Fichu

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englisch: Shawl, neckerchief; französisch: Fichu; italienisch: Fisciu.


Gretel Wagner (1984)

RDK VIII, 763–767


RDK VIII, 763, Abb. 1. Jacques Sébastien Le Clerc (Entw.) und Dupin (Stecher), um 1780.
RDK VIII, 765, Abb. 2. Jens Juel, um 1790, Kopenhagen.
RDK VIII, 765, Abb. 3. Weimar 1793.

I. Definition, Wort

F. ist die Bezeichnung für ein dreizipflig getragenes, den Miederausschnitt verhüllendes Hals- und Brusttuch aus leichtem Stoff [11, S. 159].

Das Wort F. ist im Französischen eine populär gebrauchte Nebenform des Partizips Perfekt von ficher = hineinstecken (mal fichu = schlecht gekleidet) und bezeichnet substantiviert Halstuch (vgl. Gamillscheg, Hdbg. 21969, S. 425).

II. Histor. Wortgebrauch

In franz. Lexika läßt sich der Begriff seit A. 18. Jh. nachweisen.

1701 definierte Antoine Furtière das F. als „pointe d’étoffe, de dentelles, etc., dont les femmes s’entourent le cou, se couvrent les épaules et le sein“ (Essay d’un dict. universel..., Den Haag 1701; vgl. Walther von Wartburg, Franz. etymolog. Wb., Bd. 3, Lpz. und Bln. 1934, S. 511).

Diderot-d’Alembert beschrieben 1756 F. als „une partie du vêtement des femmes en deshabillé. C’est un morceau quarré ou oblong de mousseline, d’autre toile blanche ou peinte, ou même de soie, qui se plie en deux par les angeles, et dont on se couvre les épaules; ses cornes viennent se croiser par-devant et couvrir la gorge ...“ [1].

Auch im dt. Sprachraum wurde die Bezeichnung im 18. und 19. Jh. benutzt, wenngleich damit ganz allgemein ein Halstuch gemeint sein kann.

G. S. Corvinus verwies 1773 F. auf „Halstuch“, ohne dort besonders auf F. einzugehen ([2] S. 1035 und 1284; in den Auflagen von 1715 und 1739 fehlt der Verweis noch). - Joh. Leonh. Frisch, Neues Frantzösisch-Teutsches und Teutsch-Frantzösisches Wb., Lpz. 21766, Sp. 938, dagegen erläuterte F. genauer als „eine Art Halstücher der Weiber nur mit drey Ecken“. - Bei Krünitz [3] heißt es 1780 am Ende des Artikels „Halstuch“, auf den von F. verwiesen ist: „Die so genannten halben Halstücher, franz. F., sind in zwey Theile dergestalt gefaltet, daß sie ein Dreyeck bilden, wovon die untere Ecke der Person, welche es um den Hals trägt, auf die Mitte des Rückens fällt, die beyden Hörner oder Seitenecken aber sich von vorn herunterwärts kreutzen“. - Das Damen-Conversations-Lex. [5] formuliert: „F. Das franz. Wort für Halstuch, ist auch in’s Deutsche übergegangen. Man bezeichnet damit die kleinere Gattung Tücher, die gleich nach den Shawls kommt bis zur winzigen Umschlaghülle, welche kaum den Hals deckt“.

III. Material, Trageweise

F. wurden aus Leinen, Baumwolle oder Seide gefertigt; sie waren häufig weiß, aber auch gefärbt (s. oben: [1]). Zur reichen Zier verwendete man Spitzen, Durchbrucharbeit oder Applikationen ([14] Abb. 11; [17] Kat.nr. 102-110 a).

Bilder bezeugen unterschiedliche Art und Weise das F. zu tragen. Wurde das F. über der Brust verschlungen, schob man seine Zipfel entweder in den Schürzenlatz oder in die Kanten des Leibchens (Abb. bei [9]). In Deutschland trug man in den 1720er Jahren das F. noch zusammen mit den „Brüstgen“, einer Spätform des Goller. Für Frankreich bezeugen in den 1740er Jahren Bilder das Hineinschlagen in den Schürzenlatz (Gem. von Jean-Baptiste Siméon Chardin: [11] Abb. 1813f., und Jean Etienne Liotard: [16] Abb. 488). Um 1760 wurde in Wien das F. mit vorn über der Brust gekreuzten Zipfeln getragen; hier gehörte es zu dieser Zeit allgemein zum Kostüm der vornehmen Dame als weißes verziertes Halstuch (Abb. bei [9]).

Vor allem in den letzten beiden Jz. des 18. Jh. und in der 1. H. des 19. Jh. wurde das F. Teil modischer Frauenkleidung. In Frankreich kam es nach A. Racinet [6] in der 2. H. der Regierungszeit Ludwigs XV. als verkleinerte Form der Mantille [10, Bd. 11], nach F. Boucher [15] gegen 1778 auf. In den 80er und 90er Jahren des 18. Jh. gehörte das F. zum unentbehrlichen Bestandteil der Haus- und Straßentracht ([13]; [14] Abb. 8, 10f., 14, 16, Taf. If.), „mais quand on a une peau blanche, de l’embonpoint, des chairs fermes, et de la gorge, la paysanne même la plus innocente sait ménager des jours à-travers les plis de son fichu“ ([1]; Abb. 1). Zur Gala (Grande Parure) war ein F. gewöhnlich nicht üblich [9], doch trug man schon um 1760 in Wien ein F. zur Gala (ebd.), und das Journal des Luxus und der Moden brachte 1788 unter Modeneuigkeiten aus Frankreich das Beispiel einer Dame in neuester Grande Parure, die ein „F. à feston“ trägt. „Das Halstuch selbst ist von dünnem Flor und die bognigte Bordüre, deren Saum in Gold gestickt ist, von Milchflor“ [4, Bd. 3, 1788, S. 368, Taf. 25].

In Modezeitschriften der 80er und 90er Jahre sind zahlreiche Varianten des F. wiedergegeben.

So nennt das Journal des Luxus und der Moden 1786 F. mit Ärmeln [4, Bd. 1 S. 203, Taf. 15], „F. à l’écharpe mit Falbala und Frangen“ (ebd. S. 236, Taf. 18), „F. à la Ceinturon de Didon“ (ebd. S. 341, Taf. 26), „F. en Chemise“ (ebd. S. 377, Taf. 29), 1787 „F. à revers“ [4, Bd.

2 S. 109, Taf. 7,1], „F. à quatre Falbalas“ (ebd. S. 148, Taf. 10,1), „F. renversé“ (ebd. S. 149, Taf. 10,1), „F. Caraco“ (ebd. S. 254, Taf. 20), „F. à Jabot“ (ebd. S. 285, Taf. 22), „F. croisé à revers“, „F. à la Sultane“ (ebd. S. 361, Taf. 27) und 1788 „Manteau-F.“ (ebd. Bd. 3 S. 63, Taf. 4,1 und 4,2), „F. à la collerette“ (ebd.).

Um 1786 kamen größere F. auf, eine Mode, die offensichtlich von England her beeinflußt wurde. „Dabey muß ich noch einer Sonderbarkeit gedenken, die heuer hier im Schwunge gieng. Es wurde nämlich unter unsern Damen Mode sich den Busen durch das Halstuch außerordentlich hoch aufzubauen und dick zu machen. Man trug zu dem Ende in den Halstüchern Bügel und Carcassen von Drath, die solch einen sonderbaren Flor-Berg unter dem Kinne einer Dame empor schwellten, daß sie nicht darüber wegsehen konnte.“ (Brief aus London vom 14. Dez. 1785: [4] Bd. 1 S. 24).

In Frankreich nannte man diese Form „F. menteur“, in England „Liars“, in Deutschland auch „Trompeuse“ ([7] S. 805 und 820; [8]; [15] S. 304). Diese Mode hielt sich bis in die 90er Jahre: „Mit ihren F. treiben unsere Eleganten ihr Modewesen auf mancherley Art; einige bauen sie noch völlig als Trompeusen-Gebürge, das seine geheimen Schätze verschließt, auf; Andere öfnen sie forn schmal herunter und ziehen sie hingegen an beyden Backen bis zu den Ohren hinauf; wieder Andere öfnen ihren schönen Busen ganz“ ([4] Bd. 6,1791, S. 453; vgl. Abb. 3). Im Winter trug man, um sich gegen Erkältungen zu schützen, dreieckige oder herzförmige Pelzstückchen aus Weißfuchs oder Kaninchen, sogenannte „Busenfreunde“, unter den hohen Halstüchern [4, Bd. 7, 1793, S. 598].

Modebilder des Jahres 1787 zeigen vorwiegend F., die auf dem Rücken in der Taille gebunden wurden ([4] Bd. 2 S. 417), eine Trageweise, die auch in den folgenden Jahren üblich war (Abb. 2). -Gegen 1791 waren die F. sehr weit offen und „die Damen trugen polissons oder kleine Hemden von Flor, die den Busen ganz bedecken und oben am Hals zugebunden sind“ ([4] Bd. 6 S. 624; [10] Bd. 12).

In der 2. H. der 90er Jahre nahm die Beliebtheit des F. ab; es wurde zwar weiter getragen, doch in den Modezeitschriften nicht mehr als modisches Attribut besonders erwähnt. Auch im 19. Jh. kamen F. noch vor, häufiger zwischen 1820 und 1830 ([7] S. 927; [12] S. 178 und 217; [13]; [14] Abb. 42, 99 und 147; [15] Abb. 971), zuweilen in abgewandelter Form, z. B. als F.pelerine (Allg. Moden-Ztg., Lpz. 1830, Nr. 36).

Zu den Abbildungen

1. Jacques Sébastien Le Clerc (Entw.) und Dupin (Stecher), Modebild. Kolorierter Kupferstich (28,1 × 19,6 cm) aus: Gallerie des modes et costumes franç. dessinés d’après nature, gravé par les plus célébres artistes en ce genre..., Paris 1778-1787, Taf. 177. Um 1780. Foto Karl Heinz Paulmann, Bln.

2. Jens Juel, Kostümstudie (Ausschnitt) zum Porträt der Marie Elisabeth Sneedorff. Rötelzchg., Ges.maße 28,8 × 20,6 cm. Kopenhagen, Statens Mus. for K., Kupferstichslg. Um 1790. Foto Hans Petersen.

3. Modebilder. Kolor. Kupferstich (17,2 × 7,5 cm) aus [4] Bd. 8, 1793, Taf. 31. Foto K. H. Paulmann, Bln.

Literatur

1. Diderot - d’Alembert, Bd. 6 (1756) S. 678. – 2. Gottlieb Siegmund Corvinus, Nutzbares, galantes und curiöses Frauenzimmer-Lex. ..., Lpz. 31773. - 3. Krünitz, Bd. 21 (1780) S. 305-307. - 4. Journ. der Moden (ab Bd. 2: Journ. des Luxus und der Moden), Bd. 1-41, Weimar 1786-1826. - 5. Damen-Conversations-Lex., Adorf 21846 (1. Aufl. 1836), Bd. 4 S. 120. - 6. Auguste Racinet, Le Costume hist., Paris 1888, Textbd. S. 141. -7. Friedr. Hottenroth, Hdb. der dt. Tracht, Stg. 1896. - 8. Emma von Sichart (nach Karl Köhler), Prakt. Kostümkde., Mchn. 1926, Bd. 2: Von der Mitte des 16. Jh. bis zum Jahre 1870, S. 402. - 9. Edith ter Meer, Frauentrachten in Dresden um die M. des 18. Jh. vornehmlich nach den Stadtansichten des Bernardo Belotto..., Bln. 1931, S. 35 (identisch mit: Zs. f. Waffen- und Kostümkde. N. F. 3, 1929-1931, S. 295f.). - 10. Maurice Leloir, Hist. du costume de l’antiquité à 1914, Bd. 11: Epoque Louis XV 1725 à 1774, Paris 1938, S. 62; Bd. 12: Epoque Louis XVI et Révolution 1775 à 1795, Paris 1949, S. 46. - 11. Davenport, Costume. - 12. Nienholdt, Tracht. - 13. Max von Boehn, Die Mode. Menschen und Moden im 18. Jh., Mchn. 31963, S. 144. - 14. Margarete Braun-Ronsdorf Modische Eleganz. Europäische Kostümgesch. von 1789-1929, Mchn. 1963. - 15. François Boucher, Hist. du costume en Occident de l’antiquité à nos jours, Paris 1965. - 16. Erika Thiel, Gesch. des Kostüms, Bln. 51980. - 17. Ausst.kat. „An Elegant Art. Fashion and Fantasy in the 18th C“, Los Angeles, County Mus. of Art, 1983.

Verweise