Fano

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englisch: Fanon, pendant, fannels; französisch: Fanon; italienisch: Fanone, bendoni.


Ulrich Keller (1974)

RDK VI, 1445–1450


RDK VI, 1445, Abb. 1. Arnolfo di Cambio und Werkstatt, 1293, Rom.
RDK VI, 1447, Abb. 2. Giotto und Werkstatt, gegen 1300, Assisi.
RDK VI, 1447, Abb. 3. Raffael, 1514, Rom.

I. Begriff, Wort

Der F., auch Fanone genannt (mittellat. fano [fanum, phanno, favo], herzuleiten von ahd. fano, mhd. vane, van = Tuch, Fahne oder von lat. pannus = Stückchen Tuch, Lappen), ist

ein weißseidenes Schultertuch, das zur liturgischen Gewandung des Papstes gehört. Es wurde im MA bei verschiedenen Anlässen angelegt (s. III. A), wird jedoch heute nur noch beim feierlichen Hochamt benutzt.

Im MA begegnet man mehrfach der synonymen Bezeichnung orale.

Auch andere kirchliche Paramente als das päpstliche Schultertuch wurden in den lateinischen Schriftquellen des MA „fano“ genannt: der Schirm, der über den Kopf des Papstes gehalten wurde; das Korporale; das Oblationsvelum; der Manipel; das Schultervelum, das der Subdiakon beim Offertorium trägt; die beiden Bänder der Mitra (infulae); das Tuch am Bischofsstab (sudarium); das Tuch, das den Kelch deckt (nach [3]; [4]; [6]; „Ma. Schatzverzeichnisse“, hrsg. vom ZM in Zusammenarbeit mit Bernh. Bischoff, 1. Teil [= Veröffn. des ZM, 4], Mchn. 1967, S. 177f. [Sachregister]).

II. Alter, Herkunft

Die erste Nachricht über den F. als Sondergewand des Papstes findet sich bei Innozenz III., De sacro altaris mysterio I, 53 (Migne, P. L., Bd. 217 Sp. 793; ähnlich Durandus von Mende, Rationale divinorum officiorum III, 9; vgl. auch den Ordo des Papstes Gregor X. [= Mabillon Ordo XIII], n. 6: [1] Sp. 1108).

In Rom und seiner Umgebung waren und sind bildliche Darstellungen von Päpsten mit einem Schultertuch anzutreffen, die höheres Alter besitzen, z. B. in Rom, ehem. in der Nikolauskapelle des Lateran (unter dem Gegenpapst Anaklet [II.], 1130–38, wenigstens vollendet; vgl. Gerhart Bunan Ladner, Die Papstbildnisse des Altertums und des MA, Bd. 1: Bis zum Ende des Investiturstreits, Vat. 1941, S. 194f. und 202ff., Abb. 129–44, Taf. 20 a, b), in Tivoli, S. Silvestro, der hl. Silvester versiegelt den Drachen, Fresko, zwischen 1157 und 1170 (?; van Marle, Bd. 1 Abb. 71; Datierung nach Guglielmo Matthiae, Pittura romana del medioevo, Bd. 2, Rom [1966], S. 101). Noch älter ist der mit farbigen Streifen bestickte rechteckige Schleier aus weißer Seide, der sich im Grab Klemens II. † 1047 fand (Sigrid Müller-Christensen, Das Grab des Papstes Clemens II. im Dom zu Bamberg, Mchn. 1960, S. 33 und 54, Abb. 60-62) und dessen Beschaffenheit sehr genau den Beschreibungen der oralia im Verzeichnis des päpstlichen Schatzes vom J. 1295 (s. Sp. 1449) entspricht. Bei den genannten Darstellungen und erst recht bei dem Schleier ist es jedoch ungewiß, ob diese Tücher als F. bezeichnet werden dürfen; schon seit dem 8. Jh. war unter dem Namen anabolagium (anagolagium, anagolaium) ein dem F. ähnliches Schultertuch in Gebrauch, das – nicht allein vom Papst, sondern von allen Klerikern – gleich dem F. über der Albe getragen wurde. Aus dem Anabolagium hat sich – nach Braun [5, S. 56f.] – zwischen dem 10. und 12. Jh. einerseits der Amikt entwickelt (der unter der Albe getragen wurde), andererseits der F., der weiterhin über der Albe blieb, hinfort aber allein dem Papst zustand.

III. Gebrauch

Über den Gebrauch des F. unterrichten Schrift- und Bildquellen.

A. Aus den Ordines geht hervor, daß der F. bei folgenden Anlässen getragen wurde: bei der Konsekration des Papstes und den ihr folgenden Zeremonien, beim feierlichen Krönungsmahl, bei der feierlichen Messe, bei der Fußwaschung am Gründonnerstag (Mandatum) und beim Mahl am selben Tag; auch die Leiche eines Papstes wurde mit einem F. ausgestattet (Belege bei Braun [5], S. 53; s. a. [2]).

Die Bildquellen, die erst vom späten 13. Jh. an in größerer Zahl vorhanden sind (Abb. 1) und im frühen 16. Jh. so gut wie versiegen (dazu s. Sp. 1450), stimmen nur ausnahmsweise mit dem Zeugnis der Schriftquellen überein (so z. B. die Darstellung der Krönung Pauls V. von Ippolito Buzio, 1615, in Rom, S. M. Magg., Capp. Paolina: Alberto Riccoboni, Roma nell’arte. La scultura nell’evo moderno dal Quattrocento ad oggi, Rom 1942, Abb. 135). Sie schildern mit dem F. bekleidete Päpste bei anderen Anlässen als nach den Ordines zu vermuten wäre, z. B. bei der Bestätigung von Ordensregeln, bei der Weihe von Klerikern usw. Es scheint, als sei der F. generell als eines der den Papst charakterisierenden Kleidungsstücke eingeschätzt worden. Für diese Auffassung sprechen auch die zahlreichen zwischen dem E. 13. Jh. und dem des 15. Jh. entstandenen Grab- und Ehrenstatuen von Päpsten, auf denen der Papst mit F. wiedergegeben ist (vgl. Venturi, Bd. 4 Abb. 45 und 99; Renzo Umberto Montini, Le tombe dei papi, Rom [1957]; auch Ernst Steinmann, Die Zerstörung der Grabdenkmäler der Päpste von Avignon, Monatshh. für Kwiss. 11, 1918, 145–70).

B. Es gab im MA wohl verschiedene Arten, den F. anzulegen. Mabillon Ordo XIII, n. 6, und XV, c. 8, c. 94 [1, Sp. 1108 sowie 1277 und 1351], lassen vermuten, daß ein Teil des F. über der Albe, der andere über der Kasel getragen wurde; dazu paßt der Befund, den man 1605 bei der Öffnung des Grabes von Bonifaz VIII. † 1303 vorfand: der F. war mehrfach über die Albe und dann über die Kasel um die Schultern gewickelt (Abraham Bzovius Bzowski], Fortsetzung von Caesar Baronius, Annales ecclesiastici, Bd. 14, Köln 1618, Sp. 51). Formulierungen in Mabillon Ordo XIV, c. 84, 87 [1, Sp. 1207, 1209], lassen es aber auch als möglich erscheinen, daß der ganze F. über die Kasel gelegt wurde. Bei bestimmten Anlässen wurde der F. kapuzenartig über den Kopf geschlagen, so bei Zeremonien, die der Pontifikalmesse folgten, etwa beim Mandatum (s. o.), wo der Papst ausnahmsweise den F. zum Pallium trägt [5, S. 54].

Auf den bildlichen Wiedergaben bedeckt der F. in der Regel Schultern, Brust und Rücken des Papstes (Abb. 2), doch kommen, zumal in der Frühzeit, auch Darstellungen vor, auf denen der F. als kleiner Bausch auf der Brust des Papstes abgebildet ist (so z. B. Venturi, Bd. 4 Abb. 99, und R. U. Montini a.a.O. Nr. 186 Abb. 73). Sehr selten sind die kapuzenförmige Trageweise des F. (etwa bei Simone Martini, vgl. van Marle, Bd. 2 Abb. 129, und Ferdinando Bologna, I pittori alla corte angioina di Napoli, Rom 1969, Abb. IV–4 und –6) und die zum Pluviale abgebildet (Venturi, Bd. 5 Abb. 150f.; Sydney Joseph Freedberg, Painting of the High Renss. in Rome and Florence, Cambridge, Mass. 1961, Bd. 2 Abb. 698).

IV. Form

Die ma. Form des F. unterscheidet sich grundlegend von der heute gebräuchlichen.

Im MA waren F. oblonge, unterschiedlich große Seidentücher, die entweder mit farbigen Längs- oder Querstreifen verziert waren (vielleicht in Erinnerung an das mehrfarbige Schulterkleid [Ephod] des jüdischen Hohepriesters: [5] S. 55 Anm. 5) oder ganz schmucklos blieben. Die beste Vorstellung von ihrer Beschaffenheit vermitteln die Beschreibungen von 36 F. im Verzeichnis des päpstlichen Schatzes vom J. 1295 (Näheres bei [5], S. 55); bildliche Darstellungen ergänzen sie: die meisten schildern den F. als einfaches weißes Tuch, einige jedoch zeigen ihn mit streifenförmigem Schmuck (außer den hierfür bei Braun [5], S. 55, genannten Beispielen etwa: Andrea di Giusto [Papst Silvester zeigt Konstantin die Bilder der hll. Peter und Paul: Bernh. Berenson, Ital. Pictures of the Renss., Florentine School, Bd. 2, London 19633, Abb. 645] und Raffael [Abb. 3]). Im Caeremoniale des Paris de Grassis (um 1470–1528) wird ein dreifarbiger F. aus Leinen erwähnt, das mit Goldfäden durchwirkt war [5, S. 55].

Heute besteht der F. aus zwei übereinanderliegenden, annähernd kreisförmigen weißen Seidentüchern mit einer Kopföffnung, an deren Rand die beiden Tücher zusammengenäht sind. Die untere Tuchlage hat einen Durchmesser von maximal 92 cm, die obere ist etwa zwei Handbreiten kleiner. Die Seidentücher beider Lagen sind mit roten und goldenen Parallelstreifen verziert und mit goldenen Borten eingefaßt. In das Vorderteil der oberen Tuchlage ist ein goldenes Kreuz eingestickt (eine Beschreibung, wie F. dieser Form dem Papst angelegt werden, bei [5], S. 52f.).

Wann sich der F. aus dem einfachen oblongen Tuch des MA in den doppelten, nahezu runden Kragen der Neuzeit verwandelt hat, ist noch ungewiß. Einschlägige Schriftquellen fehlen anscheinend und bildliche Darstellungen geben darüber keine Auskunft; denn seit dem frühen 16. Jh. pflegt man die Päpste im Pluviale abzubilden, zu dem sie den F. in der Regel nicht tragen.

Zu den Abbildungen

1. Arnolfo di Cambio und Werkstatt, Papst Urban I. Skulptur am Altarciborium in S. Cecilia zu Rom. Marmor, gefaßt, Maße unbekannt. Dat. 1293. Fot. Alinari, Florenz, Nr. 49869.

2. Giotto und Werkstatt, Papst Honorius III. Detail aus der Predigt des hl. Franziskus vor dem Papst (Gesamtabb.: Curt H. Weigelt, Giotto [Klass. d. K., Bd. 23], Bln. und Lpz. 1925, S. 152 Abb. 17). Assisi, S. Francesco, Oberkirche. Fresko, Gesamtmaße 2,7 × 2,3 m. Gegen 1300. Fot. Alinari, Florenz, Nr. Anderson 15 362.

3. Raffael, Papst Leo d. Gr. Detail aus dem „Zusammentreffen von Leo d. Gr. mit Attila“ (Gesamtabb.: Adolf Rosenberg, Raffael [Klass. d. K., Bd. 1], Stg. und Lpz. 19235, S. 101). Fresko, Gesamtbreite 7,5 m. Rom, Vat. Pal., Stanza del Incendio. 1514. Fot. Alinari, Florenz, Nr. Brogi 7149.

Literatur

1. Migne, P. L., Bd. 78 Sp. 851ff. (Abdruck der Ordines nach der Ed. von J. Mabillon). – 2. Michel Andrieu, Les ordines romani du haut moyen âge, Bd. 2, Löwen 1948, S. 78: Ordo I, 34 (= Mabillon Ordo I); S. 243: Ordo VI, 11 (= Mabillon Ordo III); S. 321: Ordo VIII, 1, 1 (= Mabillon Ordo V).

3. Gaetano Moroni, Dizionario di erudizione storico-ecclesiastica, ..., Bd. 23, Venedig 1843, S. 173ff. – 4. Kraus Bd. 1 S. 478 (Anton Heuser). – 5. Braun, Liturg. Gewandung, S. 52–57. – 6. Herbert Norris, Church Vestments, London 1949, S. 94. – 7. Enrico Dante, Art. „Fanone“, in: Enc. Catt. 5, Sp. 1024.