Fenstererker

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englisch: Bay window; französisch: Oriel; italienisch: Fenstererker (Costruzione on legno esterna al muro in cui si inseriscono una o più finestre).


Walter Sage (1981)

RDK VII, 1467–1474


RDK VII, 1469, Abb. 1. Konstruktionsweisen.
RDK VII, 1471, Abb. 2. Nördlingen, 16./17. Jh.

I. Definition, Abgrenzungen

Unter F. versteht man eine dem *Ständerhohlen- und Fachwerkbau (RDK VI 938–92) eigentümliche Fensterkonstruktion, bei der Rahmung und Fensterfläche eines einzelnen Fensters oder einer Fenstergruppe vor die übrige Wandfläche treten. Die Ausladung ist meist flach, nur selten überschreitet sie 5–20 cm. Der F. unterscheidet sich vom Erker (RDK V 1248–79) dadurch, daß er erst von der Höhe des Brustriegels an, nicht über die ganze Geschoßhöhe vortritt. Schwieriger ist die Unterscheidung von F., die gelegentlich die ganze Fassadenbreite eines Fachwerkhauses außer den Eckfeldern einnehmen können (z. B. Abb. 1 e), und dem (vor allem im neuzeitlichen Fachwerk Thüringens häufigen) Vortreten der gesamten Oberwand über dem Brustriegel, was bei den nur vereinzelten Beispielen in Südwestdeutschland (z. B. Straßburg, Haus Kammerzell, 1589: RDK VI 957 Abb. 13) vom F. beeinflußt sein mag, in Thüringen dagegen eher von den dort verbreiteten Laubengängen herzuleiten sein dürfte.

Anlaß zur Verbreitung mag der durch die Tiefe der Fensternischen bedingte Gewinn an Wohnlichkeit und Behaglichkeit der Räume gewesen sein; bei der fränkisch-rheinischen Ausprägung (dazu unten) dürfte auch dem Zierwert im äußeren Erscheinungsbild beträchtliche Bedeutung zugekommen sein. Im Innern wurde die Nischentiefe gelegentlich zum Einbau kleiner Wandschränke zwischen oder neben den F. genutzt (z. B. Sindelfingen, spätes 15. Jh.?: [3] Abb. 44).

II. Konstruktionsmerkmale

Nach Konstruktionsmerkmalen sind zwei verschiedene Formen des F. zu unterscheiden, die gewöhnlich nach ihrer Verbreitung als „alemannisch“ und als „fränkisch“ oder „rheinisch“ bezeichnet werden.

1. „alemannische“ Form

Die „alemannische“ Form des F. ist gekennzeichnet durch die Betonung der Horizontalen: kräftig vor die Wandflucht tretende, vor die Ständer geblattete Riegel grenzen die Fensterzone unten und oben ein und bilden den konstruktiven Halt des F. Der Brustriegel kann von einfachen, den Stielen vorgesetzten Konsolen getragen werden; der obere Riegel nimmt in der Regel ein kleines Schutzdach auf, das gegen den Rähm gelehnt ist (diese Bedachung kann gelegentlich gemauert sein: Abb. 2).

Die Konstruktion wurde offensichtlich in Zusammenhang mit dem in Süddeutschland weit verbreiteten Ständerbohlenbau entwickelt, bei dem es wegen der Wandfüllung aus liegenden Bohlen technisch notwendig war, die Bohlenlagen für die Fensteröffnungen zu unterbrechen, unten und oben eingefaßt durch von Ständer zu Ständer durchlaufende Riegel (Brustriegel, auch „Simsenbalken“ genannt, und Sturzriegel oder -balken). Ließ man diese Riegel nach außen vor die Wandflucht treten, ergab sich nicht nur die Möglichkeit, seitlich bewegbare Schiebeläden anzubringen, man konnte außerdem auch die Fensterflucht nach außen vorverlegen. Diese Konstruktionsweise des „Fensterbandes“ und des F. wurde zunächst auch im oberdeutschen Fachwerkbau übernommen.

Der unverfälschte „alemannische“ F. umfaßt stets mehrere F., die als Fensterband aneinandergereiht (Abb. 1 a und b), aber auch von Wandflächen auf gleicher Flucht getrennt sein können (letztere manchmal von Anfang an einschließlich der Strebehölzer verputzt: Nürnberg, Grolandhaus, 1484: [6] Taf. 26) und manchmal auch um Hausecken greifen. Schmuck in Form von Schnitzwerk ist dieser Form des F. fremd.

2. „fränkisch-rheinische“ Variante

Bei der neuzeitlichen „fränkisch-rheinischen“ Variante wird der F. durch gleichmäßige Verstärkung aller zur Rahmung gehörigen Hölzer erreicht, wobei auch die stets vorhandenen Konsolen unter den Fensterstielen aus dem vollen Holz herausgearbeitet sind (Abb. 1 d). Betont werden die vertikalen Teile, insbesondere die Brustriegel dagegen – auch bei breiten Fenstergruppen – optisch untergeordnet (vgl. Beisp. 16./17. Jh. in Dinkelsbühl und Bernkastel: RDK VI 963 Abb. 18, 966 Abb. 20). Eigene Bedachung ist üblich, das Übergreifen um die Hausecken selten.

Die Herkunft des „fränkisch-rheinischen“ F. läßt sich nicht so eindeutig beurteilen wie die des „alemannischen“ F. Man hat den Eindruck, als sei die Entwicklung hier von der Rahmung des Einzelfensters – und wohl unter dem Einfluß des Massivbaus – ausgegangen; entsprechend der im mitteldeutschen Fachwerk üblichen Zuordnung der Fenster zu den Stielen dominiert auch beim F. die Vertikale. Vermutlich hat auch die gern vor die Wand geblendete Rahmung für Schiebeläden mitgewirkt, wie sie mancherorts noch bis in neuere Zeit üblich war (zahlreiche Beisp. in Thüringen, vgl. etwa Alfred Fiedler und Rudolf Weinhold, Das schöne Fachwerkhaus S-Thüringens, Lpz. 1956, Abb. S. 57, 64, 70–72). – Ein Zusammenhang des „fränkischen“ F. mit rein ma. Fenstergestaltungen wie am sog. Schäferschen Haus zu Marburg, nach 1320 (RDK VI 953f. Abb. 10f.), läßt sich nicht nachweisen.

Fast durchwegs sind die F., vor allem ihre Eckstiele, Träger oft reichen Schnitzwerks, das meist ornamental, manchmal auch figürlich gehalten ist und sehr oft Motive aus dem Steinbau aufgreift (Pilaster, Hermen u. ä.). Die schmückende Wirkung wird nicht selten gesteigert durch die Verwendung besonders reich gestalteter Zierhölzer oder geschnitzter Tafeln in den unter dem F. befindlichen Brüstungsfeldern (z. B. Abb. 1 e; Bernkastel, 16. oder 17. Jh., und Rathaus zu Groß-Gerau, 1579: RDK VI 966 Abb. 20, 970 Abb. 23).

III. Anbringung

In erster Linie haben die bevorzugten Räume des Hauses F. Schon an den ältesten erhaltenen (und das heißt alemannischen) Beisp. an oberdeutschen Häusern, in der Übergangszeit vom Ständerbohlenbau zum Fachwerkbau, finden F. sich an den noch in der teureren reinen Holzbauweise errichteten Stuben (z. B. Immenstaad, Schwörerhaus, 1528: [7] Abb. S. 24; Reichenau-Mittelzell, Rathaus, urspr. Vogtei, end-ma.: Abb. 1 a; [6] Taf. 2f.). Die „fränkisch-rheinische“ Variante kommt nicht nur an Privathäusern vor, sondern auffallend häufig auch in Ratsstuben des 16.–17. Jh. (z. B. Groß-Gerau, Rathaus, 1579: RDK VI 970 Abb. 23; Kaysersberg 1. E., 1604: [7] Abb. S. 29); gleiches gilt schon für die oberdeutsch-ma. Form (Mühlheim/Donau Krs. Tuttlingen, 1. H. 16. Jh.: [5] Abb. S. 23). Wie wichtig für die Anwendung des neuzeitlichen F. dessen Zierwert war, zeigt die häufig symmetrische Anordnung solcher F. an einer Fassade (z. B. in Dinkelsbühl, Deutsches Haus, gegen 1600: RDK VI 963 Abb. 18) oder die Kombination von F. und Erker: Erker werden von F. flankiert oder durch F. bereichert (auch beides, z. B. am „Riesen“ in Miltenberg, 1590: [7] Abb. S. 46). Bei besonders schmuckreichen Fassaden gestaltete man die Aufzugsöffnungen der Speicherstöcke in der gleichen Weise wie die F. (z. B. am Deutschen Haus in Dinkelsbühl, s. oben).

IV. Räumliche und zeitliche Verbreitung

In Gebieten mit Blockbau gibt es den F. nicht. Die „alemannische“ Form des F. ist seit dem späten 15. und frühen 16. Jh. östlich von Rhein und Bodensee, auch im Elsaß (Straßburg: [3] Abb. 503) nachzuweisen, merkwürdigerweise jedoch fast gar nicht in der Schweiz (trotz ähnlicher Bauformen in Ständerbohlen- und Fachwerkkonstruktionen). Im Prinzip gleich konstruierte F. waren oder sind auch anderweitig in Süddeutschland anzutreffen, so in Nürnberg (Dürerhaus, E. 15. Jh.?; Grolandhaus, 1484: [6] Zchg. 74, Taf. 26) oder in Nördlingen (Abb. 2), in einer Sonderform auch im westl. Bayern (Unterschondorf am Ammersee, um 1700; Hattenhofen Krs. Fürstenfeldbruck, 1712: [3] Abb. 514, 516). Unverändert blieb diese F.form bis in neuere Zeit nur dort, wo man am Ständerbohlenbau festhielt, so noch im 19. Jh. vereinzelt in Verbindung mit einigen Typen des Schwarzwaldhauses (z. B. Rötenbauernhof in Reichenbach am Hornberg, 1831: Herm. Schilli, Das Schwarzwaldhaus, Stg. 1953, Abb. 112).

Das Zentrum des „fränkisch-rheinischen“ F. ist das Mittelrheingebiet (der ursprüngliche Bestand wurde hier auch durch nachträgliches Abarbeiten von F. dezimiert, um einheitlichen Verputz zu ermöglichen, z. B. am Rathaus von Birkenau Krs. Bergstraße, 1552, eines der frühesten dat. Beisp., dessen F. bei der Wiederherstellung 1909 anhand von Abarbeitungsspuren neu angefügt wurde: [2] Abb. 471f.). Die geographische Verbreitung ist im einzelnen ungleich: in Starkenburg haben vornehmlich Rathäuser aus der 2. H. 16. Jh. und dem 17. Jh. F.; westlich des Rheins, in Rheinhessen und in der Pfalz, tragen in gleichem Maß wie Rathäuser auch Bürgerbauten F. In der Gegend von Worms und Alzey hat eine lokale Gruppe F. mit Fensterbänken, die gegenüber den benachbarten Brustriegeln um eine Holzstärke erhöht sind [2, Abb. 547, 552–53]. Die schmuckreichsten, geradezu verspielten Formen des F. finden sich im späteren 16. und im 17. Jh. am unteren Mittelrhein und an der unteren Mosel (Abb. 1 e; Bernkastel, 16. oder 17. Jh.: RDK VI 966 Abb. 20; Linz a. Rh., 17. Jh.: [6] Zchg. 122; Abb. 1 d; vgl. Klaus Freckmann, Das Fachwerkhaus an der Mosel [8. Veröff. der Abt. Archit. des khist. Inst. der Univ. Köln], Köln 1975, S. 146f. u. ö.), mit Ausstrahlungen bis in den Westerwald und in die Eifel (Münstereifel, Haus Haag, 1644: [2] Abb. 343f.).

Mit den neuzeitlichen „fränkischen“ Formen im Fachwerk in der 2. H. 16. Jh. drang auch der „fränkisch-rheinische“ F. nach Südwestdeutschland vor, wobei die Ablösung über vielfache Zwischenformen vor sich ging (Mischformen aus „fränkischen“ und „alemannischen“ Elementen z. B. am Baumannschen Haus in Eppingen Krs. Sinsheim, 1582–83: [6] Taf. 32f.; Abb. 1 c). Im rechtsrheinischen Gebiet verhielt man sich gegenüber geschnitztem Zierat dabei recht zurückhaltend. – Ganz anders war es im Elsaß und in der angrenzenden Rheinpfalz. Hier setzten sich im späteren 16. Jh. die „rheinisch-fränkischen“ Formen samt ihrem Schmuckreichtum durch (Rathäuser von Kaysersberg, 1604, und Dörrenbach, Pfalz, 1590–91: [7] Abb. S. 29 und 32).

Nach und nach sind F. auch in der Wetterau, in Mainfranken und den angrenzenden Landstrichen anzutreffen (z. B. Miltenberg, „Riese“, 1590: [7] Abb. S. 46; Forchheim, Bamberger Str. 1, 1611: [6] Taf. 72; nur f.ähnlich ist die Gestaltung am Rathaus von Burgkunstadt, Ofr., 1689–90: ebd. Taf. 87). – Der F. an Bauten im Lahntal, dort bes. im Limburger Becken und seiner Umgebung beliebt, war seit A. 17. Jh. vorbildlich für Oberhessen. Im Gebiet des neuzeitlichen thüringischen Fachwerkbaus, in dem man gern die gesamte Oberwand auskragte (s. oben Sp. 1467), konnte der F. ebensowenig heimisch werden wie im nördlichen Hessen mit dem stärkeren niederdeutschen Einschlag. Wenn innerhalb der niederdeutschen Fachwerkgebiete vereinzelt f.artige Bildungen auftreten (so an der Unterelbe), so wird man dies wohl mit H. Phleps der Tätigkeit aus fränkischen oder alemannischen Landschaften zugewanderter Zimmerleute zuschreiben dürfen [3, S. 67].

Es scheint, als entspräche der ziemlich raschen Ausbreitung des „fränkisch-rheinischen“ F. in der 2. H. 16. Jh. ein ähnlich schnelles und gleichmäßiges Ausklingen bald nach 1700, als allgemein das Fachwerk wieder schlichter wurde und man immer mehr auf geschnitzten Zierat verzichtete; so lassen sich nur noch wenige Gebäude mit F. sicher in die Zeit nach 1700 datieren (außer den Sp. 1471 genannten bayerischen etwa Oberkleen, Gde. Kleenheim Krs. Wetzlar, „Försters Haus“, 1702: [2] Abb. 568; Nagold, Turmstr. 18, 1708: [6] Taf. 34). Kennzeichnend mag sein, daß 1728 in Starkenburg das Rathaus von Klein-Gerau – nach einer ganzen Serie von Rathäusern mit F. – wieder ohne F. oder Erker blieb.

Zu den Abbildungen

1 a–e. Konstruktionsweisen:

a. Reichenau-Mittelzell, Rathaus (ehem. Vogtei). End-ma. Nach [3] S. 287 Abb. 507.

b. Ippichen, Gde. Kinzigtal/Baden, Abrahamshof. Steinernes Sockeigeschoß inschriftl. 1522 dat. Nach ebd. S. 284 Abb. 202.

c. Sindelfingen Krs. Böblingen, Haus Hintergasse 9. A. 16. Jh. Nach Inv. Württ., Neckarkrs., Taf.bd. Taf. [31].

d. Ediger Krs. Cochem-Zell, Haus Hochstr. 152. 1628. Nach Carl Lachner, Gesch. der Holzbauk. in Dtld., 2. Teil, [Lpz. 1887], S. 69 Abb. 93.

e. Rhens a. Rh., Haus Rathausplatz 1. 1671. Nach Carl Schäfer, Die Holzarchit. Dtld. ..., Bln. 1883–88, Taf. 68.

2. Nördlingen, An der Roßwette. 16/17. Jh. Fot. Hirsch, Nördlingen.

Literatur

Speziallit. fehlt. Besonders Abschnitte über F. sind vor allem enthalten in:

1. Wilh. Fiedler, Das Fachwerkhaus in Dtld., Frankreich und England (Beitr. zur Bauwiss., 1), Bln. 1902, S. 64 (auch engl. Beisp.). – 2. Heinr. Walbe, Das hess.-fränk. Fachwerk, Gießen 19542, S. 43, 267 u. ö. – 3. Herm. Phleps, Alemann. Holzbauk., hrsg. von Ernst Mix, Wiesbaden 1967, S. 56ff. – 4. Herbert Nebel, Fachwerkbauten im Ortsbild am Mittelrhein, Diss. Zweibrücken 1976, S. 95f.

Mehrfach zitiert: 5. H. Phleps, Dt. Fachwerkbauten, Königsstein 1. T. 19622. – 6. Günther Binding, Udo Mainzer und Anita Wiedenau, Kleine Kg. des dt. Fachwerkbaus, Darmstadt 1975. – 7. W. Sage, Dt. Fachwerkbauten, Königsstein 1. T. 1976 (Neuausg. von [5]). S. auch Fachwerk, Fachwerkbau (RDK VI 988-992).

Verweise