgebrauch ein Glasgefäß, dessen verengter Hals aus mehreren Röhren mit einer gemeinsamen Mündung besteht. Die Röhren entstehen während der Arbeit am Ofen durch Einsaugen der Luft durch die Glasmacherpfeife, wobei die Gestaltung (insbesondere die Anzahl der Röhren und ihre grade oder spiralförmige Anordnung) durch weitere Handgriffe gesteuert werden kann.[1] Die heutige Verwendung deckt sich nicht mit der historischen Bedeutung des Begriffs „Kuttrolf“, der wohl einfache, einröhrige, enghalsige Flaschen vornehmlich für Schnaps meinte, während ein- oder mehrhalsige Weinflaschen zu ihrer Zeit offenbar als Angster bezeichnet wurden.

II. Literarische Überlieferung

Der Begriff „Kuttrolf“ lässt sich in diversen Abwandlungen bis in das 14. Jh. zurückverfolgen, es ist aber unwahrscheinlich, dass darunter mehrhalsige Flaschen verstanden wurden. Die Erwähnung in einem Bundesbrief der Hessischen Glasmacher von 1406, derzufolge ein Meister mit einem Knecht nicht mehr als 200 „kutterolf“ pro Tag herstellen durfte (ein einzelner Arbeiter am „kleinen Loch“ nicht mehr als hundert), lässt auf ein einfaches Massenprodukt, wohl ein enghalsiges Gefäß schließen.[2] Dem entspricht eine Bemerkung im „Willehalm“ von Wolfram von Eschenbach 1334: „Vor zyten selzt man guttrolff dar, gläser mit den engen kragen“.[3] Im alemannischen hat sich der Begriff bis heute als „Gütterli“ für Fläschchen gehalten.[4] Aus den Rechnungsbüchern der mittelrheinischen Grafen von Katzenelnbogen aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts geht hervor, dass „goderolffe … zu gebrantem Wasser“ beschafft wurden. 1449 kosteten zwei Stück den geringen Preis von sechs Hellern.[5] Ob der Begriff den dosierten Ausschank meint (lat. gutta = der Tropfen) oder auf das Gluckergeräusch Bezug nimmt – „Gefeß [...] die do kuttern, klunkern oder wie ein Storch schnattern“;[6] „möcht ihr mit dem Guttaruff Glucktratrara singen“[7] – ist ungeklärt.[8] Ebenfalls eine Flasche mit engem Ausguss bezeichnet der Begriff „Angster“ (lat. angustus = eng), der im Inventar von Schloss Sigmundsburg in Tirol 1462 erstmals nachgewiesen ist.[9] Im Hausratsbüchlein von Hans Folz, Nürnberg um 1490, wird zwischen Angster und Kuttrolf unterschieden: „Drechter [Trichter] engster gutrolff die man / Für die zu gehen drunck mus han“.[10] Folz nennt Angster und Kuttrolf im Zusammenhang mit der Einrichtung einer „Stube“, trennt sie aber von den an anderer Stelle aufgeführten „Flaschen, kandeln [Kannen] zu pier und wein“, denn sie sind „für die zu gehen drunck“ bestimmt – für Gäste kurz vor deren Aufbruch? Etwa 100 Jahre später wird im „Truncken Gespräch“ aus Fischarts Gargantua ebenfalls unterschieden: „da schwang man den Guttruff, da trähet [drehet] man den Angster“.[11] Die Beschreibung bei Johann Mathesius 1562 – „angster mit zweyfachen rörlein“– weist darauf hin, dass „Angster“ genau jene Gläser bezeichnen konnte, die heute „Kuttrolf“ genannt werden. Ein Jahrhundert später nimmt dies Abraham a Sancta Clara (d.i. Johann Ulrich Megerle, 1644–1709) auf, wenn er beschreibt, „wie zu Sommers-Zeit [die] Dorff-Knittel mit den dreyhalsigen Angsteren haussen / da offt dem Wirth selbsten darbey Angst wird“.[12] Er fährt fort: „…dort kommt offt der Hals sambt dem Bauch übern Kopff / dass mehrmahl der rothe Safft herunter rinnt / und sehen die Phantasten nicht anderst aus / als hätt man auf ihrem Schädel einen Zinober gerieben.“[13]

III. Geschichte und Verbreitung

Mehrhalsige Flaschen sind eine römische Erfindung wohl des 3./4. Jh. und kommt vereinzelt sowohl im Osten wie im Westen des Reiches vor.[14] Er ist auch in der Merowingerzeit bezeugt, hierbei handelt es sich um kugelige Gefäße ohne Stand und mit kurzem, fünfröhrigen Hals, der in eine halbrunde Schale als Ausguss mündet.[15] Einen Sonderfall in dieser Gruppe stellt ein Hybrid aus Kuttrolf und Rüsselbecher dar, der in Unterspiesheim gefunden worden sein soll und sich heute in der Archäologischen Staatssammlung München befindet.[16]

Ein frühes, möglicherweise noch aus dem 13. Jh. stammendes Beispiel eines mittelalterlichen Kuttrolfs wird im Glasmuseum Hentrich in Düsseldorf bewahrt (Abb. 1). Seit dem 14. Jh. war der Kuttrolf in den Ländern Mitteleuropas weit verbreitet.[17] Bis in die Barockzeit kommt es Veränderungen der Form, insbesondere hin zu der typischen Biegung des Halses. Dieser verbindet den kugelförmigen Bauch mit dem Mündungskragen, der oftmals durch Eindellung mit dem Zwackeisen die Form eines Ausgusses erhielt (Abb. 2, Abb. 3). Gemeinhin wurden mehrhalsige Flaschen aus grünem Waldglas hergestellt. Als Scherzgefäß war dieser Typ so beliebt, dass er freilich auch von Glashütten à la façon de Venise oder gar in Venedig selbst in verschiedensten Varianten geblasen wurde. Das Glasmuseum Wertheim besitzt mit über 30 Kuttrolfen die größte öffentliche Spezialsammlung zu diesem Thema.

IV. Verwendung

Die frühneuzeitlichen mehrhalsigen Flaschen gelten gemeinhin als Trinkgläser mit Scherzcharakter; dass aus solchen Flaschen getrunken wurde, belegen einige Schriftquellen (s.u.) und Jörg Ratgebs „Letztes Abendmahl“ um 1510 im Museum Boijmans-van Beuningen, Rotterdam: [18] Hier hebt einer der Jünger eine Flasche in typischer Kuttrolf-Form, aber einhalsig, hoch an die Lippen. Bei frühmittelalterlichen Exemplaren wurde vermutet, dass sie für Duftwasser, insbesondere zur Handwaschung nach dem Essen verwendet worden sein könnten.[19] Indiz hierfür ist der archäologische Fund eines intakten Kuttrolfs in einer Bronzeschüssel am Fußende eines Grabes der Zeit um 600.[20] Abraham a Sancta Clara beschreibt 1699, wie aus mehrhalsigen Flaschen Rotwein getrunken wurde (s. Zitat unter II.).

Anmerkungen

  1. Vgl. www.cmog.org/video/no-sound-medieval-glass-making-kuttrolf.
  2. August Amrhein, Die kurmainzische Glashütte Emmerichsthal bei Burgjossa, Würzburg 1900, S. 211–221.
  3. Zitiert nach Hans Löber, Guttrolfe, Formgebung und Herstellungstechnik, Glastechnische Berichte 39, 1966, 12, S. 539–548, hier S. 543.
  4. Vgl. Fritz Biemann, Der Kuttrolf – Sonderling unter den Glasgefäßen, in: Keramik-Freunde der Schweiz, April 1968, S. 12–14 mit Taf. IX und X, hier S. 12.
  5. Eberhard Schenk zu Schweinsberg, Der Glasbedarf einer Hofhaltung im späten Mittelalter, Glastechnische Berichte 35, 1962, Nr. 4, S. 205–206.
  6. Johann Mathesius, Sarepta, Nürnberg 1562, zitiert nach Hans Löber, Guttrolfe, Formgebung und Herstellungstechnik, Glastechnische Berichte 39, 1966, 12, S. 539–548, hier S. 543.
  7. Johann Fischart, Affentheurlich Naupengeheurliche Geschichtklitterung [...], Grensing 1590, Kap. 1.
  8. Zur Etymologie außerdem: Ludwig F. Fuchs, Flasche, Angster und Guttrolf, in: Belvedere 11, 1927, S. 85–91, hier S. 86–87.
  9. Hans Löber, Guttrolfe, Formgebung und Herstellungstechnik, Glastechnische Berichte 39, 1966, 12, S. 539–548, hier S. 546.
  10. Adelbert von Keller, Fastnachtsspiele aus dem fünfzehnten Jahrhundert. Bd. 3 (Bibliothek des litterarischen Vereins in Stuttgart, 30), Stuttgart 1853, S. 1215.
  11. Johann Fischart, Affentheurlich Naupengeheurliche Geschichtklitterung [...], Grensing 1590, Kap. 8.
  12. Abraham a Sancta Clara, Etwas für Alle, Das ist: Eine kurtze Beschreibung allerley Stands- Ambts- und Gewerbs-Persohnen…, Nürnberg: Christoph Weigel und Würzburg: Hiob Hertzen, 1699, S. 506 (Nr. 67: Der Glasmacher).
  13. Abraham a Sancta Clara, Etwas für Alle, Das ist: Eine kurtze Beschreibung allerley Stands- Ambts- und Gewerbs-Persohnen…, Nürnberg: Christoph Weigel und Würzburg: Hiob Hertzen, 1699, S. 506–507.
  14. Fritz Fremersdorf, Der römische Guttrolf, in: Archäologischer Anzeiger. Beiblatt zum Jahrbuch des Archäologischen Instituts 1931, Sp. 132–151; Axel von Saldern, Antikes Glas, München 2004, S. 516.
  15. Jean-Yves Feyeux, Le verre mérovingien du quart nord-est de la France, Paris 2003, T.110; Peter Paulsen, Der Guttrolf von Oberflacht, in: Fundberichte aus Baden-Württemberg 6, 2015, S. 609–614.
  16. Sonja Marzinzik, ‘A very curious form of glass vessel’. The kuttrolf and its development, in: Ian Riddler, Jean Soulat und Lynne Keys (Hg.), Le témoignage de le culture matérielle. Mélanges offerts au Professeur Vera Evison, Autun 2016 (Europe médiévale, 10), S. 175–185.
  17. Franz Rademacher, Der Kuttrolf. Eine antike Glasform und ihre Fortbildung im Mittelalter und in der Renaissance, in: Zeitschrift für bildende Kunst 62, 1928/29, S. 37–43; Hans Löber, Guttrolfe, Formgebung und Herstellungstechnik, in: Glastechnische Berichte 39, 1966, 12, S. 539–548.
  18. Inv.-Nr. 2294; http://collectie.boijmans.nl/en/object/3578.
  19. Birgit Maul, Frühmittelalterliche Gläser des 5.-7./8. Jahrhunderts n. Chr., Bonn 2002 (Universitätsforschungen zur prähistorischen Archäologie 84), S. 224–231, hier S. 228.
  20. Peter Paulsen, Der Guttrolf von Oberflacht, in: Fundberichte aus Baden-Württemberg 6, 2015, S. 609–614.

Verweise