Glasbaustein

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englisch: glass block; französisch: brique de verre; italienisch: vetromattone.


Ernst Seidl (2014)


Muster von Glasbausteinen
Bruno Taut, Glashaus, Köln 1914
Bruno Taut, Glashaus, Innentreppe, Köln 1914
Paris, Maison Dalsace, 1931
Paris, Maison Dalsace, Innenansicht, 1931
Osaka, Haus Ishihara, 1978
Berlin, Gemäldegalerie, Eingangsrotunde, 1987-88

I. Definition

Der Glasbaustein (auch: Glasstein, Hohl-, Voll- und Betonglasbaustein) ist ein quaderförmiger Glaskörper – seltener ein Rhombus oder flacher Zylinder –, der zum Bau lichtdurchlässiger, aber nicht durchsichtiger Wände und Decken eingesetzt wird. Dabei ist zu unterscheiden zwischen einseitig offenen, massiven (Betonglas, Vollglasbaustein, Prismenplatte) oder hohlen Glasbausteinen (Abb. 1).[1] Glasbausteine sollen die Lichtdurchlässigkeit von Fenstern mit den Sicherheitsanforderungen an feste – jedoch nicht tragende – Wände, d. h. Feuerschutz, Durchbruch- und Durchschußhemmung, mit deren schall- und wärmeisolierenden Eigenschaften vereinen. Deshalb findet in der Gegenwart vor allem der isolierende Hohlglasbaustein Verwendung. Da seine Wärmeleitfähigkeit stark vermindert ist, unterbindet er auch die Kondenswasserbildung im Gegensatz zu Eisen-Glas-Konstruktionen. Das massive Betonglas wird vor allem im Glaseisenbeton für Decken- oder Oberlichtkonstruktionen eingesetzt. So erlauben Glasbausteine, den Eindruck eines soliden, festgefügten Mauerverbandes in Ziegelsteinstärke durch Eisenbeton- oder Mörtelstege mit der Wirkung von Fenstern zu verbinden.[2] Die Glaswand besitzt zwar transluzide Eigenschaften, verhindert jedoch die nicht gewünschte Durchsicht mittels verschieden strukturierter und ornamentierter Relief-Oberflächen des Glases.

II. Herstellung

Der gebräuchliche Hohlglasbaustein entsteht durch Zusammenpressung zweier Glashälften mit einem Hohlraum im Innern. Das Ausgangsmaterial (Quarzsand, Soda und Kalkstein einschließlich verschiedener optimierender chemischer Zusätze) wird bei einer Temperatur von 1500° C geschmolzen und bei 1200° C verarbeitet. Die Stege der beiden Glashälften werden heiß und unter Druck zusammengepresst. Bei der anschließenden Abkühlung bildet sich ein Vakuum im Innern des Glasbausteins von etwa 70 %.

Die Errichtung von Glasbaustein-Wänden erfolgt durch unterschiedliche Techniken, meist jedoch durch U-Metallprofile in Zementmörtel, in den zusätzlich Leistensysteme zur Optimierung der Dichtungs- und Dehnungsfähigkeit integriert werden können. Möglich sind auch Betongitter mit Eisen- oder Stahlbewehrung, besonders bei horizontaler Installation von Glasbaustein-Dächern, den Betonglasdecken.[3]

III. Technische Daten

Der Glasbaustein wird als Industrieprodukt nach DIN 18 175 gefertigt und nach DIN 4242 verlegt; er ist gekennzeichnet durch sich singulär ergänzende Eigenschaften. So verfügt er über ein Schalldämm-Maß R’w von 40–45 dB (DIN 4109), über einen Lichttransmissionsgrad von bis zu 75 % (DIN 65 507) bei gleichzeitigem Sichtschutz durch Lichtbrechung sowie Lichtlenkungseigenschaften. Zudem besitzt der Glasbaustein einen Wärmeschutzwert k zwischen 2,9 und 3,2 W/m² K, je nach Errichtung mit einem Stecksystem, mit Beton oder Mörtel (DIN 4108). Darüber hinaus weist er die Durchbruchhemmung der Klasse B 3 und eine starke Durchschusshemmung bis zu C3-SA und C5-SF bei speziellen Entwicklungen auf (DIN 52 290); der Brandschutzfaktur beträgt G 60 / G 120 bei vertikaler Verlegung (DIN 4102).[4]

IV. Geschichte und Anwendung

Nachdem bereits zu Beginn des 19. Jh. vereinzelt massive Glassteine zur Belichtung von Kellern verwendet wurden, fanden zunehmend geschnittene Glasquadrate und Glasprismen Eingang in die Mauertechnik. Zu ihrer Befestigung dienten Eisenrahmen, die vermehrt in Treppenhäusern und als Zwischendecken eingesetzt wurden; sie hatten den Nachteil, Kondenswasser zu bilden und damit starker Rostgefahr ausgesetzt zu sein.

Erst nach der Erfindung von eisenarmiertem Beton durch Joseph Monier, 1867, und nach der Optimierung maschineller Glaserzeugung (Lubbers-Verfahren, 1903) wurde der Glasbaustein zu einem flächendeckenden Baumaterial. Das erste Gewölbe aus massivem Betonglas entstand 1904 durch den französischen Architekten Joachim.[5] 1907 meldete Friedrich Keppler (Luxfer-Prismen-Syndikat, Berlin) ein Patent zur Herstellung eines Eisenbetonträgergerüstes an, in das 4 bis 6,5 cm dicke Vollglassteine eingelassen waren. 1908 folgte Joachims Patent „Le béton armé translucide“ in Frankreich. Gleichzeitig wurde die industrielle Produktion des hohlen Glasbausteins mit vorteilhafteren Isoliereigenschaften weiterentwickelt, nachdem bereits ab den achtziger Jahren des 19. Jhs. begonnen worden war, mit mundgeblasenen Glasrhomben zu arbeiten, die jedoch noch über Öffnungen verfügten. Die Optimierung dieser Hohlglasbausteine wurde durch das Falconnier-Verfahren erreicht, das bienenwabenförmige Glasbausteine mit einem Glaspfropfen verschloss.[6] Ab den 1930er Jahren erfolgte der rasche technische Fortschritt durch den aus zwei Hälften zusammengesetzten „Corning-Steuben-Stein“ aus hitzebeständigem Glas sowie den „Owens-Illinois-Stein“ – beide Vorläufer des entsprechenden Patents der Pilkington-Company, die 2006 von der japanischen Firma NSG übernommen wurde.[7]

Architekturhistorisch bedeutsam ist Bruno Tauts Glashaus auf der Werkbundausstellung 1914 in Köln.[8] Das Erdgeschoss dieses Pavillons für die Luxfer-Prismen-Gesellschaft (s. o.) bestand ganz aus Glasbausteinen (Abb. 2 und 3) und zeigte so den Einfluss der Künstlergruppe „Die gläserne Kette“[9] unter Führung des Dichters und „Glasphantasten“ Paul Scheerbart.[10]

In den Jahren 1928-1932 errichtete Pierre Chareau mit Bernard Bijvoet und Louis Dalbet die „Maison de Verre“ in Paris, ein zukunftsweisendes Wohnhaus mit Arztpraxis für Jean Dalsace (Abb. 4 und 5). Wirkungsvoll war vor allem die vereinheitlichende Hof-Fassade über drei Stockwerke aus Glasbausteinen, die von einer Stahlskelettkonstruktion stabilisiert wurde.

Neben der kleinflächigen Verwendung von Glasbausteinen in Treppenhäusern, Kellern und Sanitärräumen in den 60er und 70er Jahren des 20. Jh. – vielfach bei innen liegenden Räumen ohne eigene Außenwand – verwendeten und verwenden auch international tätige Architekten das Material bei anspruchsvollen Bauten. In Japan stießen Wände aus Glasbausteinen deshalb auf besonderes Interesse, weil sie die traditionellen Shoji-Trennwände in eine moderne Bautechnik überführten.[11] 1978 gestaltete z. B. Tadao Ando das Haus Ishihara in Osaka weitgehend aus geraden und gekrümmten Wänden aus Glasbausteinen (Abb. 6).

Das Ende des 20. Jh. ist durch die neuerliche Anwendung von Glasbausteinen in öffentlichen Bauten gekennzeichnet; so am Stadttheater in Basel (1984), dessen Pyramidendächer aus Glasbausteinen bestehen, oder bei der Überdachung der Eingangsrotunde der neuen Gemäldegalerie am Kemperplatz in Berlin von Heinz Hilmer und Christoph Sattler aus dem Jahr 1998 (Abb. 7).

Zu Beginn des 21. Jh. setzt sich die internationale Wiederentdeckung des Glasbausteins in der Architektur fort, so etwa 2006 bei der "Maison Hermès" in Tokio von Renzo Piano und bei der 2008–2011 errichteten Stuttgarter Stadtbibliothek am Mailänder Platz von Eun Young Yi.[12]

Anmerkungen

  1. Oscar Knapp, Architektur- und Bauglas, Berlin 1962, S. 101–108.
  2. Wasmuths Lexikon der Baukunst, Berlin 1930, Bd. 2, S. 644–647.
  3. Oscar Knapp, Architektur- und Bauglas, Berlin 1962, S. 101–108.
  4. Johann Weck (Hg.), Technisches Handbuch Glasstein, 5. Aufl. Wehr-Öflingen 2002, S. 6.
  5. Oscar Knapp, Architektur- und Bauglas, Berlin 1962, S. 101–108.
  6. Wasmuths Lexikon der Baukunst, Berlin 1930, Bd. 2, S. 644–647.
  7. http://en.wikipedia.org/wiki/Pilkington (11.11.2014).
  8. A. Thiekötter, Kristallisationen, Splitterungen. Bruno Tauts Glashaus, Basel 1993.
  9. Iain Boyd Whyte und Romana Schneider (Hg.), Die Gläserne Kette. Eine expressionistische Korrespondenz über die Architektur der Zukunft, Ostfildern-Ruit 1996; Maria Stavrinaki (Hg.), La chaîne de verre. Une correspondance expressionniste, Paris 2009.
  10. Paul Scheerbart, Glasarchitektur, Berlin 1914. Zu dessen Beschreibung des Glasbausteins und seiner ästhetischen Funktionen bis hin zu einer "Glaskultur" siehe vor allem S. 41, 90 und 125.
  11. Michael Wigginton, Glas in der Architektur, Stuttgart 1996, S. 105–107.
  12. Claudia Hildner, Neue Stadtbibliothek Stuttgart, Berlin 2012 (Die neuen Architekturführer, 176).

Verweise