Fabrikbau

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englisch: Factory buildings; französisch: Fabrique, usine; italienisch: Fabbrica.


Wolfgang Müller-Wiener (1971)

RDK VI, 847–880


RDK VI, 847, Abb. 1. Nürnberg, nach 1597.
RDK VI, 849, Abb. 2. Plauen, Weißbach'sches Haus, erb. 1777-78.
RDK VI, 851, Abb. 3. Joh. Martin Pohlmann, um 1775, ehem. Breslau.
RDK VI, 853, Abb. 4. Oberhausen, Zeche Oberhausen, erb. um 1855.
RDK VI, 855, Abb. 5. Joh. Friedr. Wedding, 1798, ehem. Breslau.
RDK VI, 857, Abb. 6 a und b. Ludw. Karl Althans, ab 1824, Sayn Krs. Koblenz.
RDK VI, 859, Abb. 7 a. Karlsruhe, Maschinenfabrik Keßler und Martiensen, 1837-38.
RDK VI, 861, Abb. 7 b. Karlsruhe, Maschinenfabrik Keßler und Martiensen.
RDK VI, 863, Abb. 8 a. Ed. Biermann, 1847, Berlin.
RDK VI, 865, Abb. 8 b. Berlin, Maschinenfabrik Borsig, Werksgelände an der Chausseestraße.
RDK VI, 867, Abb. 9. Ratingen Krs. Düsseldorf-Mettmann, 1784.
RDK VI, 869, Abb. 10. Joh. Traugott Lohse, ab 1808, Erfenschlag Krs. Chemnitz.
RDK VI, 871, Abb. 11. Ludw. Wilh. Lendorff, 1836, Ettlingen, Baden.
RDK VI, 873, Abb. 12. Ettlingen, Baden, Spinnerei und Weberei.
RDK VI, 875, Abb. 13. Bruchsal, um 1760 und um 1806; Dürrheim, um 1840; Rappenau, um 1840.
RDK VI, 877, Abb. 14. Friedr. Arnold, 1822 (?), Dürrheim, Baden.

I. Begriff, Abgrenzung

F. sind Anlagen für Gewerbebetriebe, die sich durch ihre maschinelle Ausstattung und arbeitsteilige Organisation von traditionellen Handwerksbetrieben unterscheiden.

Die Bezeichnung Fabrik (von lat. fabrica; im MA gebraucht als Bezeichnung für Bauhütten und größere Baustellen; im 17. Jh. verwendet in der Bedeutung von „Herstellungsart“) taucht, auch in Deutschland vielfach in der franz. Form fabrique, in der 1.H. 18. Jh. bereits häufig auf für Gebäude zur Herstellung von Waren, vor allem bei Betrieben, die ähnliche Produkte herstellen wie staatliche oder fürstliche Manufakturen.

Während die im Hinblick auf die ständigen Streitigkeiten mit den Zünften notwendige Abgrenzung der Fabrik gegen den Handwerksbetrieb schon früh deutlich formuliert wird (z. B. im VI. Badischen Konstitutionsedikt 1808: „Unter Fabrik wird ein Gewerbebetrieb verstanden, welcher so ins Große geht, daß einzelne Arbeiter nur einzelne Teile eines Gewerbes verrichten, deren von dem Gewerbsherren geleitete Zusammenstimmung dann das Ganze vollendet“), ist eine ebenso eindeutige Abgrenzung gegen die Manufaktur merkantilistischer Prägung sowie gegen die meist privilegierten größeren Gewerbebetriebe im Bereich der Luxusgüter- und Textilindustrie nur schwer möglich, da auch hier bereits im 17. und 18. Jh. in gewissem Umfang mechanisierte und arbeitsteilige Prozesse üblich waren.

II. Vorformen

Ausgangs- und Grundform der meisten F. ist die Mühle, eine mit mechanischem Antrieb versehene, aber völlig handwerklich organisierte Anlage, die erst ab einer gewissen Bedeutung und Betriebsgröße in Gesamtanlage und Detailform durch architektonische Regeln und Stilformen beeinflußt wurde. Zu den entsprechend dem jeweiligen Zweck (Walk-, Mahl-, Schleif- usw. -mühle) unterschiedlich eingerichteten Anlagen gehören neben dem eigentlichen Mühlengebäude mit der (den) Wasserkraftanlage(n) samt zugehörigen Stauwehren, Schützen und Kanälen häufig getrennt davon angelegte Magazin- und Lagerbauten sowie Wohngebäude.

Viele dieser Anlagen sind in der Frühzeit der Industrialisierung (bis zur M. 19. Jh.) mit oft nur geringfügigen baulichen Veränderungen zu Fabriken ausgebaut worden, so z. B. die Eilermühle in Stolberg Krs. Aachen (Inv. Rheinprov. 9, 2, S. 185f., Abb. 152), 1836 die alte Papiermühle zur Papierfabrik Flinsch in Freiburg i. Br. [14, S. 112ff.] und eine Mühle in Michelstadt Krs. Erbach i. Odenwald zur Tuchfabrik Arzt (Fs. Tuchfabrik Arzt 1828–1928, Darmstadt 1928, S. 12f.). Sehr viel häufiger bildeten Mühlen mit den ihnen gehörenden Wasserrechten den Ausgangspunkt für größere Fabrikneubauten, wie z. B. bei allen ab 1834 erbauten großen Baumwollspinnereien im badischen Wiesental [14, S. 77–94].

Neben den Mühlen wurden die für Gebäude größerer Gutshöfe (Scheunen, Ställe usw.) verwendeten Bautypen sowohl formal wie konstruktiv Ausgangspunkt des frühen F. (vgl. Oskar Zech, Heimische Bauweise in Sachsen und Nordböhmen, Dresden 1908, Abb. 279, 306, 321, 324, 353, gegen Abb. 354f., 357, 359–63).

III. Frühformen

Vorformen fabrikmäßiger Organisation und damit Frühformen von F. finden sich seit dem MA im Bereich der Montanindustrie – speziell des Bergbaues und der eng mit ihm verknüpften Hüttenwerke (primäre Großindustrien) –, unter den zahllosen seit dem 17. Jh. gegründeten, meist aber nur kurzlebigen staatlichen Manufakturen sowie in den Arsenalbauten und Geschützgießereien der Heeresverwaltungen.

1. Hütten- und Hammerwerke

Hütten- und Hammerwerke sind neben den Mühlen die ältesten Beispiele für teilweise mechanisierte Gewerbebetriebe; daher gleichen die frühen Anlagen in Gesamtanlage wie in baulicher Einzelform weitgehend den örtlichen Mühlentypen. Angelehnt an die unmittelbar an die Wasserkraft gebundenen Bauteile (Schmelz- und Frischhütten, *Hammerwerke) bildeten sich in den oft engen Gebirgstälern um die Werkshöfe Baukomplexe ohne erkennbare architektonische Ordnung und meist auch ohne baulichen Schwerpunkt, vielmehr mit lockerer Gruppierung von Werksbauten, Magazinen und Kohleschuppen sowie Wohn- und Wirtschaftsbauten für den Hüttenherrn und die Arbeiter (vgl. z. B. die Ansichten von Lautenthal, Braunlage und Altenau/Harz bei Matth. Merian, Topographia und eigentliche Beschreibung der vornembsten Stäte, Schlösser und eigentliche Beschreibung auch anderer Plätze vnd Örter in denen Hertzogthümer Braunschweig vnd Lüneburg ..., Ffm. 1654 [Neuausg. Kassel und Basel 1961, Stiche nach S. 140, 46, 42], und die Ansicht von Eisenerz bei M. Merian, Topographia Austriacarum ..., Ffm. 1649 [Neuausg. Kassel und Basel 1963, Stich nach S. 80]). In besonderem Maß durch ihre technische Funktion bestimmte Bauten gab es hier noch nicht; Hochöfen (soweit überhaupt üblich) waren im allgemeinen klein und wurden oft sogar mit dem Gießereigebäude zu einer geschlossenen baulichen Einheit verkoppelt (vgl. z. B. [11], Abb. 333f.); orts- und zeitübliche Bauern- und Wohnhausformen bestimmten das Erscheinungsbild dieser Werke (z. B. Hammerwerk Hirschbach Krs. Sulzbach, Opf.: Abb. 1). Eine Reihe größerer Hütten in den Hauptbergbaugebieten Sachsens, Nordhessens, der Oberpfalz und im Saarland besaßen neben den oft reicher und massiver gebauten Werksgebäuden größere Wohnbauten, sog. Hammerschlößchen, die den lokalen Adelssitzen ähneln und so den gesellschaftlichen Stand der oft dem Adel oder städtischem Patriziat angehörenden Hammerherrn demonstrieren.

Die älteren Hammerschlößchen waren meist verteidigungsfähige Wohntürme, so z. B. Hirschbach, Opf. (Abb. 1) oder das „alte Schloß“ in Dießfurth Krs. Eschenbach (1526: Inv. Bayern, Opf. 11, S. 37ff., Abb. 23–26, Taf. 2; [15] S. 116f.). Später wurden mehr oder minder reich ausgestaltete schloßähnliche Bauten errichtet wie z. B. das „neue Schloß“ in Dießfurth 1544, das Hammerschloß in Rohrbach Krs. Burglengenfeld (der Anbau dat. 1586: Inv. Bayern, Opf. 5, S. 115f., Abb. 89; [15] S. 132), Altenweiher Krs. Amberg (E. 16./17. Jh.: Inv. Bayern, Opf. 15, S. 9 Abb. 1; [15] S. 140f.), Haslmühl Krs. Amberg (A. 17. Jh.?: Inv. Bayern, Opf. 15, S. 83f., Abb. 69; [15] S. 114f.), Schmalzgrube und Tannenbergsthal Krs. Annaberg (18. Jh.: [16] S. 256ff., Abb. 115–17 und S. 274f., Abb. 121), Christianshütte bei Weilburg/Lahn (Vom Ursprung und Werden der Buderus’schen Eisenwerke Wetzlar, Mchn. 1938, Bd. 1 Taf. n. S. 258) sowie Neuschmiede bei Wächtersbach (ebd. S. 273). Selten nur entstanden statt der bescheidenen Hammerschlößchen neben den Hütten größere Schlösser, so z. B. Wald-Erbach in Warmsroth Krs. Kreuznach (1654–57: Inv. Rheinprov. 18, 1, S. 422ff., Abb. 315; [15] S. 190f.) oder Quint Krs. Trier (um 1760: Inv. Rheinprov. 15, 2, S. 324ff., Abb. 224–27; [15] S. 196–99).

Selten ermöglichten größere Mittel des einzelnen Hüttenbesitzers oder staatliche Planung eine regelhaftere Anordnung der gesamten Betriebseinrichtungen – ähnlich barocken Schloßanlagen – wie etwa in den oberschlesischen Hüttenwerken Malapane (Ozimek) Krs. Oppeln (Opole) und Kreuzburger Hütte (Kužnice Kluczborskie) Krs. Oppeln, erb. ab 1753 bzw. 1755 [11, S. 238, Abb. 288, 298–300], vor allem aber in Staueck (Niwa Schodzieńska) Krs. Oppeln, ab 1775 von Bauinspektor Joh. Martin Pohlmann erbaut ([11] S. 242, 246, Abb. 308–10; Abb. 3) und der ab 1803 angelegten Hütte Kostrczine Krs. Krzepice [11, S. 252, Abb. 313]. Die meisten der häufig seit dem MA betriebenen Eisenwerke mußten wegen Mangels an Holzkohle im Laufe des 18. Jh. ihren Betrieb einstellen und wurden z.T. für andere gewerbliche Zwecke (Glasschleifereien, Sägemühlen u. ä.) weiterbenutzt, meist aber stillgelegt; ihre Wasserkräfte sind erst im 19. Jh. wieder ausgenutzt worden.

2. Manufakturen

Der seit M. 17. Jh. auftauchende Begriff Manufaktur bezeichnet eine von dem zunftmäßig organisierten Handwerk unterschiedene Organisationsform und soll hier für Bauwerke aller der Unternehmen verwendet werden, bei denen bereits vor Einführung der Gewerbefreiheit in gewissem Umfang mechanisierte und arbeitsteilige Produktionsformen üblich waren, meist Betriebe der Textilveredlung (Färberei, Druckerei), der Genußmittelherstellung (Tabak), vor allem aber der Luxusgüterproduktion (Porzellan, Glas, Teppiche usw.). Während Anlagen der primären Großindustrien in ihrer Form immerhin bis zu einem gewissen Grad durch ihre technischen Installationen bedingt wurden, war bei Manufakturen der Anteil derartiger technischer Einrichtungen ziemlich gering, so daß man Betriebe dieser Art häufig in vorhandenen Großbauten (Schlössern, Gutshöfen, größeren Bürgerhäusern, s. Sp. 856f.) einrichten konnte. Häufig wurden Manufakturen auch Zucht- und Arbeitshäusern angegliedert und deren Insassen hier beschäftigt (so z. B. in Bayreuth-St. Georgen, Pforzheim, Veste Plassenburg bei Kulmbach). Für zahlreiche neugegründete Manufakturen wurden aber auch Neubauten errichtet, z. T. außerordentlich großzügige Anlagen nach dem Vorbild städtischer Adelspalais, normalerweise aber größere bis mittlere Bürgerhäuser, bei denen der Inhaber (oder Leiter) meist im Manufakturgebäude wohnte, während Erd- und Dachgeschoß sowie Nebengebäude zu Fabrikations- und Lagerzwecken dienten.

Dies gilt u. a. für zwei von Joh. Jos. Couven M. 18. Jh. für die Familie Grand Ry erbaute Häuser in Eupen (das 1889 zum Postamt umgebaute Haus und Haus Werthplatz 3: Inv. Eupen-Malmedy, S. 102ff., Abb. 52), für das – nicht erhaltene – Haus „Die Kron“ in Aachen-Burtscheid (M. 18. Jh.: Max Schmid, Geschichtl. Industriebauten, 1. Aachen und die benachbarten Eifelstädte, Mitt. des rhein. Ver. für Dpfl. und Heimatschutz 4, 1910, 7ff., Abb. 1–3; [19] S. 351; s. a. die Beisp. bei Rich. Klapheck, Die Bauk. am Niederrhein Bd. 2, Ddf. o. J., S. 116ff.), für die Schüle’sche Kattunfabrik in Augsburg, 1770–72 erbaut von Leonh. Chrn. Mayr (Inv. Bayern, Kurzinv. 1, S. 77), das Weißbach’sche Haus in Plauen von 1777–78 (Walter Bachmann, Das alte Plauen, Dresden 1954, S. 154ff.; Abb. 2), die 1774 gegr. Tabakmanufaktur Lotzbeck in Lahr [14, S. 119f.], das 1772 bis um 1782/83 erbaute Bolongaro-Palais in Höchst nebst angefügtem Manufakturbau (Hans Waag, Der B.-Palast zu H. am Main, Ffm. 1904, Abb. 1) sowie mehrere Tabakmanufakturen in Erlangen und Umgebung, die in großen Bürgerhäusern des 18. Jh. betrieben wurden (vgl. Inv. Bayern, Kurzinv. 14, S. 84f.).

Eine der frühesten dt. Manufakturen, die Gobelinmanufaktur in Erlangen, war ursprünglich am neuen Markt, also an städtebaulich zentraler Lage der ab 1686 entstehenden Hugenottenstadt geplant worden (nicht ausgeführt: Inv. Bayern, Kurzinv. 14, S. 13f.).

Bauten wie die hier genannten sind noch in der Frühzeit des F., d. h. zu A. 19. Jh., errichtet worden; ab etwa M. 19. Jh. waren Bauten dieses Typs infolge ihrer städtebaulichen Lage und ihrer Konstruktion für industrielle Zwecke nur noch in seltenen Fällen verwendbar.

3. Arsenale, Geschützgießereien

Arsenale, Geschützgießereien und andere Einrichtungen zur Versorgung der großen stehenden Heere des 17. und 18. Jh. sind ebenfalls als Vorformen des F. anzusehen. Die seit dem Hoch-MA bestehenden *Zeughäuser, die anfänglich meist nur größere Waffenlager oder Magazine waren, sowie die in Mittelmeerländern als Ausrüstungs- und Reparaturwerkstätten der Flotten ausgebildeten Arsenale wurden seit dem 16. und 17. Jh. häufig durch Geschützgießereien und Waffenwerkstätten erweitert und sind damit typische Beispiele für frühe (staatliche) Industriebetriebe. Städtische Zeughäuser (u. a. Danzig 1600–05, Augsburg 1600–07, Mainz 1602–25, Ulm 1665–67) entsprechen in ihrer Anlage Lagerhäusern; erst der Ausbau stehender Heere und die Vervollkommnung ihrer Ausrüstung mit Artillerie und Belagerungsgerät machten – vor allem in den großen Festungsstädten – den Bau größerer staatlicher Werkstätten zur Herstellung und Unterhaltung dieser Ausrüstung notwendig.

Diese Arsenalbauten des 18. Jh. sind im allgemeinen regelhaft angelegte, oft auch verteidigungsfähige Hofanlagen mit umlaufender, im einzelnen nach Form und Funktion differenzierter Bebauung (Hochbauten und eingeschossige Hallen), bei denen vielfach auch in den weitläufigen Höfen noch Gebäude errichtet wurden (z. B. Rendsburg 1696–97, Magdeburg 1713 sowie 1777–79, Mainz 1738–40, Mannheim, Geschützgießerei 1762, Ludwigsburg 1761–62, Koblenz 1788). Einige der von Vauban in der 2. H. 17. Jh. angelegten kleineren *Festungen sind im Grunde nur befestigte Magazine und Werkstätten für die Versorgung der jenseits des Rheines operierenden Feldarmee (so Hüningen, erb. ab 1683, sowie Fort-Louis und Mont-Royal, erb. ab 1687: Hautecoeur I, Bd. 2, S. 501). Für die äußere Erscheinung und den Formenapparat waren bei Arsenalen wie bei Zeughäusern die in der zeitgenössischen Architekturtheorie auch für Festungsbauten geltenden Regeln maßgeblich, nach denen der wehrhafte Charakter der Bauten durch großzügige Proportionierung und massige (meist dorische oder toskanische) Details betont werden sollte (vgl. z. B. Bernard Forest de Belidor, La science des ingénieurs dans la conduite des travaux de fortification et d’archit. civile, Paris 1729, Buch 4 Taf. 31; Joh. Friedr. Penther, Ausführliche Anleitung zur bürgerlichen Bauk., Teil 4, Augsburg 1748, Taf. 63; Leonh. Christoph Sturm, Architectura Civili-Militaris, Augsburg 1754, S. 25–37, Taf. 14–16).

Vorformen des F. sind auch die Bauten der großen staatlichen Gestüte des 17. und 18. Jh., die – in erster Linie für die Versorgung der Armeen tätig – in gleicher Weise als „Produktionsstätten“ anzusehen sind und die, wie die Arsenale, in Anlage und Einzelform die Wirksamkeit der fürstlichen Bauämter verraten (z. B. Graditz bei Torgau, Gutshaus, ab 1722 von Matth. Daniel Pöppelmann erbaut; Beberbeck Krs. Hofgeismar, ab 1724 angelegt und ab 1826 von Joh. Conrad Bromeis ausgebaut: Friedr. Traut, Gestüte als Bauaufgabe des 18. und 19. Jh., Diss. T. H. Darmstadt 1970).

4. Adaptierte ältere Anlagen

Adaptierte ältere Anlagen (Klöster, Burgen, Schlösser, Mühlen oder Gutshöfe) spielten in der frühindustriellen Phase, vor allem nach dem Reichsdeputationshauptschluß 1803, für die Entwicklung des Gewerbewesens eine wichtige Rolle als billige, für den Anfang ausreichende Unterkünfte neugegründeter Manufakturen oder Fabriken (vgl. auch Chrn. Ludw. Stieglitz, Enc. der bürgerlichen Bauk., Bd. 2, Lpz. 1794, S. 69); auf die weitere Entwicklung des Typs F. hatten sie nur in Einzelfällen Einfluß (vgl. dagegen [19], S. 352f.), da die hier angesiedelten Betriebe wegen ungünstiger Standortbedingungen häufig abgezogen sind oder die alten Baulichkeiten sehr bald durch Neubauten ersetzt werden mußten, viele der hier entstandenen Betriebe aber auch aus wirtschaftlichen Gründen verhältnismäßig rasch wieder eingegangen sind.

Z. B. zog die 1803 im Kloster Schwarzach in Baden gegr. Seidenweberei 1828 nach Lichtenau; eine 1814 im Kloster Schuttern gegr. Spinnerei ging 1824 ein; die 1807 im Kloster St. Martin in Trier gegr. Porzellanmanufaktur verfiel seit 1813 und mußte 1820 endgültig schließen [14, S. 14f. und Anm. 24]. Dagegen hielten sich die Porzellanmanufakturen Meißen und Ansbach jahrzehntelang in ihren Schlössern (Meißen: in der Albrechtsburg, von 1710–1864; Ansbach: im Schloß Bruckberg, von 1762–1810) und auch die 1811 im Kloster St. Blasien gegr. Spinnerei blieb bis zum Brand von 1874 in den alten Klostergebäuden [14, Anm. 24]. Die Leipziger Kammgarnspinnerei AG nutzte die 1813 errichteten Gebäude des Vorwerks Pfaffendorf von 1829–93 (Hans R. Wolf, 100 Jahre Kammgarnspinnerei zu L. als Aktienges. 1836–1936, o. O. und J. [Lpz. 1936], S. 24, 26ff., Abb. S. 135–42) und selbst die aus dem 13. Jh. stammende Burg Wetter/Ruhr wurde trotz ihrer ungünstigen Lage von 1818 bis 1873, für Teilbetriebe bis 1891, durch die Maschinenfabrik Harkort genutzt (Conrad Matschoß, Ein Jh. dt. Maschinenbau... 1819–1919, Bln. 1919, S. 10ff.). Entsprechende Übernahmen sind in allen deutschen Landschaften in großer Zahl nachzuweisen (vgl. z. B. [19], S. 352f.) und auch aus Frankreich und Belgien bekannt, so z. B. ab 1817 der Ausbau des ehem. fürstbisch. Lustschlosses Seraing bei Lüttich durch John Cockerill zu einem Hüttenwerk mit Maschinenfabrik [5, Bd. 10, 1920, 103–20].

IV. Typenbildung im 18. und 19. Jh.

1. Allgemeines

Aus dem gesamten Typenvorrat der oben dargestellten Vorläufer des F. wurden in der Frühzeit der Industrialisierung – in Deutschland etwa zw. 1780 und 1820 – einzelne Bautypen (Hoch- und Flachbau-Formen) entnommen, aus denen in unterschiedlichster Kombination komplette Fabrikanlagen errichtet wurden. Die Auswahl richtete sich anfangs weniger nach produktionsspezifischen Kriterien als vielmehr nach der Finanzkraft des einzelnen Unternehmers und nicht selten nach ästhetischen Gesichtspunkten. Oft wurden Form und Konstruktion bereits erfolgreich in Betrieb stehender auswärtiger, meist englischer Vorbilder kopiert.

Vgl. hierzu [14], S. 67f.; [2] Bd. 1, 1841, 80ff.; ebd. 4, 1844, 29ff.; Zs. des Architecten- und Ingenieurver. für das Kgr. Hannover 1, 1855, 416; [1] Bd. 27, 1862, 238 u. ä.; ferner zu frühen engl. Industriebauten: James Maud Richards, The Functional Tradition in Early Industrial Buildings, London 1958; Kenneth Hudson, Industrial Arch., o. O. 1963; ders., The Industrial Arch. of Southern England [= The Industrial Arch. of the British Isles, hrsg. von E. R. R. Green], London 1966; [12].

Die Tatsache, daß F. nicht dem Bereich der „Baukunst“ sondern dem der Bauwissenschaft zugerechnet wurden (Joh. Andr. Romberg in [2], Bd. 1, 1841, 79) und daß sie primär nach wirtschaftlichen Überlegungen konzipiert werden sollten ([14] S. 17ff.; [2] Bd. 26, 1866, 202) führte dazu, daß die theoretische Auseinandersetzung mit diesem Bereich der Architektur zunächst nicht sehr intensiv war und erst E. 19./ A. 20. Jh. allgemeine Bedeutung gewann.

Erst die in der frühindustriellen Phase gesammelten technischen und organisatorischen Erfahrungen, d. h. genaue Kenntnisse der innerbetrieblichen Funktionen, führten seit dem 2. Dr. 19. Jh. allmählich zu produktionsspezifischen F., d. h. zu einem für bestimmte Industriezwecke typischen und vielfach nicht ohne größere Veränderungen austauschbaren Gebäude. Diese Typenbindung war aber stets nur von beschränkter Dauer. Im Rahmen dieser Typendifferenzierung wurden fortschreitend anfänglich noch im F. enthaltene Elemente ausgeschieden und verselbständigt, so vor allem Lager- und Wohnräume. Die starke Erhöhung der Arbeiterzahlen führte dabei in Einzelfällen schon im ausgehenden 18. Jh., vor allem aber im Laufe des 19. Jh. zur Anlage oft umfangreicher Arbeitersiedlungen oder ganz neuer Städte (z. B. die Siedlungen in Oberschlesien wie Staueck, 1775: Abb. 3, oder die Cité Ouvrière in Mülhausen i. Elsaß, 1853–60: Ciba-Rundschau 1968, 1, Abb. 23; vgl. auch Rolf Spörhase, Wohnungs-Unternehmungen im Wandel der Zeit, Hbg. 1947, S. 20ff.; im übrigen s. Städtebau).

Da fast alle Fabrikanlagen von einer zunächst natürlichen (Wasserkraft, Göpelwerk), später künstlichen (Dampfmaschine, Elektromotor) Energiequelle für den Betrieb der immer zahlreicheren Maschinen abhängig sind, richtete sich seit frühester Zeit die Bauform weitgehend nach den Möglichkeiten für Gewinnung und Übertragung dieser Antriebsenergie. Betriebe der Schwerindustrie (Hütten- und Hammerwerke, Maschinenfabriken) benötigten meist mehrere einzelne Antriebsräder für Hämmer und Gebläse und waren infolge der meist hohen Gewichte der herzustellenden oder zu bearbeitenden Werkstücke auf erdgeschossige Hallenbauten angewiesen, die – an Bachläufen (oder Kanälen) neben- oder hintereinander angeordnet (z. B. Halbergerhütte/Saar: Fritz Kloevekorn, 200 Jahre Hallberger Hütte 1756–1956, Saarbrücken 1956; Rybnikerhammer [Kuźnica Rybnicka], Oberschlesien, ab 1815: [11] Abb. 312) – jeweils über ein oder zwei eigene Wasserräder verfügten. Erst mit fortschreitender konstruktiver Erfahrung (vor allem gewonnen an Eisenbahnbauten) konnten die bei diesen Hallenbauten üblichen traditionellen Hänge- und Sprengwerkskonstruktionen durch neuzeitliche Bindersysteme (Shed-Konstruktionen, ein- und mehrteilige Polonceau-Binder, Gitter- und Sichelbinder) ersetzt und damit großflächige, weitgehend stützenfreie Hallenanlagen gebaut werden. Textilwerke arbeiteten dagegen in der Frühzeit nur mit einer, an Stirn- oder Langseite des F. liegenden Energiequelle, deren Antriebsleistung nach englischem Vorbild durch ein kompliziertes System von Wellen und Zahnradtrieben auf die 3–6 Geschosse des Fabrikationsgebäudes verteilt wurde; standen später zwei verschiedene Energiequellen (Wasser- und Dampfkraft) zur Verfügung, wurden die beiden Kraftanlagen im allgemeinen symmetrisch an den Langseiten angeordnet (vgl. Abb. 12).

Direkten Einfluß auf Bauform und Gestaltung des F. hatten weiterhin die Forderungen nach ausreichender Belüftung sowie nach guter natürlicher (und künstlicher) Belichtung, die sich in einer allmählichen Vergrößerung der Fensterflächen äußerten; daneben spielte die auch von den Versicherungen betonte Feuersicherheit eine große Rolle für Konstruktion und Ausstattung, so z. B. bei dem Ersatz ursprünglich hölzerner Konstruktionssteile durch eiserne. Die meist aus derartigen technischen Gesichtspunkten, daneben aber auch aus ökonomischen Erwägungen heraus erfolgende Anwendung neu entwickelter Baustoffe und bisher ungewöhnlicher Konstruktionselemente waren für Form und Typenbildung des F. von erheblicher Bedeutung und haben darüber hinaus die gesamte Architektur-Entwicklung der Neuzeit entscheidend beeinflußt (vgl. dazu [14], S. 42–47). Schließlich wirkten indirekt über ihren Einfluß auf die Lage der Fabriken die Notwendigkeit der Frischwasserversorgung und der Abwasserableitung sowie Anschlußmöglichkeiten an Eisenbahnstrecken oder Güterbahnhöfe auf die Ausbildung von Bautypen ein (vgl. dazu [14], S. 16-73).

Einzelheiten der Typenbildung im F. seien im folgenden an charakteristischen Beispielen unter produktionsspezifischer Aufgliederung betrachtet.

2. Berg- und Hüttenwerke

Berg- und Hüttenwerke haben sich seit dem MA meist in engster Verbindung miteinander entwickelt (s. Sp. 849ff.). Die E. 18. Jh. wegen Mangels an Holzkohle aus England eingeführten Eisenverhüttungsverfahren mit Steinkohlenkoks führten vielfach zu einer räumlichen Trennung der Hütten von den Erzlagerstätten und zu Neugründungen im Bereich der Kohlefelder, in denen zugleich – verursacht durch den wachsenden Kohlebedarf auch anderer Industrien – um die M. 19. Jh. in rascher Folge zahlreiche Kohlezechen entstanden. Die alten Bergwerke besaßen außer dem portalartigen Stollenmund und den hüttenartigen Erzaufbereitungsanlagen über Tage keine spezifischen baulichen Einrichtungen; bei den zahlreichen neuen Zechen in Oberschlesien, an Saar und Ruhr bildeten sich einfache Anlagen um den oder die beherrschenden Fördertürme, an die in lockerer Gruppierung die Maschinenhäuser mit ihren Schornsteinen angebaut wurden, wie z. B. in der ehem. Zeche Westphalia in Dortmund, um 1862. Gleichzeitig entstanden aber auch streng symmetrisch-regelhaft geplante Werke, wie z. B. die Zeche Oberhausen, um 1855 (Abb. 4), bei denen erst in der 2. H. 19. Jh. die Ausweitung der Betriebe den Bau von Kohlewäschen, Brikettieranlagen, Koksöfen, Ziegeleien usw. veranlaßte und so zu großflächigen, aus unterschiedlichen Hallenbauten, Förderanlagen und zahllosen Schornsteinen zusammengesetzten Werkskomplexen führte. Gegen E. 19. Jh. wurden schließlich die alten massiv gemauerten oder in Holzkonstruktionen errichteten Fördertürme durch die heute noch üblichen Stahl-Gitterkonstruktionen abgelöst.

Bedeutsamer ist die bauliche Entwicklung der Hüttenwerke. Bis in die 2. H. 18. Jh. waren sie meist einfache, ländliche Bau-Konglomerate mit einer Vielzahl durch den Produktionsprozeß bedingter Einzelbauten (Hochofen und Gießhütte, Frisch- und Zainhütte, Hammerwerke usw.). Bereits im ausgehenden 18. und A. 19. Jh. entstanden (oft im Rahmen großzügiger staatlicher Planungen) umfangreiche, regelmäßige klassizistische Anlagen, so z. B. in Oberschlesien die Eisengießerei Gleiwitz, 1794–96 von Joh. Friedr. Wedding (1759–1830) mit technischer Beratung durch den engl. Ingenieur John Baildon erbaut ([11] S. 278, Abb. 336–45; Otto Johannsen, Gesch. des Eisens, Ddf. 19533, S. 350f.; [9] S. 15ff.), und etwas später Königshütte (1797 [?]–1821: [11] S. 280f., 285, Abb. 351–53; Arthur Illies, [5] Bd. 12, 1922, S. 1–39; [9] S. 20ff.; vgl. Abb. 5) sowie eine Reihe kleinerer Hüttenwerke in Oberschlesien ([9] passim; Wilh. Salewski, Alte Eisenwerke in Schlesien und Mähren. Industrieansichten aus der Slg. Albr. Haselbach in Mchn., Holzminden 1962, passim). Weniger aufwendig in Anlage und Einzelformen waren die in der 1. H. 19. Jh. (nun häufiger aus der Initiative von Privatpersonen oder Kapitalgesellschaften) im übrigen Deutschland entstehenden Hüttenwerke. Diese Anlagen wurden in ihren Anfängen oft noch in lokaler Bautradition errichtet; mit zunehmender Vervollkommnung des Verhüttungsprozesses entwickelte sich der zunächst noch bescheidene Hochofen (ca. 6–9 m Höhe) immer mehr zum baulichen Schwerpunkt der Anlage mit schließlich 12–16 m Höhe. Die übrigen Werksgebäude waren meist einfache Hallenbauten, die man aus konstruktiven Gründen oft mehrschiffig anlegte wie z. B. die aus unterschiedlichen Bogenkonstruktionen entwickelte dreischiffige gußeiserne Gießhalle der Saynerhütte Krs. Koblenz, die ab 1824 von Ludw. Karl Althans erbaut wurde (Inv. Rheinprov. 17, 3, S. 337f.; Abb. 6 a und b). Die hier eingeschlagene Entwicklung setzte sich auch in der Folgezeit fort; bei den seit etwa 1850 immer zahlreicheren neuangelegten Hütten- und Hochofenwerken verminderte sich die Zahl der alten kleinen Hochöfen zugunsten größerer und leistungsfähigerer Öfen, die – bis in die 70er Jahre hinein vielfach durch architektonischen Dekor wie Zinnen, Ecktürmchen u. ä. ihre technische Aufgabe verschleiernd – immer mehr zum rein ingenieurmäßig geformten Hauptbau der Werke wurden, die sonst nur mehr aus weitläufigen, dicht um die Hochöfen gruppierten Hallenbauten bestanden, in denen man Gebläseanlagen, Gießerei, Stahlöfen usw. unterbrachte. Zu den Werkskomplexen gehörten ferner Lagerschuppen sowie – in Nachfolge des alten multifunktionalen Hüttenamtes (vgl. [9], S. 46ff.; [11] S. 244, 257) – seit etwa M. 19. Jh. auch reine Verwaltungsgebäude; den Gesamteindruck bestimmten aber auch weiterhin die technischen Anlagen.

Während bis in die Jahre um 1870 noch eine ziemlich gleichmäßige Verteilung mittelgroßer Hüttenwerke in allen traditionellen Erzabbaugebieten zu beobachten ist, begann daneben in der M. 19. Jh. ein Konzentrationsvorgang, der in den Hauptballungsräumen an Saar, Ruhr und in Oberschlesien allmählich zu immer größeren und immer mehr durch die technischen Installationen geprägten F. führte, deren Entwicklung hier nicht zu verfolgen ist.

3. Maschinenfabriken

Maschinenfabriken, d.h. Werke des allgemeinen Maschinenbaus, Lokomotiv- und Waggonfabriken sowie Stahlbaubetriebe, waren wegen des großen Anteils von Gußeisenteilen im Maschinenbau anfänglich oft Teile von Hütten- und Hammerwerken oder standen mit ihnen in engstem wirtschaftlichen und organisatorischen Zusammenhang; sie unterschieden sich in der frühindustriellen Phase in Gesamterscheinung wie Einzelform wenig von ihnen: beiden fehlten noch spezifisch-technische Bauteile; traditionelle scheunenähnliche Gebäude wurden oft zu regelmäßigen, symmetrischen Anlagen kombiniert wie z. B. bei der 1787–89 durch die Breslauer Kaufmannschaft erbauten Stahlwarenfabrik Königshuld (Osowiec Slaski) Krs. Oppeln [11, S. 252ff., Abb. 314f.]. Erst die funktionelle Differenzierung seit etwa 1840 führte zu den für Maschinenbaubetriebe typischen Agglomerationen von Hallenbauten unterschiedlichster Größe und Form, die sich an den damaligen Stadträndern ansiedelten. Neben den durch die schweren Bearbeitungsmaschinen und die oft ungefügen Werkstücke bedingten Flachbauten standen einzelne Hochbauten, in denen Modellwerkstätten, Konstruktionsbüros, Verwaltung usw. untergebracht wurden; Schornsteine für die zahlreichen Schmiedefeuer sowie für die Antriebsaggregate bestimmten die Gesamterscheinung dieser Werke. Ansätze zu regelhafter Anordnung der vielen einzelnen Werkshallen, der Gießereien, Materiallager sowie der Bauten für die Betriebsdampfmaschinen ließen sich bei dem raschen Ausbau der größeren Werke seit dem Beginn des Eisenbahnbaues nicht mehr weiterführen. Erst der meist aus städtebaulichen Zwängen (mangelhafte Straßen- und Eisenbahnanschlüsse, zu geringe Grundstücksgrößen an den alten Plätzen) erfolgende Umzug an den Stadtrand (im allgemeinen in den Jahren ab 1860/70) erlaubte den Bau einheitlicher großer Hallenkomplexe mit weitspannenden Stahl-Binderkonstruktionen.

Typisch für die Entwicklung und die Anlage unzähliger weiterer Werke dieses Bereichs sind die 1836 gegr. Maschinenfabrik Keßler und Martiensen in Karlsruhe (vgl. [14], S. 103ff.; Abb. 7 a und b) sowie die 1837 gegr. Maschinenfabrik Borsig in Berlin (Dt. Maschinenbau 1837–1937 im Spiegel des Werkes Borsig in Bln., Bln. 19372, bes. S. 15–23; Inv. Berlin, Bez. Tiergarten, S. 254–56, Abb. 331f.; Abb. 8 b). Bei beiden Werken lag eine klare technische und formale Grundkonzeption vor – in Karlsruhe in U-Form mit achsial angeordnetem Wohnhaus, in Berlin eine zentrale, dominierende Gießereihalle mit drei angebauten Werkstattflügeln (Abb. 8 a und b). Rasche wirtschaftliche Erfolge und die Notwendigkeit zu schnellem Ausbau führten bei beiden Werken schon in den folgenden sieben Jahren zur Bildung formloser Agglomerate, bis nach 1870 das verfügbare Gelände nicht mehr ausreichte, die Werke verlagert und die alten Grundstücke für neue Zwecke (Wohnbauten) nutzbar gemacht wurden. Die bei der Erweiterung des Borsig-Werkes 1871–74 angelegten Neubauten Joh. Heinr. Stracks (Verwaltungsbauten und Arkaden) sind eines der sehr seltenen Beispiele für die Beteiligung namhafter Architekten der Zeit am Bau oder Ausbau einer Maschinenfabrik.

4. Textilwerke

Textilwerke gehören als Anlagen der sich schon frühzeitig entwickelnden Konsumgüterindustrie zu den ersten Fabriken mit festausgebildeten Bautypen.

Bis zu der seit der M. 18. Jh. in England immer mehr vervollkommneten Mechanisierung des Spinn- und Webvorgangs herrschten in Deutschland im gesamten Textilgewerbe handwerkliche Produktionsformen vor, wobei lediglich Aufbereitung, Färben und Drucken sowie häufig der Vertrieb (Verlag) in sog. Fabriken zusammengefaßt wurden, in denen in gleicher Weise wie in Manufakturen (s. Sp. 852f.) gewisse Arbeitsvorgänge arbeitsteilig organisiert waren; eine Textilindustrie im strengen Sinn entwickelte sich jedoch erst aufgrund der engl. Erfindungen im letzten Jz. 18. Jh. und A. 19. Jh. in Sachsen, Westfalen und am Oberrhein (Baden, Elsaß, Schweiz).

In England war um 1770/80 für die neuen Textilwerke der mehrgeschossige alte Mühlentyp übernommen und durch geringfügige Vergrößerung dem neuen Zweck angepaßt worden (J. M. Richards a.a.O. [Sp. 858], S. 75ff., 107ff.). Mit den neuen englischen Maschinen kam um 1780 auch dieser Gebäudetyp nach Deutschland. Die ersten Bauten dieser Art entstanden E. 18. Jh. (u. a. 1784 die Baumwollspinnerei Cromford, Ratingen Krs. Ddf.-Mettmann: Abb. 9, [19] S. 352, und Dehio, Rheinland S. 545; 1799 Spinnereien in Chemnitz, Harthau bei Chemnitz und Wolkenburg a. d. Mulde im Erzgebirge: [13] S. 348ff.); in größerer Zahl wurden sie erst nach dem Ende der Befreiungskriege errichtet. Die innere Organisation folgte den engl. Vorbildern, Konstruktion und Detailform richteten sich weitgehend nach örtlicher Tradition. Wie in England, Frankreich und den USA waren auch in Deutschland bei Baumwollspinnereien und -Webereien 4–6 Geschosse die Regel, wobei man die ursprünglich hölzerne Innenkonstruktion zwecks Erhöhung der Feuersicherheit und zur Vermeidung zu starker Senkung in den Obergeschossen (infolge Schwindens der Konstruktionshölzer) wiederum nach englischem Vorbild seit etwa 1840 mitunter durch eiserne Bauteile ersetzte (vgl. Sigfried Giedion, Space, Time and Archit., Cambridge 19543, S. 189ff.). Je nach Größe des Betriebes wurden einfache rechteckige, seltener T- und Uförmige Baukörper gewählt; für Woll- und Seidenspinnereien hat man diesen Typ nur geringfügig variiert. Niedrige Anbauten an Lang- und Stirnseiten enthalten die Wasserkraftanlagen (anfangs Wasserräder, ab 1835–40 auch Turbinen), die mit wachsender Größe der Werke und mit intensiverem Betrieb durch Dampfmaschinen in besonderen Kessel- und Maschinenhäusern ergänzt und später abgelöst wurden; für diese Antriebsaggregate wurde im Hinblick auf die schwierige Kraftübertragung (Königswellen, später Riementriebe) eine möglichst zentrale Lage gefordert. Zu den Werkanlagen gehörten je nach Betriebsgröße weitere Nebengebäude, verschiedene Schuppen, oft auch eine Gasanstalt (für die ab etwa 1840 übliche Gasbeleuchtung), dazu Arbeiter- und Angestelltenwohnungen sowie gelegentlich Verwaltungsbauten.

Die äußere Erscheinung dieser Werke war – im Gegensatz zu den oft ziemlich reich ausgestatteten barocken „fabriquen“ – durchweg bescheiden und entsprach der vieler anderer klassizistischer Nutzbauten; nur selten wurden reichere architektonische Schmuckformen verwendet wie etwa in den erzgebirgischen Spinnereien Gebr. Schnabel in Erfenschlag (ab 1808: [13] S. 351 Abb. 7; Abb. 10) und Meinert in Lugau (1812: ebd. S. 353 Abb. 10), wo die in benachbarten Dorfkirchen üblichen Ecksäulen übernommen wurden.

Neben diesen beiden Werken sind aus Chemnitz und Umgebung sowie den benachbarten Erzgebirgstälern zahlreiche interessante F. bekannt, vor allem die ehem. Chrn. Friedr. Becker’sche Spinnerei in Chemnitz (Pläne von 1811 signiert von Joh. Chrn. Adam: [13] S. 356f.), die Spinnereien der Firma Lohse in Schiettau (erb. 1814 von Joh. Traugott Lohse, 1824 zweiter kreuzförmiger Bau: ebd. S. 349f., Abb. 5) sowie die beiden großen Spinnereien in Himmelsmühle bei Wolkenstein (1833–34: ebd. S. 357) und in Scharfenstein (1836 von Chrn. Friedr. Uhlig erb.: ebd. S. 355). Aus den süddt. Textilgebieten seien erwähnt die beiden von dem aus der Weinbrenner-Schule stammenden Ludwig Wilh. Lendorff errichteten Werke in Ettlingen bei Karlsruhe (1836–38: Abb. 11f.) und Augsburg (1837–40) sowie die zahlreichen F. im badischen Wiesental (Brombach 1834; Haagen und Schopfheim 1835; Schönau und Zell 1840: vgl. [14], S. 77ff.).

Zunehmende Maschinengrößen und -gewichte führten zu Schwierigkeiten in der technischen Organisation der Betriebe und zwangen – wiederum nach engl. Vorbild – etwa um M. 19. Jh. zum Übergang zu Flachbauformen, wobei sich aus funktionalen und konstruktiven Bedingungen die sog. Shedhallenkonstruktion bald (in der Textilindustrie am frühesten) als Grundtyp durchsetzte. Diese Hallenbauten sind ohne formale und konstruktive Schwierigkeiten in allen Richtungen erweiterungsfähig, bieten gute Beleuchtungsmöglichkeiten und eine – bei anfangs noch geringen, später immer mehr zunehmenden Stützweiten – große Freiheit für die Maschinenaufstellung. Um 1850 in Deutschland eingeführt, verbreiteten sie sich rasch und sind heute noch üblich [14, S. 64ff.].

Als frühe Beispiele seien genannt die Spinnerei und Weberei AG Schönau im Wald Krs. Lörrach (1853–54: ebd. S. 93ff.), die Teppichweberei in Berlin (1857 von Karl Scharnweber erbaut: [2] Bd. 19, 1859, 245ff.), Spinnerei Feßmann und Hecker in Zell in Baden (1862: [14] S. 94f.) und die Kammgarnspinnerei F. Hartmann in Leipzig (1871: H. R. Wolf a.a.O. [Sp. 857], S. 121).

5. Glasfabriken

Glasfabriken sind als arbeitsteilig organisierte, mechanisierte Fabrikanlagen ganz jungen Datums; sie entwickelten sich erst seit etwa 1860/70 nach der Erfindung des auf dem Regenerativprinzip beruhenden Siemens’schen Wannenofens. Bis dahin bestanden viele der alten Glashütten weiter, die seit dem MA in den holzreichen Mittelgebirgen angesiedelt waren, gebunden an Glassand-Lager, hauptsächlich aber an das in großen Mengen gebrauchte Brennmaterial Holz. Die alten Hütten waren – wie auch frühe Hammerwerke und Mühlen – aus lokaler Bautradition entwickelte, locker gruppierte Anlagen mit Wohnbauten, Schuppen und der Hütte selbst, einem ein- bis zweigeschossigen Bau mit dem Glasofen in der Mitte und dem danebenliegenden Kühlofen (z. B. Glashütte Quierschied a. d. Saar: Hermann Hild, Dörfer, Städte, Schlösser an der Saar, Saarbrücken 1966, S. 86f.). Derartige aus allmählichem Wachstum entstandene lockere Gruppierungen wurden im 18. Jh. durch Anlagen mit regelhafterer Planung ersetzt, wie z. B. bei der 1772–74 errichteten Glashütte Gaggenau Krs. Rastatt ([14] S. 139ff.; Inv. Baden 12, 1, S. 113f.). Erst die Einführung der Steinkohlenfeuerung – im Saargebiet bereits seit 1. H. 18. Jh. üblich, in anderen Gebieten erst im 19. Jh. beginnend – ließ neue Bauformen entstehen: unter engl. Einfluß wurden statt der alten Hüttengebäude sog. Howel (kegelförmige Rauchgastürme) errichtet, die – mit dem eigentlichen Hüttengebäude verbunden – diesen Glashütten das Aussehen von Hochofenwerken gaben, so z. B. die 1827 bei der Glashütte Schauenstein bei Oberkirchen/Schaumburg errichteten „Howel“ ([8] Abb. 614). Anlagen in diesen traditionellen Formen bestanden bis in die 2. H. 19. Jh. hinein; bei Vergrößerung eines Werkes wurde lediglich die Anzahl der selbständig arbeitenden einzelnen Glashütten alter Form vermehrt und so entstanden Fabriken mit 6–8 einzelnen Hütten. Spiegelglasfabriken, die in Frankreich seit dem 17. Jh. bestanden, wurden in Deutschland erst ab 1852 (Aachener Spiegelglasmanufaktur AG) angelegt.

6. Ziegeleien und Kalköfen

Ziegeleien, Kalköfen und andere Anlagen der Baustoffindustrie haben bis weit in das 19. Jh. hinein Produktionsweisen und somit auch Bauformen bewahrt, die seit alters her üblich waren: Feldbrandöfen oder einfache gemauerte Kuppelöfen für die Ziegelherstellung ([11] S. 289f., Abb. 360, 364; s. a. [9], S. 45f.) und massiv gemauerte Kalköfen mit rechteckigem, häufiger kreisrundem oder polygonalem Grundriß und konischem Querschnitt, gekrönt von massigen Schornsteinen ([11] Abb. 366; [8] Abb. 65, 66; [9] S. 43ff.), bei größeren Werken auch mit Reihenaufstellung mehrerer solcher Öfen (z. B. Kalköfen in Rüdersdorf bei Berlin: [8] Abb. 423, 613; vgl. auch [11], Abb. 369).

Bei der Ziegelfabrikation führte erst der um M. 19. Jh. einsetzende Zwang zu scharfer ökonomischer Kalkulation zu neuen F.-Formen.

Über verschiedene Vor- und Zwischenstufen entstand zw. 1850 und 1860 der sog. Hoffmann’sche Ringofen, in dem ein kontinuierlicher Brennprozeß in einem tonnenüberwölbten, in einzelne Abschnitte unterteilbaren Ringkanal abläuft. Die bisher bei älteren Öfen unverhältnismäßig heiß abgehenden Rauchgase wurden jetzt zum Vortrocknen des nächsten Ofenbesatzes ausgenutzt. Der kreisrunde, häufiger aber längsoval angelegte und zum Witterungsschutz mit einer niedrigen hölzernen Dachkonstruktion überdeckte Ringofen mit mittig oder seitlich angeordnetem Schornstein setzte sich dank seiner unbestreitbaren wirtschaftlichen Vorzüge schnell durch und bildete neben einem meist nicht besonders auffälligen Maschinenhaus inmitten weitläufiger Trockenschuppen den baulichen Schwerpunkt aller im späteren 19. Jh. errichteten Ziegeleien (vgl. [8], Abb. 125, 127–131; [2] Bd. 23, 1863, 249).

Auch Zementwerke wie z. B. die Portlandzementwerke Dyckerhoff in Amöneburg bei Biebrich, 1863–64, übernahmen anfänglich diese Ofenform oder ähnliche Typen ([2] Bd. 30, 1870, 193ff., Taf. 22f.), gehen dann aber gegen E. 19. Jh. zu Schachtöfen und schließlich zu den noch heute üblichen Drehöfen über.

7. Salinen

Salinen waren im MA oft städt. Besitz (z. B. Schwäbisch Hall), gelegentlich aber auch Eigentum mehr oder minder locker verbundener Eigentümergruppen (z. B. Lüneburg); seit dem 17. Jh. standen viele ältere Salzwerke und fast alle Neugründungen im Besitz der jeweiligen Territorialherren. Ihr Aussehen entsprach weitgehend dem städtischer oder fürstlicher Profanbauten – abgesehen von den rein technischen Einrichtungen, die aber auch in diesem Bereich erst in neuerer Zeit die äußere Erscheinung der Anlage bestimmten.

Zu einer Saline gehörten seit dem frühen MA der Solebrunnen mit den zugehörigen Fördereinrichtungen sowie die zahlreichen, meist sehr kleinen Siedehäuser und Lagerschuppen für Brennmaterial und Salz. Alle diese Bauten befanden sich in den alten Salzstädten meist innerhalb der Mauern in einem dicht um die Solebrunnen liegenden, oft abgeschlossenen Quartier, während nur die Brennholzläger vor den Mauern, oft am Fluß lagen.

Vgl. z. B. die Stadtansichten von Lüneburg (Gg. Braun und Franz Hogenberg, Civitates orbis terrarum ..., Bd. 1, Köln 1572: Neuausg. Kassel und Basel 1965, Bd. 1, S. 23), Schwäbisch Hall (Braun-Hogenberg Bd. 2, Köln 1575: Neuausg. Bd. 1, S. 37; M. Merian, Topographia Sueviae ..., Ffm. 1643: Faks.-Ausg. Ffm. 1925, Stich nach S. 90), Staßfurt Krs. Calbe (M. Merian, Topographia Saxoniae inferioris ..., Ffm. 1653: Neuausg. Kassel und Basel 1962, Stich nach S. 208). In freiem Gelände lag die Saline von Berchtesgaden mit ihrer langen hölzernen und auf Stützen stehenden „saltzrinnen“ (M. Merian, Topographia Bavariae ..., Ffm. 1644, Neuausg. Kassel und Basel 1962, Stich nach S. 114).

Seit dem 17. Jh. wurden zur Steigerung des Salzgehaltes der Sole Gradierhäuser (Vergrößerungen der schon im Spät-MA üblichen „Lepperwerke“) errichtet, die mit ihren 150–200 m langen Holzkonstruktionen neben den inzwischen vergrößerten Siedehäusern das Aussehen der Salinenanlagen bestimmten. Ihre Größe sowie der Zwang zur Anpassung an die vorherrschende Windrichtung fixierten ihre Lage außerhalb der alten Städte und führten daher gelegentlich auch zu Salinenneubauten. Seit dem 17. Jh., vor allem aber im 18. Jh., wurden zahlreiche Salinen neu angelegt; ihre Bauten folgten – je nach Größe und Bedeutung der Salinen – in Form und Anordnung den für größere Gutshöfe oder kleinere Schlösser geltenden Regeln, z. B. in Bruchsal (1748–50: [14] S. 123ff.; Abb. 13), Clemenshall bei Offenau (1755–60: Walter Carle, Beitr. zur Gesch. der württ. Salinen [= Veröffn. der Komm. für geschichtl. Landeskde. in Baden-Württ., Reihe B Forschgn., 43. Bd.], Stg. 1968, S. 1–92), Theodorshalle in Bad Kreuznach (1742–44: Inv. Rheinprov. 18, 2, S. 106f.).

Die Blütezeit des Salinenbaues lag freilich in den ersten drei Jzz. 19. Jh., in denen infolge erheblich gesteigerten Bedarfs und dank verbesserter Erschließungs- und Bohrtechniken in fast allen deutschen Ländern große neue Salinen erbaut wurden. Es waren meist streng regelhafte und großzügige Anlagen mit zurückhaltendem klassizistischem Dekor wie u. a. die badischen Staatssalinen Dürrheim und Rappenau, 1823–27 von Friedr. Arnold erbaut ([14] S. 125ff.; Abb. 13f.), die württ. Salinen Friedrichshall bei Jagstfeld (1817–21) und Wilhelmshalle in Rottenmünster bei Rottweil (1824–25: W. Carlé a.a.O. S. 108ff., 126f., 132ff.) sowie die bayerischen Werke in Rosenheim und Traunstein, die 1807 bis 1811 neugebaut wurden; die beim Stadtbrand von 1834 zerstörte Saline Reichenhall wurde von David Ohlmüller zw. 1836 und 1851 wiederaufgebaut (Dehio-Gall, Obb., S. 468).

Bei diesen Salinen wurden – zumindest für die Salzgewinnung – keine Gradierwerke mehr gebaut, sondern nur mehr große Siedehäuser (mit vergrößerten und verbesserten Siedepfannen und vielfach Kohlefeuerung), die zusammen mit den zugehörigen Verwaltungs- und Offiziantenhäusern die weiten Salinenhöfe flankierten, während die zugehörigen Wirtschafts(Ökonomie-)Bauten, die Betriebswerkstätten und oft auch die Sole-Pumpwerke (z. B. [8], Abb. 611) meist außerhalb des eigentlichen Salinenbezirks ihren Platz fanden.

Neben dem seit alters her gebräuchlichen Verfahren der Salzsiederei war seit dem MA bergmännischer Abbau üblich, der freilich auf einige wenige geeignete Plätze beschränkt blieb, an denen das Salz so hoch anstand, daß keine Wasserhaltungsprobleme zu befürchten waren (Hallstatt/O.Ö., Aussee/Steiermark, Wieliczka in Galizien). Bergmännischer Abbau tiefliegender Salzlager wurde erst seit 1824 betrieben, als es gelang, den Schacht Wilhelmsglück bei Schwäbisch Hall abzuteufen (W. Carlé a.a.O. S. 138f.); ab 1852 wurden im Gebiet von Staßfurt und ab 1885 bei Heilbronn ebenfalls Schächte angelegt (ebd. S. 150ff.), wobei das Aussehen dieser Anlagen dem zeitgenössischer Kohlengruben mit Seil-Fördertürmen entsprach.

8. Sonstige Werke und weitere Entwicklung

Während in den bisher behandelten Industriezweigen schon verhältnismäßig früh eine gewisse technische Reife des Fabrikationsprozesses erreicht wurde und der F. in diesen Bereichen damit bereits A. 19. Jh. auf der Grundlage eindeutig definierter Funktionen zu festen und oft sehr spezifischen Formen gelangte, blieb der weitaus größere Teil aller frühen F. (oft auch aus den oben genannten Industriezweigen) bei einer funktionsunabhängigen, indifferenten Form. Je nach Standort haben diese F. ihre formalen Parallelen im alten städtischen Handwerkerhaus mit dem technischen Apparat im Hinterhof, im Großbürgerhaus (etwa der frühen Textilverleger) oder dem landwirtschaftlichen Gutshof. In diesen Bauten wurden lediglich beliebig verwendbare überdeckte Räume zur Verfügung gestellt, die – durchschnittlich belichtet und belüftet – für vielerlei verschiedene Zwecke genutzt werden konnten; gerade in der Frühphase der Industrialisierung folgten in solchen Bauten oft ganz unterschiedliche Gewerbszweige aufeinander. Erst die fortschreitende Differenzierung betriebstechnischer (funktioneller) Abläufe in den einzelnen Gewerben, verbunden mit exakterer Wirtschaftlichkeitsberechnung und vorausschauender Standortplanung führten auch im F. zu stärkerer Spezialisierung, die freilich mit der Entwicklung der großen Hallenbausysteme gegen E. 19. Jh. wieder abbrach. Neben diesen, für die Bildung des Typs „Fabrik“ unwichtigen Anlagen stehen diejenigen, bei denen die rasch fortschreitende technologische Entwicklung zu ständiger Veränderung des Produktionsprozesses zwang und so keine festen Bautypen entstehen ließ; charakteristisch ist das in diesen Industriezweigen (zu denen innerhalb des hier betrachteten Zeitraumes vor allem Zuckerraffinerien und chemische Fabriken gehören) nötige ständige Umbauen und Experimentieren. Ziel aller baulichen Maßnahmen in derartigen Werken war letztlich der „anonyme Skelettbau“ mit einem möglichst weitgespannten Stützensystem, das möglichst viele innerbetriebliche Funktionsänderungen erlaubt.

Ein verhältnismäßig frühes deutsches Beispiel eines solchen Baues ist das von Heinr. Lang 1859–60 errichtete siebengeschossige Raffineriegebäude der Zuckerfabrik Waghäusel mit weitgehend feuersicherer Innenkonstruktion (Gußeisenstützen und -unterzüge mit flachen Kreuzgewölben aus Ziegeln und Ziegelkappen) und einer mit der Innenkonstruktion nicht weiter verbundenen äußeren Ziegel-Haut ([14] S. 136ff.; Bernh. Otto Müller, Heinr. Lang, Lehrer und Architekt, Diss. T. H. Karlsruhe 1961, S. 18, 99f.; s. a. [1], Bd. 26, 1861, Textbd. S. 93–96, Taf. Bd. Bl. 409–12).

Die hier angedeutete Tendenz, den F. lediglich als äußere Hülle eines beliebigen Produktionsbereiches anzusehen, bestimmte in der weiteren Entwicklung Konstruktion und Gestaltung des F.

Zu den Abbildungen

1. Hammerwerk und -schloß Hirschbach Krs. Sulzbach, Opf., erbaut ab 14. Jh. Kupferstich, ca. 23,5 × 41,4 cm. Nürnberg, Staatsarchiv, Nürnberger Karten und Pläne Nr. 652. Nach 1597. Fot. Archiv.

2. Plauen, Wohnhaus und Kattundruckerei des Joh. Aug. Neumeister, Bleichstr. (sog. „Weißbach’sches Haus“), erbaut 1777–78. Bauaufnahme (vor 1945) der Südfront, Grundriß und Schnitt. Maße und Aufbewahrungsort unbekannt. Nach W. Bachmann a.a.O. (Sp. 854), Abb. 104.

3. Joh. Martin Pohlmann, Staueck (Niwa Schodzieńska) Krs. Oppeln (Opole), Plan der Fabriksiedlung. Zchg. (?), Maße unbekannt. Ehem. Preuß. Oberbergamt, Breslau. Um 1775. Nach [11], Abb. 309.

4. Zeche Oberhausen, erbaut um 1855, Grundriß und Ansicht der Hauptfassade. Lithographie (Maße unbekannt) aus Schönfelder, Die baulichen Anlagen auf den Berg-, Hütten- und Salinenwerken in Preußen (= Beilage zu [3]), Bln. 1861–62, Atlas Taf. 14.

5. Joh. Friedr. Wedding, zweiter Entwurf für Königshütte (Królewska Huta), Oberschlesien, Ansicht von Norden auf Hochöfen, Gichttürme und -hütten und Maschinenhalle. Zchg., aquarelliert, Maße unbekannt. Ehem. Preuß. Oberbergamt, Breslau. 1798. Nach [11], Abb. 353.

6 a und b. Ludw. Karl Althans, Gießhalle der Gießhütte Sayn Krs. Koblenz, Außenansicht (a) und Blick ins Mittelschiff (b). Ab 1824 erbaut. Nach Rud. Zeitler, Die K. des 19. Jh. (= Propyläen Kg. Bd. 11), Bln. 1966, Abb. 423 a (Abb. 6 a), und Ausst.Kat. „Industriebau“, Wiesbaden 1953, S. 8 (Abb. 6 b).

7 a. Karlsruhe, Maschinenfabrik Keßler und Martiensen, Erdgeschoßgrundriß der Werksanlage, erbaut 1837–38, Zustand 1838. Umzchg. nach einem Plan in Karlsruhe, Generallandesarchiv, Abt. 357, fasc. 2864. Nach Zchg. des Verf.

7 b. Karlsruhe, Maschinenfabrik Keßler und Martiensen (rechts), Lageplan mit Ausbauphasen 1843–71. Nach [14], Abb. 86.

8 a. Ed. Biermann, Maschinenfabrik Borsig, Berlin, Ansicht des ersten Gießereigebäudes an der ehem. Thorstr., erbaut 1837. Aquarell, 31 × 48 cm. Berlin, Priv.bes. Dat. 1847. Nach Dt. Maschinenbau ... a.a.O. (Sp. 867), Abb. 3.

8 b. Berlin, Maschinenfabrik Borsig, Werksgelände an der Chausseestr., Lagepläne mit Ausbauphasen 1838–74. Nach ebd. Abb. 4–6, 12.

9. Ratingen Krs. Düsseldorf-Mettmann, Spinnerei Cromford. Erbaut 1784 (Zustand von 1970). Fot. Landeskonservator Rheinland, Bonn, Nr. 27139.

10. Joh. Traugott Lohse, Erfenschlag Krs. Chemnitz, Spinnerei Gebr. Schnabel, Seitenansicht des Spinnereigebäudes und des Kesselhauses. Baubeginn 1808, Kesselhaus später (Zustand um 1900). Nach [13], Abb. 7.

11. Ludw. Wilh. Lendorf, Entwurf für die Spinnerei und Weberei Ettlingen, Baden, Grundriß des 5. Obergeschosses und Aufriß. Zchg., Maße unbekannt. Werksarchiv der Spinnerei und Weberei Ettlingen. 1836. Fot. Archiv.

12. Ettlingen, Baden, Spinnerei und Weberei, sog. Unteres Werk, Lage- und Phasenplan 1838 bis E. 19. Jh. Nach [14], Abb. 38.

13. Bruchsal, Saline, erbaut 1748–50 (oben); Dürrheim, Saline, erbaut 1823–27; Rappenau, Saline, erbaut ab 1823 (unten). Lagepläne mit Angabe der betrieblichen Organisation in den auf den Plänen genannten Zeiten. Nach [14], Abb. 106.

14. Friedrich Arnold, Entwurf für ein Siedehaus der Saline Dürrheim, Baden. Zchg., Maße unbekannt. Dürrheim, Salinenarchiv. 1822 (?). Fot. Archiv.

Literatur

1. Allg. Bauztg., hrsg. von Chrn. Friedr. Ludwig Förster, Bd. 1ff., Wien 1836ff. – 2. Zs. für practische Bauk., hrsg. von Joh. Andreas Romberg, Bd. 1ff., Leipzig 1841ff. – 3. Zs. für das Berg-, Hütten- und Salinenwesen in dem Preuß. Staate, hrsg....von Rud. von Carnali, Bd. 1ff., Bln. 1853ff. – 4. Zs. des Ver. Dt. Ingenieure, hrsg. von Franz Grashof u. a., Bd. 1ff., Bln. 1856ff. – 5. Beitr. zu Gesch. der Technik und Industrie (= Jb. des Ver. Dt. Ingenieure), hrsg. von Conrad Matschoß, Bd. 1ff., Bln. 1909ff. – 6. Wilh. Franz, Fabrikbauten (= Hdb. d. Archit. IV, 2, 5), Lpz. 1923. – 7. Werner Lindner und Gg. Steinmetz, Die Ingenieurbauten in ihrer guten Gestaltung, Bln. 1923. – 8. W. Lindner, Bauten der Technik, Bln. 1927. – 9. Kurt Bimler, Die neuklass. Bauschule in Schlesien, H. 3: Die Industrieanlagen in Oberschlesien, Breslau 1931. – 10. C. Matschoß und W. Lindner (Hrsg.), Technische Kulturdenkmale, Mchn. 1932. – 11. Hans Joachim Helmigk, Oberschlesische Landbauk. um 1800, Bln. 1937. – 12. Turpin Bannister, The First Iron-Framed Buildings, The Archit. Rev. 107, 1950, 231–246. – 13. Walter Hentschel, Aus den Anfängen des Fabrikbaus in Sachsen, Wiss. Zs. der T. H. Dresden 3, 1953/54, 345–59. – 14. Wolfgang Müller-Wiener, Die Entwicklung des Industriebaues im 19. Jh. in Baden, Diss. T. H. Karlsruhe 1955 (masch.). – 15. Franz Michael Ress, Bauten, Denkmäler und Stiftungen dt. Eisenhüttenleute, Ddf. 1960. – 16. Carl Schiffner (bearb. von Werner Gräbner), Alte Hütten und Hämmer in Sachsen (= Freiberger Forschungshh. D 14), Bln. o. J. (1960). – 17. John Percival Masterman Pannell, The Techniques of Industrial Arch. (= The Industrial Arch. of the British Isles, hrsg. von E. R. R. Green), Newton Abbot/Devon 1966. – 18. Ausst.Kat. „Industriebauten 1830–1930. Eine photograph. Dokumentation von Bernd und Hilla Becher“, Mchn. 1967. – 19. Roland Günter, Zu einer Gesch. der technischen Archit. im Rheinland, Beitr. zur rhein. Kg. und Dpfl. (= Die K.-Dkm. des Rheinlandes, Beih. 16), Ddf. 1970, 343–72.

Allgemein-geschichtliche Werke aus dem technik- und wirtschaftsgeschichtlichen Bereich mit zahlreichen, aber vereinzelten Angaben, Abbildungen usw. zum F. können angesichts ihrer großen Zahl hier nicht genannt werden. Ebenso muß weitgehend auf die zahlreichen für die Geschichte der einzelnen Fabriktypen wichtigen Festschriften aller älteren Firmen verzichtet werden, in denen u. a. oft wichtige Angaben zu den Bauten zu finden sind.

Verweise