Geißblatt

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englisch: honeysuckle, lonicera, woodbine; französisch: chèvrefeuille; italienisch: caprifoglio, madreselva, abbracciabosco


Gudrun Raatschen (2014)


Lonicera etrusca. Konstantinopel, um 512.
Minneteppich „Liebesgarten mit Zelt“. Schweiz, 1. Drittel 15. Jh.
Die Taten Alexanders des Großen, Detail. Tournai, um 1460.
Verdure Philipps des Guten. wohl Brüssel, 1466.
Geißblatt. Leonhart Fuchs, 1543.
Kissenbezug. England, Mitte 16. Jh.
Gestickte Applikation. England, um 1600.
Königin Elisabeth I. (‚Rainbow Portrait‘), 1600–03, Isaac Oliver (oder Marcus Gheeraerts d. J.) zugeschrieben.
Rubens und Isabella Brant in der Geißblattlaube. Peter Paul Rubens, 1609.
Richard Sackville, 3. Earl of Dorset, William Larkin zugeschrieben, 1613.
Tischplatte von Jacobo Monica nach dem Entwurf von Jacobo Ligozzi, 1614–1621.
Damenjäckchen, Detail. Frühes 17. Jh.
Blumenstück, Detail. Abraham Mignon, um 1670.
Porträt eines Mädchens in blauem Kleid mit einem Sittich, Detail. William Verelst, um 1730–1740.
Stuhl. Robert Adam, um 1790.
Venus Verticordia. Dante Gabriel Rossetti, 1864–1868.
Entwurf für bedruckten Stoff „Honeysuckle“. William Morris, 1876.
Collier. Lucien Gaillard, um 1900.

I. Allgemeines

Unter Geißblatt wird die Gattung Lonicera der Familie der Geißblattgewächse verstanden. In Kunst und Kunstgewerbe sind vor allem folgende rechtswindende Sträucher dargestellt worden: das Garten-Geißblatt, auch Wohlriechendes Geißblatt, Echtes Geißblatt oder Jelängerjelieber (Lonicera caprifolium L.) genannt, das in Gärten der gemäßigten Zonen angepflanzt wird, das Wald-Geißblatt oder Deutsche Geißblatt (Lonicera periclymenum L.) sowie das Etruskische Geißblatt (Lonicera etrusca Santi), die beide in Laubwäldern und Hecken verbreitet sind.

Ab Ende Mai erscheinen die gelblich bis weißen, oft rötlich überlaufenen röhrig-fünfzipfligen, oft zweilippigen achselständigen Blüten. Bei „Lonicera caprifolium L.“ wachsen diese zu zwei gegenständigen Zymen mit jeweils drei Blüten, die 6-zählige Scheinwirtel bilden. Diese Geißblätter bilden im Herbst rote ungenießbare Beeren. Die Laubblätter sind zumeist rundlich sowie ungeteilt und wachsen paarig.

Das Holz der aufrecht wachsenden „Lonicera xylosteum“ (Rote Heckenkirsche) ist zum Drechseln geeignet; dieses in der deutschen Übersetzung des griechischen Namens als „Beinholz“ bezeichnete Material wurde unter anderem für die Herstellung von Lade- und Peitschen- und Spazierstöcken, Weberkämmen, Schusterstiften, Rechenzähnen und Tabakpfeifen verwendet.[1]

II. Etymologie

Das Geißblatt war in der Antike u. a. als „περικλύμενον“ (Schlingpflanze), „caprifolium“ (aus lateinisch „capra“ [Ziege] und „folium“ [Blatt]) und „matrisilva“ bekannt und trug im Mittelalter diese und weitere Namen. So steht in einer Glosse des 11. Jh. „wideuuinda“ für „caprifolium“. „Gaiszblat“, „geyszblatt“, „geißbladt“ als Übersetzung aus dem Lateinischen wurde spätestens seit dem 15. Jh. gebraucht, z. B. wird es im „Hortus Sanitatis“ von 1485 „Caprifolium geyßbladt“ genannt; „caprifolium“ blieb jedoch weiterhin üblich: In der 1497 erschienenen Auflage dieses Werks ist es als „peridemon, caprifolium, mater siluarum“ nachweisbar. Bei Otto Brunfels findet sich unter „Geysßblatt / oder Waldtmeyster“ die Erklärung „Waldmeyster ist das recht Caprifolium/oder Geisßblatt“[2]; ferner war „Waldwinde“, „Waldlilie“ oder „Zäunling“ für Geißblatt geläufig.[3] Für das 16. Jh. ist auch „Caprifolium Germanicum“ belegt.[4] Einen der besten und ausführlichsten Beiträge zum Geißblatt lieferte Adam Lonitzer in seinem „Kreuterbuch“ von 1551.[5] Zu Ehren des Marburger Arztes und Botanikers verlieh Carl von Linné der ganzen Gattung den Namen „Lonicera“.[6] In Basilius Beslers „Hortus Eystettensis“ von 1613 wurde „Periclymenon perfoliatum und „Periclymenon germanicum“, das „Je länger je lieber“ und das sog. „Deutsche Geißblatt“ unterschieden.[7] Johann Heinrich Zedler führte als dessen Hauptgattungen das „Caprifolium Germanicum“ und das „Caprifolium Italicum“ an.[8]

Ob bei der Namensgebung der Vergleich des Wachstums der Pflanze mit einer kletternden Ziege, die Ähnlichkeit der Blattform mit einem Ziegenfuß, das an Hörner dieses Tieres erinnernde Aussehen der Blüten oder die Beliebtheit als Futterpflanze für Ziegen entscheidend war, ist nicht geklärt.[9] Der seit dem 15. Jh. nachweisbare Name „Jelängerjelieber“, der damals dem „Solanum dulcamara“ galt, wurde auf das ähnlich rankende Geißblatt wie auch auf viele andere Pflanzen übertragen. Die Bezeichnung bezog sich entweder auf den Geschmack der Rinde des „Solanum dulcamara“, die umso süßer schmeckt, je länger man sie kaut, auf den Duft der Blüten, die Blütezeit oder die Länge der Kletterpflanze.[10]

III. Motiv

A. Literatur

Geißblatt wurde wohl zuerst in der medizinischen und naturkundlichen Literatur beschrieben. Spätestens seit dem Hochmittelalter war die Pflanze ein Motiv in der höfischen Dichtung.

Schon in der Antike wurden ihr eine Vielzahl von Heilwirkungen zugeschrieben: Plinius und Pedanios Dioskurides beschrieben im 1. Jh. das „περικλύμενον“ als Heilpflanze.[11] Der getrocknete und zerstoßene Samen helfe demnach bei Erkrankungen der Milz, ein Blättersud wirke harntreibend, befreie die Atemwege und erleichtere die Entbindung, lasse Männer jedoch unfruchtbar werden. Der Apotheker und Botaniker Leonhart Fuchs beschrieb 1543 ebenfalls die entwässernde und reinigende Wirkung von Geißblatt.[12] Von der anhaltenden Anwendung zeugt auch Zedler.[13]

Das Motiv der sich windenden Pflanze als Bild für die Untrennbarkeit eines Liebespaares findet sich zuerst in der mittelalterlichen Versdichtung: In dem Lai „Chievrefueil“ der Marie de France, das wohl vor 1189 entstanden ist, beschreibt Tristan, dass er ohne Isolde nicht leben kann, so wie das Geißblatt und der Haselstrauch eingehen, wenn man sie trennt.[14] Geoffrey Chaucer wandelte in „Troilus and Criseyde“ von 1385 das von Ovid verwendete Bild eines von Efeu umwundenen Baumes ab, um die Umarmung des Paares mit dem Geißblatt zu vergleichen,[15] was William Shakespeare 1595 wieder aufgriff: „So doth the woodbine the sweet honeysuckle / Gently entwist“.[16] Dem entsprechend galt die natürlich entstandene, schattige Laube mit Geißblatt („Caprifole“) als Zufluchtsort für Liebespaare.[17] Edmund Spenser wurde um 1590 von gesticktem Geißblatt zu einem Sonett inspiriert, in dem der Liebhaber als Spinne ein Netz aus Geißblatt und Rosen für die geliebte Biene spinnt.[18] Philip Freneau schrieb 1786 mit „The Wild Honeysuckle“ das bedeutendste amerikanische Naturgedicht des 18. Jh.[19]

Die als „Jelängerjelieber“ bezeichneten Pflanzen stehen seit dem Mittelalter für lang anhaltenden Genuss, für Dauer und Beständigkeit.[20] Der enge Bund, den das Geißblatt mit seiner Wirtspflanze eingeht, wurde zum Symbol für die Verbindung zweier Liebender: „Das Umschlingen ... und Haltsuchen am andern ist das Tertium comparationis zwischen rankendem Gewächs und liebender Gemeinschaft“.[21] In gleicher Weise kann das Geißblatt wachsende Liebe, Treue und dauerhaftes Glück bedeuten. Als Sinnbild für Schutz und Geborgenheit konnte es gelegentlich auch apotropäisch verstanden werden. Negativ gedeutet steht es für das Übermaß.[22]

Der Pfarrer Conrad Rosbach leitete seine Erklärung der Heilwirkung von „Je Länger je Lieber“ mit Zitaten nach Ps 119 und 34 ein.[23] Eine religiöse Deutung von Geißblatt ist jedoch nur selten nachweisbar (z. B. im Zusammenhang der Betrachtung der Leiden Christi in dem in elsässischer Mundart abgefassten sog. „Berliner Rosengarten“ von etwa 1489)[24]. Möglicherweise ist hier jedoch eine andere Pflanze gemeint.

B. Bildende Kunst

1. Antike

Die älteste bekannte Darstellung eines Geißblatts findet sich auf einem bemalten Stuckfragment aus dem spätminoischen „Haus der Fresken“ in Knossos auf Kreta, 15. Jh. v. Chr.[25] Das Anthemion, ein in der griechischen Kunst weit verbreitetes Motiv in Form einer aufgefächerten Palmette, wird im englischen Sprachgebrauch auch mit „honeysuckle“, also Geißblatt, bezeichnet, es hat jedoch wahrscheinlich seinen Ursprung im Akanthus.[26]

2. Mittelalter

Die frühesten bildlichen Darstellungen haben sich in medizinischen Kräuterbüchern erhalten (z. B. „Lonicera etrusca Santi“ und „Lonicera periclymenum L.“ in der Dioskurides-Handschrift in Wien, um 512, Österreichische Nationalbibliothek, cod. med. graec., fol. 280r (Abb.) und 165v).[27] Im „Hortus Sanitatis“ oder „Gart der Gesundheit“, der erstmals 1485 erschien, wird das Geißblatt unter dem Begriff „matrissilua“ fantasievoll, wohl nach einer Beschreibung, nicht aber aus eigener Anschauung illustriert.[28] Naturnah ist dagegen die Umrisszeichnung mit der Darstellung von Geißblatt des Hans Weiditz in dem „Herbarum vivae eicones“ des Otto Brunfels[29]. Erst bei Leonhard Fuchs wurde in „De historia stirpium“ von 1542 unter „Periclymenos. Geyßblatt“ tatsächlich ein Geißblatt dargestellt[30]; vgl. New Kreüterbuch von 1543 (Abb.).

Vermutlich angeregt durch die höfische Dichtung kam es zur Verwendung des Geißblatt-Motivs in der spätmittelalterlichen Mode und auf Tapisserien. Wie aus den schriftlichen Quellen hervorgeht, trugen König Edward III. von England und Philippa, seit 1328 seine Gemahlin, schwarze Gewänder, auf die das Motto „syker as ye wodebynd“ (etwa: stark wie das Geißblatt) und ein Geißblattzweig bzw. das Motto „Ich wyndemuth“ (Ich umwinde) mit Goldfaden gestickt waren.[31] Auf Bildteppichen ist Geißblatt seit dem 15. Jh. häufig zu finden, vor allem wenn das Thema der Liebe im Mittelpunkt der Darstellung steht. Auf der Tapisserie „Die Taten Alexanders des Großen“, um 1460, in Rom, Palazzo Doria Pamphilj, erkennt man in der unteren linken Ecke ein Geißblatt (Abb.).[32] Unter den vielen Blumen der „Verdure Philipps des Guten“ von 1466 im Historischen Museum in Bern befindet sich auch ein Geißblatt (Abb.).[33] Auf dem schweizerischen Minneteppich „Liebesgarten mit Zelt“ (Abb.) aus dem letzten Drittel des 15. Jh. im Historischen Museum in Basel steht im linken Teilstück ein junger Herr vor einem mit Geißblatt umrankten Laubengitter, die Inschrift erklärt: „Je lenger je lieber stott“.[34] Bei der „Erschaffung Evas“ auf einem Brüsseler Bildteppich mit der Darstellung der Genesis, um 1530, in der Accademia di Belle Arti in Florenz, windet sich ein Geißblatt durch den Strauch oberhalb des Hauptes Adams.[35]

3. Neuzeit

Im 16. und 17. Jh. war das Motiv vor allem in der englischen Textilkunst, der Bildnismalerei und auf holländischen Blumenstücken verbreitet. Vereinzelt ist Geißblatt auch in Mosaiken aus Pietradura des 17. Jh. zu finden (Abb.).[36] Im späten 19. Jh. wurde das Motiv häufig im Kreis der Präraffaeliten und der Arts-and-Crafts-Bewegung verwendet.

Von der Mitte des 16. bis zum frühen 17. Jh. ist eine Fülle englischer Stickereien überliefert, die die Pflanze meist mit anderen Blumen oder als Randmotiv zeigen: Zahlreiche Damenjäckchen (Abb.), Hauben, Handschuhe, Börsen, Leinendecken, Kissenbezüge (Abb.), Taschentücher, Stickmustertücher sowie Applikationen nach Holzschnitten (Abb.) mit Geißblatt sind erhalten.[37] Auf einer schweizerischen Leinenstickerei von 1580 im Badischen Landesmuseum Karlsruhe reicht eine Jungfrau ihrem Liebsten einen Bittersüßzweig und sagt, „tu ich dich weggeben / ye lenger ye lieber dir will ich leben“.[38] Geißblatt ist weiterhin auch in der höfischen Mode ein häufig variiertes Motiv: Von König Heinrich VIII. wurde 1548 berichtet, er habe ein schwarzes Samtgewand getragen, „covered all over with braunches of honey suckels of fyne flat gold“.[39] Elizabeth I. ist auf ihrem sog. „Rainbow portrait“ in Hatfield House mit einem Gewand bekleidet, das u. a. mit Geißblatt bestickt ist (Abb.). Mit den Wildblumen verwies die Trägerin auf die Königin des Goldenen Zeitalters, Astraea, in Ovids Metamorphosen (I, 107f.), in deren Reich ewiger Frühling herrschte. Das Goldene Zeitalter beschwor Elisabeth I. u. a. in einer Rede 1601.[40] William Larkin stellte Richard Sackville, 3. Earl of Dorset, 1613 in jenem Gewand dar, das er wahrscheinlich im selben Jahr bei der Vermählung Elizabeth Stuarts mit Friedrich von der Pfalz getragen hatte (Abb.): Es ist über und über mit Geißblatt bestickt.[41]

In der englischen Porträtmalerei erscheint die Pflanze häufig, nicht nur als Darstellung der mit diesem Motiv bestickten Gewänder. So ist sie zusammen mit Rosen und Weinranken in dem Schmuck des Baldachins im Hintergrund eines Bildnisses der Familie Heinrichs VIII. von etwa 1545 in Hampton Court zu sehen. Ein Porträt Elizabeths I., um 1563, das Steven van Herwijck oder Steven van der Meulen zugeschrieben wird ("The Hampden Portrait"),[42] zeigt am rechten Bildrand verschiedene Blüten, darunter auch Geißblatt (Abb.). Der Schatzmeister von Elisabeth I., William Cecil, Lord Burghley, ließ sich auf einem Maultier mit einer Geißblattblüte in der Hand porträtieren, weiteres Geißblatt rankt sich links um einen Baum (Oxford, Bodleian Library).[43] Auch Margaret Pole, Countess of Salisbury (1473–1541), hält eine Geißblattblüte in ihrer Hand (London, National Portrait Gallery).[44] Nicholas Hilliard porträtierte um 1590 eine unbekannte Dame mit Geißblatt im Haar und als Stickerei auf ihrem Gewand (Sammlung des Duke of Buccleugh and Queensberry).[45]

Das bekannteste Porträt mit Geißblatt außerhalb Englands ist „Rubens und Isabella Brant in der Geißblattlaube“ (München, Alte Pinakothek; Abb.). Rubens malte dieses unkonventionelle Ehebildnis, auf dem er mit seiner jungen Braut vor einem dicht mit Geißblatt bewachsenen Rankgitter sitzt, wohl 1609, dem Jahr seiner Hochzeit, für seinen Schwiegervater Jan Brant.[46] In Crispijn van de Passes „Hortus Floridus“, Arnheim 1614–1616, umrankt es wohl eine Terrasse mit Ausblick auf den Frühlingsgarten.

Eine der frühesten belegten Geißblatt-Lauben stand im Garten der Villa Quaracchi, dem Landhaus Giovanni Rucellais in Florenz, das Leon Battista Alberti um 1450 entworfen hatte.[47] Als Motiv der Liebesmetaphorik ist Geißblatt auch in Darstellungen von Schäferszenen zu finden.[48]

Das Porträt eines Mädchens im blauen Kleid mit einem Sittich von William Verelst, ca. 1720–1730, zeigt rechts im Bild zwei lange Geißblattranken mit zwei großen Blüten, die wohl auf eine (künftige?) Liebesbeziehung anspielen (Abb.).[49]

In niederländischen Blumenstücken wird Geißblatt vor allem von der zweiten Hälfte des 17. Jh. bis ins erste Drittel des 18. Jh. dargestellt. Zu den frühesten Beispielen zählen die Mystische Vermählung der hl. Katharina in einer Blumengirlande des Frans Ykens (Rotterdam, Mus. Boijmans van Beuningen) sowie ein Blumenkranz mit Rubensporträt von Daniel Seghers (London, Dulwich Picture Gallery). Künstlerisch herausragende Blumenstillleben mit Geißblatt schufen Abraham Mignon um 1670 (Abb.)[50] und Maria van Oosterwijk 1740 (Dresden, Gemäldegalerie Alte Meister).[51]

Im 18. Jh. gehörte die Blüte der Pflanze – in Anlehnung an die Palmette des antiken Anthemion-Motivs stark stilisiert – zum Formenrepertoire des englischen Neo-Klassizismus. So findet sie sich als Element der Innendekoration der Bauten Robert Adams wie etwa Kedleston Hall, um 1760, oder als als geschnitztes Ornament der Rückenlehne eines Stuhls (Abb.).[52]

Im letzten Drittel des 19. Jh. wird die in der mittelalterlichen Literatur mit dem Geißblatt verbundene Liebesmetaphorik wiederentdeckt: Dante Gabriel Rossetti integrierte es in vier seiner Gemälde und widmete ihm ein Gedicht. In „Dante’s Vision of Rachel and Leah“ von 1855[53] wird aus Geißblatt ein Kranz geflochten, wie es um 1387 bereits Geoffrey Chaucer beschrieben hatte.[54] „Venus Verticordia“ (Abb.) von Dante Gabriel Rosetti, 1864–1868, wird unten von üppigem Geißblatt gerahmt, zu dessen „moralischer Verteidigung“ gegen John Ruskin Graham Robertson erklärte: „I have never heard a word breathed against the perfect respectability of a honeysuckle“.[55] 1873 folgte „La Ghirlandata“[56] und schließlich 1880 „The Day Dream“, worin Rossetti das Geißblatt zugunsten von Schneeglöckchen wählte, denn „It seems to be longer in all the year round than anything else“.[57]

William Morris variierte in seinen Entwürfen das Motiv am häufigsten. Zwischen 1876 und 1895 entwarfen er und seine Mitarbeiter Stoffe, Wandbehänge, Tapeten, Stickvorlagen und Teppiche mit Geißblatt (Abb.).[58]

Aubrey Beardsley ließ sich offenbar vom „Lai du Chèvrefeuille“ der Marie de France inspirieren, als er 1893 Thomas Malorys „Le Mort d’Arthur“ illustrierte. Im Hintergrund von „How Sir Tristram drank of the love drink“ rankt sich die Pflanze empor. Das Motiv erscheint auch auf der Umschlagzeichnung. In „The Reconciliation of Oberon and Titania“ illustrierte Joseph Noel Paton 1846 Shakespeares “Midsummer Night’s Dream” (Edinburgh, National Gallery of Scotland) und rahmt die Szene links oben mit Geißblatt.

Im Jugendstil diente die feingliedrige Pflanze als Modell für Schmuckentwürfe: Lucien Gaillard entwarf um 1900 ein Halsband in der Form eines Collier-de-chien, dessen einzelne Platten aus zwei naturalistischen Geißblattblüten in Durchbrucharbeit bestehen (Abb.).[59]

Anmerkungen

  1. Vgl. Werner Rothmaler, Exkursionsflora von Deutschland, Bd. 2, 17. Aufl. Heidelberg/Berlin 1999, S. 372, Bd. 3, 10. Aufl. ebd. 2000, Abb. S. 405; Jost Fitschen, Gehölzflora ..., 9. Aufl. Heidelberg 1990, Abt. 97; Gustav Hegi u. a., Illustrierte Flora von Mitteleuropa. Mit besonderer Berücksichtigung von Deutschland, Österreich und der Schweiz ..., Bd. VI, 2,1, 2. völlig neu bearbeitete Aufl., Berlin 1966, S. 58–87. Der Abschnitt „I. Allgemeines“ entstand unter Mitwirkung von Werner Sprick, Göttingen, und Bernd Schulz, Dresden.
  2. Otto Brunfels, Contrafayt Kreuterbuch, Straßburg 1532–1537, Nachdruck München 1969, S. 296 mit Abb. im 2. Teil, o. S. [cxliv]. Mit „Waldmeister“ wird nach modernem Verständnis das Wohlriechende Labkraut (Galium odoratum) bezeichnet.
  3. Z. B. Hieronimus Bock, Kreuterbuch, Straßburg 1577, Nachdruck München 1964, S. 291; Pietro Andrea Matteoli, Kreutterbuch, Frankfurt am Main 1626, Nachdruck Grünwald 1982, Cap. 17.
  4. Iohannes Stirling, Lexicon Nominum Herbarum, Arborum Fruticumque Linguae Latinae, Budapest 1997, S. 26.
  5. Ausgabe Ulm 1678, S. 440–441, Kap. 269.
  6. Carl von Linné, Genera Plantarum, Leiden 1742, S. 75, Nr. 174.
  7. Faksimile München 1988, S. 129.
  8. Johann Heinrich Zedler, Großes vollständiges Universal-Lexikon aller Wissenschaften und Künste, Halle/Leipzig 1733, Bd. 5, Sp. 710f.
  9. Heinrich Marzell, Wörterbuch der deutschen Pflanzennamen, Bd. 2, Leipzig und Stuttgart 1972, Sp. 1373–1389; Helmut Genaust, Etymologisches Wörterbuch der botanischen Pflanzennamen, 3. Aufl. Basel 1996, S. 125.
  10. Heinrich Marzell, Wörterbuch der deutschen Pflanzennamen, Bd. 2, Leipzig und Stuttgart 1972, Sp. 1376f.
  11. Historia naturalis, Bd. 27, cap. 120: Naturkunde, hg. und übersetzt von Roderich König, München und Zürich 1983, Bd. 27, S. 190–192; Pedanios Dioskurides, De materia medica, IV, 14: Fünf Bücher über die Heilkunde von Pedanius Dioskurides aus Anazarba. Aus dem Griechischen übersetzt von Max Aufmesser, Hildesheim 2002 (Altertumswissenschaftliche Texte und Studien, 37), S. 224.
  12. Leonhart Fuchs, New Kreuterbuch, Basel 1543, Nachdruck Köln usw. 2001, Cap. 250.
  13. Johann Heinrich Zedler, Großes vollständiges Universal-Lexikon aller Wissenschaften und Künste, Halle und Leipzig 1733, Bd. 5, Sp. 711f.
  14. Vier altfranzösische Lais. Chievrefeuil, Äustic, Bisclavret, Guingamor, hg. von Erich von Richthofen, 4., durchgesehene und ergänzte Aufl. von Rudolf Baehr, Tübingen 1981 (Sammlung romanischer Übungstexte, 39), S. 2–7; Hans Kauffmann, Rubens und Isabella Brant in der Geißblattlaube, in: Emblem und Emblematikrezeption, hg. von Sibylle Penkert, Darmstadt 1978, S. 344.
  15. Buch 3, V. 1230–1232: A new edition of 'The book of Troilus' by Barry A. Windeatt, London usw. 1984, S. 310; vgl. Metamorphosen von Publius Ovidius Naso, hg. und übersetzt von Gerhard Fink, Düsseldorf usw. 2004, Buch 4, S. 190, Z. 365
  16. A Midsummer Night’s Dream, IV, 1, 41f.: The Arden Shakespeare complete works, London 1998, S. 903.
  17. Edmund Spenser, The Faerie Queene (um 1590–1596), Buch 3, Canto 6, 44: Albert C. Hamilton [Hg.], London und New York 1977, S. 363; William Shakespeare, Much ado about nothing, 1599, III, 1, 8: The Arden Shakespeare complete works, London 1998, S. 923.
  18. Amoretti, Sonnett 71, Z. 10: The Yale Edition of Shorter Poems of Edmund Spenser, New Haven 1989, S. 643.
  19. The Poems (1786) and Miscellaneous works (1788) of Philip Freneau with a Memoir by Evert A. Duyckinck, hg. von Lewis Leary, Nachdruck der Ausgabe Philadelphia 1788, Delmar/New York 1975, S. 152.
  20. Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm, Bd. 4,2, Leipzig 1877, Sp. 2299f.
  21. Hans Kauffmann, Rubens und Isabella Brant in der Geißblattlaube, in: Emblem und Emblematikrezeption, hg. von Sibylle Penkert, Darmstadt 1978, S. 345.
  22. Der Abschnitt „I. Allgemeines“ entstand unter Mitwirkung von Dipl.-Biologe Werner Sprick, Göttingen, und Diplom Forstingenieur Bernd Schulz, Dresden. Lottlisa Behling, Die Pflanze in der mittelalterlichen Tafelmalerei, Weimar 1957, S. 80f.; Marina Heilmeyer, Die Sprache der Blumen. Von Akelei bis Zitrus, München u. a. 2000, S. 36.
  23. Conrad Rosbach, Paradeißgärtlein ..., Frankfurt am Main 1588, S. 123.
  24. Dietrich Schmidtke, Studien zur dingallegorischen Erbauungsliteratur des Spätmittelalters am Beispiel der Gartenallegorie, Tübingen 1982 (Hermaea, Neue Folge, 43), S. 504, Z. 62–67.
  25. Arthur Evans, The Palace of Minos, Bd. 2, 2, London 1928, S. 469, mit Abb. 275H.
  26. Heide Froning, Zur Interpretation vegetabilischer Bekrönungen klassischer und spätklassischer Grabstelen, in: Archäologischer Anzeiger 1985, S. 218–229.
  27. Der Wiener Dioskurides ..., Faksimile, Bd. 2, Graz 1999 (Glanzlichter der Buchkunst, 8,2).
  28. vgl. Ausgabe um 1497, Kap. 281.
  29. Herbarum vivae eicones, Bd. II, Straßburg 1532, S. 11.
  30. Ausgabe Basel 1545, Bl. 371.
  31. Stella Mary Newton, Fashion in the Age of the Black Prince. A Study of the Years 1340-1365, Woodbridge und Totowa, NJ 1980, S. 56f.
  32. Anna Rapp-Buri und Monica Stucky-Schürer, Burgundische Tapisserien, München 2001, S. 232, Abb. 185.
  33. Anna Rapp-Buri und Monica Stucky-Schürer, Burgundische Tapisserien, München 2001, S. 116, Abb. 104.
  34. Hans Kauffmann, Rubens und Isabella Brant in der Geißblattlaube, in: Emblem und Emblematikrezeption, hg. von Sibylle Penkert, Darmstadt 1978, S. 346, mit Abb. 6; Anna Rapp-Buri und Monica Stucky-Schürer, Zahm und Wild. Basler und Straßburger Bildteppiche des 15. Jahrhunderts, Mainz 1990, S. 227–230.
  35. Hans Kauffmann, Rubens und Isabella Brant in der Geißblattlaube, in: Emblem und Emblematikrezeption, hg. von Sibylle Penkert, Darmstadt 1978, S. 348, mit Abb. 7.
  36. Z. B. auf Tischplatte von Jacobo Monica nach dem Entwurf von Jacobo Ligozzi, 1614–1621 (The Flowering Florence. Botanical Art For The Medici, Ausstellungskatalog Washington 2002, S. 60, Abb. 8).
  37. Marie Schuette und Sigrid Müller-Christensen, Das Stickereiwerk, Tübingen 1963, Abb. 386, 391, 392; Donald King und Santina Levey, The Victoria & Albert Museum’s Textile Collection Embroidery in Britain from 1200 to 1750, London 1993, Nr. 31, 33, 36, 42, 46, 52, 53, 55, 65.
  38. Anna Rapp-Buri und Monica Stucky-Schürer, Zahm und Wild. Basler und Straßburger Bildteppiche des 15. Jahrhunderts, Mainz 1990, S. 73, Anm. 17.
  39. The Oxford English Dictionary, Oxford 2. Aufl. 1989, Bd. 7, S. 355.
  40. Frances A. Yates, Astraea. The Imperial Theme in the Sixteenth Century, London und Boston 1975, S. 217f.; dazu: René Graziani, The Rainbow Portrait of Queen Elizabeth I and Its Religious Symbolism, in: Journal of the Warburg and Courtauld Institutes 35, 1972, S. 247–259 mit Taf. 40a; Daniel T. Fischlin, Political Allegory, Absolutist Ideology, and the "Rainbow portrait" of Queen Elizabeth I, in: Renaissance Quarterly 50, 1997, S. 175–206.
  41. Ranger’s House: Karen Hearn, Dynasties. Painting in Tudor and Jacobean England 1530–1630, London 1995, S. 198, Nr. 135.
  42. Bendor Grosvenor, The identity of 'the famous paynter Steven'. Not Steven van der Meulen but Steven van Herwijck, in: The British Art Journal 9, 2009, 3, S. 12–17, mit Abb. 1.
  43. Karen Hearn, Dynasties. Painting in Tudor and Jacobean England 1530–1630, London 1995, S. 17, Abb. 1.
  44. Roy Strong, Artists of the Tudor Court. The Portrait Miniature Rediscovered 1520–1620, London 1983, S. 44, Nr. 24.
  45. Roy Strong, Artists of the Tudor Court. The Portrait Miniature Rediscovered 1520–1620, London 1983, S. 80, Nr. 94.
  46. Siehe Hans Kauffmann, Rubens und Isabella Brant in der Geißblattlaube, in: Emblem und Emblematikrezeption, hg. von Sibylle Penkert, Darmstadt 1978, S. 335–354; Flämische Malerei des Barock in der Alten Pinakothek, bearbeitet von Konrad Renger mit Claudia Denk, München und Köln 2002, S. 253–255.
  47. Marie Luise Gothein, Geschichte der Gartenkunst, Jena 1926, Nachdruck München 4. Auflage 1997, Bd. 1, S. 222.
  48. Beisp.: Die Schäferszene von Adriaen van de Werff, 1689, zeigt Geißblatt unten links (Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Gemäldegalerie Alte Meister: Kunst für Könige. Malerei in Dresden im 18. Jahrhundert, Ausstellungskatalog Köln 2003, S. 411, Nr. 20).
  49. Kleine Prinzen. Kinderbildnisse vom 16. bis 19. Jahrhundert aus der Fundación Yannick y Ben Jakober, Ausstellungskatalog Bonn 2003, Kat.nr. 40, S. 102–105.
  50. Maximilian Speck von Sternburg. ..., Ausstellungskatalog Leipzig 1998, S. 167.
  51. Marina Heilmeyer, Die Sprache der Blumen. Von Akelei bis Zitrus, München, London und New York 2000, S. 37.
  52. Clifford Musgrave, Adam and Hepplewhite and other neo-classical Furniture, London 1966, S. 197, Abb. 77.
  53. Virginia Surtees, The Paintings and Drawings of Dante Gabriel Rossetti (1828–1882). A Catalogue Raisonné, Oxford 1971, Nr. 74.
  54. The Knight’s Tale from the Canterbury Tales by Geoffrey Chaucer ed. with Introduction, hg. von A. C. Spearing, Cambridge usw. 1995, S. 137, Z. 650.
  55. Virginia Surtees, The Paintings and Drawings of Dante Gabriel Rossetti (1828–1882). A Catalogue Raisonné, Oxford 1971, Nr. 173; Prüderie und Leidenschaft. Der Akt in viktorianischer Zeit, Ausstellungskatalog München 2001, Nr. 61; Dante Gabriel Rossetti, Liverpool Ausstellungskatalog Amsterdam 2003/2004, Zwolle 2004, Nr. 104.
  56. Virginia Surtees, The Paintings and Drawings of Dante Gabriel Rossetti (1828–1882). A Catalogue Raisonné, Oxford 1971, Nr. 232.
  57. Virginia Surtees, The Paintings and Drawings of Dante Gabriel Rossetti (1828–1882). A Catalogue Raisonné, Oxford 1971, Nr. 259.
  58. William Morris, hg. von Linda Parry, Ausstellungskatalog London 1996, Abb. 13; Abb. 91; Nr. M. 18; Nr. M. 33; Nr. M. 52; Linda Parry, William Morris Textiles, New York 1983, S. 51.
  59. Pariser Schmuck. Vom Zweiten Kaiserreich zur Belle Epoque, Ausstellungskatalog München 1989, S. 263, Nr. 188.