Flügelglas

Aus RDK Labor
Wechseln zu: Navigation, Suche

englisch: Winged glass; französisch: Verre à jambe ornée d'ailerons; italienisch: Calice con alette.


Friedrich Kobler (2003)

RDK IX, 1447–1449


RDK IX, 1447, Abb. 1. Berlin, E. 16. oder 17. Jh.
RDK IX, 1449, Abb. 2. Peter Wolff (zugeschr.), um 1666/1677.

I. Allgemeines

F. ist die Bezeichnung für ein Kelchglas (einen Pokal), dessen Stiel entweder Flügel angefügt sind oder bei dem ein Teil des Stieles als paariges flügelartiges Gebilde gestaltet ist. Beide Formen gelten als in Venedig (Murano) entstanden und in anderen Gebieten vielfach nachgeahmt.

II. Gestalt

1. Die dem Stiel angesetzten Flügel sind aus einem gebogten oder gewinkelten und an den Enden eingerollten, meist dickeren Glasfaden gebildet. Diesem sind gekniffene Kämme aufgeschmolzen, die häufig eine zusätzliche Verzierung in Gestalt von ovalen oder runden Blättchen mit Waffelmuster aufweisen. Die Flügel setzen auf halber Höhe des Stieles an (F. im engeren Sinn; [1] S. 72f.; Abb. 1).

Die Gestalt mancher Flügel, die es an anderen Glasformen als Henkel gibt, wird in der Lit. mit der von Seepferdchen verglichen (so von Ignaz Schlosser, Das alte Glas, Mchn. 1984 [Bibl. für K.- und Antiquitätenfreunde, 36], S. 103; [5] passim).

Kelchgläser dieser Art sind in Murano wohl seit 1512 archivalisch zu fassen (Luigi Zecchin, Vetro e vetrai di Murano, Bd. 2, Ven. 1989, S. 164; vgl. auch [3] S. 88; ein Inv. von 1570 mit „goti da morise“: L. Zecchin a. a. O. S. 174; [7]; vgl. auch Detlef Heikamp, Mediceische Glask., Flor. 1986, Abb. 43) und wurden bis ins 18. Jh. dort hergestellt (Beisp. im Ausst.kat. „Mille anni di arte del vetro a Venezia“, Venedig 1982, S. 118f.). Im übrigen Europa zählen sie zum Glas „à la Façon de Venise“; Lokalisierung und genaue Datierung ist bei den meisten Beispielen nicht gesichert. Zu den Flügelformen vgl. [6] S. 281-284. - Zu historisierenden F. der 2. H. 19. Jh. in Italien s. [3] Abb. S. 191, 195 und 205 sowie Barbara Mundt, Historismus, Bln. 1973 (Kat. des Kgwb.mus. Berlin, Bd. 7), Nr. 130; F. aus dt. Glashütten: ebd. Nr. 126f.

2. Kelchgläser, bei denen meist der mittlere Abschnitt des Stieles aus einem Flügelpaar, meist mit eingeschlossenen Fäden aus farbigem (blauem, türkisfarbenem, rotem oder weißem Glas) und aufgeschmolzenem Kamm besteht (Abb. 2), werden in niederl. Schriftquellen als „verres à serpent“, in dt. Quellen des 17. Jh. als Schlangengläser bezeichnet ([6] S. 331-338, auch in Abgrenzung zu Adlergläsern). Die moderne dt. Benennung F. für so gezierte Kelchgläser (z. B. bei [1] S. 114) ist, historisch gesehen, irreführend [2, Sp. 1039].

Im Gegensatz zu Kelchgläsern mit freiplastisch wiedergegebenen Schlangen als Stiel (vgl. [6] S. 333 Abb. 70; s. auch Franz Adrian Dreier, Kchr. 48, 1995, S. 245) sind „ihre Schlangenschäfte gleichsam zweidimensional ..., wobei recht häufig in der Mitte die Fäden die Form einer ‚8‘ bilden, oft begrenzt von herzförmigen oder dreieckigen Konfigurationen“ (Axel von Saldern, Jb. der Hamburger K.slgn. 17, 1972, S. 77; zu den ebd. und in [2] Sp. 1039 genannten Kelchgläsern mit spiralig gewundenden Schlangenschäften, Arbeiten aus der Zeit um 1880, s. Helmut Ricke, Journ. of Glass Stud. 20, 1978, S. 45-99). Die oberen Enden der die Schlange(n) bildenden dicken Fäden sind manchmal vogelähnlich gestaltet.

Auch diese Gläser zählen zu jenen „à la Façon de Venise“ und wurden spätestens im 17. Jh. vor allem in den Niederlanden, aber auch in deutschen Glashütten hergestellt ([2] Sp. 1039; [4] S. 111f. Nr. 113). Daß dort tätige Glasmacher „coppen met serpenten“ (z. B. Nikolaus Stua 1667 in Amsterdam: ebd.) und „Schlangengläser“ fertigten [6, S. 331], gab Anlaß, zu vermuten, daß diese Gläser in Venedig erfunden wurden, doch fehlen bislang eindeutige Zeugnisse dafür [3, S. 118].

Daß Schlangengläser mit vogelkopfähnlichen Enden mit den in dem Kasseler Inv. von 1583 aufgeführten „Imperialgläsern“ gleichzusetzen sind, ist möglich, aber nicht zu belegen; Voraussetzung dafür wäre zum einen, daß solche Gläser identisch wären mit Kelchgläsern (Pokalen), deren Schaft ein Adler ist, zum anderen, daß nachweislich letztere als Imperialgläser bezeichnet wurden (zum Problem Franz Adrian Dreier, Ein Adlerpokal mit Monogramm Friedrichs III./I. von Brandenburg-Preussen, in: Fs. für Brigitte Klesse, Bln. 1994, S. 19-38; eher ablehnend [6] S. 336).

Unter den historisierenden Gläsern der 2. H. 19. Jh. sind Schlangengläser in zahlreichen Varianten vertreten; zu ital. Beisp. s. [3] Abb. S. 191, 195, 205; B. Mundt a. a. O. (Sp. 1448) Nr. 130; Ausst.kat. „Vetri di Murano“, Venedig 1978, passim. Zu dt. Beisp.: H. Ricke a. a. O.; B. Mundt a. a. O. Nr. 126f. (Rheinische Glashütten-AG Elberfeld; Gräflich Schaffgottsche Josephinenhütte in Schreiberhau, Niederschlesien); Petersdorfer Glashütte Fritz Hecken: [7].

Zu den Abbildungen

1. Berlin, Kgwb.mus. SMPK, Inv.nr. 1976, 20, F. Farbloses und türkisfarbenes Glas mit Diamantriß, 18,5 cm h. Venedig oder „Façon de Venise“, E. 16. oder 17. Jh. Foto Mus.

2. Köln, Mus. für angewandte K., Inv.nr. F 3, Schlangenglas. Farbloses, blaues und weißes Glas mit Diamantriß, 26,5 cm h. Niederl. oder Köln, Diamantriß Peter Wolff zugeschr., tätig in Köln 1666-1677. Foto Mus.

Literatur

1. Robert Schmidt, Das alte Glas, Bln. 1912. - 2. Axel von Saldern, Façon de Venise, in: RDK VI 1024-1048. - 3. Rosa Barovier Mentasti, Il vetro veneziano, Mail. 1988. - 4. Franz Adrian Dreier, Venezian. Gläser und ‚Façon de Venise‘, Bln. 1989 (Kat. des Kgwb.mus. Berlin SMPK). - 5. Pieter C. Ritsema van Eck und Henrica M. Zijlstra-Zweens, Glass in the Rijksmus, Bd. 1, Zwolle 1993 (Cat. of the applied arts in the Rijksmus. Amsterdam, 2-I). - 6. Anna-Elisabeth Theuerkauff-Liederwald, Venezian. Glas der K.slgn. der Veste Coburg, Coburg und Lingen 1994 (Kat. der K.slgn. der Veste Coburg).

Frdl. Hinweise werden Franz Adrian Dreier, Bln. [7], Hermann Jedding, Hbg., und Axel von Saldern, Starnberg-Söcking, verdankt.

Verweise