Fälle Christi, sieben

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englisch: Falls of Christ, Seven; französisch: Stations du Christ, Les sept; italienisch: Cadute di Cristo, Sette.


Salome Zajadacz-Hastenrath (1974)

RDK VI, 1366–1374


RDK VI, 1367, Abb. 1. Wien, um 1490-1500.
RDK VI, 1369, Abb. 2. Johann Sadeler d. Ä. nach Chr. Schwarz, 1589.
RDK VI, 1369, Abb. 3. Urspring, Württ., 1600.
RDK VI, 1371, Abb. 4. Bad Wurzach, Württ., 1613.
RDK VI, 1373, Abb. 5. Köln 17022.

I. Begriff, Abgrenzungen

Die sieben F. sind eine der im Spät-MA aufgekommenen Formen der Passionsandacht; sie vergegenwärtigen das siebenmalige Hinfallen Christi auf seinem Leidensweg von der Gefangennahme bis zur Kreuzigung und gelten – wie analoge Passionsandachten (Gänge Christi, *Stillstände Christi) – als Vorläufer der Kreuzwegandacht (s. Kreuzweg).

In der Fachliteratur findet man die Bezeichnung „Fälle Christi“ häufig irreführend gebraucht. Man nannte auch andere Passionsandachten so, obwohl sie mit den sieben F. nur die Siebenzahl von zur Betrachtung gestellten Passionsgeschehnissen gemeinsam haben (oft nicht einmal diese) und, wie bisweilen die sieben F., auf Bildstöcken entlang eines Weges dargestellt sind. Auf die Andachtsübung der Gläubigen, die vor jeder der „Stationen“ niederknieten, bezieht sich die Bezeichnung „sieben Fußfälle“, die nichts über die Art der betreffenden Passionsandacht aussagt.

Als Ausgangspunkt für die Ausbildung der Vorstellung von den sieben F. dienten Auslegungen und legendenhafte Ausschmückung der biblischen Passionsberichte, besonders solcher zur Kreuztragung.

Im Spät-MA gab es Darstellungen der sieben F. unabhängig von denen des Kreuzweges; im 17. Jh. wurden einzelne dieser sieben F. in das Programm des *Kreuzweges miteinbezogen.

II. Darstellungen

Seit dem späten 15. Jh. sind Darstellungen der sieben F. bekannt (1). In der Folgezeit entstanden weitere Fassungen des Themas, wobei andere Szenen berücksichtigt wurden (2–4). Da die Beispiele oft künstlerisch anspruchslos sind und daher, wenn überhaupt, in der Literatur meist nur kursorisch erwähnt werden, kann zum gegenwärtigen Zeitpunkt kein Überblick über Dichte und Verbreitung der sieben F. gegeben werden.

1. Das früheste Beispiel für die älteste Version der sieben F. ist ein Einblattholzschnitt in der Albertina Wien, eine Nürnberger Arbeit von 1490–1500 (Abb. 1; der älteste bisher bekannte literarische Beleg findet sich in dem Werk „Dit is der Berch van Calvarien“, Leiden 1520: [3] S. 352f.). Er stellt folgende Themen zusammen: 1) Christus fällt auf dem Weg vom Ölberg nach Jerusalem in den Bach Kedron; 2) Christus fällt auf dem Weg von Herodes zu Pilatus; 3) er fällt auf der Treppe vor dem Haus des Pilatus; 4) er fällt, losgebunden, nach der Geißelung zu Boden; 5) er fällt unter dem Kreuz; 6) er wird auf das Kreuz niedergeworfen; 7) das Kreuz, an das Christus genagelt ist, fällt in das Loch, in das es eingepfählt werden soll. Das Blatt trägt die Überschrift: „O mensch betracht dy siben vell Cristi und dy siben hertzenlaydt marie“ und fügt jeder Szene im Hintergrund die Mater dolorosa und Johannes bei (das ist, sofern nicht eigens vermerkt, auch bei den im folgenden genannten Beispielen der Fall). Die Folge wird abgeschlossen durch eine Darstellung der Gregorsmesse.

Eine fränkische (?) Darstellung der Kreuzaufrichtung von 1470–80 gleicht der entsprechenden Szene in Abb. 1 so genau, daß ihre Zugehörigkeit zu einem themengleichen Zyklus erwogen wird (Berlin, Kk., Inv. Nr. 82–1: Schreiber, Hdb., Bd. 1 Nr. 684; Paul Kristeller, Holzschnitte im Berliner Kk., 2. Reihe [= 21. Veröff. der Graph. Ges.], Lpz. 1915, Nr. 55, Taf. 21). Weitere Holzschnittfolgen des ausgehenden 15. Jh. befinden sich in New York, Slg. J. C. McGuire (Schreiber a.a.O. Nr. 645, 647, 653, 655, 683; dazu Nachtrag ebd. Bd. 8 S. 34f.; vielleicht gehört ebd. Bd. 1 Nr. 643 [Priv.bes., Wien] zur gleichen Folge), und im Stockholmer Kk. (ebd. Nr. 642, 644, 646, 652, 654, 659, 685).

In Ulr. Pinders „Speculum Passionis Domini Nostri Jesu Christi“, Nürnberg 1507, einer Variante dieser ersten Version, sind die Darstellungen der sieben F. ohne Bezug zum zugehörigen Text eingefügt. Diese Folge beginnt erst mit dem Fall auf dem Weg zu Herodes; um auf die Siebenzahl zu kommen, wird der Fall Christi auf der Treppe vor dem Weg nach Golgatha wiederholt.

Bei der nicht vollständig erhaltenen Serie von Glasgem. in Urspring Krs. Ehingen, 1600 (Abb. 3), fehlt der Fall auf dem Kreuzweg; zwei weitere Darstellungen sind hinzugefügt (Maria unter dem Kreuz mit sieben Schwertern in der Brust, Gregorsmesse: [6]). – Ein weiterer Zyklus, sieben Ölgem. von 1613, befindet sich in Bad Wurzach, Württ., im Kloster Maria im Rosengarten (Abb. 4; [3] S. 356).

Spätere Beispiele konnten nicht ermittelt werden.

In der Andachtsliteratur erwähnt eine Hs. aus der M. 16. Jh. die gleichen F. (Gent, Stadtbibl., ms. 1734 Gebetbuch], fol. 93: Maria Meertens, De godsvrucht in de Nederlanden, Antwerpen 1931, Bd. 2 S. 101ff.).

Jan Pascha schickte 1563 seiner Anleitung zu einer geistlichen Pilgerreise eine Reihe von Gebetsübungen voraus: in ihnen soll jeden Tag der Woche zur Sext ein Fall Christi betrachtet werden. Jeder Fall bietet Anlaß, um Vergebung bestimmter Sünden zu bitten: Sünden gegen die 12 Glaubensartikel, Sünden gegen die 10 Gebote, sieben Todsünden, Sünden gegen die sieben Sakramente, Sünden gegen die sieben Werke der Barmherzigkeit, Sünden mit den fünf Sinnen, Sünden gegen das Tauf- und Profeßgelübde („Een devote maniere, om gheestelijk Pelgrimagie te trekken ...“, Ausg. Löwen 1576, Bl. 17v bis 19v).

2. Eine zweite Version, die zuerst im 4. V. 16. Jh. faßbar ist, bringt für die drei ersten F. andere Szenen: 1) Christus wird vor Kaiphas zu Boden gestoßen; 2) Christus wird vor Herodes zu Boden geworfen; 3) Christus sinkt vor Pilatus beim Anhören des Todesurteils zu Boden (an 4. Stelle, nach dem Fall Christi bei der Geißelung).

Diese Version dürfte im Umkreis der Hzgn. Renata von Bayern entstanden sein: für sie hat Christoph Schwarz, wahrscheinlich zwischen 1579 und 1586, einen Hausaltar mit diesen sieben F. gemalt; bis 1757 befand er sich in Schleißheim. Seine Darstellungen wurden 1589 in einer Stichfolge von Johann Sadeler d. Ä. abgebildet (Abb. 2; Angaben nach Heinr. Geißler, Chr. S., Diss. Freiburg i. Br. 1960 [masch.], S. 70, 162, 213; Kopien einzelner Szenen in Budapest, Mus. der Bildenden Künste, vgl. Kat. 1967, S. 632f.; Hinweis auf weitere Kopien: RDK V 786). Die gleichen Bildtypen kehren auf den Bildstöcken des Stationsweges von Würzburg nach Höchberg wieder, 1626–1627 (Inv. Bayern, Ufr. 3, S. 75, Abb. 48).

3. Eine dritte Version der sieben F. bringt Martin von Cochems O. F. M. Cap. (1634–1712) „Großer Myrrhengarten“. Alle F. ereignen sich auf dem Weg nach Golgatha. Christus fällt 1) 80 Schritte von des Pilatus Haus entfernt; 2) nach weiteren 60 Schritten, bei der Begegnung mit Maria; 3) 21 Schritte weiter, bevor Simon von Kyrene das Kreuz aufgeladen wird; 4) 191 Schritte weiter, bei der Begegnung mit Veronika; 5) nach 336 Schritten, an der Gerichtspforte; 6) nach 348 Schritten, bei der Begegnung mit den weinenden Frauen; 7) nach 161 Schritten, am Fuße des Kalvarienberges (Hinweis bei [4], S. 15 und 38).

Diese Version wurde vor allem im Rheinland und in Westfalen dargestellt.

Für Köln bezeugt sie 1645 Gelenius; den Stationsweg ließ man von Waisenkindern abschreiten, die für Sterbende beteten (Aeg. Gelenius, De admiranda sacra et civili magnitudine Coloniae, Köln 1645, S. 550; der Weg führte von der St. Apernkirche nach St. Gereon: [8] S. 221; Koenig vermutet, die Bilder seien erhalten und befänden sich in der Kölner Pfarrkirche St. Michael: [3] S. 335). Bildstöcke mit den gleichen Darstellungen wurden 1697 auf dem Weg von St. Kolumba zum Armenfriedhof errichtet ([8] S. 222; s. auch das Gebetbuch „Andächtig Fußfälliges Gebet, zu Ehren der sieben Fußfälle, des bittern Leidens Christi Jesu und der schmerzhaften Mutter Gottes Maria eingerichtet, ...“, Köln 1698, mit neun Kupferstichen: Abb. 5, [3] S. 355). Es verknüpft mit den einzelnen Fällen verschiedene Gebete.

Außer den Kölner Beispielen finden sich Bildstöcke mit diesen F. in Westfalen (Olpe, vor 1715, Delbrück, Pömbsen, Bödefeld: [8] S. 215, 223, 225f.) und in der Eifel (Vianden, 1752: [3] S. 359). Die Bildstöcke in Bödefeld, Westf., 1730, tragen unterhalb der einzelnen Reliefs längere Gebetstexte mit je einer „Lehr“ gegen eines der Hauptlaster und der Bitte um Befreiung von demselben (abgedruckt bei [8], S. 225f.).

Eine Reihe von Gebetbüchern des 18. Jh. enthalten die Version des dritten Typs.

In einem Kölner Gebetbuch von 1710 mit einer Andacht der sieben Fußfälle an der St. Maria-Ablaßkirche sind die F. in Bezug zu sieben durch die Erbsünde bewirkten Fällen des Menschen gesetzt und mit Bitten versehen (Newe Cöllnische Römerfahrt, Das ist: Nützliche Weise, wie man die sieben Haupt-Kirchen ... allhier in Cöllen ... besuchen solle. Mit beigefügter Besuchung der sieben Fußfällen [sic!] Christi Jesu, Köln 1710, S. 183 bis 215); ähnliche Bitten enthalten: Josef a Virgine, Himmlisches Kleinod, hochschätzbar den Seelen ..., Würzburg 1753 [3, S. 355f.]; „Andächtig fußfälliges Gebeth zu Ehren der sieben Fußfäll des bittern Leidens Jesu Christi und der schmerzhaften Mutter Gottes Mariä“, Olpe 1793; die gleichen Gebetsintentionen in Delbrück: [8] S. 273.

Ein Gebetbuch aus Mainz läßt den Fall an der Gerichtspforte aus und fügt dafür als siebten Fall die Niederwerfung auf das Kreuz hinzu. Jedem Fall Christi wird eine passende Bitte beigefügt („Creutz-Gang Christi. Das ist Procession zum Heil. Creutz, zu danckbahrer Verehrung des schmertzlichsten, für uns erlittenen Creutz-Todts Unsers lieben Herrn und Heylands Jesu Christi ... Von der löblichen Ertz-Bruderschaft des allerheiligsten Sacraments in der löbl. Pfarrkirch SS. Quintina et Blasii zu Mayntz“, Mainz 1763).

4. Eine abweichende vierte Version gibt Martin von Cochem im „Großen Baumgarten“, Einsiedeln 1718. Auch sie behandelt nur F. auf dem Weg nach Golgatha. Christus fällt: 1) 106 Schritte von des Pilatus Haus entfernt; 2) nach weiteren 60 Schritten, bei der Begegnung mit Maria; 3) nach 170 Schritten, an der Gerichtspforte; 5) nach 348 Schritten, bei der Begegnung mit den weinenden Frauen; 6) nach 161 Schritten, am Fuße des Kalvarienberges; 7) bei der Niederwerfung auf das Kreuz. An jeden der F. werden Bitten angeschlossen („Der verbesserte Baum-Garten ...“, Mainz und Ffm. 1761, S. 295–300).

Darstellungen der F., die dieser Version folgen, sind bisher noch nicht nachgewiesen.

Die Visionen der Anna Katharina Emmerich enthalten eine ähnliche Folge. Dabei wird der Ort des ersten Falles genauer bezeichnet: in der Nähe des Schafteiches am Ende der engen Straße. Der sechste Fall ereignet sich zwischen Stadt und Kalvarienberg, der siebte auf dem Gerichtsfelsen (Clemens von Brentano, Das bittere Leiden unseres Herrn Jesu Christi. Nach den Betrachtungen der gottseligen Anna Katharina Emmerich, Sulzbach 1833, S. 185–201).

Zu den Abbildungen

1. Wien, Albertina, Inv. Nr. 70/1930, die sieben Fälle Christi. Einblattholzschnitt, 27,6 × 39,4 cm. Nürnberg, um 1490–1500. Nach Heitz, Einblattdrucke, Bd. 26, Nr. 6.

2. Johann Sadeler d. Ä. nach Christoph Schwarz, Christus wird vor Kaiphas zu Boden gestoßen (erster Fall Christi nach der zweiten Version, s. Sp. 1370). Kupferstich (45 × 30,1 cm) aus der Folge „Praecipua Passionis Domini Nostri Jesv Christi mysteria“, dat. 1589. Mchn., Staatl. Graph. Slg., Inv. Nr. 109 874. Fot. Slg.

3. Urspring Krs. Ehingen, Württ., ehem. Benediktinerinnenkloster, Sturz Christi in den Bach Kedron (erster Fall Christi). Glasgem. aus einer Folge von Darstellungen der Fälle Christi nach der ältesten Version, Ausschnitt (Gesamtabb.: [6] Taf. 17). Dat. 1600. Fot. Markus Otto, Bissingen a. d. Enz, Württ.

4. Bad Wurzach, Württ., Kloster Maria im Rosengarten, Christus fällt nach der Geißelung zu Boden (vierter Fall Christi). Gem. a. Lwd., 78,5 × 58,5 cm. Aus einer Folge von Darstellungen der sieben Fälle Christi nach der ältesten Version, 1613 dat. Fot. Gudula Bock, Oberopfingen, Württ., Nr. 226/69.

5. Christus fällt bei der Gerichtspforte, Holzschnitt-Ill. (11,9 × 7,4 cm) zu „Andächtig Fußfälliges Gebet ...“ [s. Sp. 1372], Köln 17022, S. 20 (fünfter Fall Christi nach der dritten Version, s. Sp. 1371). Fot. RDK.

Literatur

1. Karl Alois Kneller, Geschichte der Kreuzwegandacht (= Erg.hh. zu den „Stimmen aus Maria Laach“, 98), Freiburg i. Br. 1908. – 2. Michael Bihl O.F.M., De historia Viae Crucis, Archivum Franciscanum Historicum 1, 1908, 50 bis 61, bes. 53–56. – 3. Alex. Koenig, Die noch erhaltenen Kreuzwege der sieben Fußfälle Jesu in Deutschland und Luxemburg, Ons Hémecht 18, 9, 1912, 349–360. – 4. Franz Heckmanns und Paul Fischer, Die sieben Fußfälle, eine alte Volksandacht unter bes. Berücksichtigung der Fußfälle in der Umgebung Krefelds, Hüls-Krefeld 1921. – 5. Amédé de Zedelgem, Aperçu historique du Chemin de la Croix, Collectanea Franciscana 19, 1949, 45–142, bes. 71–76. – 6. Markus Otto, Die Glasgem. aus dem ehem. Benediktinerinnenkloster Urspring, Urspring 1964. – 7. Matth. Zender, Spätma. Frömmigkeit und Volksbrauch. Das Beten der sieben Fußfälle im Rheinland, in: „Fs. Jos. Quint anläßlich seines 65. Geburtstags überreicht“, Bonn 1964, S. 291–303. – 8. Gg. Wagner, Barockzeitlicher Passionskult in Westfalen, Münster i. W. 1967. S. im übrigen Kreuzweg.

Verweise