Fixieren

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englisch: Fixing; französisch: Fixer; italienisch: Fissare.


Johann Eckart von Borries (1991)

RDK IX, 422–428


I. F. von Zeichnungen und Pastellen

A. Definition

Unter F. (von lat. „fixare“ = festmachen) leicht verwischbarer Zeichnungen und Pastelle versteht man das nachträgliche Anheften der lockeren Farbpartikel durch ein organisches flüssiges Bindemittel (Fixativ).

Breitzeichnende Stifte wie schwarze und weiße Natur- oder Kunstkreide, Rötel, weicher Graphitstift (Bleistift), Kohle und Pastellkreiden enthalten entweder gar kein Bindemittel oder so wenig davon, daß die beim Zeichnen auf das Papier abgeriebenen Farbpartikel dort nicht fest haften, sondern weitgehend nur mechanisch vom Papierfilz festgehalten werden [21, Bd. 1 S. 113, 116]. Eine geringe oberflächliche Berührung genügt, die Zeichnung zu verwischen; ein leichter Stoß kann zum Abstauben der Pigmente führen. Um dem zu begegnen, fixiert man die fertige Zeichnung. d. h. man führt ein Bindemittel zum Festkleben der Farbpartikel auf dem Papier zu (für die im folgenden genannten Bindemittel s. RDK VII 44ff.).

B. Technik

1. Allgemeines

Als Fixiermittel dienten zunächst allein wäßrige Lösungen von tierischem Leim, Pflanzengummi, Kasein, auch von Hühnereiweiß. Sie trocknen sehr langsam, auch besteht die Gefahr von Tropfenbildung; bei Pastellen können sie verdunkelnd wirken [16, S. 126]. In der 2. H. 18. Jh. ging man dazu über, die Bindemittel in rascher trocknenden Verbindungen von wäßrigen und alkoholischen Bestandteilen zu lösen. Seit dem 19. Jh. fixiert man mit Lösungen von natürlichen Harzen in schnell verdunstendem Alkohol, seit Beginn des 20. Jh. auch mit Lösungen von Zellulosenitrat.

Das F. erfordert, vor allem bei Pastellen, größte Vorsicht. Es kommt darauf an, das von der Oberfläche der Farbpartikel ungebrochen reflektierte Licht („Oberflächenlicht“) möglichst rein zu erhalten. Gelangen zwischen diese Farbpartikel Bindekörperteilchen eines Fixativs, so tritt eine Brechung des Lichts ein, die zu einer optischen Veränderung der Farben führt, und zwar in Richtung auf erhöhte Sattheit und Tiefe („Tiefenlicht“). Hierbei können die zur Herstellung der Pastellstifte verwendeten Füllstoffe zusätzlich verdunkelnd wirken. Schon ein zu starkes Anfeuchten kann den duftigen Oberflächenreiz durch Zusammenschwemmen und Verdichten der Farbpartikel zerstören. Je sparsamer und vorsichtiger fixiert wird und je niedriger die Lichtbrechungskoeffizienten der benutzten Füll- und Bindestoffe liegen, um so geringer ist die optische Veränderung. Auch einfache Kohle- oder Kreidezeichnungen müssen mit Vorsicht fixiert werden. Ein zu dicker Auftrag, etwa von alkoholischen Harzlösungen, macht die Oberfläche glänzend und kann später zu störenden Vergilbungen führen ([20] S. 182f., 540, 576; [16] S. 123f., 126).

2. Geschichte

Mit dem Entstehen relativ großformatiger Kohle- und Kreidezeichnungen gegen E. 15. Jh. in Italien muß sich auch das Bedürfnis ausgebildet haben, derartige Zeichnungen, soweit man sie für bewahrenswert hielt, durch F. haltbar zu machen [17, S. 191]. Daß die Kenntnis solcher Verfahren bald auch nach Deutschland gelangte, beweisen die wohlerhaltenen Kohlestudien Dürers aus dem Jahr 1503 (W. 269ff.; [17] S. 104). Die ersten schriftlichen Nachrichten über Fixiermethoden datieren freilich erst aus dem 17. Jh. Doch wird man, bei der starken Traditionsgebundenheit solcher Werkstattgebräuche, von jüngeren Nachrichten auf die Praktiken früherer Zeit rückschließen können.

Théod. Turquet de Mayerne überlieferte zwei verschiedene Fixierverfahren. Beide gehören zu Rezepten für die Herstellung von Pastellstiften („Crayons“). Das erste, vom 31. 7. 1634, stammt von einem flämischen Schüler van Dycks [1, S. 346]: Voraussetzung für gutes F. ist die Verwendung von sehr saugfähigem Papier. Verschiedene Bindemittel werden vorgeschlagen, so dünne wäßrige Lösungen von Fischleim („colle de poisson“), von Gummi arabicum („gomme arabique“) oder von geschlagenem Eiklar („blanc d’œuf battu“). Man füllt das Bindemittel in ein Becken; das fertig gezeichnete Blatt soll nun mit beiden Händen vorsichtig mit der Rückseite auf die Oberfläche der Flüssigkeit gelegt werden, so daß diese von hinten durch das Papier dringen und die Farben anheften kann, ohne sie fortzuschwemmen (das gleiche Verfahren noch 1757 bei Pernety [3] S. 126). Ähnlich lautet das Rezept, das van Hoogstraeten 1678 gab [2, S. 32]: Um das Abfärben von „Kryon“-Zeichnungen zu verhindern, fülle man ein viereckiges Becken mit Wasser, füge so viel Gummi arabicum („Arabysche Gom“) und Traganth („Gom Dragant“) in gleichen Teilen hinzu, bis dicke Bläschen („vette starretjes“) auf dem Wasser treiben. In dieses tauche man vorsichtig die Zeichnung, ohne „het Kryon“ abzuspülen.

Die zweite Fixiermethode, die Turquet de Mayerne notierte, stammt von einem französischen Pastellmaler [1, S. 348, 350]: Man taucht ein Blatt saugfähigen Papiers vor dem Zeichnen in Fischleimwasser („eau de colle de poisson“) und läßt es trocknen. Ist das Pastell fertig gezeichnet, legt man das Blatt vorsichtig mit der Rückseite auf reines Wasser, das den Leim von hinten her löst und so eine Fixierung bewirkt. Halle äußerte 1761 die Vermutung, daß die Leimung des Papiers zu fixierender Wirkung gebracht werden könne, wenn man es über Wasserdampf hält ([4] S. 337; vgl. die ähnlichen Vorschläge von Reinhold 1773: [6] S. 95f.). Dagegen notierte etwa zur gleichen Zeit Mariette, daß mit dem Dampf einer Leimlösung keine befriedigende Fixierung eines Pastells erreicht werden könne [7, S. 171]. Doch hört man noch 1837 aus England vom Andampfen mit Leimwasser zum Festigen von Pastellen [18, S. 103]. Ein gewiß mit Erfolg praktiziertes Verfahren beschreibt Meder „nach Mitteilungen alter Kirchenmaler“ zum F. von Kohlezeichnungen auf großen Flächen (Kartons), die nicht in Wannen gebadet werden können: Zunächst bestreicht man den Papierbogen mit einem in dünnes Leimwasser getauchten Schwamm. Nach dem Trocknen wird gezeichnet. Dann erfolgt die Fixierung durch Andampfen des senkrecht aufgestellten Kartons. Dazu benutzt man ein metallenes Gefäß, in dessen Deckel ein schräg stehendes Rohr mit kleiner Öffnung eingesetzt ist. In diesem Gefäß wird Wasser zum Kochen gebracht. Der aus dem Rohr austretende Dampfstrahl, vorsichtig über den ganzen Bogen geführt, bringt den Leim zum Quellen und festigt so die Zeichnung ([17] S. 192; ein ähnliches Andampfverfahren für Kohlezeichnungen auf dem Reißbrett empfiehlt Walter Ziegler, Die manuellen graphischen Techniken, Halle 1912, Bd. 1 S. 24).

Wichtige Neuerungen brachte die Pastell-Fixiermethode von Antoine-Joseph Loriot (Lauriot), die, bereits 1753 von der Pariser Académie de Peinture positiv beurteilt, auf Wunsch ihres Erfinders erst 1780 veröffentlicht wurde (aufgrund eines Akademie-Beschlusses vom 5. Febr. 1780, s. [19] S. 144ff.).

Die Vorzüge, wenn auch wohl nicht alle praktischen Einzelheiten des Verfahrens, waren in Fachkreisen schon lange vor der Veröffentlichung bekannt (vgl. Pernety 1757 [3] S. 126; Halle 1761 [4] S. 337; Watelet 1765 [5] S. 154; Mariette [7] S. 170f.; Le Pileur d’Apligny 1779 [9] S. 34; über die Verbreitung in Deutschland s. [6] S. 95 § 171). Bald nach der Veröffentlichung in Paris erschienen Beschreibungen von Loriots „Geheimnis“ auch in deutschsprachigen Publikationen, z. B. 1781 bei Mensel [11, S. 178ff.] und Le Pileur d’Apligny [10, S. 56]; noch Donndorf [15, S. 240] verwies 1817 auf Loriot und auf eine frühe Veröffentlichung von dessen Methode im Göttinger Taschenkalender von 1781, S. 98.

Neu war zunächst die Zusammensetzung des Fixativs. Es besteht aus einer wäßrigen Lösung von Fischleim und aus Weingeist, gemischt im Verhältnis 1 : 2. Es handelt sich also erstmals um ein Fixativ mit einem den Trocknungsprozeß beschleunigenden Anteil von Alkohol. Als zweite wichtige Neuerung empfahl Loriot einen Zerstäuber, bestehend aus einer kurzhaarigen Bürste, die mit dem Fixativ benetzt wird, und einem gebogenen Blechstreifen, mit dem man über die Haare der Bürste streicht. Auf diese Weise wird die Flüssigkeit in feinster Verteilung auf das vertikal gestellte Pastell gesprüht. Nach dem Trocknen wiederholt man den Vorgang des Aufsprühens (dies drei- bis fünfmal). Bei richtiger Anwendung ließ sich damit eine gute Bindung der Farbpartikel erreichen, ohne daß die duftige Oberfläche ersichtlich geschädigt wurde.

Schon vor der Veröffentlichung von Loriots „Geheimnis“ waren Fixiermethoden bekannt geworden, in denen ähnliche alkoholische Leimmischungen Verwendung fanden (bereits 1758 wurde außerdem ein Zusatz von Alaun empfohlen: [19] S. 149). Zum Aufbringen eines solchen Fixativs verwendete Bernhard Stuppanus, bekannter Hersteller von Pastellstiften in Lausanne, eine Äohpile - eine Wind- oder Dampfkugel (briefliche Mitt. von J. F. Reifenstein im Juni 1761 an die Markgräfin Karoline Luise von Baden: Jb. Baden-Württ. 14, 1977, S. 66). Weites Echo fand das Fixierverfahren des „Prince de San Severo“ (Raimondo di Sangro Principe di Sansevero), das Joseph Jérome Lefrançais de Lalande bekanntgemacht hatte (Voyage d’un François en Italie, Ven. 1769, Bd. 6 S. 398ff.; kritisch referiert von Mariette [7] S. 170ff., der das Verfahren Loriots für brauchbarer hielt; nochmals abgedruckt 1777 in [8]; ausführliche Beschreibung noch im „Traité“ von 1788: [13] S. 11f., 325f., 328). Neu an diesem Fixativrezept ist ein Zusatz von destilliertem Weinessig als Mittel gegen Schadinsekten. Der Auftrag erfolgt mittels eines weichen Pinsels auf die Rückseite des waagerecht gehaltenen Pastells. Dagegen verlangte Reinhold noch 1786 das Eintauchen des ganzen Blattes in das Fixativ [12, S. 95]. Ein eigenes Rezept gab schließlich der Autor des „Traité“ von 1788: Fischleimwasser und rektifizierter Weingeist, zu gleichen Teilen vermischt, werden mittels eines Federbesens („plumaceau“) durch ein feines, auf einen Rahmen gespanntes Gewebe („taffetas“) hindurch auf die Pastelloberfläche gebracht [13, S. 308ff.].

Einen Fixiereffekt ergibt auch das im 17. und vor allem im 18. Jh. gebräuchliche Umdrucken von Kreide- oder Rötelzeichnungen in einer Kupferdruckpresse, wie es Lévesque beschreibt ([14] S. 473; s. auch [17] S. 193 und 538ff.).

Im 19. Jh. kamen die rasch verdunstenden alkoholischen Lösungen von natürlichen Harzen wie Schellack, Mastix oder Kolophonium in Gebrauch, die mittels eines Zerstäubers aufgesprüht werden ([16] S. 126; [20] S. 540f.). Daneben verwendete man aber für einfachere Zeichnungen immer noch wäßrige oder halbwäßrige Lösungen, etwa von Kasein. Manche Künstler badeten ihre Zeichnungen in Magermilch, so Adolf Menzel ([20] S. 454, 541; tatsächlich gibt es Menzel-Zeichnungen, die Spuren dieser Behandlung zeigen); das Milchbad fördert jedoch, besonders bei minderwertigen Papieren des 19. Jh., die Gefahr von Pilzbefall [18, S. 159f.].

Seit dem Beginn des 20. Jh. fixiert man Zeichnungen und vor allem auch Pastelle mit rasch verdunstenden Lösungen von Zellulosenitrat (Zaponlack; [17] S. 193; [20] S. 577f.; [21] Bd. 1 S. 116).

II. F. von Wandmalerei

Mit F. von Wandmalerei meint man das Festigen oder Härten der Mal- und der obersten Putzschicht durch ein flüssiges, meist anorganisches Bindemittel.

Des F. bedürfen alte Wandmalereien, bei denen die Bindung verloren gegangen, die Malschicht verwischbar oder brüchig geworden ist (vgl. Andreas Arnold, Auswirkungen moderner alkalischer Baustoffe auf den Zerfall der Wandmal., in: Hist. Technologie und Konservierung von Wandmal., Vortragstexte der 3. Fach- und Fortbildungstagung der Fachklasse Konservierung und Restaurierung, Schule für Gestaltung Bern, 5.-6. Nov. 1984, Bern o. J. [1985], S. 40-50), aber auch Wandmalerei in Stereochromie genannter Silikattechnik, die im 19. Jh. entwickelt wurde (vgl. Ulrich Schießl, Stereochromie.

Zur Entwicklung der Maltechnik mit Alkalisilikaten und der gleichzeitigen Entwicklung der Irrwege der Putz- und Steinkonservierung, und ders., Bibliogr. Übersicht über die wichtigste Lit. zur Herstellung von Wasserglas und seiner Anwendung in Maltechnik und Wandmal.konservierung bis ca. 1960, in: ebd. S. 158-172; im übrigen s. Wandmalerei).

Literatur

1. Théod. Turquet de Mayerne, Pictorja, Sculptorja et quae subalternarum artium (London, Brit. Libr., Ms. Sloane 2052; beg. 1620); ed. und dt. Übers. in: Ernst Berger, Quellen der Maltechnik während der Renss. und deren Folgezeit, Mchn. 1901 (Beitr. zur Entwicklungsgesch. der Maltechnik 4; Ndr. Walluf-Nendeln 1975), S. 98-365. - 2. Samuel van Hoogstraeten, Inleyding tot de hooge Schoole der schilderkonst ..., Rott. 1678 (Ndr. Soest in Holl. 1969). - 3. Ant.-Jos. Pernety, Dict. portatif de Peinture, Sculpture et Gravure ..., Paris 1757 (Ndr. Gent 1972). - 4. Joh. Samuel Halle, Werkstäte der heutigen Künste oder die neue K.historie, Bd. 1, Brandenburg und Lpz. 1761. – 5. Claude Henri Watelet, Art. „Pastel, peinture au“, in: Enc., ou dict. raisonné des sciences ..., Bd. 12, Neufchâtel 1765, S. 153f. – 6. Chrn. Ludolph Reinhold, Das Studium der Zeichenk. und Mahlerey für Anfänger, Gött. und Gotha 1773. - 7. Pierre Jean Mariette, Abecedario, hg. von Philippe de Chennevières und Anatole de Montaiglon, Bd. 5, Paris 1858-1859 (Archives de l’art franç., 10). - 8. Art. „Pastel (Peinture)“ in: Suppl. à l’Enc., ou dict. raisonné ..., Bd. 4, Amst. 1777, S. 255. - 9. Le Pilieur d’Apligny, Abh. von den Farben und ihrem Gebrauch, in Absicht auf die Kuenste und Handwerker, Lpz. 1779 (franz. Ausg. Paris 1779). - 10. Ders., Richtige und vollst. Beschr. aller Farbmaterialien nebst einer deutlichen Anweisung, Augsb. 1781. - 11. Joh. Gg. Meusel, Miscellaneen artistischen Innhalts, 9. H., Erfurt 1781. - 12. Ch. L. Reinhold, Die Zeichen- und Mahlerschule, Münster i.W. 1786. - 13. „Traité de la peinture au pastel ...“ par M. P. R. de C. ... C. à P. de L., Paris 1788. - 14. C. H. Watelet und Pierre Charles Lévesque, Dict. des arts de peinture, sculpture et gravure, Bd. 1, Paris 1792. - 15. Joh. Aug. Donndorff, Gesch. der Erfindungen in allen Theilen der Wiss. und Künste, Bd. 3, Quedlinburg und Lpz. 1817. - 16. Max Doerner, Malmaterial und seine Verwendung im Bilde, neu bearbeitet von Hans Gert Müller, Stg. 141976 (1. Aufl. Bln. 1921). - 17. Jos. Meder, Die Handzchg., Wien 21923. - 18. Ders., The Mastery of Drawing, translated and revised by Winslow Ames, Bd. 1, New York 1978. - 19. Paul Ratouis de Limay, Le Pastel en France au XVIIIe s., Paris 1946. - 20. Kurt Wehlte, Werkstoffe und Techniken der Mal., Ravensburg 1967. -21. Herm. Kühn, Erhaltung und Pflege von K.werken und Antiquitäten, 2 Bde., Mchn. 1981.