Fischerring

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englisch: Fisherman's ring; französisch: Anneau de pêcheur; italienisch: Anello piscatorio, anello del pescatore.


Claude Lapaire und Wolfgang Augustyn (1990)

RDK IX, 278–284


RDK IX, 279, Abb. 1 a. Rom, 1279.
RDK IX, 279, Abb. 1 b. Rom, 1279.
RDK IX, 281, Abb. 2. Avignon, 1424.
RDK IX, 281, Abb. 3. Avignon, 1469.
RDK IX, 281, Abb. 4. Altdorf 1787.
RDK IX, 283, Abb. 5. London, 4. V. 18. Jh./1. V. 19. Jh.
RDK IX, 283, Abb. 6. London 1866.

I. Definition

F. (annulus piscatoris, sigillum piscatoris) wird jener Siegelring des Papstes genannt, dessen Platte den Apostel Petrus beim Fischfang zeigt, allgemein üblicher Erklärung zufolge, um an Jesu Wort „Et faciam vos fieri piscatores hominum“ (Mt 4,19) zu erinnern: Johs. Gabr. Bezzel, Specimen inaugurale sphragistico-diplomaticum de annulo piscatoris ... iussu et auct. Georgii Andr. Will, Altdorf 1787, S. 3.

II. Spiegelbild und Anbringung des Fischersiegels

Drei Typen des Siegelbildes sind bekannt: Petrus mit der Angel in der Hand (Abb. 1 a und b), der frontal wiedergegebene Petrus beim Auswerfen des Netzes (Abb. 2) und, seit Nikolaus V. (1447-1455) unverändert gebräuchlich, der seitlich über den Rand des Bootes gebeugte Apostel beim Einholen des Netzes (Abb. 3-6). Zusätzlich wird der Name des jeweiligen Papstes mitgeteilt, anfänglich in einem die Darstellung rahmenden Schriftband (Abb. 1 b), seit dem 3. V. 15. Jh. durch den im Blickfeld angebrachten Namenszug, die zugehörige Ordnungszahl sowie die Abkürzung „P.P“, seit Pius IX. auch „Pont. Max.“ als Amtsbezeichnung (Abb. 6).

Der R wurde als päpstliches Sekretsiegel gebraucht und ist von einem zweiten Siegelring zu unterscheiden, dessen Siegelbild die Köpfe der Apostelfürsten Petrus und Paulus zeigt, welcher im 14. und 15. Jh. mehrfach in gleicher Verwendung belegt ist und in der Lit. oft fälschlich F. genannt wird (vgl. Vatikanstadt, Mus. Sacro, Sekretsiegelring des Gegenpapstes Clemens’ VII., 1378: LThK 310, Taf. „Urkunden III“ Abb. 3, nach Sp. 704; Belege an Breven Eugens IV, 1431-1447: [5] S. 82).

Die mit dem F. gefertigten Siegel waren bis ins 19. Jh. Abdrücke in rotem Wachs, um die man zum Schutz eine aus Pergament gedrehte Schnur legte. Weil beim Offnen der Dokumente die Siegel oftmals zerbrachen, sind unversehrte Abdrücke selten. Seit 1842 wird der F. nicht mehr zur Besiegelung verwendet. Die üblicherweise damit gekennzeichneten Schriftstücke erhalten seitdem einen bildgleichen Tintenstempel mit einem in der Sekretarie für die Breven verwahrten Typar (Arthur Giry, Manuel de diplomatique, Paris 1894, S. 701).

III. Material

Über Herstellung und Material des F. sind nur vereinzelte Nachrichten überliefert: Meist bestand der Ring aus Gold; die Platte konnte aus einem Edelstein geschnitten oder aus Elfenbein sein [3, S. 141f.].

Aus dem 15. Jh. sind in den Rechnungsbüchern des päpstlichen Hofes mehrfach Ausgaben für die Anschaffung von F. verzeichnet; 1447 erhielt „maestro Giovanni de l’Aquila orafo“ fünf Golddukaten „per fattura di 2 annelle e fatte per nostro signore chol arme di santo Pietro e cho la navicella“: Eugène Müntz, Les arts à la cour des papes, Bd. I, Paris 1878 (Bibl. des Écoles franç. d’Athènes et de Rome, Bd. 4), S. 146; der zweite Ring als F. gedeutet bei [5] S. 82f.; ähnliche Notizen finden sich aus den Jahren 1458 und 1471 (E. Muntz a. a. O. S. 331 und Bd. III, Paris 1882 [Bibl. des Écoles franç. d’Athènes et de Rome, Bd. 28], S. 246). - 1846 verwendete der Goldschmied Borgognoni für den F. Pius’ IX. das Gold des Ringes, den Gregor XVI. getragen hatte [3, S. 142].

Ein erhaltenes, unvollendetes Exemplar (Abb. 5) besteht aus einem goldenen Reif und einer aus Blutstein geschnittenen Platte (vgl. Charles C. Oman, Cat. of Rings. Vict. Alb. Mus., Dep. of Metalwork, Ld. 1930, S. 34). Ein ehem. in der Slg. Dreyfus-Koch in London befindlicher F. bestand aus vergoldeter Bronze und einer Platte aus Bergkristall (dort die von [3] S. 142 und Abb. 6 abweichende Inschrift „PIVS PP. IX.“: Ill. London News, Nr. 4716, 7. Sept. 1929, S. 431).

Ein F. mit in Silber gefaßter Platte aus Elfenbein ist 1369 bezeugt (Herm. Hoberg [Hg.], Die Inv. des päpstl. Schatzes in Avignon 1314-1376, Vat. 1944 [Studi e testi, 111], S. 404).

IV. Gebrauch

Der Gebrauch des F. ist, analog der bei vielen siegelführenden Personen zu beobachtenden Scheidung zwischen in Kanzleien aufbewahrten, offiziösen Siegelstempeln und Sekretsiegeln sowie persönlich getragenen Siegelringen, erstmals in der 2. H. 13 Jh. nachweisbar.

Noch im 16. Jh. hatte man die Einführung des F. durch Petrus selbst diskutiert (Belege bei [3] S. 138). Erst Untersuchungen von Jean Mabillon O.S.B. (De re diplomatica, Paris 1681, S. 186) und Gaetano Cenni (De anulo piscatoris, in: Ders., Dissertazioni sopra vari punti interessanti d’istoria eccl., pontificia e canonica, hg. von Giov. Bart. Colti, Bd. 1, Pistoia 1778, S. 146) machten die frühesten Zeugnisse bekannt (vgl. zur älteren Lit. [1] und Henri Leclercq, Art. „Anneau“, in DACL Bd. 1 [1924] Sp. 2209f.).

Die erste Erwähnung des wohl schon zuvor bekannten F. findet sich 1265 in einem Brief Clemens’ IV. an seinen Neffen Pierre Le Gros: „... non scribimus tibi nec familiaribus nostris sub bulla, sed sub piscatoris sigillo, quo Romani pontifices in suis secretis utuntur“ (August Potthast, Regesta pontificum Romanorum inde ab a. p. Chr. n. 1198 ad a. 1304, Bd. 2, Bln. 1875, Nr. 19051, S. 1544). Mit dem F. siegelten Nikolaus III. (1279, 1280) und Martin IV. (1283): vgl. Abb. 1 a und b und Peter Herde, Beitr. zum päpstl. Kanzlei- und Urkundenwesen im 13. Jh., Mchn. 21967, S. 57.

Vom E. des 14. Jh. an wurden nicht mehr nur private, sondern alle persönlichen Briefe des Papstes, auch solche zu politischen Zwecken und zur Regelung von Verwaltungsangelegenheiten mit dem F.siegel versehen, seit Papst Calixtus III. (1445-1458) offenbar nur mehr amtliche Dokumente [6, Sp. 539]. Diese, seit Bonifaz IX. (1389-1404) belegte, besondere Gattung des päpstlichen Urkundenwesens, „Breve“ genannt und seit Paul II. (1458-1464) vermehrt auch für Gnadenerlasse verwendet [7, Bd. 1 S. 84], enthält fast immer in der Datumszeile einen Hinweis auf die Besiegelung (Bonifaz IX. [1402]: „sub annulo fluctuantis navicule“, als Hinweis auf F. gedeutet bei [4] S. 293f.; Johannes XXIII. [1410, 1412, 1413] „sub anulo piscatoris“: ebd.). Ob auch Innonzenz VII. (1404-1406) und Gregor XII. (1406-1415) den F. führten, ist unsicher, da in den von ihnen gezeichneten Breven nur auf das Sekretsiegel hingewiesen, dieses aber nicht näher charakterisiert wird [5, S. 61f.]. Vom F. Martins V. (1417-1431) sind zahlreiche Abdrücke erhalten (ebd. S. 56-59 und S. 63-66). Von Nikolaus V. (1447-1455) an ist der F. bei allen Nachfolgern für die Besiegelung der Breven üblich (Belege aus dem 15. Jh. bei [5] S. 86 und Taf. IX Abb. 5-9, zahlreiche aus späterer Zeit bei Paul Maria Baumgarten, Descrizione diplomatica di bolle e brevi originali da Innocenzo III. a Pio IX., Bd. 4, Vat. 1986).

V. Bedeutung des F. als persönliches Siegel des Papstes

Die besondere Bedeutung des F. als persönliches Siegel des regierenden Papstes wird durch dessen Übergabe bei der Wahl angezeigt.

Im Caeremoniale Romanum Gregors X., verfaßt um 1274, war das Überreichen des F. im Conclave vorgeschrieben (Jean Mabillon O.S.B., Museum Italicum, Bd. 2, Paris 1724, „Ordo Romanus XIII“ Nr. 2, S. 222), ebenso im Ordinarium, das Kardinal Gaetano Stefaneschi (um 1270-1343) zugeschrieben wird (ebd. „Ordo Romanus XIV“ Nr. 10, S. 252). Ihnen gemäß schilderte auch Agostino Patrizzi Piccolomini in seinem Caeremoniale Romanum, lib. I, sect. II, Ven. 1516, Bl. VIIv, diesen Teil der Papstwahl, welcher in der Folgezeit nur mehr gelegentlich geringfügig verändert wurde.

Der Kardinalkämmerer (Camerlengo) trat vor den Neugewählten und übergab ihm den vorbereiteten F., welcher nur das Siegelbild mit dem fischenden Petrus trug. Der Papst streifte sich den Ring über den Finger, antwortete auf die Frage, welchen Namen er für sich gewählt habe, und zog den F. wieder ab, um ihn dem Zeremonienmeister zu übergeben, damit der Name eingraviert werden konnte (vgl. Joh. Chrn. Lünig, Theatrum Caeremoniale Historico-Politicum Oder Hist.-Polit. Schauplatz ..., Bd. 2, Lpz. 1720, S. 179, 188 und 196). Am Tag seiner Krönung erhielt er den F. zurück (vgl. Justus Chr. Reiske, Annulum pastoralem ..., Diss. theol. praeside Joh. Andr. Schmidt, Helmstedt 1705, S. 6).

Zu Lebzeiten des Papstes wurde der F. vom ersten Kämmerer des päpstlichen Haushalts, dem „Magister ab admissionibus“, verwahrt, während größerer Reisen meist dem Kardinalsekretär für die Breven übergeben (so z. B. 1782 beim Besuch Pius’ VI. in Wien: [6] Sp. 539).

Im 13. und 14. Jh. trug der neugewählte Papst oftmals den Ring des Vorgängers, dessen Namenszug auf dem F. getilgt und durch den des neuen Trägers ersetzt worden war.

In den beiden Ordines aus dem 4. V. 13 Jh. (s. Sp. 281f.) wurde eigens auf den verstorbenen Papst als Vorbesitzer des Ringes hingewiesen (J. Mabillon a. a. O. [Sp. 281] S. 222 und 252). Ungewiß ist, ob aus der Nachricht, Johannes XXII. habe aus dem Nachlaß Clemens’ V. dessen F. in seinen Besitz gebracht [7, Bd. 2 S. 555], auf Weiterverwendung geschlossen werden kann. Zutreffend scheint, daß Martin V. den Ring seines Vorgängers Johannes’ XXIII. gebrauchte [5, S. 81], den dieser auf Drängen der Teilnehmer des Konstanzer Konzils herausgeben mußte (Heinr. Finke [Hg.], Acta concilii Constanciensis, Bd. 2, Münster 1923, S. 245f.). Auf die Mitteilung des päpstlichen Zeremoniars Johs. Burchard in seinem „Caeremoniale sedis vacantis post obitum Sixti PP. IV.“ geht zurück, Innozenz VIII. habe den Ring des Verstorbenen „felicis recordationis“ erhalten und angesteckt (Jos. Catalani, Sacrarum caeremoniarum sive rituum ecclesiasticarum sanctae Romanae ecclesiae, Rom 1750, Bd. 1, S. 72). Aus dem Diarium des Paris de Grassis ist bekannt, daß 1513 auch Leo X. im Conclave der F. des Vorgängers überreicht wurde (Giov. Batt. Gattico, Acta caeremonialia sanctae Romanae ecclesiae, Bd. 1, Rom 1753, S. 315). - Später ist Wiederverwendung des F. nur nach dem Tod Pius’ VI. 1799 in Valence belegt [3, S. 141].

Anläßlich des Todes Leos X. 1521 ist erstmals der Brauch nachgewiesen, außer dem Bullensiegel auch den F. des Verstorbenen zu zerstören oder das Siegelbild unkenntlich zu machen (J. Catalani a. a. O.).

Diese Aufgabe war zunächst den „fratres plumbatores“ anvertraut, die hernach den versammelten Kardinälen die Bruchstücke zeigten, wie es nach dem Tod Pius’ IV. (1565) und Gregors XIII. (1585) bezeugt ist [1, S. 9f.]. Nachdem jene seit 1590 auch die Stellung päpstlicher Zeremoniare einnahmen, wurde folgender Ablauf üblich: Der Kardinalkämmerer begab sich in den Apostolischen Palast, um sich vom Tod des Papstes zu überzeugen. Sobald dort der Notar das entsprechende Dokument verlesen hatte, händigte der „Magister ab admissionibus“ diesem den F. aus; daraufhin übergab der Notar kniend den Ring dem Camerlengo [2, S. 62]. Bei der ersten Versammlung der Kardinäle überreichte ihn der - wie seit dem Tod Innozenz’ X. (1655) üblich [3, S. 141] - dem ersten Zeremoniar, der ihn vor aller Augen unbrauchbar machen mußte. 1655 zerstörte man den Ring dabei ausnahmsweise nicht, sondern schlug nur den Namen des Verstorbenen ab und verwahrte das Reststück bis zur Wahl des Nachfolgers (ebd.).

Die vorzeitige Zerstörung der Siegelplatte zum Schutz vor Mißbrauch ist nur anläßlich der Gefangennahme Pius’ VII. 1809 belegt.

Vor der von General Radet verlangten Auslieferung des F. gelang es dem Papst, die Platte des Rings zu zerbrechen. Nach vergeblichen Versuchen, den F. zurückzuerhalten, wurden die Breven lange Zeit mit einem eisernen Typar gesiegelt, der die Aufschrift trug: „PRO ANNVLO PISCATORIS“. Erst unter Ludwig XVIII. wurde der unbrauchbare Ring wieder zurückgegeben. Mittlerweile hatte man in Rom jedoch einen zweiten anfertigen lassen [3, S. 142].

Zu den Abbildungen

1 a und b. Vatikanstadt, Mus. Sacro, Reliquiar der hl. Praxedis und Siegel Nikolaus’ III. (Inschrift: „SECRETVM NICOLAI PP. III.). 1279. Foto Mus.

2. Avignon, Stadtarchiv, Kasten 34, Abdruck des F. Martins V. an einem Breve vom 18. April 1424. Nach [5] Taf. IX Abb. 2.

3. Ebendort, Kasten 32, Abdruck des F. Pius’ II. an einem Breve vom 10. April 1462. Nach ebd. Taf. IX Abb. 5.

4. Abdruck des F. Alexanders VI. (1492-1503). Kupferstich (Ausschnitt, 9,5 × 3,4 cm) in: J. G. Bezzel a. a. O. (Sp. 279) S. 1.

5. London, Vict. Alb. Mus., Dep. of Metalworks, F. Gold mit einer Platte aus Blutstein. 4. V. 18 Jh./ 1. V. 19. Jh. Nach C. Oman a. a. O. (Sp. 280) Taf. 33 Abb. 781.

6. Abdruck des F. Pius’ IX. (1846-1878). Nach [3] Abb. S. 142.

Literatur

1. Franc. Cancellieri, Notizie sopra l’origine e l’uso dell’annello pescatorio e degli altri annelli ecclesiastici ..., Rom 1823. - 2. Gaetano Moroni, Diz. di erudizione stor.-ecclesiastica da S. Pietro fino ai nostri giorni, Bd. 2, Ven. 1840, S. 62 s. v. „Annello pesc.“. - 3. Edm. Waterton, On the Annulus Piscatoris or Ring of the Fisherman, Archaeologia 40, 1866, S. 138-140. - 4. Karl Aug. Fink, Die ältesten Breven und Brevenregister, Quellen und Forschgn. aus ital. Archiven und Bibl. 25, 1933-1934, S. 292-307. - 5. Ders., Unters. über die päpstl. Breven des 15. Jh., Röm. Quartalschr. 43, 1935, S. 55-86. - 6. A. Amanieu, Art. „Anneau“, in: Dict. de droit canonique, Bd. 1, Paris 1935, Sp. 539f. - 7. Harry Bresslau, Hdb. der Urkundenlehre für Dtld. und Ital., Bd. 1 und 2, Lzp. 31958.

Verweise