Flitter (Flinder)

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englisch: Paillette; französisch: Paillette, petite lamelle de métal; italienisch: Lustrino, foglietto di metallo.


Friedrich Kobler (1997)

RDK IX, 1269–1274


RDK II, 167, Abb. 2. 1504, Bützow.
RDK IX, 1269, Abb. 1. Braunschweig, E. 15. Jh.
RDK IX, 1271, Abb. 2. Bützow, Mecklenburg, 1504.
RDK IX, 1271, Abb. 3. Aschaffenburg, um 1526/1527.
RDK IX, 1273, Abb. 4. Nürnberg, um 1640 und E. 17. Jh.

F. = Flitter, Fl. = Flinder

Als F. werden glänzend gemachte Metallplättchen bezeichnet, die an einem Draht befestigt sind, so daß sie sich schon bei leichtem Anstoßen oder in schwachem Windhauch bewegen können und Licht spiegeln.

Das Wort F. (in Oberdtld. Fl.) ist neuhochdeutsch und drückt „eigentlich die zitternde Bewegung und figürlich auch den zitternden, funkelnden Glanz“ der Plättchen aus (Johann Christoph Adelung, Grammatisch-kritisches Wb. der Hochdt. Mundart..., 2. X, Wien 21796 [Ndr. Hdhm. usw. 1990; Documenta Linguistica ..., R. II], Sp. 213; vgl. Grimm Bd. 3 Sp. 1799 s. v. Fl.).

Zum als F. bezeichneten, aus Messing hergestellten sog. Rauschgold s. Folie.

Das Material ist Edelmetall, (vergoldetes oder versilbertes) Messing oder Kupfer. Die Herstellung erfolgte durch Schlagen aus Folien mittels Stanzen (mit Haueisen oder maschinell, vielleicht auch mit Durchbruchzangen) oder, ähnlich der von *Pailletten, durch Flachschlagen von Drahtösen mittels poliertem Hammer und gegebenenfalls anschließendem Schlagen mit einer Stanze.

Im 15./16. Jh. wurde F. angefertigt von Goldschmieden und Goldschlägern insbesondere in Nürnberg, auch in Augsburg (vgl. Theodor Hampe, Nürnberger Ratsverlässe über K. und Künstler im Zeitalter der Spätgotik und Renss., Wien und Lpz. 21904 [Quellenschr. Wien, N. F. 11], Bd. 1 S. 402 Nr. 2895 und 2897, betr. Anfrage „der von Augsburg“). In der „Spengler- und Messingschaberordnung“ der Stadt Nürnberg 1611 wurde der im Jahr zuvor bestimmte geordnete Verkauf von „Geflinder“ in Briefchen festgeschrieben (August Jegel, Alt-Nürnberger Handwerksrecht und seine Beziehungen zu anderen, Nbg. 1965, S. 262), in der Goldschmiedeordnung 1626 das übliche einseitige Vergolden und Versilbern der „küpfernen Flinderlein“ aus Sorge vor Betrug untersagt (ebd. S. 44f.). Die Flinderleinschlager gehörten in Nürnberg zu den „gesperrten“ Gewerken (ebd. S. 3; Christoph Weigel, Abb. der Gemein-Nützlichen Haupt-Stände ..., Rgbg. 1698 [Ndr. Nördlingen 1987], S. 322), ihr Werkzeug durfte nicht aus der Stadt gegeben werden (A. Jegel a. a. O. S. 32f.). Seit dem ausgehenden 17. Jh. wurde F. auch in Manufakturen als „leonische Ware“ hergestellt, im 19. Jh. als Fabrikware (vgl. Jbb. des kaiserl. königl. polytechnischen Inst. in Wien 4, 1823, S. 47, Fabrik in Schwaz i. T.).

Nach Lejisugo (Pseudonym), Vollkommener und gründlicher Ber. von Goldund Silber-Draht-Ziehen, Vergulden, Platten und Spinnen ..., Lübeck 1744, S. 192, wurde das Herstellen von F. durch Flachschlagen von Drahtösen zunächst in franz. Manufakturen betrieben; ob es sich dabei der Verwendung nach ausschließlich um Pailletten handelte, ist unklar (die Angabe Lejisugos wiederholt u.a. von Johann Beckmann, Beyträge zur Gesch. der Erfindungen, Bd. 3, Lpz. 1792, S. 89; Johann Heinrich Moritz von Poppe, Gesch. aller Erfindungen und Entdeckungen im Bereiche der Gewerbe, Künste und Wiss. ..., Ffm. 21847, S. 202).

Neben den unverzierten glattrandigen rundlichen Scheibchen gibt es gewellte, geriefelte und gebuckelte, ferner figurale in Gestalt von Sternen, (Halb-)Monden, Gesichtern, Weintrauben, Eicheln, Blättchen und dgl. (Abb. 1; [1] Sp. 1128f. und Abb. 4).

Verwendet wurde F. vor allem zum Schmuck von Textilien.

In der Bekleidung gehörte F. zu den sog. Kostbarkeiten, der Gebrauch war in manchen Regionen durch eine Kleiderordnung geregelt. So verbot die Pfälzer Kleiderordnung, um 1465/1482 (?), das Anbringen von goldenen (vergoldeten) und silbernen F. an gefältelten Hemden und an Brusttüchern für alle Stände unter dem ritterbürtigen Adel; vornehme Bürger und Angehörige des niederen Adels durften immerhin silbernen F. an den Hemden tragen (Veronika Baur, Kleiderordnungen in Bayern vom 14. bis zum 19. Jh., Mchn. 1975 Miscellanea Bavarica Monacensia, 62], S. 45). - Halskrause wohl aus der 1. H. 16. Jh.: Ausst.kat. „Matthias Corvinus und die Renss. in Ungarn 1459-1541“, Schallaburg, N.Ö., 1982, S. 265f. Nr. 156.

Zu Musterbüchern von Tuchhandlungen, die auch F. anboten, s. Ausst.kat. „FFM 1200. Traditionen und Perspektiven einer Stadt“, Frankfurt a. M. 1994, S. 106 Nr. 3/113, um 1800).

Bei Textilien in liturgischem Gebrauch, die in Quellentexten als mit F. geschmückt beschrieben sind, läßt sich nicht immer mit Sicherheit eine Unterscheidung gegenüber Paillettenzier treffen; vgl. das Korporale „mit flinderlin“ im „Verzeichnis des ... Schatzes“ der Marienkapelle in Würzburg 1482 und 1527 (Alfred Wendehorst [Hg.], Urkundenbuch der Marienkap. am Markt zu W. 1317-1530, Würzburg 1974 [Quellen und Forschgn. zur Gesch. des Bistums und Hochstifts W, Bd. 27], S. 479 und 485); Humeralien mit „vergulten flatterchen“ im Inv. von St. Elisabeth in Breslau, um 1483/1498, und eine Kasel mit „flitterlin“ im Inv. von St. Bernhardin und Jakob ebendort, 1521 (Gisela von Bock, Perlstickerei in Dtld. bis zur M. des 16. Jh., Bonn 1966 [Diss. Bonn 1963], S. 167 unter Nr. 13, S. 173 unter Nr. 10).

Mit textilen Teilen staffierte Reliquienträger wurden mit F. ausgeziert, so die sog. Paradiesgärtlein im Kloster Ebstorf, Nieders., um 1480, an deren Blütenzweigen sich „kleine F. aus gepreßtem Silber in Form von Buchenblättern, Buckeln und Dreipässen“ finden (erstere einseitig vergoldet: Horst Appuhn, Lüneburger Bll. 19-20, 1968-1969, bes. S. 28, Taf. 8; ähnlich die „besloten Hofjes“ im belgischen Mecheln: ebd. Taf. 16). Mit F. geschmückte Reliquiare der Zeit um 1500 gab es im Halleschen Heiltum (Abb. 3; Halm-Berliner Nr. 16, 23, 25, 324, Taf. 9 a, 15 a, 16 a und 173). Zu F. in barocken Reliquienfassungen s. als beliebiges Beisp. F. an einem Tafelreliquiar, Süddtld., 17. Jh. (Ausst.kat. „Reliquien“, Köln 1989, S. 352 Nr. 455, Abb. S. 353). F. als Zier von Kronen auf Reliquiaren gab es im ausgehenden MA (Beisp. die sog. Krone der hl. Kunigunde, 15. Jh.: Ernst Bassermann-Jordan und Wolfgang M. Schmid, Der Bamberger Domschatz, Mchn. 1914, S. 12 Nr. 17, Abb. 12).

An Kopfbedeckungen sind Fl. vom ausgehenden 15. Jh. an archivalisch bezeugt und gelegentlich erhalten.

Beispiele: Hut Kaiser Friedrichs III. 1473 (Grimm a. a. O.); „ain hauben mit vergulten flinderlin“ im Inv. des Hauskämmer-Amtes Erzhzg. Sigismunds von Tirol, 1490 (Jb. Kaiserh. 1, 1883, S. 221); zehn silberne und goldene „gefundene“ Hauben in der Aussteuer der Magdalena von Arneburg, uneheliche Tochter Kf. Joachims II., 1570 (Oskar Schwebel, Gesch. der Stadt Berlin, Bln. 1888, Bd. 1 S. 460f.). In Nürnberg waren sog. Fl.hauben im 17. Jh. den Frauen des Patriziats vorbehalten (Abb. 4; Jutta Zander-Seidel, Textiler Hausrat..., Mchn. 1990, S. 122, Inv. von 1640, Haarhauben mit unterschiedlichen Arten von F., vgl. auch ebd. S. 124 und Abb. 109). - Zu Fl. am festlichen Kranz der Männer um 1500: Liselotte Constanze Eisenbart, Kleiderordnungen dt. Städte zw. 1350 und 1700, Gött. usw. 1962 (Göttinger Bausteine zur Gesch.wiss., 32), S. 154; vgl. auch Abb. 1 sowie die Krone der Figur eines Mechelner Jesuskindes im St. Annenmus. Lübeck (Marietheres Gräfin Preysing in: Documenta Textilia. Fs. für Sigrid Müller-Christensen, Mchn. 1981 [Forschg.hh. hg. vom Bayer. Nat.mus. München, 7], S. 349-356, bes. S. 354f. und Abb. 5f.). - Zu Fl. an Brautkronen: [1]; [2] Abb. S. 49. - Marienkronen mit F. bei Goldschmiedearbeiten: Abb. 2.

Mit F. gezierte Anhänger sind selten (ein Beisp. mit hl. Georg, um 1480: Johann Michael Fritz, Goldschmiedek. der Gotik ..., Mchn. 1982, Nr. 957).

Zu den Abbildungen

1. Braunschweig, Hzg. Ant. Ulr.-Mus., Inv.nr. MA 61 a, Reliquienbüste des hl. Cyriacus, Detail des Blütenkranzes (Gesamtabb.: Kat. „Die ma. Textilien“, bearb. von Leonie von Wilckens, Braunschweig 1994, S. 101). Niedersachsen, E. 15. Jh. Foto Mus.

2. Bützow, Stadtkirche, Bedel, Detail der Marienfigur (Gesamtabb.: RDK II 168 Abb. 2). Silber, Gesamtmaße 23,5 cm. Norddt. (Mecklenburg?), dat. 1504. Foto Thomas Helms, Hamburg.

3. Aschaffenburg, Hofbibl. Man. 14 (Hallesches Heiltumsbuch), fol. 400v, Reliquiar in Becherform auf hohem Fuß, wohl um 1500. Feder, Wasser und Deckfarben auf Pergament, 35 × 25 cm. Mitteldt. (Halle?), um 1526/1527. Foto Bibl.

4. Nürnberg, Germ. Nat.mus., Fl.haube (Inv.nr. T 35). Drahtverstärktes Grundgeflecht aus Seidenschnüren und Goldfäden, H. 30 cm, Br. 42 cm, Tiefe 24 cm; Fl. vergoldetes und versilbertes Kupfer. Nürnberg, um 1640. - Haubenstock (Inv.nr. T 3833). Ton, H. 42 cm. Schwäbisch Gmünd (?), E. 17. Jh. Foto Mus.

Literatur

1. Otto Braun, Art. Brautkranz, in: RDK II 1125-1130. - 2. Bernward Deneke, Die F., in: Ausst.kat. Ländlicher Schmuck aus Dtld., Österr. und der Schweiz, Nürnberg 1982, S. 49f.

Verweise