Fletz

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englisch: Fletz, hall; französisch: Fletz, vestibule; italienisch: Fetz, ingresso.


Liselotte Andersen (1996)

RDK IX, 1109–1113


RDK IX, 1109, Abb. 1. Augsburg, 1619-1620.
RDK IX, 1111, Abb. 2. Johann Paul Stimmelmayr, um 1800, München.

I. [Definition]

F. (Flötz; zahlreiche dialektbestimmte Schreibweisen) ist die oberdt., vor allem im südostdt. Sprachgebiet übliche Bezeichnung des oft gangartigen, doch breit angelegten Eingangsraumes oder eines geräumigen Vorraumes (Vorsaal). In letzterer Bestimmung liegt er/es oft in oberen Stockwerken.

Zum Flett (Flet, Fleet) als im niederdt. Hallenhaus, speziell im sog. Flettdielenhaus, auf die Diele (Deele) folgenden und zu ihr quergelagerten Raum mit dem Herdplatz s. Bauernhaus: RDK II 12 („nieders. Bauernhaus“) und Diele: RDK III 1459f., ferner Jos. Scheper, Das Bauernhaus in Nordwestdtld., Münster i. W. 1943 (Schrn. der Volkskdl. Komm. im Provinzialinst. für westf. L.- und Volkskde., H. 7), passim; ders., in: Der Raum Westf., Bd. IV,2, Münster i. W. 1965, S. 125-228; ders., Vier Jzz. Hausforschg., Sennestadt 1973, S. 40; Karl Baumgarten, Das dt. Bauernhaus, Bln. 1980, S. 105; Ulrich Klages, Frühe Varianten des Dielen-Flett-Gefüges in Bauernhäusern der Nordheide, Lüneburger Bll. 27/28, 1987, S. 49-76.

Von F. im Sinn der Definition zu unterscheiden ist Flötz als Bezeichnung für das Treppenpodest („Flötz[en]treppe“; vgl. Joh. Chr. Gottsched, Handlex. oder kurzgefaßtes Wb. der schönen Wiss. und freyen Künste, Lpz. 1760, Sp. 695; Mothes, Bauwb., Bd. 2 S. 39; s. Treppe).

Im Schweizerdt. - unklar, ob allgemein üblich oder nur regional gebraucht - wird als „Gefletz“ jener Teil des Kirchengebäudes bezeichnet, „da der gemeine Mann steht“: Joh. Chr. Adelung, Grammatisch-kritisches Wb. der Hochdt. Mundart, 2. T, Lpz. 21796 (Ndr. Hdhm. usw. 1991), Sp. 222; in der reformierten Kirche von Elgg steht das an einer Stelle 1648 dat. Gestühl im „Gefletz“, dem Winkel zwischen Chorbogen und Schiff (Kdm.

Schweiz 76, Kt. Zürich-Land 7, S. 334, Abb. 404). Adolf Reinle interpretierte das „Gefletz“ der Stiftskirche Beromünster, erwähnt 1611 und 1619, als „Vorraum“, da hier Gräber lagen (Kdm. Schweiz 35, Kt. Luzern 4, S. 27).

Nach Friedr. Straub, Schweizer Idiotikon. Wb. der Schweizerdt. Sprache, Bd. 1, Frauenfeld 1881, Sp. 1239, ist „G’fletz“ auch die Bezeichnung des Kirchenvorplatzes, wo er als Gerichtsplatz diente, sowie für das Straßenpflaster. Krünitz Bd. 14 (1786) S. 340 führt für den mit Steinen gepflasterten Platz als allgemein oberdt. Bezeichnung das Wort „Flötz“ an.

II. [Begriff]

Das Wort F., bei Grimm (Bd. 3 Sp. 1771) mit der Erläuterung „area, aula“, kommt vom ahd. „flaz(z)i, flez(z)i“, mhd. „vletze, vletz“, hängt zusammen mit ahd. „flaz“ - flach, platt, und hat eine nicht nur im MA nach vielen Seiten offene Bedeutung, u. a. als (Stuben-)Boden, Tenne, Hausflur, Vorhalle, Lagerstatt (Grimm a. a. O.; Oskar Schade, Altdt. Wb., Halle a. d. S. 21882, S. 204; Lexer Bd. 3 Sp. 400; Kluge-Mitzka, neu bearb. von Elmar Seebold u. a., Bln. und New York 221989, S. 223). Als Benennung eines Raumes im Haus ist F. seit dem ausgehenden MA faßbar.

In den Wörterbüchern, in enzyklopädischen Werken und in Architekturtraktaten des späten 18. und des 19. Jh. werden in der Regel die meisten der älteren und weitere Bedeutungen aufgeführt, so, unter Einschränkung auf Bayern, bei Krünitz a. a. O. „Vorhaus, bedeckter Gang, eine Gallerie“; ähnlich Stieglitz Bd. 2 S. 240f., der als Grundbedeutung angibt: „im Oberdt. ein mit Steinen gepflasterter Platz in einem Gebäude“.

In Bayern blieb F. als Bezeichnung für den Hausflur im Bürger- und Bauernhaus bis in die Gegenwart erhalten, vgl. Joh. Andr. Schmeller, Bayer. Wb., Stg. und Tüb. 21872, Bd. 1 Sp. 800 („F., Pflitz“); Eberh. Kranzmayer, Die südostdt. Namen des Hausflurs, Bayer.-Südostdt. Hh. für Volkskde. 13, 1940, H. 5f. S. 66-69; Eberh. Schuster, Das Bürgerhaus im Inn- und Salzachgebiet, Tüb. 1964 (Dt. Bürgerhaus, 5), S. 27; Torsten Gebhard, Der Bauernhof in Bayern, Mchn. 1975, S. 158.

Alternativbezeichnungen lassen sich vornehmlich Archivalien und Bauplänen entnehmen, seltener Ansichten der Gebäude aus dem 16. bis 19. Jh.

So ist im „Inventarium über daß fürstliche Schloß Neuburg ... Anno 1631“ den Worten „Auf dem Flötz“ von fremder Hand „oder gewölbten Salet“ hinzugesetzt (Staatsarchiv Augsburg, Depot Heimatverein Neuburg a. d. D., Akt Nr. 56, Bl. 1r). Auf den flüchtig notierten Grundrissen zum Bericht vom 21. Februar 1661 über die Baumängel im Schloß Friedrichsruh in Vohenstrauß ist der Mittelraum zwischen den beiden Sälen im Erdgeschoß als „gewölbter Saal“, im Obergeschoß als „VorSal“ eingetragen, in der Mängelaufstellung selbst sind beide Räume als „Pfletz oder Vorhauß“ bezeichnet (Staatsarchiv Amberg, Zugang Vohenstrauß, Fasc. 42, 759). Auf den zweisprachig betexteten Kupferstichen von Joh. Gg. Pintz nach Entwurf Salomon Kleiners vom Holl’schen Rathaus in Augsburg, erbaut 1615-1620, ist auf Taf. III-V „Le Salon inferieur. Das Untere Pfletsch oder Saal“ und „Le Salon Superieur. Das Obere Pfletsch oder Saal“ eingetragen (Das Prächtige Rat Hauß der Stadt Augspurg ..., Augsb. 1732; Renate von Walter, Das Augsburger Rathaus, Augsb. 1972 [Abhn. zur Gesch. der Stadt A., Bd. 20], Abb. S. 94-97).

Lat. Bezeichnungen ergeben sich z. B. aus der Beschriftung von Plangrundrissen des Jesuitenkollegs in Straubing, um 1631/1650: „Ambulacrum“ (Bayer. Hauptstaatsarchiv München, Planslg., Nr. 9758-9761; Gabriele Dischinger, Zchgn. zu kirchl. Bauten bis 1803 im Bayer. Hauptstaatsarchiv, Wiesb. 1988 [Archit.zchgn. in den staatl. Archiven Bayerns, Bd. 1], Textbd. S. 245-247 Nr. 607-610, Taf.bd. S. 157), und dem Grundriß des Erdgeschosses für das Jesuitengymnasium Dillingen a. d. D., 1732, wo als „Atrium“ bezeichnet ist, was in der zugehörigen „Notha waß die beyligente Rüß außweysen“ als „flöz“ aufgelistet ist (ebendort, Planslg., Nr. 10344-10351; ebd. Textbd. S. 56-58 Nr. 105-112, Taf.bd. S. 30f.).

III. [F. in Rathäusern und Schloßbauten]

In Rathäusern und Schloßbauten ist der/das F. nicht selten aufwendig gestaltet.

So ist in Rathäusern das F. oftmals gewölbt (z. B. wurde 1446 im Landshuter Rathaus „schergenstuben, stubencamer und F. inwendigs neu gebaut und gewelbt“: Die Chroniken der Dt. Städte, Bd. 15, Lpz. 1878, S. 292). Kreuzgratgewölbe mit betonten Scheidbögen über Pfeilern dorischer Ordnung aus Rotmarmor prägen das Erscheinungsbild des unteren F. im Augsburger Rathaus (Augsburg und sein Rathaus 1985, Augsb. 1985, Abb. S. 90, 99 und 102); im oberen F. ruhte eine reich gefelderte Kassettendecke auf Unterzügen über Rotmarmorsäulen mit ehernen Kapitellen korinthischer Ordnung (Abb. 1). Eine Kassettendecke hebt auch das „Große F.“ im Schloß Neuburg a. d. D., um 1538, vor den übrigen Räumen hervor (s. Sp. 629 Abb. 1), zweifarbiger Marmorfußboden und ein Fries mit geschnitzten Konsolen -Büsten und Ornamente - kommen hinzu (Kdm. Bayern, Schwaben 5 S. 227-230 mit Abb. 168); zum „gewölbten Salet“ in Neuburg s. oben.

In städtischen Wohnhäusern und in Klosterbauten ist der/das F. so gut wie immer ohne größeren architektonischen Aufwand, wenn auch des öfteren gewölbt, und nimmt meist die Treppe auf (Abb. 2; vgl. z. B. die oben genannten Grundrisse zum Straubinger Jesuitenkolleg). Vielfach ist, besonders vom späten 18. Jh. an, der/das F. als mehr oder weniger breiter Gang ausgebildet, der die ganze Länge oder Breite des Gebäudes durchläuft. Dies trifft auch für viele Bauernhäuser und ländliche Pfarrhöfe zu (s. z. B. den Grundriß der Schwaige Streiflach, 1650: Hans H. Schreiber, Amperland 29, 1993, S. 33-39, Abb. 4; Pfarrhof Thanning Kr. Bad Tölz-Wolfratshausen, Plan von 1754: G. Dischinger a. a. O. Textbd. S. 253 Nr. 628). Zur unterschiedlichen Position des F. je nach Hausform vgl. T. Gebhard a. a. O. (Sp. 1111) S. 44, 52 und 54, Abb. S. 49, Abb. 181.

Selbst bei Wirtschaftsgebäuden wird gelegentlich ein F. genannt, so z. B. in der Beschreibung des Zisterzienserklosters Walderbach, Opf., aufgesetzt anläßlich der Säkularisierung 1803 (Staatsarchiv Amberg, Finanzamt Walderbach, Fasc. 121, unter Nr. 1, 3, 6 und 15). Gewölbt war der/das F. der Wirtschaftsgebäude von Kloster Dießen a. A. (Beschreibung von 1628: Pankraz Fried und Heinz Haushofer [Hgg.], Die Ökonomie des Klosters D.: das Compendium Oeconomicum von 1642, Stg. 1974 [Quellen und Forschgn. zur Agrargesch., Bd. 27], S. 77).

IV. [Die Ausgestaltung des F.]

Die Ausgestaltung des F. durch Werke der bildenden Kunst als Teil einer das ganze Gebäude übergreifenden, einem einheitlichen Programm unterworfenen Ausstattung gibt es gelegentlich bei Rathäusern.

Auch hier ist an erster Stelle das Augsburger Rathaus zu nennen, wo im F. des Erdgeschosses die aus Bronze gegossenen Büsten der zwölf ersten römischen Cäsaren sowie die von Hadrian und Septimius Severus angebracht sind (Güsse von Wolfg. Neidhart, 1620-1626), im oberen F. die nach Entwürfen von Joh. Matth. Kager von Hans Freyberger 1620-1623 gemalten Leinwandbilder „Bauwesen“, „Steuerwesen“, „Gerichtswesen“ und „Ratswesen“ auf die Bestimmung der über den F. erschlossenen Räume verwiesen (Ausst.kat. „Elias Holl und das Augsburger Rathaus“, Augsburg 1985, S. 211f. Nr. 2, S. 214 und 222-223 Nr. 22-25).

Möblierung - auf Dauer oder temporär - ist, wenn archivalisch oder im erhaltenen Bestand faßbar, meist auf Bänke beschränkt.

Vgl. den Eintrag in „Endres Tuchers Baumeisterbuch der Stadt Nürnberg (1464-1475)“, hg. von Matth. Lexer, Stg. 1862 (Bibl. Lit. Ver., Bd. 62), S. 300 Z. 14ff., wo anläßlich des Besuchs Kaiser Friedrichs III. im J. 1471 in der Burg zu Nürnberg ein „fleczlein“ beschrieben ist, „das lustig und mit pencken, die angehangen gerings umb zugericht sein, darauf stet ein tisch auf 2 pocken und davor ein fürpanck“. Im Augsburger Rathaus waren sowohl im unteren als auch im oberen F. an den Seitenwänden zwischen den reich ausgebildeten portalartigen Türen zu den Amtszimmern Bänke aufgestellt (Abb. 1; Stiche von J. G. Pintz nach S. Kleiner, s. oben Sp. 1111).

Zu den Abbildungen

1. Augsburg, Rathaus, oberer F. (vor der Zerstörung 1944). Ausbau des Raumes 1619-1620, Kassettendecke von Lorenz Bayr. Foto Gundermann, Würzburg, Nr. 4412.

2. Joh. Paul Stimmelmayr, Disposition des Hauses Bräuhausstr. 4 in München (abgebrochen E. 19. Jh.), in: ders., Meine Erinnerungen, Bd. 1 S. 9 Plan V („Grundriß über ein, und zwo Stiegen“; Nr. 41: „Fletz mit Gang“). Hs. mit Federzchgn. München, Archiv des Erzbistums München und Freising. Um 1800. Foto Archiv.

Verweise