Ethik

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englisch: Ethics; französisch: Éthique; italienisch: Etica.


Ludwig Heinrich Heydenreich (1969)

RDK VI, 139–144


RDK VI, 139, Abb. 1. Cambridge, zw. 1173 und 1177.
RDK VI, 141, Abb. 2. Admont, 13. Jh.
RDK VI, 143, Abb. 3. Rom 1603.

Die bildlichen Wiedergaben des Begriffes E. können in zwei Gruppen geschieden werden. Die eine – hier allein interessierende – besteht aus solchen, in denen der Begriff unmittelbar ins Bild gebracht ist, sei es durch Personifikation, sei es durch (figürliche) Zusätze zu Abbildungen der Philosophie. Häufiger als diese E.-Darstellungen sind jedoch die mittelbaren.

In den zur zweiten Gruppe gehörenden Beispielen treten der Begriff der *Tugend (virtus), im besonderen aber die Gruppe der vier Kardinaltugenden oder Unterbegriffe der E., hier vor allem *Ökonomie (ethica dispensativa) und Politik (ethica publica, e. civilis) sowie ihre Teile (vorab Justitia), stellvertretend für E. ein. Ferner kann der Begriff E. durch Wiedergaben der „philosophia moralis, quae Graece Ethica dicitur“ (Isidor, Etym. II, 24, 3), umschrieben und (oder) durch Darstellungen von „Erfindern“ und Autoren dieses Teils der Philosophie umschrieben oder repräsentiert werden. Als Erfinder findet man am häufigsten Sokrates angegeben (er wird z. B. von Julian von Toledo als Begründer der E. und ihrer Einteilung in die vier Kardinaltugenden gewürdigt: Bernh. Bischoff, Hermes 87, 2, 1959, 256; s. a. Isidor, Etym. II, 24, 5); als Autoren begegnet man Aristoteles als dem Verfasser der Nikomachischen Ethik (s. unten) und, weitaus am meisten, Seneca. Allegorisch wurde einer der Drei Könige – die zusammen als Repräsentanten der drei Teile der Philosophie gedeutet werden konnten – als Abbild der E. verstanden (vgl. Smaragdus, Collectiones in epistulas et evangelia. In die Theophaniae: Migne, P. L. 102, Sp. 72 C). – Die Darstellungen des Begriffes E. in den großen Bildprogrammen des Barock scheinen alle der zweiten Gruppe von E.-Wiedergaben anzugehören, zumal im Concetto des „Connubium der Weisheit und der Tugend“ (z. B. Bibl. in Amorbach).

Die ältesten bekannten Personifikationen der E. sind zwei ikonographisch übereinstimmende Marginalillustrationen zu einer von Herbert von Bosham glossierten Psalter-Hs. für den Erzbisch. Wilhelm von Sens, die zwischen 1173 und 1177 in Frankreich angefertigt wurde (Cambridge, Trinity College, Ms. B. 5.4, fol. 15 [Abb. 1] und 35v: Ausst.Kat. „Romanesque Art c. 1050–1200 from Coll. in Great Britain and Eire“, Manchester, Art Gall., 1959, S. 28 Nr. 47). Beide zeigen E. als thronende Frau, die in der Linken eine Schlange (Beischrift „astutia“) und in der Rechten eine Taube („simplicitas“) emporhält. Ob diese Art der Darstellung vom Text der Glosse abhängig ist, wurde nicht ermittelt.

Die früheste ermittelte Darstellung der E. in Verbindung mit der Wiedergabe der Philosophie und ihrer drei Teile – E., Logik (philosophia rationalis) und Physik (philosophia naturalis) – findet sich in einer franz. Bibel-Hs. des 12. Jh. (Reims, Bibl. munic., ms. 23, fol. 25, Initiale zu Jesus Sirach Ecclesiasticus]: Marie-Thérèse d’Alverny in: „Mél. Félix Grat“, Bd. 1, Paris 1946, S. 264, Taf. 2, rechts): hier umgeben die Brustbilder dreier Frauen die in der Mitte dargestellte Philosophie; unter ihr sieht man „ETHICA“, vor deren Oberkörper vier mit den Namen der Kardinaltugenden versehene Kreise angeordnet sind. – Aus der 2. H. 12. Jh. stammen zwei Beispiele, die Philosophie mit einer „Krone“ zeigen; diese besteht aus einem Kronreif mit drei als „ethica“, „logica“ und „phisica“ bezeichneten Köpfen (so die Abbildung einer gravierten Schüssel im „Hortus deliciarum“ der Herrad von Landsberg [Straub-Keller, Taf. 11 bis] und eine gravierte Schüssel in Horst, Westfalen: Zs. f. Kw. 11, 1957, 21 Abb. 23 und Pierre Courcelle, La Consolation de Philosophie dans la tradition littéraire, Paris 1967, Taf. 23f.). – Ein ungewöhnliches Einteilungsschema ist in der Sammel-Hs. cod. 128 der Stiftsbibl. Admont, 13. Jh., eingetragen (Abb. 2; Beschr. Verz. Österr. Bd. 4, S. 87ff., Nr. 73; Wolfgang Stammler in: „Der Mensch und die Künste“, Fs. Heinr. Lützeler, Ddf. 1962, S. 210). In der Blattmitte wird die thronende Grammatik vorgestellt, die durch Streifenbänder mit den Personifikationen der Logik und der Physik verbunden ist; offenbar steht Grammatik hier mit für E. (deren Stoff im Rahmen des Grammatikunterrichts erörtert wurde: Ph. Delhaye, „Grammatica“ und „Ethica“ au XIIes., Recherches de théologie ancienne et médiévale 25, 1958, 59–110).

Diese Interpretation wird durch die Abbildung eines zweiten Bezugssystems auf derselben Seite nahegelegt: unmittelbar über Grammatik ist die personifizierte E. wiedergegeben, eine Frau mit Blütenzepter und aufgeschlagenem Buch, das sie in der Linken emporhält; die Beischrift definiert E. als „moralis scientia“, die ihrerseits wieder unterteilt ist „in politicam, id est regimen ciuitatum et heconomiam, id est dispensationem“. Streifenbänder verbinden E. mit den vier Kardinaltugenden (unter ihnen „Sapientia“ für Prudentia). Die Attribute der E. sind für diese untypisch, wohl aber für Philosophie und Sapientia gebräuchlich (vgl. z. B. d’Alverny a.a.O. Taf. 2, links, und 3 sowie Courcelle a.a.O. Taf. 22).

Auf dem Titelblatt von Gregor Reisch, Margarita philosophica, Straßburg 1504, erscheint die aus drei Teilen bestehende Philosophie dreiköpfig (Muther, Bd. 1 S. 86f.; van Marle, Iconographie, Bd. 2 Abb. 268); einer der Köpfe stellt E. dar.

Um 1375 besorgte Nicole Oresme im Auftrag König Karls V. von Frankreich eine franz. Übersetzung der Nikomachischen Ethik des Aristoteles, von der mehrere illustrierte Hss. erhalten sind (Brüssel, Bibl. roy., ms. 9505–6, Paris, zwischen 1372 und 1376, sowie Den Haag, Mus. Meermanno-Westreenianum, ms. 10 D 1, Paris, dat. 1376: Ausst.Kat. „La librairie de Charles V“, Paris, Bibl.Nat., 1968, Nr. 202 und 205, mit weiterer Lit.; Chantilly, Mus. Condé, ms. fr. 1327, Paris, dat. 1398: Meurgey S. 46f.). Sie enthalten erstaunlicherweise keine E.-Darstellung, wohl aber eine Miniatur, die die drei Bereiche der Justitia, der Haupttugend der „ethica publica“, schildert („iustitia legalis“, unter deren Schutzmantel verschiedene Tugenden stehen, „iustitia distributiva“ und „iustitia commutativa“). Eine E.-Personifikation ist möglicherweise auf dem Titel zu Buch I desselben Werkes in der griechischen Hs. Wien, Österr. Nat.Bibl., cod. Philos. graec. 4, fol. 1 dargestellt (Italien, um 1500; Beschr.Verz. Österr. 8, 6, 4, S. 79ff., Taf. 34): die hier an zentraler Stelle wiedergegebene – unterschiedlich gedeutete – Personifikation ist von den vier Kardinaltugenden begleitet.

Auch auf der berühmten – wenngleich in der Deutung umstrittenen – E.-Darstellung der italienischen Frührenss., dem Relief des Agostino di Duccio in der Capp. delle arti liberali (di S. Gaudenzio) im Tempio Malatestiano in Rimini, vor 1454, begleiten die vier Kardinaltugenden die personifizierte E. (Ces. Brandi, Il Tempio Malatestiano, o. O. 1956, Abb. S. 132).

In der Neuzeit kommen E.-Personifikationen selten vor.

Cesare Ripa hatte den Begriff E. in den ersten Auflagen seiner „Iconologia“ nicht berücksichtigt; erst in der Ausg. Rom 1603 erscheint E. als Frau von ernstem Aussehen, die in der Linken ein Winkelmaß mit Senkblei hält und mit der Rechten einen Löwen am Zaum führt (S. 134f.; Abb. 3); die Attribute sollen die Ausgeglichenheit und die Selbstzucht der E. bezeichnen. Während in den jüngeren ital. Ausg. der „Iconologia“ die E. gewöhnlich vorkommt (Padua 1618, S. 166f.; Padua 1630, S. 231f.; Venedig 1645, S. 191; Orlandi-Ripa, Bd. 2 S. 387), fehlt sie in den Übersetzungen des Werkes ins Französische und ins Deutsche. Anwendungen des von Ripa beschriebenen E.-Typus in der bildenden Kunst sind, von Ill. zur „Iconologia“ abgesehen, bisher nicht nachgewiesen.

In Barton Holiday’s „TEXNO AMIA or Marriage of the Arts“, 1618 im Christ Church College in Oxford aufgeführt, tritt E. als graubärtiger Mann auf, schwarz und mit einem Samtwams bekleidet, einen Wanderstab in der Hand (ed. Sister M. J. C. Cavanaugh, Washington D.C. 1942).

Es ist wahrscheinlich, daß E. auf den Titelblättern wissenschaftlicher Werke gelegentlich dargestellt wurde. Als Beispiel hierfür sei das von William Marshall gestochene Titelblatt zu John Prideaux Hypomnemata Logica, Rhetorica etc., London 1650, genannt, auf dem im Kreise zahlreicher wissenschaftlicher Disziplinen auch E. nebst Politik und Ökonomie als Personifikationen wiedergegeben sind (Hind, Engl. Engr., Bd. 3, S. 175 Nr. 217).

Daß für E.-Personifikationen keine feste Bildtradition bestand, bezeugt auch Adam Breysig, Wörterbuch der Bildersprache, Lpz. 1830, S. 221 A: hier ist aus literarischen Quellen („Sokrates. Gellert“) ein Bild der E. entworfen. Sie erscheint „im weißen Gewande, mit dem Bild der Sonne auf der Brust geziert“, und soll „anständig, ernst, heiter, sanft, liebevoll“ sein.

Zu den Abbildungen

1. Cambridge, Trinity College, Ms. B. 5.4 (Psalter), fol. 15, Ill. zu Ps. 4. Frankreich, zw. 1173 und 1177. Nach T. S. R. Boase, Engl. Art 1100–1216 (= The Oxford Hist. of Engl. Art, 3), Oxford 1953, Taf. 67 c.

2. Admont, Stiftsbibl., cod. 128 (Sammel-Hs.), fol. 13v, Darstellungen von Wissenschaften. Österreich (wohl Salzburg), 13. Jh. Fot. Conrad Fankhauser, Admont.

3. Personifikation der E., Holzschnitt-Ill. (12,5 × 11,7 cm) zu Ripa 1603. Nach dem Original (ebd. S. 135).

Hinweise gaben Adelheid Heimann, London, Bernhard Bischoff und Karl-August Wirth, beide München.