Flächeln

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englisch: Flat-cutting on metal; französisch: Travailler au ciseau en metal; italienisch: Scolpire il metallo.


Franz Adrian Dreier (1992)

RDK IX, 535–544


RDK IX, 79, Abb. 35. Hamburg, um 1800.
RDK IX, 537, Abb. 1. Berlin 1795.
RDK IX, 537, Abb. 2. Basel, 2. H. 14. Jh.
RDK IX, 539, Abb. 3. George Hübner, um 1530, Bielefeld.
RDK IX, 539, Abb. 4 a und b. Wien, um 1700.
RDK IX, 541, Abb. 5. Dresden, 1619.

I. Definition

„Flächeln, Flecheln“ (von flach; Grimm Bd. 3 Sp. 1699: „flache Vertiefungen machen“) ist die Bezeichnung der Zinngießer für das Gravieren eines Ornaments aus im Zickzack verlaufenden Zierlinien. Das Wort kommt seit dem 18. Jh. in technologischen Werken und Lexika vor [2; 4f.]. In moderner Literatur wird es auch Tremolierstich genannt, doch ist dies eine historisch unzulässige Erweiterung des Begriffs, mit dem die im 18. Jh. „Schwiebelirstich“ genannte Zickzacklinie zur Materialentnahme für die Bestimmung der Lötigkeit von Edelmetallen gemeint ist (Joh. Samuel Halle [1] S. 105).

In Süddeutschland scheint die Bezeichnung „Flechelarbeit“ gelegentlich für textile Arbeiten gebraucht worden zu sein, ohne daß klar ist, um welche Art Arbeiten es sich dabei handelt (Flachstich? Applikation?). In der neueren Textilkunde ist die Bezeichnung unbekannt.

Im Inventar von Schloß Gaibach, Ufr., aus dem Jahr 1732 ist ein (nicht erhaltenes) Paradebett beschrieben, „dessen gräntz und vorhäng mit berlfarben tafet, worauf mit gebäu, figuren, unterschiedlichen thieren, vögel und farbige blumen von flechelarbeit sehr reich ausgenähet ... inwendig des Imperialis von weissen holländischen Atlas straifen, worauf desgleichen flechelarbeith ausgenähet“ war; gewiß handelt es sich hier nicht um die „Fleckeltechnik“, bei der regelrechte Flicken aneinander oder in einen Grund eingesetzt wurden (vgl. Erich Meyer-Heysig, Weberei Nadelwerk Zeugdruck, Mchn. 1956, S. 59, Taf. 76f.).

Nicht mit der F.linie verwechselt werden sollte die sog. „Sägeblattlinie“ bei karoling. und otton. Edelmetallgravierungen (vgl. Rich. Hamann-Mac Lean, Frühe K. im westfränk. Reich, Lpz. 1939, Abb. 53f. und 56) und bei sog. Hansaschüsseln des 12.-13. Jh. sowie die bei roman. *Nielloarbeiten und bei der Tauschierung vorkommende, technisch bedingte Auszackung der Ränder.

II. Technik

Das F. wurde mit einem knieförmigen Grabmeißel, dem F.meißel, ausgeführt, dessen schräg abgeschliffene Fläche die Hälfte einer Ellipse oder eines Ovals bildet. Man nahm den Stiel so in die Hand, daß der Zeigefinger dem Eisen gerade anlag (Abb. 1). Der Meißel wurde geneigt gegen die Fläche des Werkstückes angesetzt - jedoch steiler als der gewöhnliche Grabstichel - und alsdann in einer dem Wricken ähnlichen, schwingenden Bewegung vorgestoßen. Es ergab sich auf diese Weise eine Zickzacklinie mit leicht gebogten Einzelstrichen (Abb. 3 sowie 4 a und b). Für die verschiedenen Linien standen Meißel von verschiedener Breite zur Verfügung. Doppellinien, wie man sie vornehmlich bei Kartuschen und anderem Zierrat verwandte, wurden mit gespaltenem Meißel erzielt. Für Schattierungen benutzte man große, gerade Meißel. Nur sehr feine Linien, wie die Konturen von Augen, Nase und Mund, führte man stets mit dem Grabstichel aus. Häufig wurde Mischtechnik angewandt. Dem F.meißel fiel dann die Zeichnung der gröberen Linien zu, während man sich bei den feineren der Stichgravierung bediente (zur Technik s. auch Joh. Warncke, Die Zinngießer zu Lübeck, Lübeck 1922, S. 85f.; zu den bei der F.technik verwendeten Stahlwerkzeugen s. für die Frühzeit Hans Drescher, Hammaburg 5, 1956-1958, H. 11 S. 27; ders., Die Kunde N.F. 14, 1963, S. 132, für das 18. Jh. [3] Taf. XXXI, mittlere Abb.).

III. Geschichte

A. Altertum

Metallarbeiten - meist aus Bronze, selten aus Gold oder Silber - mit Gravierungen in F.technik kommen seit dem 8./7. Jh. v. Chr. sowohl im Mittelmeergebiet als auch in Mittel-, West- und Nordeuropa vor. Nur sporadisch ist das Ornament bei Arbeiten aus römischer Zeit anzutreffen, etwas häufiger bei germanischen Fibeln des 1. und 3. Jh. n. Chr.

Zu den Beispielen allgemein s. Paul Jacobsthal, Greek pins and the connection with Europa and Asia, Oxf. 1956, S. 209-211; ferner Ed. Frhr. von Sacken, Das Grabfeld von Hallstatt in O.Ö. ..., Wien 1868, S. 121, Taf. VII,11, VIII,2, XII,11 und XIV,15f.; Wolfg. Kimmig, Vorzeit an Rhein und Donau, Lindau und Konstanz 1958 (Das Bild in Forschg. und Lehre, Bd. 1), Abb. 97; Ferd. Maier, Zur Herstellungstechnik und Zierweise der späthallstattzeitl. Gürtelbleche SW-Dtld., 39. Ber. der RGK, 1958, S. 131ff., bes. S. 159ff. und Taf. 43-48; Imma Kilian-Dirlmeier, Zwei verzierte Gürtelbleche im RGZM, Jb. des Röm.-Germ. Zentralmus. Mainz 15, 1968, S. 219-223, Taf. 39f.; zu den germanischen Fibeln: Andreas Oldeberg, Metallteknik under förhistorisk tid, T. 2, Lund 1943, S. 73ff., Fig. 161-169; Erhard Cosack, Die Fibeln in der älteren Röm. Kaiserzeit in der Germania libera, T. 1, Neumünster 1979 (Göttinger Schrn. zur Vor- und Frühgesch., Bd. 19); H. Drescher, Germania 35, 1957, S. 88.

B. Früh- und Hoch-MA

Im Früh- und Hoch-MA scheint man sich nur selten der F.technik bedient zu haben, z. B. bei der goldenen Buckelspange aus Sievern Kr. Wesermünde, 10. Jh. (Kreisheimatmus. Stade: Gernot Jacob-Friesen, Einführung in Niedersachsens Urgesch., 3. T., Eisenzeit, Hdhm. 1974, S. 690, Farbtaf. 6) oder bei der aus Zinn hergestellten Fassung eines Bernstein-Amuletts aus Haithabu (frdl. Hinweis H. Drescher, Hbg.-Harburg). - Unter den gravierten Schüsseln des 12.-13. Jh. sind auch in F.technik gezierte; die sog. Engelsschüsseln zeigen das Ornament an dominierender Stelle (vgl. die Abb. bei Josepha Weitzmann-Fiedler, Roman. gavierte Bronzeschalen, Bln. 1981, Nr. 104, 116, 123f.; ebd. zahlreiche Beispiele für „Hansaschüsseln“: Nr. 51, 68, 85, 87 u. ö.).

C. Spät-MA und Neuzeit

1. Zinn

Kein Metallarbeiter-Gewerbe hat die künstlerischen Möglichkeiten der F.gravierung so ausgiebig und mit so viel Geschick benutzt wie das der Zinngießer. Die Ursache darf zunächst in der Besonderheit des Materials gesehen werden: Das seiner Natur nach spröde, durch Bleizusatz jedoch meist recht weiche Zinn erschwert dem Graveur das Ziehen und Stoßen gerader, gleichmäßig tiefer Linien. Leicht werfen sich die Ränder unregelmäßig auf, und der Stichel gerät von der vorgezeichneten Linie ab. Nur die geschicktesten unter den Stechern (s. unten) vermochten aus diesem Grunde einwandfrei mit dem Grabstichel umzugehen, die weniger begabten zogen die F.gravierung vor.

Vor allem bedeutet F. Zeitersparnis. Der Chartreser „Zinngießerhändler“ Pierre Augustin Salmon bemerkte E. 18. Jh. bei der Beschreibung des Schattierens mit dem F.meißel: „Man weiß, daß der Grabstichel weit besser diese Schattirungen bilden würde, allein bei einem Werke von so geringem Werthe ziehet man die hurtige und geschwinde Arbeit und deren Verrichtung vor“ (Übers. von Gottfr. Erich Rosenthal: [3] S. 573).

Beispiele von Zinngerät mit F.ornament reichen nach bisheriger Kenntnis nicht vor die 2. H. 14. Jh. zurück. Drei Kannen und ein zylindrisches Deckelgefäß sowie der Deckel eines solchen, sämtliche aus dem Basler Münsterschatz und im Hist. Mus. Basel aufbewahrt, zeigen F.linien als Füllung der eingravierten gotischen Majuskeln (Abb. 2; Kdm. Schweiz 4, Basel-Stadt 2, S. 175-178 Nr. 22, Abb. 128-131). - Auf zwei von George Hübner um oder kurz nach 1530 in Löwenberg, Schlesien, geschaffenen Buckelschüsseln, die eine aus der Slg. Bertram in der Slg. Gläntzer, Bielefeld, die andere im Schles. Mus., Breslau, ist der F.dekor eine beherrschende ornamentale Funktion zugewiesen (Abb. 3; Hintze Bd. 4 Nr. 826; Wiesława Siedlecka, Cyna Sląska, Breslau 1969 [Ze zbiorów Museum Śląskiego]). Geflächeltes Schuppenmuster ziert die Wandung einer fragmentierten Kanne von vor 1538, die in einem Brunnen im Paulinerkloster von Toronyalja, Komitat Pest, gefunden wurde (I. Holl, Zinn im spätma. Ungarn, Acta Arch. Acad. Scientiarum Hungaricae 39, 1987, S. 313-335, bes. S. 318ff., Abb 4f.).

Im Lauf des 16. Jh. mehren sich die Beispiele, nicht nur in Ost- und Süddeutschland, sondern auch in Oberitalien (letztere von hoher Qualität; Beispiele im Ausst.kat. „Edelzinn aus der Slg. Dr. Karl Ruhmann“, Innsbruck 1960, Nr. 92-95). Seit dem 17. Jh. gibt es zahlreiche Zinngeräte mit F.dekor im gesamten deutschen Sprachgebiet, in den Niederlanden, in England, Frankreich und Skandinavien. Der F.meißel wurde mitunter bis zur Übertreibung benutzt. Ganze Särge verzierte man im 17. Jh. an Stelle des sonst plastischen Dekors aus Sparsamkeit und mangels fähiger Meister von oben bis unten mit F.gravierung (vgl. den Sarg der Herzogin Hedwig, gest. 1657, Gemahlin Ottos III. von Braunschweig-Lüneburg, im Helms-Mus. Hamburg-Harburg: H.Drescher, Harburger Jb. 10, 1961-1962, S. 23, Taf. 14). Nachdem im Lauf des 18. Jh. die wachsende Konkurrenz durch Fayence und Steingut und die Erstarrung des Zunftwesens die Zinnkultur allmählich zum Erliegen gebracht hatte, führte das F.ornament noch bis tief in das 19. Jh. ein Nachleben vor allem bei den ländlichen Zinngießern.

Beispiele für geflächeltes Zinn: Karl Beding, Altes Zinn, Bln. 1920, Abb. 13f.; John Gahlnbäck, Zinn und Zinngießer in Liv-, Est- und Kurland, Lübeck 1929, Abb. 27 und 30; Ulrich Huber und Gustav Oertel, Siebenbürgisch-sächs. Zinn. Die Zinnslg. von OGR. Rich. Huber, Reichenberg i. V. 1936, Abb. 136; Friedr. Tischer, Böhm. Zinn und seine Marken, Lpz. 1928, Nr. 136 b, 155 c, 464 a, 777 a, 882 a, 989 e, 1044 c; Arnoldus Joh. Verster, Tin door de eeuwen, Amst. 1954 (dt. Ausg. Hann 1963), Abb. 57; s. auch Zinn.

Zinngießer und Stecher waren keineswegs immer identisch. Neben Goldschmieden und den Petschier- und Kupferstechern, die vermutlich in vielen Fällen das Gravieren des Zinngeräts übernahmen, gab es auch regelrechte Zinnstecher (z. B. Constantin Döring in Breslau, gest. 1626: Hintze Bd. 4 Nr. 1155; vgl. ebd. Bd. 5 Nr. 550 a und b, Teller und Schale mit Stechermonogramm). Diese dürften sich, gleich den Goldschmieden und den anderen Stechern, da, wo höhere Ansprüche zu befriedigen waren, des Grabstichels bedient haben; nur bei Partien, deren Ausführung in F.technik besonders reizvoll schien, ist es vorstellbar, daß sie von jenen in der besonderen Art der F.gravierung ausgeführt wurden (vgl. die prachtvoll in Mischtechnik gravierte Schüssel mit Jagdfries, ein Werk des Hinderick van den Broek: Rob. Forrer, Les Étains de la Coll. Ritleng, Strbg. 1905, S. 12 Nr. 101, Taf. XXVII).

2. Edelmetall

In der Neuzeit wurde die F.technik hin und wieder bei Arbeiten in Edelmetall verwendet, jedoch fast ausschließlich in untergeordneter Weise zur Verzierung von Rändern bei Kästchen, Dosen, Kelchen, Humpen, Bechern und dgl. Am häufigsten gibt es mit F.linien gezierte Silberarbeiten in den Niederlanden und in England (Beispiele bei Johan Willem Frederiks, Dutch Silver, Bd. 3, Den Haag 1960, Taf. 217; Charles Oman, Engl. Church Plate 597 - 1830, Ld. usw. 1957, Taf. 32). Reichen F.dekor zeigen skandinavische Silberarbeiten, vor allem Branntweinbecher der 2. H. 18. Jh. und 1. H. 19. Jh. (Beispiele bei Erik Forssmann, Anders Zorns Silversamling, Stockh. 1955, Taf. XX-XXIII; vgl. auch Sp. 79 Abb. 35).

Gelegentlich wurde die F.technik auch von norddt. Silberschmieden angewandt, so von dem Stader Detlev Junge d. Ä. (Becher, 2. Dr. 17. Jh., 1960 im Amsterdamer Kunsthandel). Bei Münzhumpen aus Königsberg i. Pr. sind die in die Wandung eingelassenen Münzen häufig von F.linien eingefaßt (Alfr. Rohde und Ulla Stöver, Goldschmiedek. in Königsberg, Stg. 1959, Abb. 54, 79, 91, 113).

3. Kupfer

Auch auf Kupfergerät brachte man F.ornament an; vgl. den 1619 dat. Deckelkrug im Mus. für K.handwerk in Dresden, bei dem nicht nur die einzelnen Zonen durch F.linien getrennt und Ranken durch solche gebildet, sondern auch Flächen in F.technik gefüllt sind (Abb. 5).

Zu den Abbildungen

1. Zinngießer bei der Arbeit mit dem F.meißel. Kupferstich (Ausschnitt) in [3] Taf. XXXI oben. 1795. Foto Photo-Göllner, Ffm.

2. Basel, Hist. Mus., Henkelkanne für Krankenöl aus dem Basler Münsterschatz, Ausschnitt (Gesamtabb.: Kdm. Schweiz 4, Basel-Stadt 2, Abb. 131). Zinn, H. 27 cm. 2.H. 14. Jh. Foto Mus.

3. George Hübner, Buckelschüssel. Zinn, Dm. 58 cm. Bielefeld, Slg. Heinr. Gläntzer. Löwenberg (Niederschlesien), um 1530. Foto Dt. Fotothek, Dresden, Nr. 126 015.

4 a und b. Wien, Österr. Mus. für angewandte K., Inv.nr. Zi 247, Schraubflasche. Zinn, H. 18 cm. Deutsch, um 1700. Fotos Mus. (Anton Fesl).

5. Dresden, Mus. für K.handwerk, Deckelkrug. Kupfer. Dat. 1619. Foto Dt. Fotothek, Dresden, Nr. 87 699.

Literatur

1. Joh. Samuel Halle, Werkstäte der heutigen Künste oder die neue K.hist., Bd. 1, Brandenburg und Lpz. 1761, S. 278. - 2. Dt. Enc., Bd. 10, Ffm. 1785, S. 177. - 3. Pierre Augustin Salmon, Die Zinngießerk., übers. von Gottfr. Erich Rosenthal, Bln. 1795 (Schauplatz, Bd. 20), S. 572f. – 4. Joh. Chr. Adelung, Grammatisch-kritisches Wb. der Hochdt. Mundart..., Lpz. 21796, 2.T. Sp. 178. - 5. Alex. Tolhausen, Technologisches Wb., Lpz. 1876, S. 313.

Verweise