Faltrock

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englisch: Pleated gown; französisch: Robe plissée; italienisch: Gonnello.


Alexander von Reitzenstein und Ingrid Haug (1974)

RDK VI, 1419–1422


RDK VI, 1417, Abb. 1. Gregor Erhart, um 1509 (?), Jettingen.
RDK VI, 1419, Abb. 2. Bern, um 1510 (?).
RDK VI, 1421, Abb. 3. Konrad Seusenhofer, 1512-15, Wien.

I. Definition

Als F. bezeichnet man ein männliches Kleidungsstück: An das meist anliegende, am Hals rund oder viereckig ausgeschnittene Oberteil wurde ein in dichtgereihte, nahezu parallele oder nach unten breiterfallende Röhrenfalten gelegter Rock angesetzt, der üblicherweise über dem Knie endete (eher Röckchen als Rock), aber auch bis zum oder unters Knie reichen konnte. Der F. zeigte oft kurze Schulterpuffen oder Glockenärmel, konnte aber auch lange, häufig gepuffte Ärmel haben. Häufig war der Rock vorn und hinten in der Mitte geschlitzt und so besonders bequem für den Reiter (Varianten z. B. bei [2], S. 48f.).

Oft – besonders in der Maximiliansära – wurde der F. über dem Harnisch getragen; er bestand dann meist nur aus einem (geschlitzten) Rock ohne Oberteil, der das Beinzeug bedeckte.

Man versteht unter F. auch einen nur während kurzer Zeit üblichen Teil des *Harnischs.

In zeitgenössischen Quellen finden sich die Bezeichnungen Paltrock (Grimm Bd. 7, Sp. 1420; [6]), Leib- oder Waffenrock (zit. bei [2], S. 50). Da der F. gelegentlich in heraldischen Farben getragen wurde, hat man auch die Bezeichnung Wappenrock gebraucht [8, Nr. 176, S. 143]. In moderner Literatur wird auch die Bezeichnung Schoßrock verwendet [2].

Vom F. zu unterscheiden sind die im 15. Jh. getragenen kurzen, gegürteten, oft seitlich offenen oder geschlitzten Röcke mit oder ohne Ärmel (vgl. z. B. Hans Floercke, Die Moden der Renss., Mchn. 1924, Abb. 43ff. bzw. 59).

II. Textiler F.

Der F. kam in den ersten Jahren des 16. Jh. auf, war besonders im 2. und 3. Jz. beliebt und hielt sich noch, vereinzelt allerdings, bis in die 2. H. des Jh. Er wurde in allen Ländern des westeuropäischen Kulturkreises getragen, wenn auch nicht mit gleicher Vorliebe wie in den Ländern deutscher Zunge. Entscheidend an seinem Aufkommen und seiner Verbreitung beteiligt war wohl Kaiser Maximilian I. (vgl. z. B. die Ill. zu „Theuerdank“ und „Weisskunig“: ed. H. Theod. Musper u. a., Plochingen und Stg. 1968, passim; ders. u. a., Stg. 1956, passim).

Der F. wurde in der bürgerlichen wie in der adligen, höfischen Gesellschaft getragen, schlicht und reich ausgestattet, angefertigt aus einfachen (Woll-) oder kostbaren (Brokat-, Seiden-)Stoffen. Auch aus Stoffen verschiedener, oft heraldisch bestimmter Farben setzte man F. zusammen (z. B. [8], Nr. 23, S. 113). Vielleicht führte die Brauchbarkeit vor allem des geschlitzten F. für Reiter wie auch für Herolde, Trabanten usw. ihn so breithin ein (F. als Pagenkleid: Eva Nienhold, Zs. für Waffen- und Kostümkde. III. F. 14, 1972, Abb. 3).

Darstellungen aus dem 1. Jz. 16. Jh. beweisen den Gebrauch des F. zu dieser Zeit sowohl als Jagdkleid, z. B. zwei Holzschnitte Lucas Cranachs d. Ä. (Geisberg, Einblattholzschnitt Bd. 8, S. 28f.), als auch als Übergewand zum Harnisch, z. B. die Darstellung des hl. Georg auf dem Farbholzschnitt Hans Burgkmairs von 1508 (Arthur Burkhard, H. B. d. Ä. [= Meister der Graphik, 15], Bln. 1932, Taf. 12) und das Grabmal des Phil. vom Stain, † 1509, in Jettingen Krs. Günzburg (Abb. 1). Im F., getragen über einem Hemd mit weiten Ärmeln und zu langen Strümpfen, stellt L. Cranach d. Ä. den Zebedäus auf dem rechten Flügel des sog. Torgauer Fürstenaltars von 1509 dar (Ffm., Städelsches K.-Inst.: Max J. Friedländer und Jak. Rosenberg, Die Gem. des L. C., Bln. 1932, Abb. 18). Das wahrscheinlich einzig erhaltene Stück ist der rotseidene „Zeltrock“ angeblich Karls des Kühnen, der aber nicht vor 1500, richtig wohl um 1510 anzusetzen ist (Bern, Bern. Hist. Mus.: [9] Nr. 130; Abb. 2). Einen geschlitzten F. tragen Angehörige der Schweizer Garde auf Raffaels „Messe von Bolsena“ in der Stanza d’Eliodoro im Vatikanischen Palast, 1511–14 (Ad. Rosenberg und Gg. Gronau, R. [= Klass. der K., 1], Bln. und Lpz. 19235, S. 93). 1515 ritt (Kaiser) Karl (V.) mit F. in Brügge ein [2, S. 48], im gleichen Jahr Franz I. von Frankreich in Mailand. Der Augsburger Matth. Schwarz trug den F. erstmals 1514 als Reitrock, 1515 beim eben genannten Einzug Franz’ I. in den Wappenfarben des Königs, letztmals 1530 ([8] Nr. I, 20, S. 111, Nr. I, 23, S. 113, Nr. I, 101, S. 155f.). Aufschlußreich für das Vorkommen des F. in Spanien ist das Chr. I Weiditz zugeschriebene Trachtenbuch, um 1529 [1, Taf. 4, 6, 26, 28, 94 u.a.]. Um 1536–37 porträtierte Holbein d. J. Kg. Heinrich VIII. von England im F. aus kostbarem Stoff (Karton für das 1698 verbrannte Fresko in Whitehall: Roy Strong, Nat. Portrait Gall.: Tudor and Jacobean Portraits, London 1969, Taf.bd. Abb. 305). Im F. als Jagdkleid stellte L. Cranach d. Ä. noch 1544 Karl V. auf dem Jagdbild aus Torgau dar (Madrid, Prado: M. J. Friedländer und J. Rosenberg a.a.O., Abb. 330, vgl. auch Abb. 331 [1545]); ebenfalls zur Jagd trug den F. noch um 1565 Veit Konrad Schwarz, der Sohn des Matth. Schwarz [8, S. 17, Abb. 9]. Ein sehr spätes Beispiel ist das etwa 1590 entstandene Miniaturporträt des George Clifford, 3rd Earl of Cumberland, von Nicholas Hilliard, das den F. mit dem „Gansbauch“ des späten 16. Jh. kombiniert zeigt (Greenwich, Nat. Maritime Mus.: R. Strong a.a.O., Taf.bd. Abb. 100).

III. F. als Teil des Harnischs

Der über dem Harnisch getragene F., wie ihn z. B. Abb. 1 zeigt, wurde auch, sicher unter dem Einfluß Kaiser Maximilians, von dessen Hofplattner Konrad Seusenhofer ins Stählerne der Harnischtracht übertragen. Der in die Gattung der „Kostümharnische“ einzuordnende F.-Harnisch blieb eine Episode, zeitlich beschränkt auf das 2. Jz. 16. Jh., örtlich auf Tirol–Innsbruck.

Beispiele: Der von Maximilian an Heinrich VIII. von England geschenkte F.-Harnisch von 1511–14, heute im Londoner Tower, und der des noch im Knabenalter stehenden Erzhzg., späteren Kaisers Karl, von 1512–14, in der Wiener Waffenslg., beide von K. Seusenhofer ([5] Nr. 61, Abb. 37ff.; Nr. 62, Abb. 42 und Abb. 3; vgl. auch ebd., Nr. 65f., Abb. 39 und 48, und S. 22).

Zu den Abbildungen

1.Gregor Erhart, Grabmal des Phil. vom Stain, † 1509. Grauer Sandstein mit Resten alter Bemalung, 2,42 m h., 1,18 m b. Jettingen Krs. Günzburg, Pfarrkirche. Fot. A. von Reitzenstein.

2. Bern, Bern. Hist. Mus., Inv. Nr. 20 a, „Zeltrock“ angeblich Karls des Kühnen. Roter Seidenatlas, 1,08 m h. Bern (?), um 1510 (?). Nach [9], Nr. 130, Abb. 211.

3. Konrad Seusenhofer, Knabenharnisch für Erzhzg. Karl. Stahl, durchbrochene vergoldete Silberauflagen auf ehem. violettem Samt, vergoldete und eingeschwärzte Ätzung, 1512–14. Wien, Waffenslg., Inv. Nr. A 109. Nach [5], Taf. 41.

Literatur

1. Das Trachtenbuch des Chr. Weiditz von seinen Reisen nach Spanien (1529) und den Niederlanden (1531/32) ..., hrsg. von Theod. Hampe (= Hist. Waffen und Kostüme, 2), Bln. und Lpz. 1927. – 2. Sigrid Flamand Christensen, Die männliche Kleidung in der süddt. Renss. (= Kw. Stud., 15), Bln. 1934, S. 48ff. – 3. P. Nieß, Wie kleideten sich die Bewohner der Ronneburg?, Der Burgwart 35, 1934, 11–16. – 4. Eva Nienholdt, Die dt. Tracht im Wandel der Jhh., Bln. und Lpz. 1938, S. 78f. – 5. Ausst. Kat. „Die Innsbrucker Plattnerk.“, Innsbruck, Tiroler L.mus. Ferdinandeum, 1954. – 6. Erika Thiel, Gesch. des Kostüms, Bln. 1960, S. 149. – 7. Carmen Bernis, Idumentaria española en tiempos Carlos V, Madrid 1962. – 8. Aug. Fink, Die Schwarzschen Trachtenbücher, Bln. 1963. – 9. Ausst. Kat. „Die Burgunderbeute und Werke der burgundischen Hofk.“, Bern, Bern. Hist. Mus., 1969.

Verweise