Brüdersaal

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englisch: Fratry; französisch: Confrérie (salle de), frairie (salle de); italienisch: Frateria.


P. Bruno Grießer (1944)

RDK II, 1273–1278


RDK II, 1275, Eberbach, Grundriß des Klosters um 1450.

In der Literatur über Klöster und Klosteranlagen der Cisterzienser wird fast durchweg einem regelmäßig im Ostflügel des Kreuzganges gelegenen Raum die Bezeichnung B. (frateria, Fratry, Fraternei) beigelegt. Lage und Zweck dieses Raumes können nur mit Bezugnahme auf das aus den Usus der Zisterzienser (cap. 75, 113) bekannte Auditorium iuxta capitulum klargelegt werden. Im Grundriß alter Klosteranlagen der Zisterzienser verteilt sich der nach dem Kapitel und einem engen Ostdurchgang nach Süden – bzw. Norden, wenn die Kirche im Süden lag – noch verfügbare Raum des Ostflügels auf einen oder zwei Räume. Nimmt ein Raum diese ganz Flucht ein, so handelt es sich um das Auditorium (RDK I, Sp, 1227ff.). Das ist der ältere Typus des Zisterzienserklosters ohne B. Dieser liegt den Usus zugrunde, die als Gemeinschaftsräume im Erdgeschoß des Ostbaues nur den Kapitelsaal und das Auditorium kennen (cap. 15, 72, 75). An sich ist zwar die Bezeichnung „ohne B.“ irreführend; man könnte auch das Auditorium als B. bezeichnen, insofern bei ungeteiltem Raum das Auditorium alle Funktionen als Tagesarbeitsraum der Mönche hatte. Dieser Typus ist in zahlreichen Zisterzienserklöstern erhalten oder nachweisbar, so in Arnsburg, Doberan, Eberbach, Eldena, Michaelstein, Pforta, Schönau, Walkenried. Die weitere Entwicklung nahm nach Mettler [3] einen doppelten Verlauf, indem einerseits am Südende des Ostbaues an das Auditorium eine Klosterkammer (camera der Kluniazenser) angebaut wurde, die als Vorratsraum für die substantia monasterii in ferramentis vel vestibus (Reg. S. Bened.) gedient hatte. Diese von Mettler nur aus einigen Besonderheiten der Bauanlage in Maulbronn, Bronnbach, Furness und Jervaulx erschlossene Zweckbestimmung des Abschlußraumes (ungenügende Lichtzufuhr, ohne direkten Zugang vom Kreuzgang her, Abschluß der Südwand bloß durch offene Arkaden in den beiden englischen Abteien) bedürfte wohl näherer Nachprüfung an umfangreicherem Material. Die Bezeichnung Vestiarium für diesen Raum hat in der Ordensliteratur keine Stütze. Es ist auch kaum annehmbar, daß die Kleider- und Wäschebestände im gleichen Raum untergebracht gewesen wären wie die zum täglichen Gebrauch bestimmten Werkzeuge für den Ackerbau. Eher könnte man in diesem Raum ein Magazin für diese letzteren sehen, das man aus praktischen Gründen vom Auditorium abgetrennt hätte. Meist nahm aber die Entwicklung den Weg, daß der eine große Raum des Auditoriums in zwei Räume geteilt wurde, wobei manchmal der Ostdurchgang zwischen diese beiden gelegt wurde, wodurch das Auditorium im engeren Sinne, dessen Ausmaße in der Regel weit geringer waren, unmittelbar neben den Kapitelsaal zu liegen kam. Der zweite solcherart entstandene Raum am Südende des Ostbaues wird in der Literatur als B. bezeichnet. Diese Teilung in zwei Räume liegt z. B. vor in Altenberg, Bebenhausen, Bildhausen, Bronnbach, Buch, Clairvaux, Fountains, Heiligenkreuz, Riddagshausen, Villers, Zwettl. Daß diese Entwicklung aber nicht durchaus einheitlich war, dafür bietet die Baugeschichte von Eberbach einen bemerkenswerten Beleg. Der von Schäfer [5, S. 47–52] ermittelte früheste Zustand vom A. 13. Jh. zeigt auch hier zwei Räume, B. und Auditorium. Um 1260 wurde das Auditorium zum B. gezogen und dieser gegen Norden (die Kirche steht hier im Süden) um 34 Meter verlängert, so daß ein einheitlicher, etwa 70 Meter langer imposanter Raum entstand (Abb.). Die räumliche Gestaltung des B. war seiner Bestimmung als Gemeinschaftsraum für die Tagesarbeit der Mönche, soweit diese nicht im Freien stattfand, entsprechend. Der B. ist das umfangreichste Gelaß des Ostbaues, ein großer, lichter, vom Kreuzgang aus zugänglicher, gewölbter, mehrschiffiger Raum. Dreischiffig z. B. in Bebenhausen, Bronnbach, Clairvaux (mit je 6 Säulen), Heiligenkreuz, Villers; zweischiffig in Eberbach, Fountains, Schönau u. a.

Welchen Namen dieser Raum im Orden selbst im MA trug, ist noch eine ungeklärte Frage. Der Ausdruck Frateria (Fraternel, Fratry), mit dem die moderne Literatur ihn vielfach bezeichnet, ist ganz unsicher. Es gilt heute noch, was Mettler 1909 schrieb [3, S. 46]: „Über die Frateria fehlt es zur Zeit noch an einer eingehenden und zuverlässigen Untersuchung. Das erste, was zu geschehen hätte, wäre eine Sammlung der Stellen, an denen das offenbar seltene Wort vorkommt. In den Satzungen, Generalkapitelbeschlüssen und sonstigen offiziellen Kundgebungen des Ordens ist es nicht nachgewiesen.“ Du Cange kennt das Wort in räumlicher Bedeutung überhaupt nicht. Auch die von den anderen Bezeichnungen der Klosterräume abweichende sprachwidrige Bildung des Wortes macht es verdächtig. Vielleicht könnte man es aus Zisterzienserchroniken nachweisen. Nach Mettler behauptet Sharpe [2] dieses Vorkommen, ohne freilich Stellen anzuführen, doch vermochte ich dort diese Angabe nicht zu finden. Auf welche Quellen Boulmont [4, S. 94] seine Behauptung stützt, daß die Alten diesen Saal domus fratrum nannten, ist ebenfalls nicht ersichtlich. Der ursprüngliche Name, der durch die Usus Ord. Cist. belegt ist und zum mindesten in Anlagen mit einem Raum immer verwendet wurde, war Auditorium. Es wäre die Frage, ob nicht auch nach Teilung der Räume der Gesamtanlage in diesem Abschnitt des Ostbaues der ursprüngliche Name blieb.

Das wäre wohl verständlich, wenn man sich den Doppelzweck des Auditoriums als Arbeitsraum und Ort, wo das Nötige gesprochen werden durfte, so wie er aus den Quellen ersichtlich ist, vor Augen hält. Im Auditorium versammelte sich nach der Prim auf das Zeichen mit der Tabula der ganze Konvent, um vom Prior die Anweisung der verschiedenen Arbeiten sowie die dazu nötigen Arbeitsgeräte zu empfangen, worauf alle dem Prior zur Arbeit folgten. Von der Arbeit kehrte man wieder in das Auditorium zurück. Daher wurden auch die größeren Arbeitsgeräte im Auditorium aufbewahrt, während Scheren, Hacken, Rechen und Sicheln zur Zeit der Schafschur, des Jätens, des Kornschnittes und der Ernte ein jeder bei seinem Bette zu verwahren pflegte. Für Arbeiten innerhalb des Auditoriums ist eine Stelle im gleichen Kapitel 75 des Liber Usuum bezeichnend: Si intra auditorium vel claustrum fuerint, quando praedictum signum audierint (nämlich zu einer Hore im Chor), onera sua ad destinatum locum baiulent et sic se ad horam praeparare festinent. Das Auditorium als Sprechraum kennzeichnen folgende Stellen: Der Novizenmeister hat das Recht, nach der Gelübdeablegung eines Novizen per duos menses in auditorio iuxta capitulum sicut et cum peregrinis monachis cum eo loqui (Lib. Us. c. 113). Für einen fremden Abt, der als Gast im Kloster weilt, wird bestimmt: Nec cum pluribus quam cum duobus simul loquatur; quos ei in auditoria vel in locum proximum auditorio monachorum evocare liceat (Collectio Reinardi, c. 80; [1, S. 270]). Auch Ausfertigung von Urkunden fand gelegentlich im Auditorium statt, so 1209 in der Abtei Dalon [3, S. 42], 1258 in Wettingen (Cist. Chronik 6, 1894, S. 266). Je mehr im Laufe der Zeit die Handarbeit als Hauptbeschäftigung der Mönche zurücktrat und Studium und Wissenschaft an deren Stelle rückte, desto mehr verlor das Auditorium bzw. der B. seine ursprüngliche Bedeutung. Mancherorts diente der Raum als Rekreationssaal, anderwärts als Studiensaal, wie es eine Beschreibung aus dem A. 16. Jh. für Clairvaux bezeugt: le parloir ou escolle où les religieulx estudient [3, S. 21]. So ist es begreiflich, daß gerade dieser Teil der Gebäude in der Barockzeit vielfach von Umbauten betroffen wurde.

Zur Abbildung

Eberbach im Rheingau, Zisterzienserkloster. Erb. ca. 1170–1245, Erweiterungen 1250–1370. Grundriß nach dem Zustand von ca. 1450. Nach C. Schäfer [5], Taf. 1.

Literatur

1. Julianus Paris, Nomasticon Cisterciense, Paris 1664. 2. Edm. Sharpe, The architecture of the Cistercians, London 1875. 3. Ad. Mettler, Zur Klosteranlage der Zisterzienser und zur Baugeschichte Maulbronns, Württ. Vierteljahrshefte f. Landesgeschichte N. F. 18, 1909, S. 1ff.; über den Ostbau S. 20ff., die Frateria bes. S. 46ff. 4. G. Boulmont, Description des ruines de l’abbaye de Villers, Namur 18972. 5. Carl Schäfer, Die Abtei Eberbach im MA, Berlin 1901.

Verweise