Farbe (allgemein)

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englisch: Colour; französisch: Couleur; italienisch: Colore.


Heinz Roosen-Runge (1974)

RDK VI, 1461–1463


I. F. physiologisch

A. F. physiologisch. F. sind Empfindungen des menschlichen Sehapparats, hervorgerufen durch elektromagnetische Strahlungen verschiedener Wellenlängen [5, S. 68f.] von etwa 400–700 nm von Violett über Blau, Grün, Gelb, Orange bis zu Rot [2, S. 224], welche spektral gesammelt den Eindruck weißen Lichts ergeben. Die Netzhaut des menschlichen Auges nimmt die durch diese Schwingungen übertragene Energie mit den in ihr vorhandenen Rezeptoren auf, den sog. Zapfen – vor allem für Sehen von F. bei Helligkeit – und Stäbchen – vor allem für Sehen bei Dunkelheit mit verminderter Intensität bei Farbwahrnehmung –, welche verschiedene Sehstoffe enthalten. Sie leitet diese als Erregung durch Vermittlung vielfältiger, vermutlich relaisartig in nervösen Querverbindungen arbeitender Nerven- und Ganglienzellzonen bestimmten Teilen des Gehirns, den Sehzentren, zu. Hierbei finden mannigfaltige physikalisch-chemische Reaktionen statt, die aber bis jetzt in ihrem Zusammenhang nur teilweise erklärt werden können ([3] S. 427ff.; [5] S. 168ff., 202 ff).

Es gibt ferner wichtige Licht- und Farbwahrnehmungen, welche nicht durch direkte Bestrahlung von Netzhautpartien, sondern vermutlich durch Reaktion von den erregten Stellen benachbarten Teilen der Netzhaut (Simultankontrast) oder von einer nachträglichen Reaktion (Sukzessivkontrast) bestrahlter Stellen angeregt werden. Diese Erregungen werden über die Nervenbahnen den Sehzentren zugeleitet. Auch in diesem Fall ist die Erklärung des Prozesses, der zur Wahrnehmung führt, ob retinal, nervös oder zerebral bedingt, noch hypothetisch [5, S. 213-218].

Von solchen Wahrnehmungen von F. sind die Vorstellungs-F. zu unterscheiden, welche als Gehirnerregungen durch Willens- und Aufmerksamkeitseinstellungen hervorgerufen werden.

II. F. physikalisch

Die unter I. genannten elektromagnetischen Strahlungen, welche im menschlichen Sehapparat Farbwahrnehmungen hervorrufen, haben ihre Quelle in lichtaussendenden selbstleuchtenden oder lichtzurückwerfenden Körpern, wobei die Ursache der Lichtaussendung verschieden sein kann [4, S. 478]. Die Mischung von reinen Spektral-F. (Addition) folgt dabei anderen Gesetzen als die Mischung von F., die Körper in reflektiertem Licht (Subtraktion) zeigen (ebd. S. 585f., 587f.).

Werden Spektral-F., welche einander im Spektrum nahe liegen, gemischt, so entstehen Misch-F. von annähernd gleicher Intensität (von etwa Gelb und Rot zu Orange), während bei Mischung von zwei im Spektrum weiter auseinanderliegenden F. zwar die vollständige Reihe der Zwischen-F., jedoch lichter, weniger gesättigt erscheint. Ferner ergibt sich reines Weiß bei Mischung bestimmter spektraler F. von bestimmter Intensität – mit Ausnahme der Farbstufen aus dem Bereich von Gelbgrün bis Grünblau –, welche daher als Gegen- oder Komplementärfarben bezeichnet werden. Helmholtz hat aufgrund dieser Beziehungen von je zwei F., um ihren Zusammenhang in einer Ordnung anschaulich machen zu können, eine dreiecksförmige Anordnung der F. konstruiert, wobei der Kreuzungspunkt entsprechend der Wellenlänge durch das Weiß dargestellt wird und die im Spektrum nicht enthaltenen Purpurtöne durch spektrale Mischung von Rot und Violett gewonnen werden, ohne aber mit den F. aus dem Bereich von Gelbgrün bis Grünblau komplementäres Weiß, sondern nur Grau zu bilden [4, S. 586].

Die F., welche undurchsichtige Körper im Lichte zeigen, entstehen dadurch, daß bestimmte Bereiche des spektralen Lichts von ihrer Oberfläche absorbiert, andere reflektiert werden. Diese letzteren lassen den betreffenden Körper als farbig erscheinen. F. eines durchsichtigen Stoffes (Raum-F.) beruhen ebenfalls auf der Absorption bestimmter Spektralbereiche, wobei die Erscheinungen im durchgehenden oder reflektierten Licht verschieden sein können [4, S. 588], z. B. bei dem „Urphänomen“ Goethes (s. Farbenlehre).

III. F. psychologisch

F. haben immer auch eine psychische Wirkung. Hier hat die Symbolwirkung der F. (s. *Symbolik der F.) ihren Ursprung, sowohl im Sinne von Grundempfindungen als auch davon abgeleiteter, in bestimmten Kulturen verfestigter Vorstellungen. Wie weit diese Grundempfindungen physiologisch begründet oder überdies auch assoziativ mit Erlebnissen gegenüber der farbig erscheinenden Natur zusammenhängen, ist noch nicht hinreichend erklärt. Sicher hängen die abgeleiteten Vorstellungen mit den Grundempfindungen zusammen und können diese im Bewußtsein überlagern. Sie können aber auch beim Abklingen der Lebensformen einer Kultur in ihrer Symbolkraft nachlassen, so daß diese nur noch abgeschwächt nachwirken und die Grundempfindung wieder unmittelbar bedeutsam wird. Farbpsychologische Untersuchungen der Gegenwart [1] lassen beide Komponenten erkennen.

IV. F. als Werkstoff des Künstlers

Der Künstler verwendet bei seiner Arbeit Farbmittel (s. Sp. 1463–92 und Bd. 7 Sp. 1ff.). Die Bezeichnung „Farbstoff“ ist seit einer Regelung des Deutschen Normenausschusses (DIN 55944) nur auf lösliche Farbsubstanzen anzuwenden. Unlösliche Farbsubstanzen sollen danach als „Pigmente“ bezeichnet werden [6, S. 57].

In der älteren Literatur bis in das neuere naturwissenschaftliche und kunstwissenschaftliche Schrifttum wurde die ältere Terminologie für Farbstoff als Oberbegriff und sodann für feste, unlösliche Farbmaterialien die Bezeichnung „Körperfarben“ verwendet.

Literatur

1. G. Johs. von Allesch, Die ästhetische Erscheinungsweise der F. (= Psychologische Forschgn., Bd. 6), Bln. 1925. – 2. Hugh Davson (Hrsg.), The Eye, Bd. 2, New York und London 1962. – 3. Herbert James Ambrose Dartnall, The Chemical Structure and Photo-chemistry of the Visual Pigments, in: [2], S. 427–71. – 4. Wilh. Westphal, Physik, Bln., Göttingen und Hdbg. 195618, 19, – 5. Wilh. Trendelenburg, Der Gesichtssinn, 2. neubearb. Aufl. von Manfred Momjé, Ingeborg Schmidt, Erich Schütz, Bln., Göttingen und Hdbg. 1961 (Lehrbuch der Physiologie in zusammenhängenden Einzeldarstellungen). – 6. Kurt Wehlte, Werkstoffe und Techniken der Mal., Ravensburg 1967.

Frdl. Hinweise gab Wolfgang Westphal.

Verweise