Exedra

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englisch: Exedra; französisch: Exèdre; italienisch: Esedra.


Liselotte Andersen (1971)

RDK VI, 648–671


RDK VI, 649, Abb. 1. St. Gallen, um 820.
RDK VI, 651, Abb. 2. Bern, 3. Dr. 9. Jh.
RDK VI, 653, Abb. 3. Rinaldo Mantovano (nach Giulio Romano), 1527, Mantua.
RDK VI, 655, Abb. 4. Andrea Baccio (nach Sebastiano Serlio), Venedig 1571.
RDK VI, 657, Abb. 5. Andrea Palladio (Entw.), um 1580; Pierre Fourdrinier (Ausf.), London 1730.
RDK VI, 659, Abb. 6. Franz Anton Danreiter (Entw.) und Karl Remshard (Ausf.), zwischen 1728 und 1735.
RDK VI, 661, Abb. 7. Johann Bernhard Fischer von Erlach, Wien 1721.
RDK VI, 663, Abb. 8. Christopher Wren (?), 1. V. 18. Jh., London.
RDK VI, 665, Abb. 9. Maurizio Pedetti, um 1775, München.
RDK VI, 665, Abb. 10. Maurizio Pedetti, 1779-81, Eichstätt.
RDK VI, 669, Abb. 11. Leo von Klenze, 1830, München.
RDK VI, 671, Abb. 12. Leo von Klenze, 1837, München.

I. Definitionen

Der Begriff E. wird im modernen Sprachgebrauch zur Bezeichnung mehrerer, sich erheblich voneinander unterscheidender baulicher Anlagen und Bauteile verwendet. Sinnvoll jedoch gebraucht man diese Bezeichnung nur für halbrunde, halbovale u. ä. (architektonische) Anlagen, die als Aufenthalts-„Räume“ dienen können. Das sind:

1. ein halbrunder konkaver Bau(-teil), der sich nischenartig ins Freie öffnet (im Gegensatz zur Nische aber betretbar ist), dessen Rundung aus einer (oft nischengeschmückten, nie aber von Türen durchbrochenen) Wand, aus Säulenstellungen oder einem Säulengang bzw. aus Arkaden, in der Gartenarchitektur auch aus Lattenwerk oder beschnittenen Büschen oder Bäumen (Abb. 9) besteht und von einer Halbkalotte oder einer ähnlichen Gewölbeform überdeckt ist; auf Wölbung oder Überdachung kann verzichtet werden, wenn die senkrechte Raumbegrenzung die E. klar vom Freiraum trennt; 2. eine halbkreisförmige oder halbovale steinerne Rundbank im Freien, die um eine oder mehrere Stufen erhöht ist und oftmals als Stätte der Erinnerung dient (Inschriften; vgl. z. B. Sp. 669).

II. Schriftquellen

Die komplizierte – für die neuzeitliche Architekturtheorie wichtige – Wortgeschichte ist in der Hauptsache ein fortgesetzter Rückgriff auf antike Quellen (für diese Deichmann [23]). Das MA hat sich die ihm literarisch überkommene Bezeichnung in nicht immer glücklicher Weise angeeignet (A). In der Renaissance haben dann Humanisten und Architekturtheoretiker im Rückgriff auf Vitruv und Cicero die Grundlage für ein neues Wortverständnis geschaffen, dessen Überlieferung bis an den Anfang des 19. Jh. heranreicht (B. 1); etwa um dieselbe Zeit bemühte man sich erstmals, den in antiken Texten begegnenden Begriff E. auf noch bestehende oder zeichnerisch rekonstruierte antike Bauteile zu beziehen (B. 2). Seit dem 19. Jh. begann man auch bauliche Anlagen aus vorangegangenen Epochen der Neuzeit E. zu nennen und den Wortsinn derart auszuweiten, daß der Begriff teilweise mit der Bezeichnung nur scheinbar ähnlicher, aber aus völlig anderen Wurzeln stammender Bauelemente vermengt wurde.

A. MA

1. Apsis einer Kirche.

Auf dem Klosterplan von St. Gallen (um 820) steht „exedra“ an den halbrunden Abschlüssen beider Chöre, einmal auf der eingezeichneten Rundbank, einmal innerhalb der Rundung (Abb. 1; Faks.-Ausg. St. Gallen 1952). Dies entspricht dem älteren, häufigen Gebrauch des Wortes für „Absis“ (Belege bei [23], Sp. 1172–74). In gleicher Weise verwendet Ratherius, Bisch. von Verona, † 974, das Wort, wenn er 915–37 in seinen „Praeloquia“ – analog zu Augustinus, In epist. Joh. ad Parthos tract. 9, 8 ([24] Bd. 35, Sp. 2050; s. [23], Sp. 1173) – schreibt: „Et utique hoc non in exedra, non in analogio, non in ambone, sed ante principes saeculi... clamabat (apostolus)“ [24, Bd. 136, Sp. 246]. Durch Glossare (s. [23], Sp. 1173f.) wird diese Definition dann dem späteren MA überliefert; so steht bei Papias (M. 11. Jh.; im 15. Jh. mehrfach gedruckt) ähnlich wie in älteren Glossaren: „Exedra absis id est locus subselliorum; latinum est, graeci enim cyclon dicunt“ [1, Bl. 57].

2. Freistehende Kapelle.

Adamnanus, Abt von Jona, † 704, bezeichnet auf dem Plan, den er seiner Beschreibung des Bezirkes der Grabeskirche in Jerusalem beifügt, eine freistehende, viereckige Kapelle als „exedra“ (vgl. Abb. 2). Dazu heißt es: „Inter illam quoque Golgothanam basilicam et martirium quaedam inest exedra, in qua calix Domini ...“ (Denis Meehan, Adamnan’s ’De Locis Sanctis’, Dublin 1958, S. 50.17f., Abb. vor S. 47; analog Beda Venerabilis, De locis Sanctis II, 2: Corp. Chr. Ser. Lat. Bd. 175, S. 256.40). Schon in der Beschreibung der Bauten am gleichen Ort vor ihrer Zerstörung durch die Perser (614) spricht der Breviarius de Hierosolyma (A. 6. Jh.) von einer etwa an derselben Stelle gelegenen E. als Kapelle für das Kreuz Christi (Corp. Chr. Ser. Lat. Bd. 175, S. 110). Die Bezeichnung E. für eine Reliquienkapelle, die sonst mit so genauer Funktionsbestimmung nicht nachweisbar ist, könnte von Jer. 35,2 angeregt sein („... et introduces eos in domum Domini in unam exedram thesaurorum ...“).

3. Annexraum zur Kirche; Begräbnisplatz neben der Kirche.

Als Raum, der nicht im Hauptraum der Kirche liegt, aber doch wohl mit dem Kirchenbau verbunden ist, wird die E. schon in einer Bestimmung des Konzils von Nantes bezeichnet (um 658: nach Joannes Dominicus Mansi, Sacrorum conciliorum nova et amplissima collectio, Bd. 11, Florenz 1765, Sp. 59/60): „Prohibendum etiam, secundum majorum instituta, ut in ecclesia nullatenus sepeliantur, sed in atrio, aut in porticu, aut extra ecclesiam (aut in exhedris Ecclesiae)“ (ebd. Bd. 18, Venedig 1773, Sp. 168 und Anm. 1). – Als Annexraum zur Kirche definiert auch Walafrid Strabo, † 849, das Wort: „E. est absida quaedam separata modicum quid a tempio vel palatio et dicta inde, quod extra haereat“ (Libellus de exordiis et incrementis rerum ecclesiasticarum: [25] Legum sectio II, 2, S. 480.10f.). – Eine an den Kirchenbau „angehängte“ Grabkapelle ist die 955 von Bisch. Ulrich von Augsburg gebaute E. In den Miracula des Heiligen sagt Gerhard ([25] Script. IV, S. 420.43ff.): „Unde factum est, ut super trabes eiusdem exedrae, ubi sepulchrum situm est, ponerentur (sc. bacellula)“; die Erbauung dieser Grabkapelle, in der Ulrich jeden Freitag die Messe feierte, wird von Gerhard in der Vita beschrieben: „Postea autem episcopus ... in australi parte exterioris muri aecclesiae sepulchrum sibi fodere et exterius muro cingere, et perrupto muro aecclesiae, arcum muratum desuper curvare praecepit ...“ (ebd. S. 403.43ff.). – Für Sicardus von Cremona, † 1215, sind E. „... arcus murati in coemeterio constituti et dicuntur exedrae, extra scilicet adhaerentes ...“ („coemeterium“ ist bei ihm der Begräbnisplatz um die Kirche). Er geht dann sogar so weit, daß er E. mit Thalamus gleichsetzt, da „... in exedris velut in thalamis mortui sepeliuntur“ (Mitrale seu de officiis ecclesiasticis summa I, 4: [24] Bd. 213, Sp. 23). – Auch Wilhelm Durandus von Mende (1230/31–1296) gibt in seinem „Rationale divinorum officiorum“ (vor 1291) die E. als überwölbten Begräbnisplatz an der Kirche an: „... sed cuncti debent circa ecclesiam sepeliri, puta in atrio, aut in porticu, aut in exedris sive voltis ecclesie exterius adherentibus, aut in cimiterio“ [2, Bl. 11].

4. Nebenraum innerhalb der Kirche oder Raum in der Umgebung des Kirchenbaus.

Im allgemeinen ist aus den Textstellen weder etwas Genaueres über die Lage noch über die Form der E. herauszulesen. Z. B. werden die Gebeine des hl. Aldricus aus dem Grab im Atrium in „sublimiori exedra“ niedergelegt – wo die E. lag, ist nicht zu klären (Vita s. Aldrici archiepiscopi Senonensis, 11. Jh.: Joannes Mabillon, A. SS. ordinis s. Benedicti, saec. IV, 1, Venedig 1735, S. 544). – Als Kapelle innerhalb der Kirche ist E. wohl in folgenden zwei Stellen zu verstehen: „Dum itaque quadam die per aecclesiam vadens ..., obvium me habuit quidam rusticus, dicens, se velle mecum paulisper fabulari. Unde secedens in exedram nobis proximam, requisivi, quid vellet“ (Haimino, Ex miraculis s. Vedasti, 9. Jh.: [25] Script. XV, S. 398.16ff.); „abside vero sunt exedre seu appenditie, que aularum seu ecclesiarum lateribus adherent pro deambulatione amplianda“ (Rodulfi gesta abbatum Trudonensium, 14. Jh.: [25] Script. X, S. 385.41f.). – Auf einen sakristeiartigen Raum deutet die Verwendung des Wortes E. in den Liturgievorschriften des Bisch. Amalarius von Metz, A. 9. Jh. („Ac ideo acolytus educit patenam de exedris, quando dicitur: ‚Sursum corda‘“: Joh. Mich. Hanssens, Amalarii episcopi opera liturgica omnia, Bd. 2 [= Studi e Testi 139], Vat. 1948, S. 35.5f.), und in der „Vita magna s. Hugonis episcopi Lincolniensis“, A. 13. Jh. ([corpus s. Hugonis] „... in secretiorem transfertur exedram, ... vestimentorum insigniis parvitatis nostrae obsequio induendus ...“: Lehmann-Brockhaus, Engl. Schriftquellen Bd. 2, S. 33 Nr. 2383). – Dagegen wird in den Annalen Hincmars ein größerer Konferenzraum innerhalb eines vom Papst bewohnten Palastes zu Troyes E. genannt: „... Hlodowicus rex ..., venit ad apostolici mansionem, et cum eo familiariter locutus, una cum illo reversus est ad conventum episcoporum in exedram iuxta mansionem apostolici“ (Georg Waitz, Annales Bertiniani: [25] Script. in usum scholarum V, Hannover 1883, pars III: auctore Hincmaro archiepiscopo Remensi [für das Jahr 878], S. 143f.). Diese Verwendung des Wortes E. für eine Art Kapitelsaal nahmen später Vitruvkommentatoren wieder auf (s. u. Sp. 656ff.).

5. Kathedra, Stuhl.

Im 9. Jh. ist verschiedentlich E. in diesem Sinn verwendet: „Exetra-sella“ erläutert das Glossarium Amplonianum primum (Georg Goetz, Corp. glossariorum latinorum, Bd. 5, Lpz. 1894, S. 357.30); „‚Cathedra‘ producitur sicut ‚exedra‘ ut in exemplo Bedae ...“ schreibt Godescalc von Orbais (Cyrillus Lambot, Œuvres théologiques et grammaticales de G. d’O., Löwen 1945, S. 426.21). Ebenso setzt Osbern von Glocester (12. Jh.) E. mit „cathedra, assida, sedes, subsellium, thronus, suggestus, sella“ gleich (Angelo Mai, Classici auctores e Vaticanis codicibus editi, Bd. 8, Rom 1836, S. 200). Im übertragenen Sinne kann auch ein Metropolitansitz E. heißen: „Monasteria namque, quae Trevericae subjace[n]t exedrae ... erant indiga“ (Theoderich von Trier, Hist. inventionis s. Celsi, A. 11. Jh.: A. SS. Febr. Bd. 3 [23. Febr.], S. 403 Nr. 6).

6. Fenster.

Wenn in der „Chronica Slavorum“ des Arnoldus, abb. Lubecensis (1204–9; [25] Script. XXI, S. 204.46f. – S. 205.1) der Tod des Königs von Jerusalem beschrieben wird „... rex ... domum propriam ingreditur et dum solus cum solo super exedras pro captando aere starei, subito cecidit et fracta cervice exspiravit“ und wenn die Annales Stadenses des Albertus über denselben Vorgang berichten „Rex Iherusalem nocte surrexit, ut urinam proiceret, et de fenestra cadens fractis cervicibus exspiravit“ ([25] Script. XVI, S. 353.13f.), so beruht die Gleichsetzung von E. und „fenestra“ in Anm. 74 zur „Chronica Slavorum“ auf einer Fehlinterpretation des Herausgebers. Die gleiche Auslegung von E. als „fenestra“ bei Accursius (1185–1263; [3] Bl. 173v) hat schon Budaeus als irrig erkannt (1467–1540; [4] Bl. 99v f.). Trotzdem führt noch Claude Perrault 1673 in seinem Vitruvkommentar diese Interpretation mit Hinweis auf Accursius an [13, S. 182 C].

Nur für eine besondere Art von Fenster läßt Hugutio in seinem „Liber derivationum“ (um 1200) – neben mehreren anderen Bedeutungen – die Bezeichnung E. gelten: „hexedra, -e id est cathedra, tronus, sedes, sella, suggestus, vel exedra est caminata secreta, vel locus thesauri, vel locus subselliorum, id est absida vel cantara, vel locus quidam separatus modicum a pretorio vel palatio, vel exedra genus est fenestre quae exterius dilatatur interius cohartatur unde illud fecit in ea fenestra et exedras pro gacofilatio inde in Ezechiel LXX exedras transtulerunt“ [5, fol. 39v].

Ganz im Sinne des MA geht noch im 17. Jh. Laurentius Beyerlinck bei der Interpretation des Begriffes E. von dem biblischen Wort „gazophylacium“ (Schatzkammer) aus, während seine Zeitgenossen sonst die Wortbedeutung aus antiken Autoren herleiten: „Ioan. 8 dicitur sedisse in Gaphylacio (sic!) et docuisse, intelligi exedram sive atrium templo adiunctum, ex quo Christus docuerit. Est autem Exedra locus siue cubiculum columnis fultum, et epistyliis pluribus, excisis spatiis, quibus in viam profectus pateat ...“ (Magnum Theatrum vitae humanae ..., Köln 1631, hier zitiert: Lyon 1678, Bd. E–G, S. 793). Leo von Klenze nennt in seiner „Anweisung zur Architectur des christlichen Cultus“ (Mchn. 1833, z. B. S. 30 und 36) die Nische hinter dem Altar E.; doch kann man annehmen, daß bei ihm diese Bezeichnung nicht mehr aus ma. Tradition, sondern in Analogie zu ähnlichen Bauformen aus der Rekonstruktion antiker Thermenanlagen herzuleiten ist (s. u. Sp. 660f.).

B. Neuzeit

1. Architekturtheorie

Die Wortbedeutung von E. in der Architekturtheorie ist seit der Renaissance vor allem von Vitruv und seinen Kommentatoren sowie von Cicero abhängig.

Vitruv beschreibt die E. in der Palästra (V, 11,2: [23] Sp. 1168–69) als geräumige, rechteckige Säle mit Sitzen, in denen Philosophen und Redner mit ihren Schülern disputieren können. Die E. schließen an die Portiken an; ob es offene oder geschlossene Räume sind, wird nicht gesagt. Auch die E. im Privathaus (VI, 3, 8 und 7, 3: [23] Sp. 1168) werden von Vitruv nicht ausdrücklich als offen beschrieben; sie können quadratisch sein und liegen nach Westen. Erst wenn Vitruv auf die Ausstattung der Räume eingeht, spricht er von offenen E. (VII, 5, 2 und 9, 2) oder setzt sie mit unheizbaren Sommergemächern gleich.

Cicero berichtet, Crassus habe auf dem Liegebett in der E. seines Hauses Gäste empfangen (De oratore III, 17: [23] Sp. 1168).

Bereits vor der ersten, das Wort E. erklärenden, kommentierten Vitruvausgabe findet man Vitruv bei Erläuterungen des Wortes genannt und zitiert. Guilielmus Budaeus interpretiert den Begriff E. an der gleichen Stelle der Digesten (lib. IX, tit. 3, lex 5 § 2) wie Accursius, führt aber im Gegensatz zu diesem Vitruv und Cicero an (siehe oben). Auch Grapaldo setzt unter Berufung auf Vitruv lib. VII „patentes exedrae“ mit „pergula“ gleich [6, Bl. 63v].

Auffällig ist, daß in der ganzen Reihe der Einschlägiges kommentierenden Vitruvausgaben die E. zunächst als geschlossener Raum angesehen, Vitruv VII, 5, 2 und 9, 2 zwar übersetzt und zur Kenntnis genommen, aber nicht zur Erklärung der Räume in Palästra und im Privathaus herangezogen wird (die wichtigsten kommentierten Vitruvausgaben nach Bodo Ebhardt, Die zehn Bücher der Architektur des Vitruv und ihre Herausgeber seit 1484, Bln. o. J. [1918], S. 67ff.; [7-17]).

In vielen illustrierten Vitruvausgaben sind Grundrisse (zu Buch 5 und 6) von E. stets als geschlossene Räume dargestellt. Selbst Claude Perrault [13], der E. im Kommentar zu V, 11, 2 (S. 182) u.a. (s. u. Sp. 659) einer „Gallerie ouverte en maniere de loges“ gleichsetzt und VII, 9,2 (S. 232) mit „Galleries en formes de loges“ übersetzt, bleibt in seinen Illustrationen bei der geschlossenen Form (S. 183 unter CC und S. 213 unter RR). Erst 1796 zeigt August Rode [15] im Grundriß der Palästra (Bd. 1, S. 266) die E. als Räume, die gegen den freien Hof – bei Vitruv aber gegen die Portiken – durch Säulenstellungen begrenzt sind.

Die Form der E. ist in den Illustrationen, so wie es Vitruv sagt, rechteckig oder dem Quadrat angenähert. Nur Andrea Palladio zeichnet zur Ausg. von Daniel Barbaro [12, S. 267] Räume mit Halbkreisschlüssen an den Schmalseiten; in der Bilderklärung sind diese zwar nicht ausdrücklich E. genannt, fallen aber unter die Rubrik „il restante sono essedre, et scole“ und sind im Privathaus an den entsprechenden Stellen ähnlich eingefügt [12, S. 280]. Vermutlich geht diese halbrunde Form auf Leon Battista Alberti zurück, der in der Beschreibung der Thermen einen für die Unterhaltung bestimmten Raum „sessio“ – die lateinische Übersetzung von „exedra“ nennt und ihn als viereckig oder auch halbkreisförmig beschreibt (De re Aedificatoria opus ..., Florenz 1485: ed. Giov. Orlandi, Mailand 1966, S. 775). In der Beschreibung der Palästra spricht Palladio zwar nicht von E. sondern von „sale ampie“, bringt aber einen Grundriß, der – samt Beischrift – dem der Vitruvausgabe Barbaros entspricht (I quattro libri dell’architettura di Andrea Palladio ..., Venedig 1570, Buch III, S. 40ff.). Daß auch ein ovaler Innenraum – soweit er „litterarijs exercitationibus nempè accommoda“ war – E. genannt werden konnte, geht hervor aus Hieron. Tetius, Aedes Barberinae ad Quirinalem, Rom 1642, S. 15.

Von Anfang an wird in Vitruvkommentaren auf die Funktionsbestimmung der E. Wert gelegt: als Raum, in dem man sitzend disputiert, wird sie zeitgenössischen Räumen mit gleicher Bestimmung verglichen, z. B. mit Kapitelsälen oder Versammlungssälen in Rathäusern. Man kam dadurch z. T. Interpretationen des Wortes im MA recht nahe.

So schreibt Cesare Cesariano zu V, 11, 2 [7, Bl. 88]: „Ephebeo: cioe il loco doue stauano li adolescentuli si como in le extenore sedie del choro Ecclesiastico quale in questa parte Vitruuio il chiama. Exedra. ...: Queste Exedre sono li loci in le sacre aede quale dicemo il Capitulo doue non solum il Summo Pontifice sedendo in epse da audientia: ma etiam unde li Religiosi fano il suo consilio: aut como sono in li loci de li publici Senatori per dare audientia et fare li consilii. Etiam como in le scole: unde in li publici studii si lege: sedeno li audienti.“ Zu VI, 5 (ebd. Bl. 99): „Ma si sarano Exhedre. cioe loci spaciosi seu sale de magiore capacita da sedere in circuito. In li quali si poneano le sedie permanente: si como nominamo uulgarmente li archibanchi: iui se adunauano li Senatori ... Quisti loci propriamente uno e per la canzellaria. seu como la scripturia et apostolica in Roma: aut si como sono in lo Borleto nostro. La Exhedra etiam possemo dire essere como: In lo nostro Borleto dicenio (dazu s. u.) Il collegio de li doctori uel corno si dice uulgarmente Il capitulo doue el zenobio œconomico de qualchi religiosi id est præsbiteri aut frati philosophanti uel monice di qualche religione sacra si conuocano in consiliatione.“ (Broleto heißen in der Lombardei häufig Rathäuser, die ebenerdig eine Laubenhalle für öffentliche Gerichtssitzungen u.ä. haben: Enc. Ital. Bd. 7, S. 917; in Mailand, der Heimatstadt Cesarianos, ist der Broleto Nuovo ein Kommunalpalast, in dem Ratssitzungen und Gerichtsverhandlungen abgehalten werden, aber auch das Archiv, die Buchdrucker und Kaufleute ihren Sitz haben: Carlo Torre, Il ritratto di Milano, Mailand 1714, S. 240f.). – Cesariano abwandelnd schreibt Ian Martin [9] in seiner „Declaration des noms propres“ (Appendix seiner Vitruvübersetzung): „Exedres sont lieux garniz de sieges ou les hommes se peuuent retirer pour parler de leurs affaires, et pour ceste raison ie les nomme dedans le texte parloers, a la mode vsitée entre les marchans, specialement practiquans en la ville d’Anuers, et autres ou s’exerce grande trafficque de marchandise.“

Den Vergleich mit Kapitelsälen nimmt Guillaume Philandrier auf [8, S. 173]; ebenso, unter Berufung auf diesen, Daniel Barbaro [12, S. 201]. Walter Riff (Gualtherus Rivius) gilt die E. als „ein Gewelbter Saal ... mit vil Sitzen oder Stülen aller gestalt formiert als bey vns Teutschen die Capittelheuser in Klöstern“ [10, S. 399]. Noch Claude Perrault teilt diese Ansicht [13, S. 182] und führt, wie Cesariano, auch den Platz des Chorgestühls im Chor als vergleichbaren Raum an.

Für die Verwendung des Begriffes E. in Privathäusern (vgl. Vitruv VI, 3, 8 und 7, 3) zieht Philandrier [8, S. 194] Cicero, De or. Ill, 17 heran: „... cellam significat, ad colloquendum, aut meridiandum, id est meridie dormiendum“ (ähnlich in der franz. Vitruvübersetzung von Gardet und Bertin [11, S. 173]: „salettes pour parlementer, ou pour dormir sur iour“). Riff (Rivius) kommentiert [10, S. 436]: „Exedre seind solche Gemach gewesen in welchen man auff vnnd nider erspacieren mocht / oder auff das Essen zu Mittag auff einem Bethlein ein Schlaff thun.“ Während Riff Cicero als Quelle nicht ausdrücklich nennt, beruft sich Perrault auf ihn, wenn er E. mit „Cabinet de conversation“ übersetzt [13, S. 205]. In seinem Index faßt er aber dann zusammen: „Exedra, Cabinet de conversation, Gallerie, Balcon, Terrasse“ (Balcon und Terrasse sind in seinem Text nicht zu belegen).

In den Vitruvlexika und den an die kommentierten Ausgaben angehängten Worterläuterungen werden hauptsächlich die verschiedenen Übersetzungs- und Interpretationsmöglichkeiten zusammengetragen. Bemerkenswert ist, daß Bernardinus Baldus [16, S. 75] versichert: „Domus nostrae non habent exedras, ergo neque apud nostrates nomen. Si tamen locus quispiam seligeretur amoenus, pulcher, isque cathedris ornaretur, et in eo ad colloquendum confabulandumue, pomeridianis horis amici conuenirent, quis negaret appellari debere, et esse exedram?“ Daß der Begriff der E. auf Örtlichkeiten dieser Art schon viel früher – zumindest in Gelehrtenkreisen – übertragen worden war, beweist die Beschreibung der Villa d’Este in Tivoli von Ubertus Foglieta (Folieta) [18, S. 42]: eine Grotte an der großen Fontäne „in aestivis caloribus hexedrae usum praebet“, und später wird diese Grotte selbst E. genannt. Mit dieser Bedeutung scheint das Wort jedoch nicht in den allgemeinen Sprachgebrauch eingegangen zu sein; selbst in architekturtheoretischen Werken wird E. nur an Vitruv analogen Stellen verwendet und für erklärungsbedürftig erachtet.

Als Beispiele seien genannt: Vincenzo Scamozzi, Dell’idea della architettura universale, Venedig 1615, Teil 1, S. 231, 238, 239f., 304; „Ein Schwatz-Sahl; Een Discurer Saal (holl.)“ definiert Nicolaus Goldmann (Vollständige Anweisung zu der Civil-BauKunst ..., Wolfenbüttel 1696, S. 18 und 125); nach ihm Leonhard Christoph Sturm, Kurtze Vorstellung der gantzen Civil-Bau-Kunst ..., Augsburg 1745, S. 14; noch 1801 Baldassare Orsini: „Sembrami, che i nostri Coffeaos (! = Kaffeehaus) abbiano un’indole delle antiche essedre“ [17, Bd. 2, S. 46]. Dies zeigt, daß zumindest in Italien noch zu A. 19. Jh. das Wort weder gebräuchlich noch seine Bedeutung festgelegt war.

2. Thermenrekonstruktionen

Seit dem 16. Jh. wurde der Begriff E. auch bei der Rekonstruktion antiker Thermenanlagen benutzt. Hier findet man zuerst die für den modernen Begriff entscheidende Form. Schon Andrea Baccio bezeichnet in seiner Erläuterung zu Serlios Rekonstruktionszeichnung der Diokletiansthermen neben rechteckigen auch halbrunde, an den großen Thermenhof angrenzende Räume, die von diesem abgeschlossen oder nur durch eine Säulenstellung abgetrennt sind, als „Exhedrae“ [19]; Abb. 4); Serlio selbst läßt diese Räume unbezeichnet [20, S. 96, 97], bringt sie aber offensichtlich an den Stellen an, die Albertis „sessiones“ einnehmen (s. o. Sp. 655f.). Die Funktion der E. ist nach Baccio die gleiche wie sie die Palästra-E. Vitruvs haben; er verlangt Sitze: „...et cum sedibus Hemicycli forma, vt disputantes, et tam loquentes, quam audientes sese omnes aspicerent...“ [19, S. 444]. In Palladios Thermenrekonstruktionen (gezeichnet um 1580; 1. Ausgabe: Rich. Lord Burlington, Fabbriche Antiche disegnate da Andrea Palladio Vicentino, London 1730) kann man dann auch den Aufriß solcher Räume sehen. Sie werden hier in fast allen Fällen nur noch halbrund angenommen und mit einer Säulenstellung an der geraden Seite begrenzt (Abb. 5). Noch Giov. Batt. Piranesi beschränkt den Gebrauch des Wortes E. auf die antiken Thermen (Rovine delle Terme Antoniniane: Arthur M. Hind, G. B. P., A Critical Study with a List of his Published Works..., London 1922, Nr. 76). Im 19. Jh. dagegen wurden auch Bauteile der Villa Hadriana, die halbkreisförmig und mit einer Halbkalotte überwölbt sind und ursprünglich Apsiden geschlossener Räume waren, jetzt aber in halbverfallenem Zustand sich zum Freiraum öffnen, der analogen Form wegen E. genannt: Agostino Penna bezeichnet z. B. die Apsis der „Scuola detta degli stoici“, die Piranesi noch „Tribunale“ nennt (ebd. Nr. 112), als E. [21, S. 9]. 1875 spricht dann Geymüller von dem oberen Abschluß des Belvederehofes im Vatikan, der bis dahin nur „Nicchione“ hieß, als E. [22, S. 76]. In der Folgezeit wurde der Begriff E. immer willkürlicher verwendet und dabei seine Bedeutung mehr und mehr ausgeweitet; oft findet man ihn sogar in der Fachliteratur als Synonym für Apsis und Nische.

3. Rückgriff auf griechische Literatur

Rückgriff auf griechische Quellen. Leo von Klenze errichtete 1837 im Englischen Garten in München am Platz, an dem vorher ein Apollotempelchen stand, eine steinerne Rundbank und nannte sie – anscheinend ohne Vorgang in der archäologischen Fachsprache – „Exhedra“ (Geh. Hausarchiv München, II A Nr. 32, Brief Nr. 343): er verknüpft Kenntnisse römischer Vorbilder (s. Sp. 668) mit solchen aus der griechisch-antiken Literatur (möglicherweise Herodot 7, 44; weitere Beispiele bei [23], Sp. 1166). Aus dieser entnahm er offensichtlich sein Wissen über Lage und Bedeutung antiker ἐξέδρα-Rundbänke: auf seiner Reiseskizze vom 24. Mai 1830 (Blick auf Capri) zeigt er eine E., die – wie die bei Herodot genannte – auf einer Anhöhe mit weitem Blick steht (Abb. 11).

Die heutige Fachsprache der Archäologie versteht in der Regel unter E. nur eine steinerne Rundbank.

III. Beispiele

Nach den hier zugrundegelegten Definitionen (s. Sp. 648) sind die Beispiele in zwei Gruppen einzuteilen, in Bauten (A) und Rundbänke (B).

A. Bauten

Als E. zu bezeichnende Bauten oder Bauteile sind von sehr vielfältiger Form (sie stehen jedoch zahlenmäßig zurück gegenüber E.-artigen, im strengen Wortsinn aber nicht als E. zu bezeichnenden Bauteilen). Zu unterscheiden sind überwölbte E. (1) und unüberdeckte E. (2). Beide sind in der Regel herzuleiten von der zeichnerischen Rekonstruktion antiker Thermenanlagen, die seit der Renaissance unternommen wurde, freilich in Anlehnung an verschiedene Bauteile.

1. Überwölbte E. Bei der zeichnerischen Rekonstruktion der seit der Renaissance aufgenommenen Baureste antiker Thermenanlagen werden seit Ende 16. Jh. einzelne halbrunde, mit einer Halbkalotte überwölbte Bauteile als E. bezeichnet (s. Sp. 660). Die Form dieser Bauteile – nicht aber die Bezeichnung – ging in die Renaissancearchitektur ein.

Ein frühes Beispiel sind die drei großen E. in der Futtermauer der östlichen Terrassen hinter dem rechteckigen Teich der Villa Madama in Rom, ab 1520 von Giulio Romano nach Entwürfen von Raffael erbaut (William Ernest Greenwood, The Villa Madama Rome, New York o. J. [1922], Taf. 2, 4). Pirro Ligorio überwölbte 1560–65 die (von Bramante noch als unüberdecktes Halbrund entworfene) E. des oberen Abschlusses im Belvederehof des Vatikans (James S. Ackerman, The Cortile del Belvedere, Vat. 1954, Abb. 34). Die Wirkung des „Nicchione“, zweifellos groß, bleibt im einzelnen noch zu untersuchen (unte: seinem Einfluß entstanden auch E.-artige Bauteile wie z. B. die Monumentalnische, in deren Scheitel der Haupteingang der Villa Sacchetti in Rom liegt; 1626 nach Entwurf von Pietro da Cortona: Luigi Dami, Il giardino italiano, Mailand 1924, Taf. 192). – Die mit einer Doppelsäulenstellung begrenzte E., die Jean Bullant ab 1568 in St-Martin zu Montmorency über dem Grab des Connétable Anne de Montmorency und seiner Gemahlin errichtete, ist offensichtlich als verselbständigte Apsisarchitektur zu verstehen. Dies zeigt ein Vergleich mit Architektur-Darstellungen, z. B. bei Dom. Ghirlandaio (René Baillargeat und Paulette Regnault, Le mausolée d’Anne de M., Soc. hist. et arch. de Pontoise, du Val-d’Oise et du Vexin 61, 1967, 43–221, bes. S. 60).

Als Beispiele des 18. Jh. seien genannt: in Kensington bildete eine im 1. V. 18. Jh. errichtete E. den Abschluß eines Gartenparterres (Abb. 8; Royal Commission of Historical Monuments England], London, Bd. 2, West London, London 1925, S. 147, Nr. 82); der Baumeister war Christopher Wren oder ein in dessen unmittelbarer Nähe wirkender Architekt. – Eine ähnliche Form mit Chinoiserie-Dekoration bringt Will. Halfpenny als Gartensitz in seiner Vorbildersammlung „Rural Architecture in the Chinese Taste“, London 1752 (Marsyas 14, 1968–69, Abb. 3 n. S. 72). – Paul Decker entwarf in seiner „Gothic Architecture Decorated ...“, London 1759 [Nachdr. Farnborough, Hants., 1968], Taf. 6, ein „gotisches“ Sommerhaus. – 1779–81 baute Maurizio Pedetti einen im Garten der Sommerresidenz zu Eichstätt gelegenen Gartenpavillon um. Die neue Form ist eine E. mit dahinterliegendem offenem Gartensaal. Die Halbkalotte wird von einer offenen Säulenstellung getragen (Abb. 10). – Aus der 2. H. 18. Jh. stammt auch eine von einer gedrückten Halbkalotte überdeckte halbrunde Grotte im Garten des Schlosses Chatou von Jacques Germain Soufflot. Hier ist ein Kranz von Säulen eingestellt (Ernest de Ganay, Les jardins de France et leur décor, Paris 1949, Taf. 48 und S. 158). – Das gleiche Säulenmotiv findet sich auch bei Claude Nicolas Ledoux in seinem Schloßprojekt für Princesse de Conti in Louveciennes (Marcel Raval, C.-N. L., Paris 1945, Abb. 109).

2. Unüberdeckte E. Auch sie gehen auf rekonstruierte Teile antiker Baukomplexe zurück, vor allem auf die halbrunde Ausbuchtung des großen Thermenhofes, die bei Serlio „theatro“ ([20] S. 96, 97) und bei Baccio „Theadridium“ ([19] Abb. nach S. 443) heißt (und bis ins 19. Jh. niemals E. genannt wurde). Auf den Rekonstruktionszeichnungen Serlios hat das Halbrund amphitheatralisch ansteigende Sitzreihen.

In Bramantes Belvederehof im Vatikan hatte die dem Nicchione gegenüberliegende Schmalseite ein mit Sitzreihen umrahmtes, nicht ganz halbrundes „Theatrum“ (Ackerman a.a.O. Abb. 34), das Jacob Burckhardt eine „nur unvollständig ausgeführte E.“ nennt (Der Cicerone, 1. Aufl. Basel 1855; hier zitiert: J.B.-Gesamtausg. Bd. 3, Stg., Bln. und Lpz. 1933, S. 271). – Joh. Bernh. Fischer von Erlach greift 1721 Serlios Rekonstruktion der Diokletiansthermen wieder auf und zeichnet das mittlere Halbrund mit Sitzreihen ein (Entwurff Einer Historischen Architectur ..., Wien 1721, Buch II, Taf. 9). Abgewandelt erscheint die gleiche Form als Arkadenhalbrund in Fischers Rekonstruktion des Goldenen Hauses des Nero (ebd. Taf. 4). In seinem eigenen Entwurf für die Hofstallungen in Wien (Abb. 7) übernahm Fischer beide Formen: er projektierte den Mittelabschluß des Hofes als „amphiteatrum vor die Zuschauer, unter denen arcaden die wagen Schupffen sind“ (ebd. Buch IV, Taf. 16). – Das um 1840 von Johann Peter Weyer in Köln erbaute – 1879 abgerissene – Appellationsgericht geht in seinem Grundriß wie in dem Arkadenhalbrund des Hofes auf gleiche Vorbilder zurück (Lithographie von G. Böhm nach einer Zeichnung von Cranz und Johann Peter Weyer, Kölnisches Stadtmuseum o. Nr.: Ausst.Kat. „Vom Recht im Rheinland“, Köln, Stadtmus., 1969, Nr. G 14, Abb. n. S. 90).

Die unüberdeckte Form der E. spielt vor allem in der Gartenarchitektur eine große Rolle.

Giulio Romano schließt die Mittelachse des Gartens im Palazzo del Te in Mantua, 1526–34, mit einer halbrunden Arkadenarchitektur (ursprüngliche Konzeption auf einem Fresko in der Sala dei Venti des Schlosses, Abb. 3: Elis. Herget, Wirkungen und Einflüsse des Palazzo del Te nördlich der Alpen, in: „Fs. für Harald Keller“, Darmstadt 1963, Abb. 8).

Um 1600 erscheint ein Arkadenhalbrund zwischen gerade fluchtenden, nischengeschmückten Seitenrisaliten in dem Münchener Residenzgarten, der von Wilhelm V. angelegt wurde (Stich von Michael Wening: Marie Luise Gothein, Geschichte der Gartenkunst Bd. 2, Jena 19262, Abb. 380). Das Titelbild zu Fischers von Erlach Historischer Architektur zeigt eine ähnliche Gartenarchitektur (a.a.O. Buch I Nr. 4).

Eine andere Gruppe von E. dieses Typs bilden Nymphäen, die in die Futtermauer höher gelegener Terrassen oder Abhänge eingegraben sind.

Frühe Beispiele sind die abgerundeten „Seiten“ des tief unter dem Hofniveau liegenden Nymphäums der Villa di Papa Giulio in Rom, zwischen 1550 und 1555 (Mario Bafile, Villa Giulia, Rom 1958, Abb. 13f.; zur Herkunft des Motives: Craig Hugh Smyth, The Sunken Courts of the Villa Giulia and the Villa Imperiale, in: „Essays in Memory of Karl Lehmann“, New York 1964, S. 304ff.). – Auch die „teatri“ der Villen in Frascati gehören diesem Typ an (Carlludwig Franck, Die Barockvillen in Frascati, Mchn. und Bln. 1956, Abb. 60f., 106, 114 und 140; fast alle 4. V. 16. Jh. und 1. V. 17. Jh.; Villa Lancelotti: 2. H. 18. Jh.; Bemerkungen zu Begriff und Form des „teatro“ bei Klaus Schwager, Röm. Jb. f. Kg. 9/10, 1961/62, 379–82). – Nicht zu diesem Formtyp gehören die unbetretbaren Nymphäen, deren Halbrund völlig von einem Wasserbecken ausgefüllt ist (z. B.: Fontana di Pegaso der Villa Lante in Bagnaia: L. Dami a.a.O. Taf. 119; Nymphenbad im Zwinger zu Dresden: Hubert Gg. Ermisch, Der Dresdener Zwinger, Dresden 1953, Abb. 45).

Eine Variante der in die Erde eingelassenen E.-Nymphäen sind die hochgemauerten halbrunden Schauwände.

Andrea Palladio errichtete zwischen 1565 und 1580 eine solche Schauwand mit Statuen und Stuckdekoration und einer tiefen Grottennische in der Mitte im Garten der Villa Barbaro in Maser (L. Dami a.a.O. Taf. 151; diese Nymphäenform Palladios wandelte 1730 William Kent im Park zu Stowe ab zu einer Erinnerungsstätte über einem Weiher, dem Temple of British Worthies: Leop. Ettlinger, Denkmal und Romantik, in: Fs. für Herb. von Einem, Bln. 1965, S. 66, Taf. 9, 1). Im Garten des Schlosses Hellbrunn bei Salzburg sind sogar zwei verschiedene Achsen durch je eine halbrunde Schauwand betont: der Scheitel der E. gegenüber der Gartenfront, des sog. „Brunnen Altembs“, ist zu einer Grotte aufgebrochen, die aufgemauerte Wand der E. dient als Rücken einer Sitzbank (Abb. 6); die zweite E., das sog. „Theatrum“, ist eine mit Rustikamosaik und Statuennischen geschmückte, giebelbekrönte Schauwand mit einer aus sieben amphitheatralisch ansteigenden Stufenreihen bestehenden Sockelzone. Obwohl diese E. (wie schon ihr Name sagt) formal an „teatri“ anschließt, ist doch durch Wasserspiele auch der Bezug zum Nymphäum gegeben. Beide E. wurden zwischen 1613 und 1615 von einer italienischen Künstlerkolonie für Erzbischof Marcus Sitticus erbaut (Inv. Österr. Bd. 11, S. 163 bis 262, Abb. 153). In Form einer ähnlichen, allerdings z. T. in die Erde versenkten Schauwand ließ Papst Alexander VII. die „Acqua acetosa“ in Rom 1661 nach Entwurf von Andrea Sacchi neu fassen (Cesare d’Onofrio, Roma nel Seicento, Florenz 1969, Abb. 156f.).

Die offene E. als halbrund eingezogener Mittelrisalit eines Gebäudes erscheint zuerst in Bramantes Entwurf für den oberen Abschluß des Belvederehofes (Otto H. Förster, Bramante, Wien und Mchn. 1956, Abb. 78; über die antiken Vorbilder: James S. Ackerman, Warburg Journ. 14, 1951, 70–91; über den Zusammenhang mit Palestrina: Ludwig H. Heydenreich, Der Pal. Baronale der Colonna in Palestrina, in: „Walter Friedländer zum 90. Geburtstag“, Bln. 1965, S. 85–91). Hier ist das Halbrund nicht unterbrochen und somit der in sich geschlossene Raum gewahrt. Halbrund eingezogene, mit Portaldurchbrüchen versehene Mittelrisalite von Schloßbauten oder an Kirchenfassaden können zwar als exedraartig charakterisiert, nicht aber als E. bezeichnet werden.

Auf der Längsachse eines Platzes oder Hofes gegenübergestellte E. treten schon im 16. Jh. in dem von Ducerceau abgebildeten Grundriß des Schlosses Chenonceaux mit den für Katharina von Medici geplanten Erweiterungen an den Schmalseiten des Hofes auf (Jacques-Androuet Du Cerceau, Les plus excellents bastiments de France, Paris 1579 [Ausg. Paris 1870], Bd. 2). Auch diese Sonderform ist aus der Rekonstruktion antiker Bauten herzuleiten: Étienne du Pérac veröffentlichte 1574 einen großen Rekonstruktionsplan des antiken Rom und zeichnete darin zwei große Villenanlagen ein, deren Gärten an den Schmalseiten durch je zwei gegenüberliegende E. in den Umfassungsmauern begrenzt sind (Amato Pietro Frutaz, Le piante di Roma, Rom 1962, Bd. 2, Taf. 37, 42, 44).

In der 1. H. 17. Jh. erscheint diese Form in dem Vorhof des Schlosses Mirafiori bei Turin. Hier bestehen die beiden E. aus zweistöckigen Gebäudetrakten (Ausst. Kat. „Mostra del Giardino Italiano“, Florenz, Pal. Vecchio, 1931, Abb. 41). Auch Berninis Peterskolonnaden (beg. 1657) können diesem Typus zugerechnet werden, obwohl sie im Scheitel jeweils von einer Torarchitektur unterbrochen sind. Doch wirken sie im ganzen als durchlaufende Halbkreisformen (Roberto Pane, Bernini architetto, Venedig 1953, Abb. 39). Zwischen 1697 und 1699 entwarf Domenico Egidio Rossi für das Schloß zu Rastatt einen Hof mit zwei gegenüberliegenden Halbkreisschlüssen und zwei Brunnen in den beiden Mittelpunkten. Wie in Mirafiori sind die Begrenzungen als hohe Gebäudeflügel projektiert (Günter Passavant, Studien über D. E. R. und seine baukünstlerische Tätigkeit ..., Karlsruhe 1967, Taf. 4, Abb. 110). Ein spätes Beispiel aus dem 18. Jh. ist ein bisher D. E. Rossi zugeschriebener Entwurf für das Lustschloß Scheibenhard (Karl Lohmeyer, Die Baumeister des rhein.-fränk. Barocks, Heidelberg 1931, S. 174 Abb. 17).

B. Rundbänke

Charakteristische frühe Beispiele sind die halbrunden Steinsitze, die 1794 im Jardin des Tuilleries in Paris aufgestellt wurden (Gaz. des B.-A. 112 [VIe pér. 76], 1970, 343f., Abb. 6). Für Deutschland sei auf die halbrunde Ruhebank verwiesen, die Leo von Klenze 1837 im Englischen Garten in München errichtete (Abb. 12; s. Sp. 661). Sie ist eine getreue Kopie der Bank der Mamia in Pompeji, die Klenze auf einer seiner Italienreisen gesehen haben muß ([Charles] François Mazois, Les ruines de Pompéi, Paris 1824, 1. Teil, Taf. III und VII). Schinkel nennt zwar den halbrunden Steinsitz bei der Grabstätte für Caroline von Humboldt im Garten von Schloß Tegel (err. 1829) nicht E., doch ist ihm anscheinend der antike Gebrauch solcher Rundsitze als Grab-E. bekannt (Schinkelwerk [Bd. 10]: Hans Kania und Hans-Herbert Möller, Mark Brandenburg, Berlin 1960, Abb. 41f.). – Allgemein werden im 19. Jh. in englischen Parkanlagen E. als Ruhesitze zur Akzentuierung bestimmter Orte häufig verwandt (Paul Edward, English Garden Ornament, London 1965, S. 78f., Abb. 42).

Zu den Abbildungen

1. St. Gallen, Stiftsbibl., Klosterplan (Ausschnitt: Westchor der Klosterkirche; Gesamtabb.: Faks.-Ausg. von Hans Reinhardt, St. Gallen 1952). Um 820. Nach ebd.

2. Bern, Burgerbibl., ms. 582 (Adamnanus, De locis Sanctis), fol. 8, Plan der Grabeskirche in Jerusalem und ihrer Umgebung. St. Gallen, 3. Dr. 9. Jh. Nach Otto Homburger, Die ill. Hss. der Burgerbibl. Bern. Die vorkarolingischen und karolingischen Hss., Bern 1962, Taf. 56 Abb. 125.

3. Rinaldo Mantovano nach Giulio Romano, Darstellung eines Gartenprospektes. Fresko in der Sala dei Venti im Pal. del Te zu Mantua. Ursprünglicher Entwurf des Abschlusses im Garten des Palazzo (?). 1527. Fot. Alinari, Florenz.

4. Andrea Baccio nach Sebastiano Serlio, Grundriß-Rekonstruktion der Diokletiansthermen in Rom, Holzschnitt-Ill. (26 × 32,5 cm) zu [19], Abb. vor S. 444. 1571. Nach dem Original.

5. Andrea Palladio (Entw.) und Pierre Fourdrinier (Ausf.), Rekonstruktion der Diokletiansthermen in Rom, Kupferstich-Ill. zu Richard Lord Burlington, Fabbriche Antiche disegnate da Andrea Palladio Vicentino, London 1730. Fot. nach dem Original (Brit. Mus. London).

6. Franz Ant. Danreiter (Entw.) und Karl Remshard (Ausf.), Darstellung des sog. Brunnens Altembs im Schloßpark Hellbrunn bei Salzburg, errichtet zwischen 1613 und 1615. Kupferstich (32,1 × 35,2 cm) aus „Die Garten Prospect von Hellbrunn“ (Wien, Albertina, Signatur K.S.D. 411). Wohl zwischen 1728 und 1735. Nach Inv. Österr. Bd. 11, Abb. 157.

7. Joh. Bernh. Fischer von Erlach (Entw.), Entwurf für die Hofstallungen in Wien, Ausschnitt. Kupferstich-Ill. zu „Entwurff einer Historischen Architectur“, Wien 1721, Buch IV, Taf. 16 (Gesamtmaße: 33,2 × 42,8 cm). Nach dem Original.

8. Christopher Wren (?), E. in Kensington Gardens, London. 1. V. 18. Jh. Fot. Royal Commission on Hist. Mon. (England), London, W. L. 439.

9. Maurizio Pedetti, Entwurf für den Marienbrunnen auf dem Residenzplatz in Eichstätt. Ausschnitt (Gesamtabb.: Inv. Bayern, Mfr., Bd. 1, S. 743, Abb. 592). Lavierte Federzchg. Gesamtgröße 41 × 37 cm. München, Techn. Hochschule, Planarchiv der Architekturslg., Cod. Aureatinus, Nr. 28. Um 1775. Fot. RDK.

10. Maurizio Pedetti, Pavillon im Hofgarten zu Eichstätt. 1779–81, Umgestaltung eines Vorgängerbaues von Gabriel Gabrieli, 1736. Fot. Bayer. L.A. für Dpfl., Mchn.

11. Leo von Klenze, Blick auf Capri, Reiseskizze vom 24. 5. 1830. Bleistift, 35 × 47,3 cm. München, Bayer. Staatsbibl., Klenzeana IX, 2, Bl. 4. Fot. Bibl.

12. Leo von Klenze, Rundbank im Englischen Garten zu München. Stein, Dm. der Anlage 8,80 m. Inschrift: „HIER WO IHR WALLET DA WAR SONST WALD NUR UND SUMPF.“ 1837. Fot. Dr. Arthur Schlegel, Mchn.

Literatur

Quellen: 1. Papias Vocabulista, Ausg. Venedig 1496. – 2. Durandus von Mende, Rationale divinorum officiorum (1475). – 3. (Accursius) Iustiniani Imperatoris Digestum Vetus, Ausg. Venedig 1498. – 4. Guilielmus Budaeus, Annotationes ... in quatuor et viginti pandectarum libros ..., Paris 1508. – 5. Hugutio, Liber derivationum; benutzt: München Bayer. Staatsbibl., cod. lat. 14056. – 6. Francisco Mario Grapaldo, De partibus Aedium ..., Venedig 1517. – 7. Cesare Cesariano, Di Lucio Vitruuio Pollione de Architectura Libri Dece[m] traducti de latino in Vulgare ..., Como 1521. – 8. Guillaume Philandrier, In decem Lib. M. Vitruuii Pollionis de Architectura Annotationes ..., Rom 1544. – 9. Ian Martin, Architecture ou art de bien bastir, de Marc Vitruue Pollion ... mis de Latin en Françoys, Paris 1547; Faks. Neudruck Ridgewood N.J. 1964. – 10. Walter Riff (Gualtherus Rivius), Vitruuius Teutsch ..., Nürnberg 1548; hier zitiert 2. Ausg. Basel 1575. – 11. Ian Gardet und Dominique Bertin, Epitome ou extrait abregé de dix Livres d’architecture, de Marc Vitruue Pollion ..., Paris 1565. – 12. Daniel Barbaro, I dieci libri dell’Architettura di M. Vitruvio ..., Venedig 1567. – 13. Claude Perrault, Les dix livres d’architecture de Vitruve ..., Paris 1673. – 14. Berardo Galiani, L’architettura di M. Vitruvio Pollione colla traduzione italiana e comento ..., Neapel 1758. – 15. August Rode, Des Marcus Vitruvius Pollio Baukunst, Leipzig 1796. – 16. Bernardinus Baldus, De verborum Vitruvianorum significatione ..., Augsburg 1612. – 17. Baldassare Orsini, Dizionario universale d’architettura e dizionario vitruviano ..., Perugia 1801. – 18. Ubertus Foglieta (Folieta), Opera subsiciva, Rom 1579. – 19. Andrea Baccio, De Thermis ... libri septem, Venedig 1571. – 20. Sebastiano Serlio, Il terzo libro [d’architettura], nel qval si figvrano, e descrivono le antiqvita di Roma ..., Ausg. Venedig 1544. – 21. Agostino Penna, Viaggio pittorico della Villa Adriana ..., Rom 1831. – 22. Heinrich von Geymüller, Die ursprünglichen Entwürfe für Sanct Peter in Rom ..., Wien, Paris 1875.

Häufiger zitiert wurden: 23. Frdr. Wilh. Deichmann, Art. „Exedra“, in: RAC, Bd. 6, Sp. 1165–74. – 24. Migne, P.L. – 25. Mon. Germ.

Verweise