Feile, Feilenhauer

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englisch: File; französisch: Lime; italienisch: Lima.


Alexander Cizinsky (1979)

RDK VII, 1060–1072


RDK VII, 1061, Abb. 1 und 2. Flachfeile und Raspel (schematisch).
RDK VII, 1061, Abb. 3. Feilenarten (schematisch).
RDK VII, 1061, Abb. 4. Feilenhauerwerkzeug (schematisch).
RDK VII, 1063, Abb. 5. Nürnberg, 1528.
RDK VII, 1063, Abb. 6. Nürnberg, 1534.
RDK VII, 1065, Abb. 7. Nürnberg, 1755.
RDK VII, 1067, Abb. 8. Gebrüder Gans, 1778 und 1787.
RDK VII, 1069, Abb. 9. Lionardo da Vinci, um 1480, Mailand.

F. = Feile; Fh. = Feilenhauer

I. Definition

Die F. (germ. finhlo, altdt. auch figil oder fyl, ahd. fila; lat. lima) ist ein Handwerkszeug aus Stahl oder Eisen, das an der Oberfläche mit dicht aufeinanderfolgenden kleinen Schneiden (Hieben) versehen ist; es dient zur spanabhebenden Bearbeitung (Glätten, Befeilen) von Metallen, Holz, Stein, Elfenbein und anderen Werkstoffen (Abb. 1; vgl. [11] S. 1).

Den Hauptteil der F. bildet der F.körper (F.blatt), der mit parallel laufendem Hieb versehen ist. Neben einhiebigen F. (Hieb läuft im rechten Winkel oder leicht schräg zum F.körper) sind am meisten verbreitet diejenigen mit Kreuzhieb (Doppelhieb), bei denen der Unterhieb (Grundhieb) den Oberhieb im schrägen Winkel kreuzt.

II. Arten, Benennungen

Für die verschiedenen Arten von F. gibt es traditionell eine ganze Anzahl von Benennungen, die auf Hieb, Form der F., Querschnitt des F.körpers oder Benutzung Bezug nehmen.

Die Raspel (lat. scobina, ital, raspa, franz. râpe, engl. rasp; Abb. 2) ist durch pockenartigen Hieb charakterisiert (scharfe Zahnschneiden, die einzeln aus dem F.körper hervortreten); sie dient vorwiegend zu Bearbeitung von Holz, weicheren Metallen und Stein.

Die Riffel-F. (franz. riffloir; Abb. 3a) besteht gewöhnlich aus zwei kleinen F.- oder Raspelkörpern mit verschiedenen Profilen, die in der Mitte durch einen Griffteil (ohne Holzheft) zusammenhängen; Riffel-F. sind entweder gerade oder – meist sichelartig – gebogen.

Die Nadel-F. (Abb. 3b) ist eine dünne F. ohne Heft (mit angeschmiedeter Angel); sie dient zur präzisen Oberflächenbehandlung. Die Nürnberger Nadel- oder die Raum-F. aus Eisen (und deshalb leicht in die benötigte Form zu biegen) war bis ins 19. Jh. Spezialartikel der Nürnberger Fh. [11, S. 29–31, Abb. 55f., 116].

Nach dem Grad der Feinheit des Hiebes (Hiebdichte) unterscheidet man die Grob- oder Schropp-F. (Vor-F., s. Sp. 1069, Halbschlicht- und Schlicht-F., die bei der abgestuften Feilspanabnahme, entsprechend den verschiedenen Vor- und Nachbearbeitungen der Oberfläche benutzt werden. Eine einhiebige F. zum Vorarbeiten ist z. B. die Stoß-F. mit hobelartigem Stoßhieb ([11] Abb. 49f. und S. 62f.; allgemein zu den Hiebarten ebd. S. 77f.).

Dem Querschnitt nach werden meist die Flach-, Halbrund-, Dreikant-, Vierkant- und Messer-F. sowie die Vogelzungen mit ovalem Profil unterschieden (Chr. Weigel nannte 1698 z. B. sechs Profil-Gattungen: [4] S. 636, ohne Vogelzunge).

Auf die große Formvariabilität der F. weisen bildhafte Bezeichnungen wie Rattenschwanz (queue de rat: [6] Bd. 9, Taillanderie S. 2, Taf. 6 Nr. 7), Vogelzunge oder Schwanenhals (s. [11] Abb. 114, S. 71 u. ö).

III. Feilenhauer

A. Die Anfertigung von F. ist seit dem späteren MA in hohem Maße dem Handwerkszweig der Fh. vorbehalten.

Aus dem Stammberuf Schmied/Grobschmied gingen A. 13. Jh. verschiedene Handwerkszweige hervor (vgl. Helmut Vocke [Hrsg.], Gesch. der Handwerksberufe, 2. Bd., Waldshut 1. B. 1960, S. 626f., so der Zeugschmied, der feinere Handwerkszeuge wie Sägen, F., Bohrer und Meißel herstellte. Dieser Beruf spaltete sich im stadt. Handwerk auf in Feinschmied (Schlosser), Fh., Neber- und Zirkelschmied [16, S. 39]. Die früheste Erwähnung eines Fh. datiert von 1387 („felehauwer Clawes“: Karl Bücher, Die Berufe der Stadt Ffm. im MA [Abhn. der philol.-hist. Kl. der kgl. sächs. Ges. der Wiss., Bd. 30, 3], Lpz. 1914, S. 43).

Nürnberg, wo 1419 erstmals „feylsmid“ und „feihelhawer“ genannt sind [11, S. 23f.], gilt als die Stadt, in der zuerst F. handwerksmäßig hergestellt wurden und Fh. ein selbständiges Handwerk bildeten.

Handwerksmäßige Anfertigung von F. wird aus dem größeren Bedarf der Klingenschmiede und Schwertfeger – die seit 1285 ein Handwerk bildeten – an F. erschlossen: die von ihnen hergestellten Schwerter besitzen Blutrinnen, die man nur mit Hilfe von F. ausarbeiten konnte.

„Unter Berücksichtigung der Einträge im Meisterbuch 1486–1534 (Staatsarchiv Nürnberg, Reichsstadt N., Amts- und Standbücher Nr. 307, fol. 33) und in der Sammlung der Handwerkerordnungen (1535 angelegter Band ebendort, Amts- und Standbücher Nr. 259, fol. 86–90 [Fh.ordnung] und 91–91v [Fh.gesellenordnung]) erscheint die Annahme berechtigt, daß das Fh.handwerk in Nürnberg erst zu A. des 16. Jh., vielleicht zu Beginn der dreißiger Jahre dieses Jh., organisiert wurde“ (frdl. Mitt. Staatsarchiv Nürnberg vom 31. 8. 1967). Die Fh.-Ordnung von 1642 bestimmt die Ausbildungsdauer mit drei Jahren Lehrlings- und vier Jahren Gesellenzeit und schreibt die zum Erwerb des Meisterrechts erforderlichen Leistungen (drei Meisterstück-F.) sowie die Verbindlichkeit von Meisterzeichen vor, die auf der Meistermarkentafel eingetragen wurden (eine solche von 1602 im Germ. Nat.mus. Nürnberg, Inv. Nr. Z 1644). Außer den Fh. durften auch Plattschlosser, Neber- und Zirkelschmiede, Ringmacher und Glötschlosser F. anfertigen (vgl. Aug. Jegel, Alt-Nürnberger Handwerksrecht und seine Beziehungen zu anderen, Nürnberg ... 1965, S. 176–79). In Berlin betrug die Lehrzeit für Fh. 1770 bei Lehrgeldzahlung vier, sonst fünf bis sechs Jahre, die Gesellenzeit drei Jahre [11, S. 64].

Zunftpatrone der Fh. waren die Hll. Joseph und Theodosius (vgl. Dietrich Heinr. Kerler, Die Patronate der Hll., Ulm 1905, S. 93), seit dem 19. Jh. anscheinend auch der hl. Bonifatius (ebd.; Zunftfahne von 1840 im Germ. Nat.mus., wo sich eine ganze Kollektion von Objekten des örtlichen Fh.handwerks aus dem 16.–18. Jh. befindet; vgl. auch Alfr. Grenser, Zunft-Wappen ..., Ffm. 1889 [Nachdr. Niederwalluf 1971], S. 33).

Meisterstücks-F. In Nürnberg verlangte man 1642 eine Rotschmied-F., eine „Satlerfeilen“ (d. i. eine Hufschmiedraspel) und „ein Goldschmidtfeiln von Stahl“ (A. Jegel a.a.O. S. 176; diese drei F. als gemeine Figur im Wappen des Handwerks, vgl. die Lade von 1642 im Germ. Nat.mus. Nürnberg [Inv. Nr. Z 405] und Abb. 7). Chr. Weigel [4, S. 363f.] nennt als Meisterstücke „eine große viereckige 24–26 Pfund schwehre F.“ (die auch zu einer Raspel für Drahtzieher gemacht wird), „eine fünf Zoll breite Schleiff-F. für Goldschmiede“ und eine grobe krumme Raspel mit gekröpfter Angel für Sattler. Krünitz [7, S. 498] ergänzt, die erste dieser F. solle eine zwei Fuß lange Arm-F. zu gröbsten Eisenarbeiten sein, die zweite eine Spanne lang und zehn Pfund schwer, mit gebogener Angel, um sie auf dem Tisch festzunageln (um die Fugen des zu lötenden Goldes darauf gerade zu reiben). In Berlin forderte man eine 18 Pfund schwere Arm-F., eine Schattier-F. und einen Schleif- oder Spitzring für die Nadler (ebd.; vgl. auch [11] S. 64f.). – Die Meisterstück-F. der Gebr. Gans aus Schmalkalden, 1778 und 1787 sind mit ornamentalen Verzierungen und Tauschierungen versehen (Abb. 8).

Die Arbeitsweise wird durch bildliche Darstellungen des 15.–18. Jh. dokumentiert; seit dem 16. Jh. blieb sie ziemlich konstant.

Von den zwei Fh. im Hausbuch der Mendelschen Zwölfbrüderstiftung in Nürnberg haut der um 1425 porträtierte den Kreuzhieb noch mit breitschneidigem Meißelhammer in die F., die auf einem Amboß (dieser auf einem Haustock) liegt, während der 1534 dargestellte der jüngeren Praxis des Handhauens mit Meißel und Hammer folgt und dabei die F. mit Fußriemen rechts und links auf dem Amboß festhält – eine praktisch bis ins 20. Jh. gleichgebliebene Arbeitsweise (vgl. [2], Bildbd. S. 74, Textbd. S. 119 und S. 146; Abb. 5). Chr. Weigel [4, Abb. nach S. 362] zeigt den Schmiedeamboß mit einem Stück Roheisen oder Rohstahl, wie es von Eisenwerken geliefert wurde; nach dem Schmieden wurde die F. geschliffen (Schleifstein im Hintergrund) und im Härteofen und Härtefaß nachbehandelt (vgl. [11] S. 54ff.). Peter Nathan Sprengel (Handwerke und K. in Tabellen mi: Kupfern, 6. Slg., Bln. 1770, S. 160ff.) beschreibt sämtliche Geräte der Fh., u. a. verschiedene Haumeißel, z. B. für dreieckige halbrunde und runde F., verschiedenartige und dreikantige Raspeln; der Hauhammer zeigt bereits die gekrümmte Form, die in Dtld. bis ins 20. Jh. charakteristisch blieb. Joh. Peter Vogels Darstellung des Fh. bei der Arbeit läßt die Verwandschaft mit dem Schmiedehandwerk gut erkennen ([8] Abb. 46; zur Arbeitsweise des Fh. vgl. auch [19] S. 11ff.). Abb. 4 zeigt verschiedene Fh.werkzeuge.

IV. Feile

A. Herstellung

1. In der Vorzeit gab es Feuerstein-F. Im Griechischen heißt F. ῥίνη – ebenso wie die Haifischart, deren Haut man als Poliermittel für Holz und Marmor benutzte (s. Fischhaut). In der Hallstattzeit gebrauchte man bronzene F.

Eiserne F. müssen schon im 5.–4. Jh. v. Chr. bekannt gewesen sein. Die Römer hatten eiserne und stählerne Raspeln mit Kreuzhieb und Holzheft, vgl. die Funde aus Kaiseraugst (1. Jh. v. Chr.–1. Jh. n. Chr.; Alfred Mutz, Röm. Eisenwerkzeuge aus Augst, in: Provincialia, Fs. Rud. Laur-Belart, Basel und Stg. 1968, S. 151 bis 169) und von der Saalburg (ca. 3. Jh. n. Chr.; vgl. [11] S. 19 Abb. 39; allgemein [11] passim, [17] Sp. 290–93 und [20] S. 161ff.).

2. Theophilus Presbyter beschrieb in der 1. H. 12. Jh. F. mit u. a. drei- und viereckigem sowie rundem Profil, ferner Spezial-F.; sie wurden mit einem zweiseitigen Meißelhammer gehauen (ob Meißel und Hammer schon als getrennte Werkzeuge benutzt wurden – so [17] Sp. 291 –, geht aus dem Text nicht eindeutig hervor; unter „ferrum incisorium“ [Buch III Kap. XVII] ist vielleicht auch die Schneide-F. zu verstehen; so jedenfalls [11] S. 50). Theophilus berichtet auch ausführlich über die Härtung der F. (Buch III Kap. X, XVII–XIX: [1] S. 69 und 72f.).

Der Kreuzhieb wurde zwischen dem 12. und 14. Jh. eingeführt, seit A. 15. Jh. ist er bildlich dargestellt (techn. Hs. in Bln., s. Sp. 1069; Hausbuch der Mendelschen Zwölfbrüderstiftung, s. oben; [11] Abb. 43f.).

Im 16. Jh. waren als Folge der handwerklichen Spezialisierungen sehr unterschiedliche F.arten im Gebrauch.

Wenn auch im 17. und 18. Jh. in Dtld. neben Nürnberg neue Zentren des F.hauerhandwerks entstanden – so in Schmalkaden, Remscheid und Eßlingen (vgl. [11] S. 31–33; Zur Gesch. der Bergischen F.industrie, hrsg. vom Berg. Gesch.ver., Remscheid 1963) –, so verlor doch seit 1618 Dtld. seine Bedeutung für die F.herstellung: in der Qualität waren F. aus Sheffield führend. F. aus England (lîmes d'Angleterre) sind bei Diderot-d'Alembert [6, Bd. 9, Serrurier S. 11, Taf. 53f. Nr. 49–64] neben denen aus Dtld. (lîmes d'Allemagne) zu finden. Die industrielle Herstellung der F. beschränkte sich bis M. 19. Jh. auf das Schmieden und Härten der F. (erst um 1850 setzte die Mechanisierung ein, seit 1864 werden die F.körper gewalzt statt geschmiedet).

3. Eine F.haumaschine soll 1419 in Nürnberg bekannt gewesen sein [16, S. 65]. Als frühester erhaltener Beleg gilt die Aufzeichnung Lionardos da Vinci über die „Art wie die F. sich von selbst einkerben“ (Abb. 9; Il Codice Atlantico di L. d. V., Ausg. der Regia Accad. dei Lincei, Mailand 1894–1904, Textbd. 1 S. 8).

Zur Dat. vgl. Gerolamo Calvi: Bern Dibner, Maschinen und Waffen, in: Ladislao Reti [Hrsg.], L. – Künstler, Forscher, Magier, Stg. und Ffm. 1974, S. 171, Abb. 170/1; Rekonstruktionsmodell von Carolo Zammatio: Kat. „Le Gall. di L. d. V. nel Mus. Naz. della Scienza e della Technica“, Mailand 1956, S. 34).

Der Hieb wird in den F.körper mit einem messerförmig zugespitzten, schwingenden Meißelhammer, der je nach der gewünschten Hiebart auswechselbar ist, gehauen. Bei jeder Umdrehung der Hauptwelle rückt der Block, auf dem die herzustellende F. liegt, etwa um 1/9 der Gesamthöhe seiner Schraubenspindel weiter. Als Kraft dient, das Handhauen nachahmend, ein Gewicht, das, über eine Kurbel laufend, emporgezogen wird. Durch Auswechseln eines Sternrades konnte man verschiedene Hiebdichten einstellen.

Weitere Konstruktionsversuche von F.haumaschinen sind erst von 1627, 1683 und 1699 in Frankreich bekannt ([11] S. 94–98, Abb. 130ff.; hier auch Abb. engl., dt. und schweizer Maschinen). Technisch leistungsfähige F.hau-(und Raspelhau-)maschinen wurden E. 19. Jh. eingeführt.

B. Anwendung

F. wurden zum Glätten oder Formen der Oberfläche von Werkstücken beinahe jeglicher Art verwendet. Im allgemeinen wurden F. mehr zur Glättung der Oberfläche, die das Material (des Holzes, Steins, Elfenbeins) angreifenden Raspeln mehr zur Formung gebraucht; Riffel-F. benutzte man meist zur Bearbeitung von Hohlkehlen, Vertiefungen oder Bohrungen, wo das gerade F.blatt nicht hinkommt.

Der Vorgang des Feilens ist erstmals im Hausbuch der Mendelschen Zwölfbrüderstiftung bildlich dargestellt: Messerer (um 1425–1436, Bl. 12v, 15, 95v[1475] und 68 [1477]: [2] Bildbd. Taf. 25, 28, 145, 107), Schnallenmacher (Bl. 13v [um 1425] und 129v [1513]: ebd. Taf. 26), Nadelmacher (Bl. 150v [1533]: ebd. Taf. 228) und Rotschmied (Bl. 179v [1548]) feilen entweder auf dem Werktisch oder auf einer Spezialstütze; beim Schlosser Ulrich Hach, 1528 (Abb. 6), kommt erstmals das Feilen am eisernen Schraubstock vor, in den das Werkstück (ein Schlüssel) eingespannt ist. Jost Amman [3] zeigt 1568 Schlosser, Messerschmied, Sporer und Büchsenschmied am Schraubstock feilend, der Rotschmied feilt aus der Hand. Chr. Weigel gibt u. a. einen feilenden Windenmacher wieder [4, Abb. nach S. 350], Diderot-d'Alembert schildert z. B. F. beim Guß von Lettern [6, Bd. 2, Fonderie en caractères d'imprimerie S. 1, Fig. 3].

Seit dem MA, vor allem aber seit dem 16. Jh. verwendete man den speziellen Bedürfnissen eines Handwerkszweiges angepaßte Spezial-F. Besondere Bedeutung hatten F. im metallverarbeitenden Handwerk. Noch 1578 waren sie das wichtigste Werkzeug bei der Gewindeanfertigung.

Im Inventar des Gießers Hans Sivers in Braunschweig, 1551, sind 39 F. erwähnt (Franz Fuhse, Handwerksaltertümer, Braunschweig 1935, S. 4). Mathurin Jousse de la Flêche, La fidelle ouverture de l'art du serrurier, Paris 1627, S. 4, nennt 28 verschiedene F.sorten, die Schlosser benutzten. Im Ständebuch von Jost Amman [3] sind F. nicht nur beim Schmied, Rotschmied, Schlosser und Nägleinmacher, sondern auch beim Buchbinder als Werkzeug im Hintergrund der Werkstatt zu sehen.

Goldschmiede. Die von Theophilus beschriebene Spezial-F. (Kap. X: [1] S. 69; rekonstruiert von O. Dick [11] Abb. 42) entspricht der sog. abgekröpften Scharnier-F., die noch heute benutzt wird. Gold- und Silberschmieden der Neuzeit stand eine sehr differenzierte Skala von Riffel-F. sowie Nadel-F. zur Verfügung, vgl. [18] S. 163ff. Die F. wird nicht nur zur Nacharbeit, zum Glätten gesägter Stellen, zum Entfernen des überschüssigen Lots usw., sondern auch zu gestalterischen Aufgaben verwendet (vgl. [13] Taf. 3 und 4 und [18] Abb. 242). Charakteristisch ist das Feilen in der Hand, wobei das Werkstück im Feilkloben eingespannt ist. Abb. von Raspeln und Riffel-F. der Goldschmiede bringt Diderot-d'Alembert [6, Bd. 8, Orfèvre-Bijoutier S. 1, Taf. 5 Nr. 30–47]. – Auch Stahlgraveure benutzten oft F. [18, S. 180, Abb. 243].

Bildhauer. Seit der Antike besaßen sie Spezial-F., Raspeln und Riffel-F., mit denen Holz- und Steinskulpturen behandelt wurden. Die in Zchgn. von 1420 überlieferten F. waren vielleicht solche von Bildhauern (techn. Hs. des Großen Generalstabs der Armee zu Bln. [wo heute?]: [11] S. 23 und 76, Abb. 44). Griech. Bildhauer verwendeten seit dem 6. Jh. vor Chr. Raspeln oder F. zum Aufrauhen der Unterschicht, damit die Fassung besser haftet [15, S. 81, Abb. 45]. Aus gleichem Grund wurden Gesichtspartien spätgot. Holzskulpturen geraspelt (die Messerspuren wurden nicht geglättet; vgl. [14] S. 165f., Abb. 5).

Donatello rauhte die Oberfläche seiner Kalksteinfiguren mit der Raspel auf [15, S. 206, 212], Michelangelo benutzte sie zur Valeur-Ausglättung von Marmorskulpturen (ebd. Taf. 35).

Ebenisten gebrauchten die zusammengesetzte Schropp-F. (zusammengesetzte Stahlmesser mit dazwischen eingelegten Holzplatten; [11] Abb. 59f.) bei der Bearbeitung von Hartholz, Elfenbein oder Horn (vgl. André Jacob Roubo le fils, L'art du menusier ébéniste, in: Description des arts et métiers, Bd. 37, Paris 1774, Taf. 318 Fig. 18, S. 938).

Messerschmiede bedienten sich zur Anfertigung von Einlegearbeiten aus Perlmutter, Elfenbein oder Schildpatt in Griffe der Griffmacherraspeln (Jean-Jacques Perret, L'art du coutelier, in: Descript. des arts ... a.a.O. Bd. 25, Paris 1771, S. 67ff., Taf. 10 Fig. 20f.; vgl. [11] S. 60f., Abb. 106).

Aus der nahezu unübersehbaren Vielfalt von Spezial-F., über die Dick [11] und J.J. Prechtl [10, Bd. 5 S. 570–75] eine gute Übersicht bieten, sind die der Uhrmacher und Orgelbauer hervorzuheben. Jene hatten im 18. Jh. sehr differenzierten Bedarf an Präzisions-F. (vgl. [5] S. 33, Taf. 7f.); in einem Firmenkat. vom E. 18. Jh. aus Liverpool [9] machen sie fast ein Viertel des gesamten Sortiments aus (Beschreibung von Uhrmacher-F. auch bei [6] Bd. 4, Horlogerie S. 20, Taf. 14 Nr. 31–37; [10] Bd. 5 S. 570–75; vgl. auch [11] Abb. 102f.). Orgelbauer hatten u. a. eine Spitz-F. mit abgekröpfter Angel und ungehauener gebogener Spitze (D. Bedos de Celles, L'art du facteur d'orgues, in: Descript. des arts ... a.a.O. Bd. 13, Paris 1766, S. 16ff., Taf. 3 Fig. 6; vgl. [11] S. 40f., Abb. 73).

V. Allegorie

Gelegentlich ist die F. Attribut der personifizierten Grammatik (gemäß Martianus Capella, De nuptiis Philologiae et Mercurii III, 226: ed. Adolph Dick, Lpz. 1925, S. 83): so bei Mantegna, sog. Tarocchi, Serie C 21 (Hind, Ital. Engr., Bd. 1 S. 221ff., 236, Bd. 4 S. 340), und noch bei Ripa 1603 (S. 194). Die „Academia“ (in dt. Übersetzungen: Hohe Schule, Universität) führt eine F. mit dem erläuternden Schriftband „Detrahit atque polit“ (Ripa, Ausg. Padua 1618 S. 2f., mit Berufung auf Quintilian [X, III, 18 und X, IV, 4] und Horaz [Epistulae II, 3.291]). „Conscienza“, das Gewissen, mit der F. beschrieb Ripa 1593, S. 47; diese Personifikation ist seit der Ausg. 1603 an zweite Stelle gerückt, wird aber von manchen dt. Übersetzungen aufgegriffen (z. B. in der von Lorenz Strauß, Ffm. 1669, Teil 2 S. 63) oder ausschließlich gebraucht (z. B. bei Gg. Greflinger, Hbg. 1659, S. 70); bei Hertel-Ripa, Bl. 119, hält ein der Personifikation beigegebenes Kind die F.

Mehrfach ist die F. Gegenstand äsopischer Fabeln.

Der in eine Schmiedewerkstatt gekrochenen Otter verwehrt die F. die Bitte um eine Kleinigkeit: sie sei nicht zu geben gewohnt, sondern zu nehmen (Corp. fabularum Aesopicarum, Teil I, 1, Lpz. 19572, S. 95). Ähnlich bei Phädrus die Fabel von der Natter, die in einer Schmiede eine F. annagt (Esopius Leben und Fabeln, ... dazu ußzüge schoener fabeln und exempeln Doctors Seb. Brant ..., o. O. u. J. Freiburg i. Br. 1535], Nr. 47; s. auch [11] S. 2f., Abb. 3; Ludw. Mader, Antike Fabeln, Zürich 1951, S. 208).

In der Emblematik erscheint die F. als Bild der Läuterung durch das Kreuz (Theod. Beza, Icones ..., Genua 1580, Nr. 20: Arthur Henkel und Albr. Schöne [Hrsg.], Emblemata ..., Stg. 1967, Sp. 1443f., ebd. Sp. 1444: Nik. Reusner, Aureolorum emblematum liber ..., Ffm. 1587, Bl. A 5a, „Explorant aduersa“; vgl. auch Abraham a Santa Clara, Etwas für Alle ..., Bd. 3, Würzburg 1711, S. 202) und des sich selbst strafenden Neides: die F. verleiht der Oberfläche Glanz, aber die stumpfe Schneide zerstört sich dabei („carpii et carpitur una“, nach Ovid, Metam. II, 781; Sebastian de Covarrubias Orozco, Emblemas morales ..., Madrid 1610, Buch I Nr. 12: ebd. Sp. 1413).

Zu den Abbildungen

1–4. Feilen-Typen und Feilenhauerwerkzeug. Zchg. Max Fröhlich, Zürich.

5 und 6. Nürnberg, Stadtbibl., Amb. 317.2° (Hausbuch der Mendelschen Zwölfbrüderstiftung, Band I), fol. 143, der Schlosser Ulrich Hach (5), und fol. 152v, der Feilenhauer Peter Pauernschmidt (6). Farbig lavierte Federzchgn., 29 × 20 cm. Nürnberg, 1528 (5) und 1534 (6). Fot. Bibl.

7. Nürnberg, Germ. Nat.mus., Inv.nr. Z. 141, Sargschild des Nürnberger Feilenhauermeisters Michael Kiesel. Kupfer, vergoldet. Dat. 1755. Fot. Mus.

8. Kassel, Staatl. K.slgn., Meisterstückfeilen der Gebrüder Gans. Schmalkalden, 1778 und 1787. Fot. Werner Sengemann, Kassel.

9. Lionardo da Vinci, Konstruktion einer Feilenhaumaschine. Feder auf Papier, 67 × 45 cm. Mailand, Bibl. Ambrosiana, Cod. Atlanticus, fol. 6rb. Um 1480. Nach Ausg. a.a.O. (Sp. 1067), Taf.bd.

Literatur

Quellen: 1. Theophilus Presbyter, De diuersis artibus, ed. Charles Reginald Dodwell, London ... 1961. – 2. Hausbuch der Mendelschen Zwölfbrüderstiftung zu Nürnberg, hrsg. von Wilh. Treue u. a., 2 Bde., Mchn. 1965 und 1967. – 3. Jost Amman und Hans Sachs, Eygentliche Beschreibung Aller Stände auf Erden, Ffm. 1568 (Faks.ausg. Mchn. 18962; engl. Ausg., mit Kommentar von Benjamin A. Rifkin, New York 1973). – 4. Christoff Weigel, Abb. der Gemein-Nützlichen Hauptstände von Regenten und ihren Künstlern und Handwerkern, Regensburg 1698. – 5. Antoine Thiout, Traité de l'horlogerie mécanique et pratique, Paris 1741. – 6. Denis Diderot und Jean le Rond d'Alembert, Recueil des planches sur les sciences, les arts libéraux et les arts mécaniques, 12 Bde., Paris 1762–77. – 7. Krünitz Bd. 12, 1786. – 8. Joh. Peter Voigt, Faßliche Beschreibung der Gemeinnützlichen Künste und Handwerke, Nürnberg 1791. – 9. John Wyke, Instruments of the clock-maker (Firmen-Kat.), Liverpool o. J. (E. 18. Jh.; Exemplar im Bayer. Nat.mus. Mchn., Sign. 13094). – 10. Joh. Jos. Prechtl, Technolog. Enc, Bd. 5, Stg. 1834.

Abhn.: 11. Otto Dick, Die F. und ihre Entwicklungsgesch., Bln. 1925. – 12. Franz Maria Feldhaus, Die Technik der Antike und des MA, Potsdam 1931. – 13. Max Fröhlich, Lehrbuch für Goldschmiede, Lausanne 1955. – 14. Vojtěch Volavka, Die Handschrift des Bildhauers, Prag 1958.– 15. Ders., O soše. Úvod do historické technologie a teorie sochafstvi (Über die Statue. Einführung in die hist. Technologie und Theorie der Bildhauerei), Prag 1959. – 16. Alois Nedoluha, Gesch. der Werkzeuge und Werkzeugmaschinen, Wien 1961. – 17. F. M. Feldhaus, Die Technik der Vorzeit, der gesch. Zeit und der Naturvölker, Mchn. 19652. – 18. Wilh. Braun-Feldweg, Metall, Werkformen und Arbeitsweisen, Ravensburg 19682. – 19. Paul Hugger und Alfr. Mutz, Der Fh. (= Sterbendes Handwerk, 22), Basel 1969. – 20. Paul Feller und Fernand Tourret, L'outil, dialogue de l'homme avec la matière, Rhode-St.Genèse 1970.

Zu IV: Tervarent.