Eur(h)ythmie

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englisch: Eurhythmy; französisch: Eurythmie; italienisch: Euritmia.


Hans-Karl Lücke (1970)

RDK VI, 361–366


I. Begriff

E. (εὐρυϑμία, lat. eurythmia, auch Eumetrie) ist eine Eigenschaft des vollkommenen Bauwerks. Der Begriff wird in der Architekturtheorie gebraucht.

II. Vitruv

Die erste bekannte systematische Verwendung des Wortes findet sich bei Vitruv und geht sicher auf hellenistische Quellen zurück:

„Eurythmia est venusta species commodusque in compositionibus membrorum aspectus. Haec efficitur, cum membra operis convenientia sunt altitudinis ad latitudinem, latitudinis ad longitudinem, et ad summam omnia respondent suae symmetriae. Item symmetria est ex ipsius operis membris conveniens consensus ex partibusque separatis ad universae figurae speciem ratae partis responsus“ (De architectura I, 2, 3f.).

Die neuere Fachliteratur hat wiederholt versucht, die miteinander zusammenhängenden Begriffe „eurythmia“ und „symmetria“ zu deuten. Die Ergebnisse sind widersprüchlich und – so die Interpretationen von Joh. Andreas Jolies und Friedr. Wilh. Schlikker – vom Vitruvtext her nicht zu belegen.

Jolies (Vitruvs Aesthetik, Freiburg i. Br. 1906, S. 19ff.) erachtet – wie andere – die „symmetria“ als das Primäre: da das „symmetrische“ Bauwerk in der Wahrnehmung eines Betrachters optischen Verunklärungen ausgesetzt ist (vgl. z. B. Vitruv VI, 2), bedürfe es einiger Korrekturen (temperaturae), und deren Ergebnis sei die E.; sie beruhe „auf der sinngemäßen Anwendung jener optischen Ausgleichsmittel, die durch Mehrung oder Minderung der objektiv richtigen Maße die subjektiven Entstellungen des Kunstwerks paralysieren“ (Erwin Panofsky, Monatshh. f. Kw. 14, 1921, S. 196 Anm. 1) – Schlikker hingegen hält die „symmetria“ für ein zwar historisch überwundenes, doch aus praktischen Gründen beibehaltenes Prinzip und erklärt zur E.: „Kern dieses neuen Gebildes war der Anreiz des Gefühls, und dieser wurde bewußt über die Symmetrie gestellt. Es handelt sich dabei um eine Gefühlsübertragung vom Künstler über das Kunstwerk auf den Beschauer: So trat der Künstler und sein Genius in den Vordergrund des Interesses, sein persönlicher Rhythmos und seine Handschrift“ (Hellenistische Vorstellungen von der Schönheit des Bauwerks nach Vitruv, Bln. 1940, S. 3).

Demgegenüber wäre folgender Deutungsversuch zu erwägen: bei seiner Definition von „symmetria“ (I, 2, 4) vergleicht Vitruv das Bauwerk mit dem menschlichen Körper: „Uti in hominis corpore e cubito, pede, palmo, digito ceterisque particulis symmetros est eurythmiae qualitas, sic est in operum perfectionibus.“ – Aus III, 1,1ff. geht hervor, daß nicht der menschliche Körper schlechthin gemeint ist, sondern der wohlgestalte, der „homo bene figuratus“. Es spricht viel dafür, daß dieses „bene figuratus“ eine Übersetzung von „eurythmos“ ist (ebenso wie in I, 2, 3 „commodus“ mit einiger Sicherheit für „symmetros“ steht; vgl. Curt Fensterbusch, Vitruvii de architectura libri decem, Darmstadt 1964, S. 537 Anm. 45). Demnach scheint E. soviel wie Wohlgestalt zu bedeuten, die durch „symmetria“ zustandekommt (s. o. I, 2, 4). Daraus und aus anderen Gründen (vgl. Hans-Karl Lücke, Eurythmia und Varietas, Diss. Kiel 1963 [masch.]) läßt sich folgern, daß E. und „symmetria“ sich zueinander verhalten wie Gestalt und Struktur oder – in anderer Hinsicht – wie Qualität und Quantität.

Die eigentümliche – und verwirrende – Anwendung dieses Begriffspaares durch Vitruv ist aus folgender Prämisse erklärbar: E. und „symmetria“ gehören einer Baulehre an, in der das Bauwerk nach Gestalt und Struktur grundsätzlich in aller Vollkommenheit vorgegeben, also nicht der schöpferischen Phantasie des Architekten überlassen ist (vgl. Otto Stein, Die Architekturtheoretiker der ital. Renss., Karlsruhe 1914, S. 9f.). Der Baumeister ist vergleichsweise in der Lage eines Technikers, der ein im Plan ausgearbeitetes Werk nur noch auszuführen braucht. Da die „symmetria“ eine Eigenschaft der E. ist, muß die „ratiocinatio symmetriae“, das Herausarbeiten der „symmetria“, zwangsläufig die E. zum Ergebnis haben. Dieser Sachverhalt vermag den für zahlreiche Interpretationen folgenreichen Umstand zu erklären, daß Vitruv zwar häufig von „symmetria“ und dem Verfahren ihrer Verwirklichung, jedoch nur an zwei Stellen ausdrücklich von E. spricht: zunächst im Zusammenhang der grundlegenden Definitionen, sodann dort, wo davon die Rede ist, daß sie am konkreten Bauwerk vornehmlich aus optischen Gründen für den Betrachter zweifelhaft werden kann (vgl. VI, 2).

III. MA

Das Mittelalter hat den Terminus selten verwendet. Nachgewiesen ist wohl einzig eine Stelle, an der von der E. eines menschlichen Körpers die Rede ist (Du Cange Bd. 3, S. 121). Glossen geben εὔρυϑμος und ευρύϑμως mit „normis“ bzw. „moderate, modulanter“ wieder und übersetzen – durchaus im Sinne Vitruvs – σύμμετρος mit „modicus“, συμμέτρως mit „moderate“ (Corpus Glossariorum Latinorum, hrsg. von Georg Goetz und Gotthold Gundermann, Bd. 2, Lpz. 1888, S. 319, 130, 442). Dieser Gleichklang der Übersetzungen läßt vermuten, daß das Wort „eumetria“ – im 10. Jh. ist von der „eumetria“ des menschlichen Körpers und der Säulen die Rede (vgl. Karl-August Wirth, Bemerkungen zum Nachleben Vitruvs im 9. und 10. Jh. und zu dem Schlettstädter Vitruv-Codex, Kchr. 20, 1967, 286f.) – eine Konjektur aus E. und „symmetria“ ist, in der die beiden Termini Vitruvs in einer Weise gedeutet werden, die auf Interpretationen der Neuzeit (s. u.) vorausweist. Gleichbedeutend mit E. findet sich das Wort „Eumetrie“ noch im 19. Jh. bei Adam Breysig (s. u. Sp. 366).

IV. Neuzeit

In der Neuzeit ist es nie zu einhelligem Verständnis von Vitruvs E.-Begriff gekommen; meist beließ man es bei unkritischer Wiedergabe des Textes.

A. Vitruvkommentare und-übersetzungen

Kommentare und kritische Übersetzungen waren dadurch bestimmt, für wie sinnvoll man die begrifflichen Unterscheidungen Vitruvs hielt. Sicher war von großer Bedeutung, daß der erste moderne Theoretiker der Baukunst, Leone Battista Alberti (De re aedificatoria libri decem, Florenz 1485; ed. Giovanni Orlandi, L. B. A., L’Architettura, Mailand 1966), die theoretische Grundlage Vitruvs verwarf und – konsequent im Sinne einer ihm gegenüber neuen Vorstellung von Erfindung – ein eigenes (an der antiken Rhetorik orientiertes) Begriffssystem entwickelte, das auf der Unterscheidung von „concinnitas“ und „ornamentum“ basiert („concinnitas“ ist für ihn ein allgemeines Proportionsgesetz, dem der Baumeister jeweils sein Werk unterwerfen muß, wenn es vollkommen sein soll, „ornamentum“ das, wodurch und woran die „concinnitas“ in Erscheinung tritt).

Guillaume Philandrier, einer der frühen Vitruv-Kommentatoren (In decem Lib. M. Vitruuii Pollionis de Architectura Annotationes, Rom 1544, S. 185 und 55), übersetzt E. und „symmetria“ gleicherweise mit „concinnitas“: er hat eindeutig die Definitionen Albertis vor Augen. Unter Hinweis auf Philandrier erklärt Claude Perrault E. und symmetria für synonym: beide bezeichneten dasselbe, nämlich Proportion (Les dix livres d’Architecture de Vitruve ..., Paris 1674, S. 9 Anm. 2).

Eine andere Möglichkeit der Deutung bot die Etymologie von E., in der man „rhythmus“ mit „numerus“ übersetzte. Sie findet sich – im Rahmen eines Vitruvkommentars – erstmals bei Francesco Lutio Durantino (M.L. Vitruvio Pollione traducto di Latino in Vulgare ..., Venedig 1524, s. v. „Eurithmia“) und führt ein Vierteljahrhundert später bei Daniele Barbaro zu der Übersetzung „bel numero“ für E. (I Dieci Libri di M. Vitruvio tradutti et commentati ..., Venedig 1556, S. 24). Inhaltlich könnte sich auch diese Interpretation auf Alberti berufen, sofern die so verstandene E. jenen Einklang meint, der ebenso unserem Gehör bei einer harmonisch gestimmten Lyra („citara“) wie unseren Augen bei einem Wohlgestalten Gegenstand angenehm ist und der von Alberti in der „concinnitas“ begriffen wird. Anderseits hält sich Barbaro an die Unterscheidung Vitruvs (a.a.O. S. 24): „La Simmetria è la bellezza dell’ Ordine, come la Eurithmia della Disposinone“ (vgl. Vitruv I, 2, 1/2).

B. Baulehren

Die meisten Baulehren des 16. und 17. Jh. verwendeten den Terminus E. nicht systematisch. Guarino Guarinis († 1683) – nicht weiter erläuterte – Definition „l’Eurythmia, cioè l’ornamento“ dürfte von Albertis „ornamentum“ (s. o.) beeinflußt sein (Architettura Civile, Turin 1737, S. 2). Die derart verstandene E. ist zusammen mit „Simmetria (= Proportionalität), „Sodezza“ und „Distribuzione“ (ebd.) eine nähere Bestimmung des „Disegno“, einer Deutung der „dispositio“ Vitruvs (inhaltlich vgl. „lineamentum“ bei Alberti). Guarinis Definition ist ohne erkennbare Nachfolge geblieben.

Nicolaus Goldmann († 1665) – oder sein Herausgeber Leonhard Chr. Sturm? – vereint in dem Begriff E. („Wohlgereimtheit“) Kriterien der Form und des Schicklichen (Ausdeutung von Vitruv VI, 2?). Formal wird die E. gesichert durch Achsialsymmetrie (bei Betonung der Achse, z. B. durch Mittelrisalit) und ausgewogene Differenzierung („Varietät“, „Abwechslung“) der Fassadengliederung (Wechsel der Fensterformen, von Säulen und Pfeilern), schicklich ist die „geziemende“ Verwendung der Säulengeschlechter nach Maßgabe der „Intention und Qualité des Herrn“ (Vitruvs „decor“; Vollständige Anweisung zu der Civil Bau-Kunst ..., hrsg. von L. Chr. Sturm, Wolfenbüttel 1696, S. 47ff. und S. 161ff.). Dazu kommt die Feststellung, daß vornehmlich die E. es sei, die dem „Gemüth die Erfahrung der Schönheit vermittle (ebd. S. 28).

Bis weit in das 18. Jh. gibt es keine Definition der E., die sich in der einen oder anderen Hinsicht nicht auf Goldmann berufen könnte. Wie wenig man anderseits zu terminologischer Einhelligkeit zu kommen vermochte, geht noch aus einem Aufsatz von Karl Wilh. Hennert (Berlinische Monatsschrift 7, 1786, 370 Anm.) hervor, in dem es unter dem Stichwort „Symmetrie“ heißt:

„Die Theoretiker in der Baukunst sind noch itzt nicht alle in der Bedeutung dieses Wortes einig. Wolf, Davies und verschiedene italiänische Architekten nennen das, was die Franzosen unter Symmetrie verstehen (= Achsialsymmetrie; vgl. Claude Perrault, Ordonnance de cinq especes de Colonnes ..., Paris 1683, S. 7: „Symmetrie en françois“), Eurythmie, aber ganz wider den Sinn des Vitruvius. Izzo, Suckow, Angermann, und andere, nennen es mit den Franzosen, Symmetric Palladio (sic!), Goldmann und andere berühmte Baumeister richten sich in der Bedeutung der Wörter Eurythmie und Symmetrie genau nach dem Sinn des Vitruvius (Vitruvius versteht die eigentliche Proportion darunter: und zwar ist das richtige Verhältnis der Theile zum Ganzen und des Ganzen zu den Theilen ihm Symmetrie; das angenehme Verhältnis der Theile unter sich aber Eurythmie).“

Ein systematisch durchdachtes Verständnis der E. findet sich wieder bei Francesco Milizia (Principij di Architettura Civile, Finale 1781): er sagt, das Wort E. sei „fast aus der Mode“, man habe „seine Bedeutung mit der der Symmetrie, wiewohl sehr uneigentlich“ verbunden (zit. nach der dt. Übersetzung „Grundsätze der bürgerlichen Baukunst“, Lpz. 1784, S. 197). Milizia definiert die E. als Achsialsymmetrie und sieht sie (ebd. S. 197ff.) näher bestimmt durch „Ordnung“, „Einheit“, „Simplizität“, „Abwechslung“ („varietà“), „Kontrast“ und „Zunehmende Schönheit“ („progressione“). Die „Einheit“ gewährleistet u. a. die ausgewogene Erscheinung einer Fassade ohne besondere Betonung der Mittelachse, die „Abwechslung“ sichert die gefällige Differenzierung der Erscheinung: „Es muß nemlich ein angenehmes Verhältnis zwischen den Theilen und dem Ganzen stattfinden, das wir unter dem Ebenmaß oder der Symmetrie begriffen. Es muß Abwechslung mit Einheit verbunden seyn, damit das Auge weder immer einerley sieht, woraus Verwirrung entsteht, sondern angenehm befriedigt werde, welches aus der Abwechslung und der Ordnung der Theile untereinander. Dies nennt man die Wohlgereimtheit oder Eurythmie“ (ebd. S. 28). Zur Veranschaulichung dessen, was er unter „Abwechslung“ versteht, gibt Milizia ein Beispiel (ebd. S. 203; vgl. Julien David Leroy, Histoire de la disposition et des formes différentes, que les Chrétiens ont données à leur temples, ..., Paris 1764). Er vergleicht eine durch Säulen gegliederte Fassade mit einer Kolonnade (Peristilio) gleicher Abmessungen, gleicher Säulenabstände und Ornamente. Jene verfüge nur über eine „unbewegliche Schönheit“ („bellezza immobile“), bei dieser aber ergebe sich aus dem Wechsel des einfallenden Lichtes und aus den verschiedenen Einblicken des (vorübergehenden!) Betrachters eine Vielfalt verschiedener Ansichten und wechselnder „Bilder“ („differenti aspetti, e quadri variati“).

Eine gründliche Diskussion der einschlägigen Termini Vitruvs – durchaus im Sinne einer Baulehre – findet sich 1825 bei Quatremère de Quincy. Seine Interpretation fußt auf der Etymologie von E. (s. o.). Sie ist für ihn die auf das Bauwerk übertragene „beauté du rythme musical“. Die Bauweisen, die dieser Schönheit entsprechen, sind die Säulenhalle, die Arkade, der Bogen, die Nische und das Portal: „... partout on verra qu’il peut y avoir un ordre de rapports dans les espacemens de chaque objet. On verra que cet ordre, selon qu’il paroîtra ressembler, plus ou moins, à celui que produit la beauté du rythme musical, dans la succession des tons, la mesure des Temps et la justesse des mouvemens, présentera aux yeux un aspect plus ou moins agréable“ (Q.d.Q. Bd. 3, S. 420 b). Der E. steht die als Proportion begriffene „symétrie“ gegenüber. Ein ganz ähnliches Verständnis der E. findet sich dann bei Gottfried Semper (Der Stil in den technischen und tektonischen Künsten oder Praktische Ästhetik, Bd. 1, Mchn. 1863, S. XVII); noch August Schmarsows Begriff von einem architektonischen Rhythmus, der einen Wahrnehmungsablauf zum Inhalt hat, steht in der Tradition der vitruvianischen E. (Grundbegriffe der Kw., Lpz. und Bln. 1905, S. 85).

V. Plastik und Malerei

Gelegentlich ist in den Quellen auch die Rede von einer E. in Malerei und Plastik (vgl. Ephraim Chambers, Dizionario universale ..., Bd. 8, Genua 1772, S. 132; ob so auch schon im engl. Original? [1. Ausg. 1728]). Goethe gebraucht das Wort bei der Beschreibung des Reliefs von Phigalia (Werke I, 46, 17).

VI. Personifikation

Die E. ist allem Anschein nach nie personifiziert worden. Adam Breysig (Wörterbuch der Bildersprache ..., Lpz. 1830, S. 222) nennt zwar die E. (die bei ihm auch „Eumetrie“ heißt), vermag aber kein „Bild“ von ihr anzugeben, dieses sei vielmehr Aufgabe „künftiger Erfindung“ (vgl. ebd. S. XII).

Verweise