Gebetbuch, jüdisch

Aus RDK Labor
Wechseln zu: Navigation, Suche

englisch: Jewish prayerbook, Machzor, Mahsor, Siddur; französisch: livre de prières juives, Mahzor, Siddour; italienisch: libro di preghiere ebraiche, Siddur, Machsor.


Sarit Shalev-Eyni (2014)


Wormser Machsor. Würzburg, 1272.
Breslauer Machsor. Südwestdeutschland, um 1290.
Dreibändiger Machsor, Bd. 1. Bodenseeregion, um 1322.
Dreibändiger Machsor, Bd. 1. Bodenseeregion, um 1322, Initiale des yoẓer piyyut für Schabbat ha-Gadol
Leipziger Machsor. Südwestdeutschland, 1. Drittel des 14. Jh.
Machsor, Deutschland, Ende des 14. Jh.
Siddur von Jehiel Beth El. Pisa, 1397.
Schocken Machsor. Veneto, 1441.
Rothschild-Weil Machsor. Wohl Florenz, um 1470.
Machsor von Sender ben David Segal, Braunschweig, 1741.

I. Allgemeines

Es gibt zwei Arten jüdischer Gebetbücher: Der Machsor (Plural: Machsorim), wörtlich „der Kreislauf“, enthält alle öffentlichen Gebete an den besonderen Schabbats und anderen Festtagen des liturgischen Jahres. Der Siddur (Plural: Siddurim), wörtlich „Ordnung“, umfasst die täglichen sowie die privaten Gebete zu bestimmten Anlässen; Mischformen kamen hauptsächlich in Italien vor, wo der Begriff des Machsor auch für Gebetsbücher verwendet wurde, die größtenteils Gebete des Siddur beinhalteten.

Die Gebetbücher für den privaten Gebrauch unterscheiden sich zumeist durch ihre geringere Größe von den im Gottesdienst gebrauchten.[1]

Darüber hinaus sind Gebete auch in Schriften mit anderem Schwerpunkt wie den Büchern mit den Segenssprüchen (Sefer Berachot) enthalten. Hier werden ausschließlich die illustrierten Gebetbücher behandelt.[2]

II. Geschichte

A. Mittelalter

1. Machsor

Der illuminierte Machsor, der dem Kantor (hebr. „chasan“; Vorsänger und -beter) dazu diente, die öffentlichen Gebete in der Synagoge zu leiten, war hauptsächlich in den Gemeinden der Juden im Gebiet des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation von der Mitte des 13. bis zur Mitte des 14. Jh., gelegentlich auch noch im 15. Jh. in Gebrauch.

Der im 2. Viertel des 13. Jh. wohl in Köln entstandene Amsterdamer Machsor zählt zu den ältesten liturgischen Handschriften dieses Typs, die erhalten sind. Zu seinen figürlichen Darstellungen gehört auch das Bild eines Kantors mit umgelegten Gebetsschal, der einen spitzen Judenhut trägt (fol. 171b).[3]

Die Mehrzahl der erhaltenen Exemplare wurden in Süddeutschland, vor allem in Franken, angefertigt. Der aschkenasische Machsor war in der Regel – der öffentlichen Liturgie gemäß – in zwei große Bände gebunden (Abb.). Der erste Band ist den besonderen Schabbats vor Pessach, Pessach selbst und Schawuot gewidmet. Der zweite Band umfasst die Gebete für den Monat Tischri, den ersten – ursprünglich den siebten – Monat des jüdischen Kalenders, mit den Festen Rosch ha-Schana (Neujahr), Jom Kippur (Versöhnungstag) und Sukkot (Laubhüttenfest). Die Gebete zu jedem Ereignis setzen sich aus zwei Hauptteilen zusammen, den feststehenden Teil, der zu allen Gelegenheiten nur mit leichten Variationen von der Gemeinde und dem Kantor vorgetragen wurde, und den veränderlichen Teil, der das Herzstück des Machsor bildet und die liturgischen Texte in Gedichtform je nach Festtag umfasst. Diese Passagen, genannt Pijutim (Singular: Pijut), wurden hauptsächlich vom Kantor alleine laut rezitiert; der Beitrag der Gemeinde beschränkte sich dabei auf kurze Antworten oder Wiederholungen. Der Kunst des Schreibens und Illuminierens konzentrierte sich auf die Pijutim, die in einer größeren Schriftart ausgeführt wurden.

Geschmückt wurde vor allem der erste Pijut, das Morgengebet eines jeden Festes. Da das Hebräische keine Großbuchstaben besitzt, wurde von den jüdischen Schreibern das ganze erste Wort eines jeden Pijuts in Auszeichnungsschrift wiedergegeben und in einem (gerahmten) Feld mit Dekorationselementen umgeben. Der Schreiber bestimmte die Grundzüge des Dekorationsprogramms der Machsorim, seine Themen und die Struktur. Das früheste datierte Beispiel ist der „Michael Machsor“ aus dem Jahr 1258, der von Judah bar Samuel kopiert wurde (Oxford, Bodleian Library, Ms. Mich. 627 und 617).

Die Namen der Schreiber sind häufig dekoriert, so z. B. zwei Mal „Menahem“ im ersten Band des Leipziger Machsor (Leipzig, Universitätsbibliothek, Cod. Vollers 1102/I, fol. 133r und 137r).[4]

Einige Schreiber waren auch als Buchmaler tätig, so im ersten Band des Wormser Machsor von 1272, das wahrscheinlich in Würzburg für Baruch bar Isaac von seinem Vetter Simcha bar Juda kopiert wurde (Abb.), der auch die Anfangsworte ausschmückte und einige der Randilluminationen zeichnete (Jerusalem, The Jewish National and University Library, Ms. Heb. 4°781).[5]

Der Kolophon des Wormser Machsor (fol. 217v) ist ein beispielhaftes Zeugnis für das Selbstverständnis des Schreibers und das religiöse jüdische Stiftungswesen: „Ich, Simcha bar Juda, der Schreiber, habe diesen Machsor für meinen Onkel, R. Baruch b. Isaac in 44 Wochen geschrieben, redigiert und gestaltet, von Anfang bis Ende jedes Gebet, das vom Kantor gelesen wird ... Möge der Herr ihm erlauben, es zu verwenden, um zu danken, preisen, besingen und zu loben den Schöpfer seiner Seele und es zu hinterlassen, wie es vorgesehen war als ein Akt der Frömmigkeit für seine Seele und ihr Wohlergehen ...“.

Andere Machsorim wie der dreibändige Machsor aus der Bodenseeregion der Zeit um 1322 (Budapest, Bibliothek der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, Sammlung Kaufmann, Ms. A. 384 (Abb.); London, British Library, Ms. Add. 22413; Oxford, Bodleian Library, Ms. Mich. 619)[6] gab man nach der Fertigstellung des Textes zur Ausschmückung an eine säkulare städtische Werkstatt. Dort wurde die Handschrift von christlichen Künstlern mit jüdischer Anleitung illuminiert. Die Aufsicht übte wahrscheinlich der Schreiber des Textes aus, der für den ganzen Herstellungsprozess verantwortlich war.[7]

Der Schwerpunkt der Illumination mancher Machsorim lag bei den rein dekorativen Elementen. Der Schmuck des Esslinger Machsor ist dabei typisch für die aschkenasische Buchillumination des 13. Jh., die häuptsächlich geometrische Ornamente und nur wenige figürliche Illustrationen umfasste, dazu gehören auch architektonische Elemente.[8] Der 1331 von dem Schreiber Matanya für Yehoshua ben Yitzhak fertiggestellte Nürnberger Machsor enthält nur ornamentale Dekorationen der Anfangswörter. Der Stil verweist auf das oberrheinische Gebiet, die Auswahl der Pijutim erfolgte jedoch gemäß dem östlichen Ritus (einst Nürnberg, Stadtbibliothek, Ms Centur IV Nr. 100; Jerusalem, Israel Museum, Dauerleihgabe von David und Jemima Jeselsohn).[9]

Andere Machsorim wiederum zeigen reichhaltige Illuminationen. Die Ikonographie des Feldes mit dem illuminierten Anfangswort besteht aus einzelnen Motiven oder ganzen Bilderzählungen. Daraus entstanden eigene ikonographische Traditionen.[10]

Im ersten Band, der mit den Pijutim zu den besonderen Schabbats vor Pessach beginnt, ist die Illumination des Anfangswortes auf das Thema des Pijuts bezogen. So illustriert die Darstellung einer Waage das Gedicht zu Schabbat Schekalim, der an die jährliche Zahlung eines halben Schekels für den Tempel nach Ex 30,11–16 erinnert; eine rote Kuh begleitet das Gedicht zu Schabbat Para („Kuh“), der sich auf das Opfer der roten Färse nach Num 19,1–22 bezieht (Abb.); Sonne und Mond, welche die Festlegungen des jüdischen Kalenders bis hin zum Termin der Erlösung bestimmen, erscheinen in Bezug auf den Schabbat ha-Chodesch („Monat“) nach Ex 12, 1–20, der sich auf den Neumond des Nissan, den Monat des Auszugs aus Ägypten, ebenso wie auf die messianische Erlösung bezieht.[11]

Der Pijut zum sog. Großen Schabbat vor Pessach wird verbildlicht durch ein Paar oder eine Hochzeitszeremonie. Sie illustrieren den Eröffnungsvers, der auf das Hohe Lied 4,8 verweist: „Komm mit mir vom Libanon, meine Braut“ (Abb.).[12]

Die Texte zu den Festen Pessach und Schawuot, die an die Ereignisse des Auszugs aus Ägypten und den Erhalt des Gesetzes erinnern, vervollständigen den ersten Band.

Der zweite Band der meisten Machsorim beginnt mit der Darstellung der Opferung Isaaks mit dem Widder, der sich in einem Dickicht mit seinen Hörnern verfangen hat, eine Anspielung auf das Fest Rosch ha-Schana, bei dem das Widderhorn (Schofar) geblasen wird in Erinnerung an Gottes Übereinkommen mit Abraham bei diesem Opfer. Gebaute Tore illustrieren das Morgengebet zu Jom Kippur als Verweis auf die Anfangsworte: „Gesegnet seist Du unser Gott, König des Universums, der uns öffnet die Tore der Gnade“ (Abb.).

Die aschkenasischen Buchmaler entwickelten darüber hinaus den Brauch, bei der Illumination des Anfangswortes des Pijut ein Element des Textes ‚buchstäblich’ darzustellen. Beispielhaft dafür ist die Gruppe von Bildern, die den Pijut für Jom Kippur illustrieren. Sie zeigen Blumen, deren Blüten weitgeöffnet sind, denn dieser Pijut beginnt – auf das Hohe Lied 2,1 verweisend – mit den Worten „Eine Rose im Tal war bedroht“, die eine Metapher für die Situation des Volkes Israel darstellen. Ähnlich erhielten auch andere „wortgemäße“ Dekorationen des Anfangswortes eine weitere Bedeutung. So ist bei der Illumination des Pijuts für den zweiten Tag des Schawuot, der mit „Liebende Hindin, Geschenk des Sinai“ beginnt, mit der Darstellung von Hunden, die eine Hindin jagen, die Verfolgung der Juden in der Diaspora gemeint (Abb.).

Neben dieser Art der Illumination des Anfangswortes sind zwei Motive in der Randillustration für aschkenasische Machsorim typisch geworden: Das eine ist der große Baum, an dem Haman und seine zehn Söhne hängen; das Motiv kommt in der Illustration des Pijuts des Purimfestes vor, welches an die Ereignisse im Buch Ester erinnert.[13]

Das andere Thema ist eine Serie von Medaillons mit den Tierkreiszeichen, die die Pijutim mit Gebeten für Tau und Regen begleiten und den Wechsel der Jahreszeiten mit den Sternzeichen für die zwölf Monate versinnbildlichen (Abb.). In manchen Machsorim ist eine weitere Serie Medaillons mit den Darstellungen der Monatsarbeiten hinzugefügt. Diese Kombination ist auf den Einfluss der Darstellung des christlichen Kalenders in (liturgischen) Handschriften zurückzuführen, in denen die Monatsarbeiten häufig abgebildet waren.[14]

Vom 14. Jh. an waren Machsorim kleineren Formats in Gebrauch, die nicht unbedingt für die professionelle Verwendung durch den Kantor in der Synagoge gedacht waren, sondern vor allem dem privaten Gebrauch dienten. Etwa gleichzeitig kamen die illuminierten persönlichen Siddurim auf.

Im 15. Jh. erreichte die Tradition des aschkenasischen Machsors, vermittelt durch jüdische Einwanderer, auch Norditalien und beeinflusste dort die Produktion von Gebetbüchern. In der italienischen jüdischen Tradition des 15. Jh. wurde der Begriff „Machsor“ verwendet, um einen Codex zu bezeichnen, der nicht nur sämtliche Gebete für die besonderen Schabbats und Feste umfasste, wie es der aschkenasische Gebrauch war, sondern auch die Gebete für die Werktage und die regulären Schabbats sowie die Texte der Zeremonien und Segen für die Familie. Dieser Machsor war gewöhnlich in einem einzigen Band in sehr feines Kalbspergament gebunden, was die Handhabung und den Transport erleichterte. Die Anfangsseiten der Hauptabschnitte wurden gewöhnlich mit Feldern um die Anfangsworte und breitem Blattrankenwerk mit fleischigen Voluten dekoriert. Der Stil spiegelt die Tradition der Schulen Nord- und Mittelitaliens, besonders derer in Florenz, Ferrara und im Veneto wider. In Bezug auf die Auswahl der Pijutim war der alte italienische Ritus, der noch lange im 15. Jh. und auch danach praktiziert wurde, nicht identisch mit dem aschkenasischen. Dennoch wurden in manchen italienischen Machsorim einige Motive der traditionellen aschkenasischen Ikonographie aufgenommen. Das beste Beispiel dafür ist der „Schocken Machsor“ (einst Jerusalem, Schocken Library, Ms. 13873[15]; heute Privatbesitz), geschrieben 1441 im Veneto von Moses ben Abraham, ein aus dem Veneto stammender Schreiber, für Moses ben Abraham von Tivoli. Auch wenn der für den Veneto typische Stil zeigt, dass der Schreiber von dort stammte, ist deutlich, dass er einen aschkenasischen Machsor als Vorlage verwendete, so integrierte er zum Beispiel die für ihn typischen Bilder der roten Färse und des Mondes bei der Illustration der Morgen-Pijutim für die jeweiligen besonderen Schabbats (fol. 67v: Abb.; 75v, 76v).

Die Darstellung der Krone wurde typisch für die italienischen Machsorim. Sie diente als Illustration des Titels des Pijut „Die königliche Krone“, der von dem spanischen Poeten Solomon ibn Gabirol gedichtet worden war und in den italienischen Ritus aufgenommen wurde. Häufig war er der Eröffnungs-Pijut des ganzen Machsors, z. B. im „Schocken Machsor“.

Eine andere regionale Tradition ist die Darstellung von Moses, wie er das Gesetz erhält, als Illustration der Eröffnungsseite des mischnaischen Traktats „Avot“. (Die Mischna ist die erste schriftliche Fassung der mündlich überlieferten religiösen Gesetze.) Der Traktat „Avot“ wird zwischen Pessach und Rosch ha-Schana gelesen und beginnt mit dem Satz „Moses erhielt die Tora vom Sinai“. Während die Ikonographie dieser Szene auf der aschkenasischer Tradition beruht, ist ihre Aufnahme in diesen Kontext ein regionales italienisches Merkmal.

So enthalten diesen der „Pesaro Machsor“ von 1480, geschrieben in Pesaro von Abraham ben Mattathias von Treves für Elia ben Solomon von Ravenna (einst Letchworth, Sassoon Collection, Ms. 23, heute London, Privatbesitz)[16], der „Rothschild Machsor“ von 1492, geschrieben in Florenz von Abraham ben Judah of Camerino für Elijah ben Joab of Vigevano (New York, Jewish Theological Seminary, Mic. 8892n),[17] und der „Rothschild-Weil Machsor“, dessen Entstehung man auch in Florenz vermutet (Bd. 1: Jerusalem, The Jewish National and University Library, Ms. Heb. 8º4450, Abb.; Bd. 2 in Privatbesitz).

Obwohl die meisten von ortsansässigen Schreibern angefertigt wurden, gab es ebenso Wanderschreiber und -buchmaler. So können einige der Illuminationen des „Rothschild Machsor“ und des „Rothschild-Weil Machsor“ dem berühmten aschkenasischen Wanderschreiber und -buchmaler Joel ben Simon zugeschrieben werden. Seine Lebensgeschichte ist beispielhaft für den Transfer aschkenasischer Ikonographie und ihre Integration in die regionalen italienischen Traditionen: Er wurde in Köln um 1420 geboren und zog nach der Vertreibung der Juden aus der Stadt 1424 mit seiner Familie nach Bonn. In dieser Region erhielt er seine Ausbildung zum Schreiber und Illuminator. Etwa um 1445, als die Juden aus Bonn vertrieben wurden, zog er nach Italien, wo er ein vielbeschäftigter Schreiber und Maler wurde.[18]

2. Siddur

Die kleinformatigen Siddurim für den privaten Gebrauch mit den täglichen und speziellen Gebeten für das ganze Jahr umfassten auch die rituellen Texte für die Zeremonien im Kreis der Familie wie Hochzeit und Beschneidung sowie die Pessach Haggada.

Eines der ältesten Beispiele ist ein kleiner Siddur, um 1320, der von Meir bar Asher Halevi, einem wohlhabenden Mann aus dem Bodenseegebiet in Auftrag gegeben wurde (Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. hebr. 75). Dem Bändchen wurde der „Sefer Mizwot Katan“, eine wichtige halachische Schrift, hinzugefügt. Dieses auch unter seinem abgekürzten Titel „Semak“ bekannte „Kleine Buch der Vorschriften“, das die überlieferten Gesetze und Gebote enthält, wurde in Frankreich vor 1280 von Isaac Ben Joseph von Corbeil verfasst und sollte täglich als regelmäßige Übung gelesen werden.

Die meisten der frühen Siddurim zeigen sich wiederholende Dekorationen und nur wenige textbezogene Bilder, die jedoch nicht zu einem feststehenden ikonographischen Programm entwickelt wurden. Im 15. Jh. waren allerdings private Siddurim üblicher, die in gleicher Weise illuminiert wurden. Die wenigen Illustrationen fügte man vor allem dem Text der Haggada hinzu.

Ein prächtiges Beispiel ist das aus dem ausgehenden 15. Jh. stammende „Ruzhin Siddur“ (Jerusalem, Israel Museum, Ms. 180/53), das den Namen von seinem Besitzer im 19. Jh. erhielt, dem chassidischen Rabbi Israel Friedman von Ruzhin (1797–1850).[19] Dieser Siddur ist nicht nur mit Rahmungen um die Anfangswörter, sondern auch mit breitem Blattrankenwerk an den Rändern der Anfangseiten der Hauptteile geschmückt.

Gegen Ende des 14. Jh. wurden private illuminierte Siddurim vor allem von wohlhabenden italienischen Juden, zumeist Bankiers und Ärzten, in Auftrag gegeben. Diese Siddurim sind hauptsächlich im örtlichen Stil illuminiert. Nur wenige Motive wurden nach und nach Teil der Tradition. Herausragend ist dabei das Bild zu Ps 67 in Gestalt der Menora, des siebenarmigen Leuchters. Dabei basiert die Vorstellung, daß die sieben Arme des Leuchters den sieben Versen des Psalms entsprechen, auf kabbalistischem Gedankengut. Das früheste bekannte Beispiel dieses Motivs zeigt ein Siddur aus dem Jahr 1397, der in Pisa für Jehiel Beth El geschrieben wurde (einst Florida, Privatsammlung; Aufbewahrungsort heute unbekannt: Abb.).

Im 15. Jh. gaben auch Frauen solche Gebetbücher in Auftrag, z. B. im Fall des 1469 für „Menahem ben Samuel und seine Tochter, die ehrenhafte und gebildete, liebreizende Jungfrau und Dame Maraviglia“ wohl in Florenz angefertigten Siddur (London, British Library, Ms. Add. 26957). Viele der Textillustrationen in diesem Siddur beziehen sich auf Bräuche, die von Frauen vollzogen werden.

Jenseits des Bereichs der italienischen Aschkenas waren illuminierte Gebetbücher sehr selten. Nur ein paar sephardische Beispiele sind bekannt. Herausragend ist der Machsor für Rosh Ha-Schana und Jom Kippur nach dem katalanischen Ritus, der nach Dalia-Ruth Halperin zwischen 1325 and 1354, wohl um 1340, geschaffen wurde (Jerusalem, The Jewish National and University Library, Ms. Heb. 8° 6527).[20] Andere bedeutende Beispiele sind der „Hamilton Siddur“ für Pessach und Sukkot, dessen Anfangsworte sich aus zoo- und anthropomorph gestalteten Buchstaben zusammensetzen (Berlin, Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz, Ms. Ham. 288),[21] sowie ein Siddur und ein Machsor aus Lissabon aus dem Jahr 1484[22], mit einem rotbraunen marokkanischen Einband, der im Mudéjar-Stil dekoriert ist.[23]

B. Neuzeit

1. Handschrift und Buchdruck

Im Zeitalter des Buchdrucks waren die am meisten verbreiteten Werke die Pessach Haggada und die kleinen Bücher mit den Segen nach dem Essen und zu anderen Anlässen. Gedruckte Machsorim und Siddurim waren weniger dekoriert, obwohl einige Druckereien wie jene in Sulzbach sich auf diese Texte spezialisierten. Der Sulzbacher Machsor aus dem Jahr 1699 erlebte mehrere Auflagen in den folgenden Jahrzehnten und war in den Gemeinden Süddeutschlands sehr gebräuchlich. Im 18. Jh. wurde er darüber hinaus als Vorlage von den jüdischen Schreibern und Buchmalern in Mitteleuropa verwendet, die die Kunst der jüdischen illuminierten Handschrift wiederbelebten.

Ein Beispiel ist der zweibändige Machsor, der von Sender ben David Segal aus Halberstadt (identisch mit dem Braunschweiger Kammeragenten Alexander David, geb. 1687 in Halberstadt, gest. 1765 in Braunschweig) 1740 in Auftrag gegeben und 1741 in Braunschweig von Jitzchaq Eisiq Sofer ausgeführt wurde (Braunschweig, Braunschweigisches Landesmuseum, Inv.Nr. R 2386 a,b; Abb.). Auf der geschmückten Anfangsseite vermerkte der Schreiber, dass er die Sulzbacher Ausgabe von 1699 mit Metallstift und Bleistift kopierte.[24]

In der Regel wurde die Anfangsseite der gedruckten jüdischen Bücher und Manuskripte des 18. Jh. die Eröffnungseite des Machsor geschmückt mit Darstellungen von Moses und Aaron, einer auf beiden Seiten begleitet von König David und Salomo. In Nachfolge des Sulzbacher Machsors wurde der Text mit vegetabilen Ornamenten geschmückt und die das Anfangswort umgebenden Felder mit Tiermotiven und menschlichen Figuren ausgefüllt. So wie es im frühen aschkenasischen Machsor üblich war, wurde in der Sulzbacher Edition und seinen illuminierten Nachfolgern die Gebete um Regen und Tau illustriert mit dem Sternkreiszeichen und den Monatsarbeiten (vgl. Abb.). Die Siddurim wie das Manuskript, das in Wien 1712–1714 von Arje Jehuda Löbh aus Trebitsch für Simon Wolf, Sohn des Daniel Oppenheim von Worms, geschrieben und illuminiert wurde (New York, Jewish Theological Seminary, Mic 9340), bewahren die frühe italienische Tradition der Dekoration von Psalm 67 mit dem Bild der Menora. Die Einbeziehung dieser beiden frühen Elemente im 18. Jh. zeigt die Kontinuität der Traditionen, die ihre Wurzeln in Deutschland und Italien im 13. und 14. Jh. haben.

2. Einband

Im 18. und 19. Jh. lag zudem ein besonderer Schwerpunkt der Dekoration auf der Gestaltung des Einbandes. In Italien wurden Gebetbücher mit Silbereinbänden als Hochzeitsgeschenke des Bräutigams oder der Schwiegereltern an die Braut üblich. Die Wappen der beiden Familien wurden auf die Vorderdeckel geprägt und die Initialen des Paares eingraviert oder als Relief gestaltet. Reiche florale Dekorationen bedecken den Hintergrund.[25] Ähnliche Gebetbücher mit Silbereinbänden waren in Deutschland, Österreich und den angrenzenden Regionen üblich, manchmal als Geschenk für einen Jungen anlässlich seiner Bar Mitzwa-Feier im Alter von 13 Jahren. Ein österreichisches Beispiel aus dem 18. Jh. zeigt biblische Figuren und Szenen, die wahrscheinlich auf den Namen des Jungen Moses-Aaron (?) und den seines Vaters Abraham verweisen, dessen Name auf dem Vordereinband eingraviert ist. Auf der Vorder- und Rückseite sind Moses mit dem Gesetzestafeln, Aaron, der die Menora anzündet, Jakobs Traum und die Opferung des Isaaks durch Abraham dargestellt.[26]

Zu Beginn des 20. Jh. wurde der Einband von Gebetbüchern wie der von Bibeln vor allem aus unedlem Metall angefertigt, aber versilbert oder vergoldet. Ihre Dekoration mit jüdischen Symbolen wurde vielfach von Künstlern der Bezalel Kunstschule in Jerusalem entworfen.[27] Auch für die Illustration des Textes der Gebetbücher gab die Bezalel-Kunstschule neue Impulse, einige Beispiele wurden auch in die deutsche Erstausgabe des „Jüdischen Gebetbuchs“ 1979 aufgenommen, z. B. von Jakob Steinhardt, dem Leiter der Schule, und Yehuda Bacon, dem Leiter der Abteilung „Kupferstich und Lithographie“[28]. Neben Darstellungen, in denen das Thema des jeweiligen Gottesdienstes interpretiert ist, wurden dort auch Abbildungen von vor allem deutschen Synagogen reproduziert.

Anmerkungen

  1. Z. B.: Wormser Machsor (ca. 390 x 310 mm); italienischer Schocken Machsor (ca. 390 x 280 mm); Pesaro Machsor (180 x 130 mm); Siddur-Semak in Wien (ca. 190 x 140 mm) und Ruzhin Siddur (ca. 185 x 145 mm).
  2. Allgemein: Ismar Elbogen, Gebetbücher, in: Jüdisches Lexikon. Ein enzyklopädisches Handbuch des jüdischen Wissens 2, Berlin 1928, S. 906–913 (mit Abbildungen von Einbänden); ders., Liturgie, in: Encyclopaedia Judaica 10, Berlin 1934, Sp. 1056f.; ders., Prayer-Books, in: The Universal Jewish Encyclopedia 8, New York 1948, S. 619–621; Ernst Goldschmidt und Eric Friedland, Prayer Books, in: Encyclopaedia Judaica 16, 2. Aufl. Detroit 2007, S. 461–467; Bezalel Narkiss, Mahzor, Encyclopaedia Judaica 13, 2. Aufl. Detroit 2007, S. 363–366.
  3. Albert Van der Heide und Edward Van Voolen [Hg.], The Amsterdam Mahzor. History, Liturgy, Illumination, Leiden 1989, Abb. IX.
  4. Elias Katz, Bezalel Narkiss und Johannes Müller, Machsor Lipsiae ..., Faksimile und Kommentar, Bd. 1–2, Hanau 1964.
  5. Aliza Cohen-Mushlin, The Artistic Style of the Mahzor, in: Worms Maḥzor. The Jewish National and University Library. Ms. Heb. 4° 781/1, hg. von Malachi Beit-Arié, Bd. 1, Vaduz 1985, S. 90–93; Katrin Kogman Appel, A Mahzor from Worms. Art and Religion in a Medieval Jewish Community, Harvard University 2012.
  6. Sarit Shalev-Eyni, Jews Among Christians. Hebrew Book Illumination from Lake Constance, London/Turnhout 2010; zum Stil: ebd., S. 105–126; kodikologische Beschreibung: ebd., S. 191–196.
  7. Zum Stil und den Vorlagen: Sarit Shalev-Eyni, Illuminierte hebräische Handschriften aus dem Bodensee-Raum, in: Kunst + Architektur in der Schweiz 51, 2000, Nr. 3, S. 29–38; dies., Jews among Christians. A Hebrew School of Illumination of the Lake Constance Region, London/Turnhout 2010, S. 113–126.
  8. Evelyn M. Cohen und Emile G. L. Schrijver, The Esslingen Mahzor. A Description of the „New Amsterdam“ and „Old Amsterdam“ Volumes, New York 1991 (Studia Rosenthaliana 25, 1, 1991), S. 55–82.
  9. Ein vollständiger Scan mit wissenschaftlichem Kommentar ist online abrufbar unter: http://jnul.huji.ac.il/dl/mss-pr/mahzor-nuremberg.
  10. Gabrielle Sed-Rajna, Le Machsor enluminé, Leiden 1983, S. 19–37; Bezalel Narkiss und Aliza Cohen-Mushlin, The Illumination of the Worms Mahzor, in: Worms Maḥzor. The Jewish National and University Library. Ms. Heb. 4° 781/1, hg. von Malachi Beit-Arié, Bd. 1, Vaduz 1985, S. 79–89.
  11. Sarit Shalev-Eyni, Cosmological Signs in Calculating the Time of Redemption. The Christian Crucifixion and the Jewish New Moon of Nissan, in: Viator 35, 2004, S. 265–287.
  12. Sarit Shalev-Eyni, Iconography of Love. Illustrations of Bride and Bridegroom in Ashkenazi Prayer Books of the Thirteenth and Fourteenth Century, in: Studies in Iconography 26, 2005, S. 27–57.
  13. Katrin Kogman-Appel, The Tree of Death and the Tree of Life. The Hanging of Haman in Medieval Jewish Manuscript Painting, in: Between the Picture and the Word, hg. von Colum Hourihane, Princeton 2005 (Occasional papers [Princeton University. Department of Art and Archaeology. Index of Christian Art], 8), S. 187–208.
  14. Gabrielle Sed-Rajna, Le Machsor enluminé, Leiden 1983, S. 35; Bezalel Narkiss und Aliza Cohen-Mushlin, The Illumination of the Worms Mahzor, in: Worms Maḥzor. The Jewish National and University Library. Ms. Heb. 4° 781/1, hg. von Malachi Beit-Arié, Bd. 1, Vaduz 1985, S. 84–86.
  15. Bezalel Narkiss, Hebrew Illuminated Manuscripts, Jerusalem 1969, S. 138, Nr. 49.
  16. Bezalel Narkiss, Hebrew Illuminated Manuscripts, Jerusalem 1969, S. 146, Nr. 53.
  17. Bezalel Narkiss, Hebrew Illuminated Manuscripts, Jerusalem 1969, S. 144, Nr. 52.
  18. Malachi Beit-Arié, Joel Ben Simeon's Manuscripts. A Codicologer's View, in: Journal of Jewish Art, 3/4, 1977, S. 25–39; Bezalel Narkiss, The Art of the Washington Haggadah, in: Myron M. Weinstein (Hg.), The Washington Haggadah. A Facsimile Edition of an Illuminated 15th Century Hebrew Manuscript at the Library of Congress Signed by Joel ben Simeon, Kommentarband, Washington D. C. 1991, S. 29–101; Yael Zirlin, Joel Meets Johannes, A Fifteenth-Century Jewish-Christian Collaboration in Manuscript Illumination, in: Viator 26, 1995, S. 265–281.
  19. Bezalel Narkiss, Hebrew illuminated manuscripts, Jerusalem 1969, S. 128, Nr. 44; Abb.: Iris Fishof, The Origin of the Sîddûr of the Rabbi of Ruzhin, in: Jewish art 12–13, 1986–1987, S. 73–82; Sarit Shalev-Eyni hält im Gegensatz zu Fishof aus stilistischen Gründen die Entstehung in einer österreichisch-böhmischen Werkstatt für wahrscheinlich.
  20. Rafael Weiser und Rivka Plesser (Hg.), Treasures Revealed. From the Collection of The Jewish National and University Library, Jerusalem 2000, Kat.nr. 19; Dalia-Ruth Halperin, A Jew Among Us. The Catalan Micrography Maḥzor Artist and the Ferrer Bassa Atelier, in: Ars Judaica 3, 2007, S. 19–30.
  21. Bezalel Narkiss, Hebrew Illuminated Manuscripts, Jerusalem 1969, S. 54, Nr. 7.
  22. Gabrielle Sed-Rajna, Les Manuscrits hébreux enluminés des bibliothèques de France, Leuven/Paris 1994 (Corpus of Illuminated Manuscripts 7, Oriental Series 3), Nr. 52.
  23. Leila Avrin, The Sephardi Box Binding, Jerusalem 1989 (Scripta Hierosolymitana, 29), S. 27–43.
  24. Ursula Schubert u. a., Jüdische Buchkunst, Bd. 2, Graz 1992 (Buchkunst im Wandel der Zeiten, 3,2), S. 174.
  25. Hava Lazar, Jonah, the Tower, and the Lions. An Eighteenth Century Italian Silver Book Binding, in: Journal of Jewish Art 3–4, 1977, S. 58–73.
  26. Shalom Sabar, The Bar-Mitzvah Ceremony in the Tradition and Art of Jewish Communities, East and West, in: Rimonim 5, 1997, S. 61–77.
  27. Nurit Shilo-Cohen (Hg.), Bezalel. 1906–1929 (Englische Übersetzung von Esther Rosalind Cohen), Jerusalem 1983, Kat.nr. 713.
  28. Seder hat-tefillôt. Das Jüdische Gebetbuch. hg. von Jonathan Magonet in Zusammenarbeit mit Walter Homolka, Gütersloh 1997, Bd. 1, S. 222, und Bd. 2, S. 534.