Firstbekrönung

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englisch: Ridge ornament; französisch: Épi de faîte, épi de faîtage, crête, crêtage; italienisch: Coronamento del colmo, fastigio.


Georg Himmelheber und Friedrich Kobler (1987)

RDK IX, 1–18


RDK I, 925, Abb. 7. Dresden, Modell für das Palais im Großen Garten ca. 1679.
RDK V, 25, Abb. 16. Köln-Deutz, um 1170.
RDK V, 29, Abb. 18. London, um 1180-90.
RDK IX, 1, Abb. 1. Basel, 2. V. 15. Jh.
RDK IX, 3, Abb. 2. Clermont-Ferrand (Puy-de-Dôme), 12. Jh.
RDK IX, 5, Abb. 3 a und b. Pisa, wohl 12. Jh.
RDK IX, 7, Abb. 4. Simon Marmion, um 1450, Berlin.
RDK IX, 9, Abb. 5. Joh. Gg. Starke, 1679-um 1693, Dresden.
RDK IX, 9, Abb. 6. Leo von Klenze, 1816-1830, München.
RDK IX, 11, Abb. 7. Hildesheim, bald nach 1131/1132 (?).
RDK IX, 11, Abb. 8. Köln, um 1170.
RDK IX, 11, Abb. 9. Siegburg, um 1183.
RDK IX, 13, Abb. 10. Köln, um 1186.
RDK IX, 13, Abb. 11. Düsseldorf-Kaiserswerth, 1264 voll. und 14. Jh.
RDK IX, 13, Abb. 12. Fritz Habeltsheimer d. Ä. (?), 1397, Nürnberg.
RDK IX, 15, Abb. 13. Reichenau-Mittelzell, um 1470/1480.
RDK IX, 15, Abb. 14. Breisach, 1496.
RDK IX, 17, Abb. 15. Hugo de la Vigne, 1616, Gent.
RDK IX, 17, Abb. 16. Hans Krako, 1626, Paderborn.

I. Architektur

Als F. bezeichnet man den dem First eines Daches aufgesetzten Zierrat (gleichartiger Schmuck an Gerät und Mobiliar, bei dem Firstdächer nachgeahmt sind, wird ebenfalls F. genannt, s. II). Er ist aus Holz, Stein, Metall oder Ton gefertigt und besteht aus einer Folge in gleichmäßigem Abstand angeordneter Dachaufsätze, aus einem den First begleitenden Band (Firstkamm, -gitter, Dachkamm, lat. „crista“) oder aus einer Kombination von beidem.

Von der F. zu unterscheiden sind die in Abbildungen mit ihr leicht verwechselbaren Schneefanggitter. Keine F. sind Firstziegel, die durch (andersfarbige) Glasur hervorgehoben sind, und der Dachhaut am First aufgelegte Ornamentbänder.

A. Antike

In der Antike ist die F. in Form von den Firstziegeln aufgesetzten Palmetten spätestens vom 6. Jh. an nachzuweisen. Wie verbreitet solche Bauzier war, wo und wie lange sie vorkommt, ist hier nicht zu erörtern. Die Frage, ob es eine Kontinuität von der Antike ins MA gab, ist offen.

Als im 19. Jh. wirksam gewordenes Beispiel seien die bei den Ausgrabungen am Aphaiatempel in Ägina ab 1811 gefundenen und rasch bekannt gewordenen F. aus Ton mit beiderseits aufgemalten Palmetten genannt ([3] T. II, 2 [21908] S. 205 Abb. 178; Ad. Furtwängler [Hg.], Das Heiligtum der Aphaia ..., Mchn. 1906, Textbd. S. 41 mit Abb. 13, Taf.bd. Taf. 35-37 und 48; vgl. auch [3] T. I, 4 [21908] S. 36 Fig. 25: F. vom Schatzhaus der Megarer in Olympia). - In Pompeji kommen Palmetten als F. an Wohnbauten vor (so jedenfalls Jos. Durm: [3] T. II, 2 [21905] S. 328 Fig. 357; vgl. dagegen Herrm. von Rohden, Die Terracotten von P., Stg. 1880 [Die antiken Terracotten, hg. von Reinh. Kekulé von Stradonitz, Bd. 1], S. 5: „Firstziegel ... lassen sich meines Wissens in Pompeji nicht nachweisen“). - Auf First und Sima des in der Contrada Portonaccio gelegenen etruskischen Tempels in Veji, um 500 oder bald danach, standen aus Ton gefertigte Götterbilder (Rom, Mus. Naz. di Villa Giulia: Helbig-Speier Bd. 3 S. 524-531; Maja Sprenger und Gilda Bartoloni, Die Etrusker, Mchn. 1977, S. 47, Abb. 12 und 118-125). - Ob die mannigfaltigen Bekrönungen von etruskischen Aschenurnen in Hausform F. gebauter Architektur widerspiegeln, ist ungewiß.

B. Mittelalter

Originale F. gibt es kaum. Der Verwitterung in einem Höchstmaß ausgesetzt, sind sie in der Regel und wiederholt erneuert worden, die Authentizität vieler F., vor allem ihrer Einzelformen, ist oft genug fraglich. Die älteren Beispiele, von denen keines vor das 12. Jh. zurückreicht, sind an Kirchenbauten nachzuweisen, die jüngeren auch an Gebäuden anderer Zwecke.

1. Beispiele aus dem Holzbau sind Dachkämme norwegischer Stabkirchen.

Die F. vom Chor der in der 1. H. 13. Jh. errichteten Kirche in Lom ist ein durchbrochenes Brett, das oben in einer Folge von Bogensegmenten schließt und von Rankenwerk in Durchbrucharbeit geschmückt ist (Roar Hauglid, Norske stavkirker. Dekor og utstyr, Oslo 1973, S. 234ff., Abb. 224). Die Dachkämme der um 1200 erbauten Kirchen von Urnes und Hopperstedt mit geometrischen Mustern dürften nachma. Erneuerungen sein (ebd. Abb. 18 und 49 Urnes] sowie Abb. 225), die Jahreszahl 1738 trägt ein Brett des Dachkamms der aus dem 13. Jh. stammenden Kirche von Borgund (ebd. S. 252, Abb. 221 und 229).

2. Steinbau.

a. In romanischer Zeit kommen brüstungsartige Dachkämme aus Stein an steingedeckten Kirchen des 12. Jh. in Mittel- und SO-Frankreich vor, insbesondere in der Auvergne (N.-D. du Port in Clermont-Ferrand, N.-D. in Orcival, St-Austremoine in Issoire, alle Dép. Puy-de-Dôme) und im Dép. Vaucluse (Cavaillon), und zwar auf dem First von Chorkapellen, Chorhäuptern, Querhäusern und Langhäusern. Das Ornament bilden schlüssellochartige Durchbrechungen, ineinander verschlungene Taue mit großen Augen, einander überkreuzende Halbkreisbogen oder durchsteckte Ringe (Abb. 2; [1] S. 393 Fig. 2; Pierre Chabat, Dict. des termes employés dans la construction ..., Bd. Cl. - Fu., Paris 21881, S. 154 Fig. 1261); quadratische, mit durchbrochenem Flechtwerkornament gezierte Steinplatten sitzen auf dem Scheitel der Apsidendächer von N.-D. du Port in Clermont-Ferrand (Abb. 2; [1] S. 394 Fig. 3).

Auf Dachkämme aus Metall mit Palmettenornament verwies Viollet-le-Duc ([1] S. 396 Fig. 6, ohne Ortsangabe): ein der Firstpfette aufgesetztes Eisengerüst ist mit den aus Blei gefertigten zweischaligen Teilen des Kammes bestückt.

Knäufe in weitem Abstand tragen die Firste von Chor, Querhaus und Langhaus des 1118 unvollendet geweihten, in der 2. H. 12. Jh. ausgebauten Doms in Pisa (Abb. 3 a und b). Firstziegel mit einem Paar kleiner Knäufe fand Viollet-le-Duc an der Madeleine in Vézelay und datierte sie fragweise ins 12. Jh. ([2] S. 360 Fig. 1; vgl. aber unten Sp. 5).

b. In der gotischen Baukunst sind F. aus Ton oder aus Metall bevorzugt; F. aus Stein gibt es auf den wie ein Firstdach geformten Abschlüssen von Strebepfeilern (Dijon, N.-D., Langhaus, wohl 2. Dr. 13. Jh.: [1] S. 394 Fig. 4). Das Ornament ist naturnahes Blattwerk oder Maßwerk, häufig beides. Figurales ist selten.

Die F. war, wie erhaltene Beispiele ebenso bezeugen wie Darstellungen in der Tafel- und Buchmalerei sowie auf Tapisserien, in der französischen Baukunst häufig; die heute an Kirchenbauten vorhandenen F. sind jedoch so gut wie alle das Ergebnis von Restaurierungen seit dem 2. Dr. 19. Jh. -Im deutschen Sprachgebiet scheinen F. nur hin und wieder angebracht worden zu sein; ältere Ansichten belegen ihr Vorkommen z. B. bis um 1745 für den Kölner Dom und für das Aachener Münster.

Das Aussehen des ursprünglichen Firstkamms am Kölner Domchor, um 1300, ist unbekannt; die Form des Dachkamms, wie sie Sulpiz Boisserée, Ansichten, Risse und einzelne Theile des Doms von Köln, Stg. 1821 (3. Ausg., hg. von Arnold Wolff, Köln 1979), Taf. 2 und 4f., wiedergab, ist frei erfunden, ebenso die 1860-1861 aus Zink gefertigte F. nach Entwurf Ernst Friedr. Zwirners (zu dieser Zs. für Bauwesen 12, 1862, Bl. 64; frdl. Mitt. A. Wolff, Köln). Ebenso liegen die Verhältnisse am 1355-1414 errichteten Münsterchor in Aachen: nach 1850 neu gesetzter Dachkamm (Kdm. Rheinprov. 10, I S. 91 und 94, Fig. 49).

War ein Dachkamm aus Metall, wurde er Viollet-le-Duc zufolge über einem Eisengerüst aus Blei hergestellt ([1] S. 396f. mit Fig. 7 und 7 bis). Der auf dem 1469-1477 ausgebauten Romanusturm der Kathedrale von Rouen besteht aus zwei Reihen gegeneinander versetzter, liegender, genaster Quadrate, deren nach oben gekehrte Ecken durch Stege verbundenes Blattwerk tragen (ebd. S. 398 Fig. 8). - Reich ausgeformte Dachkämme sieht man auf Bildern, z. B. auf Abb. 4.

Aufsätze auf Firstziegeln, die ein fortlaufendes Band mit Schlüsselloch-Öffnungen ergeben, sah Viollet-le-Duc an Häusern in der Umgebung der Kathedrale von Troyes [2, S. 361f. mit Fig. 5]. Ein niedriger Dachkamm aus Bayeux, eine ornamental durchbrochene, von Firstziegeln getragene Leiste, ist für das 13. Jh. (?) nachgewiesen (ebd. S. 362 Fig. 4).

Paarweise angeordnete Knäufe haben Firstziegel des 13. Jh. (?) aus Bayeux (ebd. S. 362 Fig. 4 bis) und solche aus dem E. 15. Jh. an St-Pierre et St-Paul in Assencières, Aube (Charles Fichot, Statistique monumentale du Dép. de l’Aube, Bd. 2, Troyes 1888, Abb. S. 416). An der Kathedrale von Sens wird die Reihe der Firstziegel mit Knäufen in Abständen unterbrochen durch kurze Firstziegel mit hohem Aufsatz (E. 15. Jh.; [2] S. 363 Fig. 7).

Einzelne Blätter auf genasten Firstziegeln von St. Fides in Schlettstadt machte Viollet-le-Duc bekannt (14. Jh.; [2] S. 363 Fig. 6). Solche Firstziegel von der Nikolauskapelle des Basler Münsters sind im Hist. Mus. Basel erhalten (Abb. 1), ähnliche (Gratziegel?) um 1515 von der ehem. Stiftskirche in Hildrizhausen Kr. Böblingen in Ludwigsburger Privatbesitz.

Tiere (Hirsche und Pferde) zieren den Dachfirst des Chores von St. Michael in der Wachau, N.Ö., um 1520/1525 (die Originale im Hist. Mus. Krems; Kdm. Österr. 1 S. 565).

C. Renaissance und Barockzeit

F. der Renss. und Barockzeit kommen an Kirchen nur selten vor (franz. Beispiele erwähnt Viollet-le-Duc [1] S. 400; ein schon spätes Beispiel ist die Schloßkapelle in Versailles, 1690-1710 von Jules Hardouin-Mansart und Rob. de Cotte: Hautecoeur Bd. 2 S. 638 Fig. 496; s. auch unten, Mainz). Im Profanbau Frankreichs und der Niederlande hingegen ist der Dachkamm vom ausgehenden 15. Jh. an bis weit in das 17. Jh. hinein ein geläufiges Bauglied.

Da die Dachkämme so gut wie alle in späterer Zeit wo nicht entfernt, so doch erneuert und dabei wohl auch verändert wurden, wird hier nur auf bildliche Wiedergaben verwiesen, etwa auf: Jacques Androuet du Cerceau, Les trois livres d’archit., Paris 1559-1582 (Ndr. Ridgewood/NJ. 1965), Buch I Nr. XV, XVIII, XXV, XXXIIf. u.ö., wo meist Dachaufsätze in größeren Abständen den Dachkamm bereichern. Besonders üppig wirkt der hohe Dachkamm des seit 1516 umgebauten herzogl. Schlosses in Nancy (mit Herzformen und Palmetten; Chr. Pfister, Hist. de N., Bd. 2, Paris und Nancy 1909 [Ndr. 1974], Taf. vor S. 33). Der Dachkamm von Schloß Blois, 1515-1524, zeigte das F-Monogramm Kg. Franz’ I. von Frankreich und Baluster, die zum Teil Lilien trugen, durch netzartig verschlungene Seile miteinander verbunden [1 S. 339 Fig. 9].

Im deutschen Sprachgebiet gibt es kaum F. Der Dachkamm der von Wilh. Vernucken 1570-1573 erbauten Vorhalle am Kölner Rathaus zeigte gotische Formen (1879 verändert; Kdm. Rheinprov. 7, IV S. 204, Fig. 120 und 125f.). Aus großen Lilien im Wechsel mit kleinen anderen Blüten besteht der kupferne Dachkamm auf dem 1609 neu gesetzten Walmdach des Bremer Rathauses (Stein, Bremen 1 Abb. 48f., 61 und 65; ders., Bremen 2 S. 622, Abb. 485 und 502). Ein balustradenartiges Gitter mit kleinen Pfeilern bildete die F. am Modell zum 1679 - um 1693 von Joh. Gg. Starcke erbauten Palais am Großen Garten in Dresden (1945 verbrannt; RDK I 925f. Abb 7); der ausgeführte Bau hat eine regelrechte Steinbalustrade (Abb. 5; Fritz Löffler, Das alte Dresden, Dresden 1955, Abb. 92-96).

Skulpturen des hl. Martin und des Bettlers stehen auf der Kreuzung der Dachfirste am W-Chor des Mainzer Doms (aus der Zeit von 1769-1774; Kdm. Hessen, Mainz 2,1 S. 96, Abb. 39, Taf. 24 a, b).

Figuren (Menschen, Tiere) auf Firstziegeln gibt es seit dem 16. Jh. (s. Sp. 5). In der Regel zu wenigen, wenn nicht einzeln angebracht, schmücken Ziegel dieser Art also meist nicht die ganze Firstlinie (Beispiele bei Karl Hillenbrand, Dachziegel und Zieglerhandwerk, Der Mus.freund 4-5, 1964, S. 5-52, bes. S. 23f., Abb. 3 und 52-62).

D. 19. Jh.

Zur Rezeption antik-griechischer Architekturformen gehört auch die von Palmetten als F., die man vom Aphaiatempel auf Ägina kannte (s. Sp. 1).

Frühestes Beispiel ist vielleicht Carl Haller von Hallersteins Entwurf von 1815 zur Glyptothek in München (Portiken; Ausst.kat. „Glyptothek München 1830 bis 1980“, München 1980, Nr. 76-80, Abb. S. 444f. und 447); Leo von Klenze übernahm dieses Detail für die Portikus des 1816-1830 von ihm errichteten Baues (Abb. 6; ebd. Abb. S. 119 unten, S. 537-540). Auch andere Architekten verwendeten diese „griechische Art“ der F., vgl. Karl Friedrich Schinkel, Entwurf zum Denkmal für Kg. Friedrich II. von Preußen in Berlin (Slg. architekt. Entw., H. 19, Bln. 1833, Taf. 117; Neue Ausg., Bln. 1866 [Ndr.: Coll. of architectural drawings, Chicago 1981], Taf. 165).

In Verbindung mit gotischen Formen kommen Dachkämme zuerst an Kleinarchitektur vor, z. B. am nach K. F. Schinkels Entwurf 1811 errichteten Denkmal für Kgn. Luise in Gransee (Hans Kania und Hans-Herbert Möller [Hgg.], Mark Brandenburg, Bln. 1960 [Schinkelwerk], S. 75-78). An neugotischen Kirchenbauten sind Dachkämme kurz vor der Jh.mitte anzutreffen, als man Steildächer verwendete.

Unter den Konkurrenzentwürfen für die Nikolaikirche in Hamburg, 1844, zeigen die von Heinr. Strack und von George Gilbert Scott Dachkämme (Allg. Bauztg. 13, 1848, Atlas Taf. 175 und 178f.); Vincenz Statz entwarf solche 1858 für den Dom in Linz (Hans Vogts, V. St. [1819-1898], Mönchengladbach 1960 [K.gabe des Ver. für chr. K. im Erzbistum Köln und im Bistum Aachen für die Jahre 1959/1960], Taf. 11; Kdm. Österr. 36 Abb. 56f.). – Auf anderen Zwecken dienenden Gebäuden sind F. erst in der 2. H. 19. Jh. zahlreich (vgl. Ed. Trier und Willy Weyres [Hgg.], K. des 19. Jh. im Rheinl., Bd. 1, Archit. I, Ddf. 1980, passim).

Nicht im „neugriechischen“ oder im neugotischen Stil projektierte Bauten zeigen nur ausnahmsweise F.

Beispiele: K. F. Schinkels Entwurf einer Kirche für den Marktplatz von Potsdam: Slg. a. a. O. H. 11, 1828, Taf. 67; Neue Ausg., 1866, Taf. 73; ähnlich auf dem Entwurf einer kleinen Kirche mit einem Turm: ebd. 1828 Taf. 72, 1866 Taf. 78); vgl. auch Zeichnungen Schinkels für sein „Architektonisches Lehrbuch“, gegen 1831 (Goerd Peschken, Das Archit. Lehrbuch, Mchn. und Bln. 1979 [Schinkelwerk], Abb. 208). - Auch hier sollte sich in der 2. H. 19. Jh. die Situation gänzlich ändern (vgl. [3] T. III, 2, 5 S. 225ff. und S. 562 Fig. 1302ff.).

II. Gerät und Mobiliar

Wo immer ein Firstdach den oberen Abschluß eines Gerätes oder Möbelstückes bildet, kann dieses eine F. tragen. Diese ist aus Holz, wenn sie ein hölzernes Gerät oder Möbelstück ziert. In der Goldschmiedekunst herrscht große Vielfalt an Materialien bei großem Aufwand auch in den Techniken. Stets folgt die F. den Grundformen, die in der Architektur üblich sind (s. Sp. 2ff.).

Gedrückte Knäufe in einfacher Reihung kommen selten vor (Epiphaniusschrein des Doms in Hildesheim, um 1140: Victor H. Elbern, Dom und Domschatz in H., Königstein i.T. 1979, Abb. S. 31; ursprünglicher Zustand?, fehlen Blattpaare?).

Den Dachkamm gibt es - ausnehmend früh - schon in karolingischer Zeit (Arnulfziborium in der Schatzkammer der Münchner Residenz, vor 893; RDK I 481 Abb. 15; ebd. IV 718 Abb. 4); an Reliquienschreinen kommt er seit dem 12. Jh. vor (Kuppelreliquiar aus Hochelten, 4. V. 12. Jh.: RDK V 29f. Abb. 18), üblich ist er erst seit dem Spät-MA (Abb. 12-14). Die Kombination von Dachkamm und Knäufen herrscht im 12. und 13. Jh. vor. Der Kamm ist meist aus Palmetten gebildet, zwischen denen, ihn manchmal überragend, auf Stielen oder dgl. die Knäufe, Kugeln aus Kristall oder Metall, sitzen.

Kristallkugeln sind im 12. Jh. bevorzugt. Hochgesetzt zeigt sie z. B der Godehardschrein in Hildesheim (Abb. 7). Regelmäßigen Wechsel von Palmette und Knauf gibt es am Heribertschrein in Köln-Deutz, um 1160/1170 (RDK I 817f. Abb. 6; ebd. V 25f. Abb. 16), am Servatiusschrein in Maastricht, 3. Dr. 12. Jh. (Renate Kroos, Der

Schrein des hl. Servatius in M. ..., Mchn. 1985, Abb. 11f., 22-26, 32, 43-46 und 80), und am Mauritius- und Innocentiusschrein in St. Servatius in Siegburg (Köln, um 1185; [5] Abb. S. 208, oben). Metallene Knäufe, wie sie am Annoschrein in St. Michael in Siegburg angebracht sind (Köln, um 1183: Sp. 1119 Abb. 26; [5] Abb. S. 188f. und 201), gibt es im 13. Jh. häufiger, emailliert z. B. am Dreikönigsschrein des Kölner Doms (bald nach 1200; Kdm. Rheinprov. 6, III Abb. 273 und 276-279 sowie Kölner Dombl. 33/34, 1971, S. 11f. Abb. 1 a und b); manchmal sind sie aus mehreren Teilen zusammengesetzt (so am Elisabethschrein in Marburg, 1236-1249; Rich. Hamann und Heinr. Kohlhaussen, Der Schrein der hl. Elisabeth zu M., Ausg. C, Marburg a.d.L. 1922, Taf. If., VIII, XXVII und LV - LVIII). Bei Limousiner Arbeiten des späten 12. und des 13. Jh. sind die Knäufe meist dem Dachkamm aufgesetzt, dieser oft mit Schlüssellochformen durchbrochen und mit Emailscheiben und Kristallen belegt (Schreine in Siegburg: [5] S. 177 Nr. D 16f., mit Abb.); am Remaklusschrein in Stablo, 1263-1268, reiten die als Band gebildeten Stiele der Knäufe auf dem Kamm aus Palmetten (ebd. Abb. S. 212f.).

In der Regel tragen auch die Giebelseiten der Schreine einen Kamm, dessen Ornament bald dem des Dachkamms gleicht, bald, der Aufstellung des Schreines Rechnung tragend, die Giebelseite(n) hervorhebt (z. B. am Godehardschrein in Hildesheim durch Engelfiguren mit Schriftbändern: Niederdt. Beitr. zur Kg. 24, 1985, S. 32 Abb. 20; am Benignusschrein in St. Servatius in Siegburg, einer Kölner Arbeit um 1190 [?], bilden einfache Palmetten mit eingefügten Kristallperlen den Dachkamm, an einem Giebel gibt es statt ihrer Mischwesen aus Mensch und Blattwerk: [5] Abb. S. 208, unten).

Das Ornament der F. ist - mit Ausnahme der Limousiner Arbeiten - in der Regel vegetabil. An Schreinen des 12. Jh. sind die Dachkämme manchmal von Tieren und Mischwesen bevölkert: Drachen und andere Tiere hausen in den Ranken des Dachkamms am Albinusschrein in St. Pantaleon in Köln, um 1186 (Abb. 10; [5] Abb. S. 206f.; [6] Nr. E 8, Abb. S. 303), gegenständige, sich S-förmig krümmende Drachen bilden den Dachkamm des Maurinusschreins, um 1170, ebendort (Abb. 8; [6] Nr. E 79, Abb. S. 300); am Annoschrein in Siegburg sieht man zwischen paarweise angeordneten Drachen mit Rankenschwänzen menschliche Halbfiguren und Affen (Abb. 9; [5] Abb. S. 200f.). Naturnahes Blattwerk gibt es seit dem 13. Jh. (z. B. am hölzernen, in einem Pultdach schließenden Reliquienschrein der ehem. Zisterzienserkirche Loccum, wobei ausgebreitet stehende Blätter mit kreuzblumenartigen Bildungen wechseln; Conr. Wilh. Hase, Zs. für chr. K. 7, 1894, Sp. 321-334; vgl. auch Abb. 11, Weinlaub, und Abb. 14, Distelblätter). Maßwerk kommt seit dem 14.

Jh. vor und ist von verschiedenartiger Figuration. Der Dachkamm des Sebaldusschreins in Nürnberg, 1397 von Fritz Habeltsheimer d. Ä. (?), zeigt gerahmte Vierpässe, dazu in den Zwickeln Dreipässe (Abb. 12); beim Schrein des hl. Viktor in St. Viktor in Xanten bereichern (später hinzugefügte?) Knäufe den von Vierpässen durchbrochenen Dachkamm von 1391 oder 1438 (Dietrich Kötzsche, Der Schrein des hl. V. im Dom zu X. ..., Bonn 1978 [Diss. Bonn 1969], S. 146f.; Anna Klapheck, Der Dom zu X., Mchn. und Bln. 1974 [Große Baudkm., H. 287], Abb. S. 15). Durchsteckte Ringe bilden den F. bei einem Reliquienschrein um 1470 im Münster von Überlingen (Ausst.kat. „Spätgotik am Orh.“, Karlsruhe 1970, Nr. 231, Abb. 211). Mehrere Reliquienschreine des Halleschen Heiltums hatten einen Dachkamm aus Bogenstücken und Astwerk (Halm-Berliner Taf.

102 a, 105 b und 107). Die F. des Ursulaschreins im Sint Janshospitaal in Brügge besteht aus einem Maßwerkband und einer ihm aufgesetzten zweiten Zeile aus Blattwerk (Malerei Hans Memling, 1489 voll.; Friedländer, Netherl. painting, Bd. 6,1 Taf. 68f.). Flache Bogenabschnitte und Lilienblüten krönen den First des Schreins der hll. Felix und Regula in der Schatzkammer von Reichenau-Mittelzell, um 1470 (Ausst.kat. Karlsruhe a. a. O. Nr. 230, Abb. 210; s. auch Abb. 13). Zinnen sitzen auf dem First des Gehäuses um die Elfenbeinmaria im Domschatz von Münster i.W. (um 1400; Paul Pieper, Der Domschatz zu M., Münster i. W. 1981, Nr. 37, mit Abb.).

In den ersten Jhh. der Neuzeit sind Schreine mit einer F. nur noch sehr selten anzutreffen. Die erhaltenen Beispiele stammen aus Belgien und den ihm benachbarten Gebieten des Rheinlands und Westfalens. Erst als in der kath. Restauration des 19. Jh. wieder häufiger Schreine angefertigt wurden, wurde der historisierende Schmuck mit F. mehr und mehr gebräuchlich, jetzt auch in anderen Gebieten.

Beispiele aus Belgien: Abb. 15; Schrein der hl. Begge, um 1570, in Ste-Begge in Andenne (Pierre Colman, L’orfèvrerie religieuse liégeoise du XVe s. à la Révolution, Lüttich 1966, Bd. 2 Abb. 65); Schrein der hl. Lutgardis, 1624, in St-Remi in Ittre (ebd. Abb. 71f.). - Der First des Liboriusschreins im Dom zu Paderborn, 1626 von Hans Krako gefertigt, trägt Heiligenfiguren (Abb. 16). - Am Apollinarisschrein in St. Servatius in Siegburg stammt die gotisierende F., ein Maßwerkband, von der Restaurierung 1783 (Kdm. Rheinprov. 5, IV S. 215f., Fig. 146). - Ein besonders frühes Beispiel unter den Schreinen des 19. Jh. mit F. ist der Severinsschrein in St. Severin in Köln von 1819 (Herm. Heinr. Roth [Hg.], St. S. in K., Augsburg 1925 [Germ. sacra, Abt. Rhenania sacra, A I], Abb. 47).

Beispiele für das Vorkommen von F. an kirchlichem Mobiliar der Spätgotik sind das schreinförmige Hl. Grab in St. Blasius in Salzburg, um 1475, mit einer F. aus Maßwerk mit Blättern (Kdm. Österr. 16 S. 215, Taf. XVII) und der aus See-Buckau stammende Abtstuhl von 1476 mit einem Dachkamm (RDK II 814 Abb. 7).

Zu den Abbildungen

1. Basel, Hist. Mus., Inv.nr. 1965.424, Firstziegel mit Aufsatz von der Nikolauskap. des Basler Münsters. Grün glasierter Ton, H. 66 cm, Br. 46 cm. 2. V. 15. Jh. Foto Mus. (Neg.nr. 5957).

2. Clermont-Ferrand (Puy-de-Dôme), N.-D. du Port, Chor und N.-Qhs. 12. Jh. Foto unbek. Urheberschaft (ZM).

3 a und b. Pisa, Dom, Ansicht von O (a) und Schnitt durch das Chordach. F. wohl 12. Jh. Foto Eugen Kusch, Nbg. (a) und nach Il Duomo di P., hg. vom Ist. di Restauro dei Mon., Pisa 1970 (Univ. degli Studi di Firenze, Faccoltà di Archit., Bd. 1), Taf. 5.

4. Simon Marmion, Altarretabel aus St-Bertin in St-Omer mit Szenen aus dem Leben des hl. Bertin, rechter Flügel, Ausschnitt (Gesamtabb.: Gem.gal. StMPK Berlin, Kat. der ausgestellten Gem. ..., Bln. 1975, S. 253). Eichenholz, Gesamtmaße 56 × 147 cm. Berlin, StMPK, Gem.gal., Inv.nr. 1645A. Um 1450 (1459 aufgestellt). Foto Mus. (Walter Steinkopf).

5. Joh. Gg. Starcke, Palais im Großen Garten in Dresden, Ansicht von NW. 1679 - um 1693. Foto Dt. K.verlag, Mchn. und Bln.

6. Leo von Klenze, Portikus der Glyptothek in München. 1816-1830. Foto Staatl. Antikenslg., Mchn. (Aufnahme 1935).

7. Hildesheim, Dom, Godehardschrein (Zustand vor 1971). Silber, vergoldet, Edelsteine, gemugelte Kristalle, H. 65 cm, L. 122 cm, T. 51 cm. Hildesheim, bald nach 1131/1132 (?). Foto unbekannter Urheberschaft (ZM, Nachlaß K. H. Usener).

8. Köln, St. Pantaleon, Maurinusschrein, F. (Gesamtabb.: [6] S. 300). Kupfer, vergoldet, Grubenschmelz, Kristall, Maße des Schreins 60 cm, L. 130 cm, T. 42 cm. Köln, um 1170. Foto Rhein. Bildarchiv, Köln, Nr. 36439.

9. Siegburg, St. Servatius, Annoschrein, F. Bronze, vergoldet, Maße des Schreins H. 78 cm, L. 157 cm, T. 46 cm. Köln, um 1183. Foto Marburg, Nr. 19383.

10. Köln, St. Pantaleon, Albinusschrein. Kupfer, vergoldet, Grubenschmelz, Filigran, Steine, H. 72 cm, L. 153 cm, T. 50 cm. Köln, um 1186. Foto Rhein. Bildarchiv, Köln, Nr. 58160.

11. Düsseldorf-Kaiserswerth, St. Suitbert, Suitbertusschrein, F. Kupfer, vergoldet, Maße des Schreins H. 76 cm, L. 160 cm, T. 45 cm. 1264 voll., Dach (und F.?) möglicherweise in der 1. H. 14. Jh. ergänzt. Foto Rhein. Bildarchiv, Köln, Nr. 6655.

12. Fritz Habeltsheimer d. Ä.(?), Sebaldusschrein, F.

Kupfer, vergoldet, Maße des Schreins H. 121,5 cm, L. 172 cm, T. 48,5 cm. Nürnberg, St. Sebald. 1397. Foto Bayer. LA. für Dpfl., Mchn.

13. Reichenau-Mittelzell, ehem. Klosterkirche, Schrein der hll. Fortunata, Carponius und Eagustus, Ausschnitt (Gesamtabb.: Ingeborg Schroth, Die Schatzkammer des Reichenauer Münsters, Konstanz 1962 Reichenau Bücherei, 3], Abb. 23). Silber, vergoldetes Kupfer, Maße des Schreins H. 75 cm, L. 77 cm, T. 36 cm. Um 1470/1480 unter Verwendung von Reliefs vom A. 14. Jh. Foto Marburg, Nr. 77300.

14. Breisach, Münster St. Stephanus, Schrein der hll. Gervasius und Protasius, Ausschnitt (Gesamtabb.: Ausst.kat. Karlsruhe a. a. O. [Sp. 12] Abb. 213). Silber, z.T. vergoldet, Maße des Schreins H. 58 cm, L. 84 cm, T. 42,5 cm. Straßburger Beschau, dat. 1496. Foto LA für Dpfl. Karlsruhe, Nr. 8128.

15. Hugo de la Vigne, Machanusschrein, Ausschnitt (Gesamtabb.: Elisabeth Dhanens, Sint-Baafskathedraal Gent, Gent 1965 [Inv. van het K.patrimonium van Oost-Vlaanderen, 5], Abb. 234). Silber, Maße des Schreins H. 75 cm, L. 87 cm, T. 51 cm. Gent, St. Bavo. Dat. 1616. Foto unbek. Autorschaft (ZM).

16. Hans Krako, Liboriusschrein, Ausschnitt (Gesamtabb.: Kdm. Westf. 7 Taf. 56 Fig. 1). Silber, Maße des Schreins L. 132 cm, T. 52 cm. Paderborn, Dom. Dat. 1626. Foto Westfäl. Amt für Dpfl., Münster i. W.

Literatur

1. Viollet-le-Duc, Archit., Bd. 4 S. 392-400, Art. „crête“. - 2. Ders., Bd. 5 S. 360-365, Art.

„faitière“. – 3. Hdb. der Archit. - 4. Braun, Reliquiare, S. 172-175. - 5. Ausst.kat. „Mon. Annonis“, Köln 1975. -6. Ausst.kat. „Ornamenta Ecclesiae“, Köln 1985, Bd. 2.