Flamboyant

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englisch: Flamboyant, florid gothic; französisch: Flamboyant, gothique tardif; italienisch: Flamboyant, gotico fiammeggiante.


Georg Germann (1992)

RDK IX, 638–641


I. Definition, Wortgebrauch, Synonyme

Mit F. wird die in Frankreich von etwa 1380 bis etwa 1530 vorherrschende Bauart bezeichnet, zu deren Merkmalen die gleichsam lodernden oder flammenden (franz. „flamboyant“) *Maßwerkformen gehören. Auf außerfranz. Architektur wird das Wort angewandt, um auffallende Ähnlichkeit mit franz. spätgotischer Baukunst anzudeuten.

Das eingedeutschte Wort „flamboyant“ kann wie seine franz. Entsprechung über den Formcharakter hinaus eine ganze Epoche bezeichnen. z. B. franz. „l’humanisme flamboyant“ (Roland Sanfaçon, L’archit. flamboyante en France, Quebec 1971, S. 187) oder dt. „die flamboyante Welt“ (Jan Białostocki, Spät-MA und beginnende Neuzeit, Bln. 1972 [Propyläen-Kg., Neuaufl., Bd. 7], S. 98).

Die fast nur in Wörterbüchern zu findende Lehnübersetzung „Flammenstil“ und die Synonyme „Fischblasenstil“ und „Blasenstil“ (Lottlisa Behling, Gestalt und Gesch. des Meßwerks, Halle a. d. S. 1944 [Die Gestalt, 16; Köln und Wien 21978], S. 34 und 36) beziehen sich eindeutig auf Maßwerkformen mit Fischblasen.

II. Begriffsgeschichte

Aufwertung und erste chronologische Klassifizierung der ma. Architektur geschahen im 18. und 19. Jh., zunächst in Frankreich und England. MA-Archäologen der Normandie, namentlich Arcisse de Caumont, Charles-Alexis Duhérissier de Gerville und Auguste Le Prevost prägten um 1820 die franz. Stilbezeichnungen. A. Le Prevost (1787-1859) sah im Maßwerk das wichtigste „Leitfossil“ der gotischen Baukunst und unterteilte sie nach dessen Formen in „gothique à lancette“ (Frühgotik), „gothique rayonnante“ (Hochgotik) und „gothique flamboyant“ (Spätgotik; vgl. Instruction du Comité Hist. des Arts et Monuments.

Archit. Gallo-Romaine et Archit. du Moyen Age, hg. von Prosper Mérimée, Alb. Lenoir, Auguste Leprévost und Charles Lenormant, Paris 1857, S. 194-199). Wahrscheinlich wurde diese Nomenklatur erstmals 1825 veröffentlicht, und zwar von A. de Caumont, der ihr größere Anschaulichkeit als der eigenen („gothique primordial“, „gothique secondaire“, „gothique tertiaire“) zugestand [2, S. 607f., 614, 635 und 649]. Alle genannten franz. Forscher waren Mitglieder einer Linné-Gesellschaft und suchten dessen naturkundlich-botanische Systematik auf Bauformen zu übertragen.

Früher als in Frankreich legte man in England den Epocheneinteilungen Maßwerkformen als Kriterium zugrunde und schuf entsprechende Stilbezeichnungen. Von den dabei vorgeschlagenen Benennungen blieb nur „Perpendicular Style“ für die engl. Spätgotik geläufig, der Thomas Rickman in seinem 1817 veröffentlichten Handbuch des für jene Epoche charakteristischen Maßwerks aus Scharen senkrechter Stäbe wegen den Namen „Perpendicular English style“ gegeben hatte [1, S. 39]. Die von den 1830er Jahren an häufigeren Kontinentreisen engl. Forscher brachten die Erkenntnis mit sich, daß Eselsrücken und Blasenformen des Maßwerks in England früher als in Frankreich üblich waren und auch früher wieder aufgegeben wurden, daß „curvilinear“ und „flamboyant“ einander ähneln, aber zeitlich um zwei Generationen verschoben sind und daß dem Maßwerk der franz. Spätgotik andere Formprinzipien zugrunde liegen als dem der engl. Spätgotik. Für ersteres benutzten auch Engländer den Terminus „F.“, so z. B. 1842 Rob. Willis [6]; in den späteren Ausgaben von Th. Rickmans Handbuch bezeichnet „F.“ die franz. Spätgotik [7, S. 424 bis 434].

Die Bemühungen um eine dt. Nomenklatur setzten später ein als in England und Frankreich und nehmen Bezug auf andere Fragestellungen als die in jenen Ländern maßgebenden. Den Berliner Kunsthistoriker Franz Kugler beschäftigte das „Entwicklungsmoment“ und das am Ende der 1830er Jahre ins Bewußtsein der Deutschen tretende nationale Ärgernis, daß die „eigentliche Entwicklung des germanischen Bausystemes“ in „N-Frankreich zu suchen sei [4, Bd. 2 S. 26]; zur Wahl der Stil- und Schulbezeichnungen im allgemeinen äußerte Kugler, möglicherweise mit einer Spitze gegen A. Le Prevosts Stilbezeichnungen: „Der Mensch ist - Gott sei Dank! - keine Pflanze, daß er nach Blättern und Staubfäden in Classen zu rubriciren wäre“ (ebd. Bd. 1 S. VIII). In seinem weitverbreiteten „Handbuch der Kunstgeschichte“ [5] fehlen Hinweise auf die franz. Nomenklatur, auf die zwei Jahre zuvor Friedrich Hoffstadt, Gothisches A-B-C-Buch, o. O. 1840, S. 137, hingewiesen hatte. Wilhelm Lübke schrieb 1847 von den „Formen des Flamboyant, also der Ausartung“ an der W-Fassade des Doms in Magdeburg (Briefe von W. Lübke an Herm. Kestner aus den Jahren 1846-1859, Karlsruhe 1895, S. 45). Anton H. Springer vermerkte zum Fischblasenmaßwerk, es habe wegen des „flammenartigen Scheines dem franz. flamboyanten Style den Namen“ gegeben (Die Bauk. des chr. MA, Bonn 1854, S. 146). W. Lübke gebrauchte den Terminus „F.stil“ in seiner „Gesch. der Architekt.“, Lpz. 1855, S. 305, und er führte ihn auch bei seiner Bearbeitung von Kuglers Handbuch mit der Bemerkung ein, es seien in der franz. spätgotischen Architektur „und besonders in den Maßwerken jene flammenförmigen Figuren beliebt..., welche diesem späteren Stile den Namen des F. verschafft haben“ [8, S. 206].

In dt. Lexika ist seit der 2. H. 19. Jh. das Wort F. auch auf die englische Architektur der Spätgotik angewandt. Möglicherweise ist der Ausgangspunkt dafür Oscar Mothes, Allg. dt. Bauwörterbuch, Bd. 2, Lpz. 1859, S. 36 s. v. „Flammenstyl“ (vgl. auch Müller-Mothes Bd. 2 S. 343).

Genannt seien Pierers Universal-Conversations-Lex., Bd. 8, Oberhausen und Lpz. 61876, S. 156 („F.stil [Gothique flamboyante], der Stil der entarteten Gotik des 15. und 16. Jahrh., so genannt von dem flammenartigen, verworrenen Aussehen des Fensterrippenwerks in den Spitzbogen im Gegensatz zu den einfachen Durchkreuzungen der Fensterrippen des 13. und 14. Jahrh. Charakteristisch für die französische u. englische Gothik ist die Anordnung dieser entarteten Formen in parallelen Flächen neben einander [Perpendicularstil], während dieselben in der deutschen Gothik gewöhnlich mehr ein Rotiren ausdrücken“); Brockhaus’ Konversations-Lex., Bd. 146, Lpz. u.s.w. 1893, S. 866 („die im 15. und 16. Jh. besonders in Frankreich und England angewandte Form des spätgot. Stils, so genannt von der flammenförmigen ... Ornamentik im Maßwerk; ähnlich noch Der Große Brockhaus, Bd. 6, Lpz. 1930, S. 296); Meyers Großes Konservationslex., Bd. 6, Lpz. und Wien 61904, S. 654 („F. Flammenstil, die im 15. und 16. Jh. in Frankreich und England übliche Form des spätgot. Stils, so genannt von der flammenförmigen (Fischblasen-)Ornamentik an den Säulen, und in dem Maßwerk [s. Abb.]“). Die Angabe, der F.stil sei der spätgotische Baustil in England und Frankreich, reicht bis zu Duden Fremdwörterbuch, Mannheim, Wien und Zh. 31974 (Der große Duden, Bd. 5), S. 244 („der spätgot. Baustil in England und Frankreich“).

In der Fachlit. hat sich diese Ausweitung des Begriffs auf engl. Architektur nicht durchsetzen können; vertreten wurde sie zu Beginn des 20. Jh. vor allem von Camille Enlart (Origine anglaise du style flamboyant, Bull. Mon. 70, 1906, S. 38-81; ders., ebendort 74, 1910, S. 125-147), der unter „style flamboyant“ nicht nur die spätgotische Architektur in ganz Europa, sondern auch die gotisierenden Bauten des 16. Jh. in den „Colonies d’Afrique, Asie et Amérique“ subsummierte (in: André Michel [Hg.], Hist. de l’art, Bd. 3,1, Paris 1908, S. 3-100).

Literatur

1. Thomas Rickman, An Attempt to Discriminate the Styles of Engl. Archit. ..., Ld. 1817 (vgl. [15] Bd. 3 S. 1413-1419 und 1478). - 2. Arcisse de Caumont, Essai sur l’archit. religieuse du moyen âge, particulièrement en Normandie ..., Mém. de la Soc. des Antiquaires de la Normandie 1,2, 1824-25, S. 535-677 (vgl. [13] S. 36-44). - 3. Ders., Hist. sommaire de l’archit. religieuse, civile et militaire au moyen âge, Caen, Paris und Rouen 1836, bes. S. 16-20, 25-29 und 185. - 4. Franz Kugler, Hdb. der Gesch. der Mal. von Constantin dem Grossen bis auf die neuere Zeit, Bln. 1837, Bd. 1-2. - 5. Ders., Hdb. der Kg., Stg. 1842. - 6. Robert Willis, On the Characteristic Interpenetrations of the Flamboyant Style, Transactions of the Royal Inst. of Brit. Architects 1, 2, 1842 (Ndr. Ld. 1910; vgl. [15] Bd. 3 S. 1439 und 1480). - 7. Th. Rickman, An Attempt to Discriminate the Styles of Archit. in England ..., hg. von John Henry Parker, Oxf. und Ld. 61862. - 8. Fr. Kugler [5], hg. von Wilhelm Lübke, Stg. 41861, Bd. 2. - 9. Lasteyrie, Got., Bd. 2 (1927), bes. S. 1,3-5 und 21-68. - 10. Lisa Schürenberg, Die kirchl. Bauk. in Frankr. zw. 1270 und 1380, Bln. 1934. - 11. Paul Frankl, The Gothic: Literary Sources and Interpretations through Eight C., Princeton 1960 (Stichwortregister S. 898-916). - 12. Jan Białostocki, Late Gothic: Disagreements about the Concept, The Journ. of the Brit. Arch. Ass. 3rd ser. 29, 1966, S. 76-105. - 13. Nik. Pevsner, Some Architectural Writers of the Nineteenth C., Oxf. 1972. - 14. Gg. Germann, Neugotik: Gesch. ihrer Archit.theorie, Stg. 1974 (im Register unter „Gotik“). - 15. Johs. Dobai, Die K.lit. des Klassizismus und der Romantik in Engl., Bd. 1-4, Bern 1974-1984.

Verweise