Galanteriedegen

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englisch: small-sword; französisch: épée courte; italienisch: spadino (di gala).


Heinrich Müller (2015)


Kavalier in "grande parure" mit Galanteriedegen, 1786
Rubingarnitur Augusts des Starken, Degen vor 1733
Degengefäß mit Griff aus Meißner Porzellan, um 1750.
Degengefäß aus Gold, Frankreich um 1760.

I. Allgemeines

A. Definition

Der Galanteriedegen ist eine verkleinerte und luxuriöse Form des Degens: ein kurzer, leichter, reich verzierter Zivildegen, der zwischen ca. 1720/1730 und 1770/1780 zur „grande parure“, der Galakleidung adeliger Höflinge,[1] gehörte (Abb.).[2] Er war ein zeittypisches modisches Accessoire und bildet eine Untergruppe der kostbar verzierten Gala- oder Hofdegen, die bereits im Barock und auch nach dem Ende des Ancien Régime an Fürstenhöfen, für Würdenträger und als Ehrendegen verbreitet waren.[3] Obwohl er wegen seiner Kleinheit wohl nur selten als Waffe benutzt wurde, trug man ihn ebenso wie andere Degentypen an der linken Körperseite, um ihn ggf. mit der rechten Hand ziehen zu können. Die nach hinten abstehende Klinge unterstützte die elegante Linie der versteiften Schöße des Justeaucorps.[4]

B. Begriff und Alternativbezeichnungen

Der deutsche Begriff „Galanteriedegen“ ordnet ihn dem Umfeld der „Galanteriewaren“[5] zu, die für modebewusste Adelige im 18. Jh. unerlässlich waren (siehe unten, V). Während die deutsche Bezeichnung von französisch „galanterie“ (Höflichkeit, Artigkeit)[6] abgeleitet ist, wird er im Französischen „épée courte“[7] und im Englischen „small-sword“[8] genannt.

II. Eigenschaften

Dem zeitgenössischen Fechtstil entsprechend war der Galanteriedegen ein Stoßdegen und nicht für den Hieb bestimmt. Die Klinge hatte vorwiegend einen dreikantigen Querschnitt und Hohlschliffe auf den drei Flächen. Im Gegensatz zu Klingen von Kavaliers- oder Raufdegen des 17. Jh., die eine Länge bis zu 120 cm hatten, war die Klinge des Galanteriedegens in der Regel nur etwa 50 bis 80 cm lang. Auch die Einzelteile des Handschutzes wurden reduziert. Das Gefäß bestand aus einem vorwiegend kugel- oder birnförmigen Knauf, einer hölzernen Griffhülse, die mit verdrilltem Kupfer- oder Silberdraht umwickelt war, aus einem Griffbügel mit kurzer, knopfartig endender Parierstange, zwei Fingerbügeln zwischen Parierstange und den meist doppelt-nierenförmigen, runden oder ovalen Stichblättern. Auch metallene Vollgriffe aus vergoldeter Bronze, aus Silber oder Stahl waren verbreitet.[9]

III. Herstellungszentren

Typische Galanteriedegen wurden vor allem in Frankreich hergestellt. Zentrum der „fourbisseurs“ (Schwertfeger) und Waffenhändler war Paris. Manche der vergoldeten oder gebläuten Klingen tragen Namen und Anschrift ihres Herstellers in Ätzung, z. B. „Guyon l'ainé au Roy De la chine Pont St. Michel à Paris“ (Jean Louis Guyon d. Ä., 1672–1736)[10] oder „Dumont marchand fourbisseur Pont St. Michel à la justice à Paris“[11]. Nicht alle Degen wurden an einem Ort hergestellt; vielfach stammten die Einzelteile von Spezialherstellern. Solinger Schwertfeger lieferten z. B. Klingen nach Paris, London und in russische Zentren der Waffenherstellung;[12] manche Griffe stammten aus Meißen (Abb.). Mit der Übernahme französischer Moden an anderen europäischen Höfen wurden auch in diesen Ländern Galanteriedegen, zunächst nach Mustervorlagen aus Frankreich, später mit teils veränderten Form- und Dekorelementen, hergestellt. Matthew Boulton (1728–1809) und John Fothergill gründeten z. B. 1770 in Soho (Birmingham) eine Manufaktur, in der sie auch spezielle Galanteriedegen mit Stahlgefäßen fertigten.[13] Waffenschmiede in Tula und Sestroretsk bei St. Petersburg lieferten prunkvolle Degen mit Griffen aus kostbaren Schmucksteinen an den Zarenhof.[14]

IV. Ziertechniken und Dekor

Als Ziertechniken für Gefäße wurden der Eisenschnitt[15] mit Flachrelief und vergoldetem Grund oder als Durchbrucharbeit bevorzugt. Silbergefäße wurden ebenfalls geschnitten und ziseliert. Die Härte des Materials Eisen und die Feingliedrigkeit der Gefäßteile erforderten höchste Perfektion im Eisenschnitt. Deshalb wurden neben speziellen Gefäßmachern auch Münz- und Medaillenschneider mit der Arbeit betraut. Vollgriffe aus Stahl erhielten oft goldtauschierte Ornamente, andere Vollgriffe bestanden aus Schmucksteinen – Achat, Karneol, Smaragd, Rubin u. a. – oder aus bemaltem Porzellan.

An manchen Degenknäufen oder -griffen sind Wappen, Embleme, Monogramme oder Herrscherporträts aus verschiedensten Materialien eingefügt. Für den Dekor der Degengefäße wurden neben zierlichen Blattranken und Rocaillen Jagd- und Schäferszenen, antike Göttergestalten, Trophäen, Büsten und Maskarons als Motive bevorzugt. Vergoldete oder gebläute Klingen sind auch oft mit Namen, Monogrammen oder Wahlsprüchen von Herrscherpersönlichkeiten gekennzeichnet. Mit dem Stilwandel vom Louis-Quinze zum Louis-Seize änderten sich Formen der Gefäßteile und Motive im Dekor der Galadegen.

V. Galanteriedegen als Teil der „grande parure“

Der Galanteriedegen war in der Regel Teil einer Garnitur, die zur „grande parure“ gehörte. Fürsten besaßen mehrere solcher Ensembles. Schmuckgarnituren König Augusts des Starken wurden nach den an ihnen bevorzugten Edelsteinen benannt: Rubin-, Saphir-, Smaragdgarnitur usw. (Abb.). Ein Spazierstock, Knöpfe, Schnallen und Spangen am Gewand, Tabatieren, auch Ordenskleinodien, sind mit den gleichen Steinen besetzt wie der zugehörige Degen. Das Degengefäß der Smaragdgarnitur von Johann Friedrich Dinglinger, 1737, trägt 90 Smaragde und 220 Brillanten.[16] Ein französischer Degen von 1760 in der Königlichen Schatzkammer Stockholm besitzt ein Goldgefäß mit 782 Brillanten und Diamanten in Rosenschliff. Der Griff ist mit einer Kette aus kleinen Perlen umwickelt (Abb.).[17] Frühklassizistische Dekorelemente zeigt bereits der Galanteriedegen, der 1766 für Christian VII., König von Dänemark, in Paris bestellt wurde: Sein Knauf hat Vasenform, den glatt polierten Goldgrund des Gefäßes umschlingt ein punzierter Goldgrund mit Brillanten-Besatz.[18]

Das Tragen von Galanteriedegen wurde vor 1775 in England, dann auch in Frankreich unüblich.[19] Hingegen betrachtete man es noch 1789 in Deutschland als modisch.[20]

Anmerkungen

  1. Ingrid Loschek, Reclams Mode- und Kostümlexikon, 5. Aufl. Stuttgart 2005, S. 220.
  2. Erika Thiel, Geschichte des Kostüms ..., 7. Aufl. Berlin 2000, S. 270, Abb. 478.
  3. Gerhard Seifert, Schwert – Degen – Säbel, Hamburg 1962, S. 38f.
  4. Vgl. Eduard Wagner, Hieb- und Stichwaffen, Prag 1966, S. 22, Abb. 14.
  5. Ingrid Loschek, Reclams Mode- und Kostümlexikon, 5. Aufl. Stuttgart 2005, S. 211.
  6. Le Grand Robert de la langue française, 2. Aufl. Paris 2001, Bd. 3, S. 1169f. (jedoch auch abwertend im Sinne von "coquetterie" gebraucht). Zum schillernden Gebrauch der Worte „Galant“ und „Galanterie“ im 18. Jh. in Deutschland siehe Johann Heinrich Zedler, Großes vollständiges Universal-Lexikon, Bd. 10, Halle/Leipzig 1735, Nachdruck Graz 1961, Sp. 78f. Negativ konnotiert ist das Wort „Galanterie“ bereits bei Abraham a Sancta Clara, Centi-folium stultorum in quarto ..., Nürnberg 1709, Nachdruck Dortmund 1978, S. 174–178 [Galanterie-Narr]).
  7. Le Grand Robert de la langue française, 2. Aufl. Paris 2001, Bd. 3, S. 78.
  8. The Oxford English Dictionary, 2. Aufl. Oxford 1989, Bd. 15, S. 773; Howard L. Blackmore, Arms and Armor, London 1965, S. 124f.; A. V. B. Norman, The Rapier and Small-Sword, 1460–1820, London u. a. 1980, besonders S. 30f.
  9. Beispiele bei Heribert Seitz, Blankwaffen, Bd. 2, Geschichte und Typenentwicklung im europäischen Kulturbereich vom 16. bis 19. Jh., Braunschweig 1968 (Bibliothek für Kunst- und Antiquitätenfreunde, Bd. IV A), S. 94, S. 91, Abb. 97 und S. 100f., Abb. 113–115.
  10. Heinrich Müller und Hartmut Kölling, Europäische Hieb- und Stichwaffen aus der Sammlung des Museums für Deutsche Geschichte, 5. Auflage Berlin 1990, S. 278 und 398, Nr. 316.
  11. Auktionskatalog Fischer Luzern, Waffenauktion 351A, September 1996, S. 74, Nr. 405, Tafel 117; Pierre Jarlier, Répertoire d’arquebusiers et de fourbisseurs français, St-Julien-du Sault 1976, S. 96.
  12. Siehe u. a. Anthony North, Eighteenth- and Nineteenth Century Europe, in: Swords and Hilt Weapons, 2. Aufl. London 1996, S. 84–95, hier S. 87.
  13. Anthony North, Schwerter, Bern u. a. 1982, S. 23 und 26.
  14. Zu Tula: Anthony North, Eighteenth- and Nineteenth Century Europe, in: Swords and Hilt Weapons, 2. Aufl. London 1996, S. 84–95, hier S. 87f.
  15. Z. B. Gefäß eines Galanteriedegens von Franz Matzenkopf, Wien, um 1750, abgebildet bei Alexander von Reitzenstein, Eisenschnitt, in: Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte, Bd. IV, Stuttgart 1958, Sp. 1163, Abb. 7.
  16. Joachim Menzhausen, Das Grüne Gewölbe, Leipzig 1968, S. 110, Nr. 139 und Abb. S. 139; Ulli Arnold, Die Juwelen Augusts des Starken, München/Berlin 2001, S. 104–123; Dirk Syndram u. a. (Hg.), Die barocke Schatzkammer. Das Grüne Gewölbe zu Dresden, München/Berlin 2006, S. 140–151.
  17. Heribert Seitz, Blankwaffen, Bd. 2, Geschichte und Typenentwicklung im europäischen Kulturbereich vom 16. bis 19. Jh., Braunschweig 1968 (Bibliothek für Kunst- und Antiquitätenfreunde, Bd. IV A), S. 94 und Tafel VIII.
  18. Kopenhagen, Schloss Rosenborg (Bruno Thomas u. a., Die schönsten Waffen und Rüstungen aus europäischen und amerikanischen Sammlungen, Heidelberg u. a. 1963, Nr. 95).
  19. Quellen bei Alexander V. B. Norman, The Rapier and Small-Sword, 1460–1820, London u. a. 1980, S. 30f.
  20. Monuments du costume physique et moral de la fin du dix-huitième siècle, Neuwied 1789, Taf. bei S. 17, 23, 33 (zit. nach Alexander V. B. Norman, The Rapier and Small-Sword, 1460–1820, London u. a. 1980, besonders S. 31).

Verweise