Estherrolle

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englisch: Megillah, Esther scroll; französisch: Rouleau d'Esther, megillah; italienisch: Megillah, rotolo di Ester.


Joseph Gutmann (1968)

RDK VI, 88–103


RDK VI, 89, Abb. 1. Jerusalem, 1567.
RDK VI, 89, Abb. 2. Salom d'Italia, 1647, London.
RDK VI, 91, Abb. 3. Salom d'Italia, 2. V. 17. Jh. (vor 1641), Köln.
RDK VI, 93, Abb. 4. Nach Griselini, um 1670-80, Berlin (z. Z. Tübingen).
RDK VI, 95, Abb. 5. Amsterdam, 18. Jh.
RDK VI, 97, Abb. 6. Aryeh Loeb ben Daniel, 1748, Cincinnati, Ohio.
RDK VI, 99, Abb. 7. Oxford, 18. Jh.
RDK VI, 99, Abb. 8. Tel Aviv, M. 18. Jh.
RDK VI, 101, Abb. 9. Tel. Aviv, M. 18. Jh.
RDK VI, 101, Abb. 10. Cincinnati, Ohio, 19. Jh. (?).

I. Allgemeines: Gegenstand, Verwendung

Die E. ist eine Buchrolle, die den hebräischen Text des biblischen Buches Esther in der masoretischen Textfassung enthält. Ihr hebr. Name megillah, Plural megilloth, bezeichnete ursprünglich jede Buchrolle. Der Text der E. wird am (Vor-)Abend und am Morgen des Purimfestes gelesen, die E. dabei gemäß rabbinischer Anweisung wie ein Brief oder eine Depesche entfaltet.

Der häufig auf Pergament oder Leder, auch auf Papier geschriebene Text unterliegt in seiner

Aufzeichnung religionsgesetzlichen Vorschriften (Schulchan Aruch, Orach Chayyim, 691): er soll, wie derjenige der *Torahrolle, in gleichförmigen Kolumnen geschrieben werden; deren Größe zu bestimmen obliegt dem Schreiber, so daß E. mit recht unterschiedlicher Kolumnenzahl entstehen konnten (entsprechend verschieden ist daher auch der Umfang ihres Bildschmuckes); bei der Aufzeichnung des Textes bürgerten sich einige – in ihrem Alter und ihrer Verbreitung noch nicht genau bestimmte – Schreibgewohnheiten ein (z. B. die, eine jede Kolumne mit dem Wort ‚hamelech‘ = der König oder mit dem Buchstaben ‚w‘ = und zu beginnen; s. dazu auch Sp. 100), die einen Hinweis auf die Entstehungsbedingungen von E. geben können. Ferner bestimmt der maßgebende Ritual- und Rechtskodex der gesetzestreuen Juden, daß die Namen der zehn Söhne Hamans in bestimmter Weise auf eine besondere Kolumne geschrieben werden (vgl. [6], S. 107 unter VII, und [14], Abb. 5). Eine dritte Vorschrift verlangt, daß die E. bilder- und schmucklos sei. Dieser Forderung genügen jedoch nur diejenigen E., die der Vorleser in der Synagoge benutzte und die meist auch in der Synagoge aufbewahrt wurden. Nur ein kleinerer Teil der für privaten Gebrauch bestimmten E., die man zu Hause aufbewahrte und zur privaten Lektüre in die Synagoge mitnahm, kommt ebenfalls dieser Vorschrift nach; viele andere sind hingegen reich geschmückt (s. II). Öfters ist zu lesen, es habe die Tatsache, daß im Estherbuch der Gottesname nicht vorkommt, die Entstehung künstlerisch ausgestatteter E. ermöglicht oder wenigstens gefördert, doch trifft das nicht zu: es gibt viele hebr. Mss. des MA, in denen der Gottesname vorkommt und die trotzdem illuminiert sind.

Mit der Torahrolle teilt die E. das Format, ihr Textumfang ist jedoch wesentlich kleiner; daher wird die E. auch meist – im Gegensatz zur Torahrolle – auf nur einen Stab gerollt. Vielfach werden E. in zylindrischen Behältnissen aufbewahrt (s. III).

Öfters stößt man in der Fachliteratur auf die Angabe, E. seien als Minnegaben verschenkt worden (z. B. [17], vor Kat.Nr. 394), doch ist dafür bislang noch kein schriftlicher Beleg namhaft gemacht worden.

II. Bildschmuck

A. Übersicht

Künstlerisch ausgestattete E. aus dem MA sind weder bekannt noch durch literarische Zeugnisse belegt (die wegen der Verwandtschaft ihres Bildschmuckes mit dem von *Haggadah-Hss. des 15. Jh. mehrfach – zuletzt noch von [5], S. 160–63 – als ein Werk dieser Zeit bezeichnete E. in der Guggenheim Coll. zu Los Angeles [ehem. Berlin, Slg. Kirschstein], vgl. [5], Taf. 1, erwies sich als Fälschung des 20. Jh.: so u.a. [16], S. 231). Die ältesten unter den erhaltenen ill. E. stammen aus Italien und entstanden im 16. Jh., und so wird man die Anfänge der E.-Dekoration in dieser Zeit suchen müssen. Was sie veranlaßte, ist noch unbekannt, ebenso ist ihr lokaler Ursprung noch genau festzulegen. Die Blütezeit der E.-Dekoration fällt ins 17. und besonders ins 18. Jh. In diesem Zeitraum geschaffene E. kommen vornehmlich aus Italien und aus den Niederlanden; unter ihnen gibt es einige, deren Bildschmuck höhere künstlerische Ansprüche befriedigt. Die meisten E., zumal die zahlenmäßig zurückstehenden E. deutscher Provenienz, sind volkstümlich geschmückt. In Polen und Osteuropa entstanden zahlreiche E.-Hülsen (s. u. Sp. 100), doch ob ill. E. aus diesen Gebieten vorhanden sind, ist noch zu prüfen. Aus den Ländern des Orients stammen nur wenige geschmückte Beispiele [5, S. 153]; der Grund hierfür dürfte im dort wirksamen Einfluß des Islam zu sehen sein. Beschreibung der zweifellos vorhandenen regionalen Besonderheiten in der E.-Dekoration, Charakterisierung der E. aus der 1. H. 19. Jh. und weitere wünschenswerte Differenzierungen sind beim gegenwärtigen Stand der Forschung noch nicht möglich.

Die technischen Verfahren, die man zum Schmuck der E. anwandte, sind vielfältig.

Zuerst und lange Zeit bediente man sich der Illumination (Abb. 1, 5). In ausgedehntem Maße geschmückte E. entstanden meist unter Anwendung druckgraphischer Verfahren, des Holzschnittes, vornehmlich aber des Kupferstiches (Abb. 3, 4, 8); solche E. wurden manchmal nachträglich koloriert (Abb. 4). Auch nachdem E. mit gedrucktem Dekor in Gebrauch kamen, entstanden noch zahlreiche illum. E.; einzelne von diesen sind nach graphischen Vorlagen des 17. und 18. Jh. kopiert. Eine ganze Reihe von E. ist mit Scherenschnitten geschmückt (Abb. 7).

Der zur E.-Dekoration benutzte Formen- und Motivschatz entspricht den Stilkonventionen des Barock und des Rokoko. Der Entfaltung künstlerischen Schmuckes sind durch die Anordnung des Textes enge Grenzen gesetzt: nur über und unter sowie zwischen den Textkolumnen konnte solcher angebracht werden. Er bestand entweder aus rein ornamentalem Zierwerk (geometrische Muster, vegetabiler Dekor, Pflanzen und Tiere, Architekturmotive) oder – in einigen Fällen – aus figürlichen Darstellungen (s. den folgenden Abschnitt); bisweilen verband man diese beiden Arten der Dekoration miteinander.

Die Themen der figürlichen Darstellungen sind in der Regel dem Buch Esther entnommen. Ereignisse aus diesem Buch sind in der jüdischen Kunst schon viel früher wiedergegeben worden. Die ältesten erhaltenen Illustrationen zu Esther finden sich in der Synagoge zu Dura-Europos: ihre um 245 n. Chr. entstandenen Fresken zeigen u. a. Ahasver neben Esther auf dem Thron Salomos (s. Sp. 61) sowie den Triumph des Mardochai über den gottlosen Haman [16, Abb. 30]. Vom 13. Jh. an sind Estherszenen in Gebetbüchern (,machsorim‘) deutscher Provenienz und in Bibeln nachzuweisen (Beispiele bei [16]; ergänzend dazu [5], S. 150ff.). Ausgesprochenes Lieblingsthema ist die Erhängung Hamans und seiner Söhne an einem Baum, womit auf die midraschische Erzählung vom Wettstreit der Bäume um die Ehre, als Galgen für die Gottesfeinde dienen zu dürfen, angespielt wird. Zwischen den Darstellungen in hebr. Hss. des MA und denen in E. besteht, von einem oder zwei Beispielen abgesehen, kein direkter ikonographischer Zusammenhang. Im Umfang dem Zyklus der E. vergleichbare Illustrationsfolgen zum Estherbuch hat es in der ma. jüdischen Kunst nicht gegeben (auch in der christlichen Kunst kennt man nichts Entsprechendes; ob zwischen den Estherszenen der E. und denen der ihnen zeitgenössischen christlichen Kunst Beziehungen bestehen, bedarf noch der Nachforschung; vgl. [16], S. 236f.). Die Anzahl der Estherszenen auf E. variiert stark; je nach der Länge der E. und dem Dekorationstypus ihres Schmuckes schwankt sie zwischen wenigen und mehr als einem halben Hundert (eine Vorstellung von den auf das reichste ausgestatteten E. und der Thematik der einzelnen Szenen vermitteln die Beschreibungen zweier E. bei [5], S. 174–82, und [6], S. 85 bis 100; etwa den Durchschnitt repräsentieren die E., die [7 a], S. 392f. und 418f., beschrieben sind). – Außer oder auch neben den Estherszenen finden sich häufig Darstellungen der Hauptpersonen des Estherbuches (Abb. 6). – Seltener sind Schilderungen aus anderen biblischen Büchern anzutreffen (z. B. die Darstellung Adams und Evas: vgl. [17], Nr. 117 Abb. 65, die E. hier jedoch viel zu früh datiert). Einige E. geben Bräuche bei der Feier des Purimfestes, Musik- und Tanzvergnügen u. dergl., wieder. – Schließlich sind auch Personifikationen auf E. – wie es scheint, nur auf solchen ganz bestimmter Dekorationstypen – dargestellt worden; über die Art der personifizierten Begriffe ist am ehesten aus einer E.-Beschreibung von M. Metzger [6, S. 118f.] ein Bild zu gewinnen. In welchem Verhältnis diese allegorischen Darstellungen in ikonographischer Hinsicht zu denen der nicht-jüdischen Ikonologie der Neuzeit stehen, wurde bisher noch nicht untersucht.

Eine ganze Anzahl von E. besitzt am Anfang oder Ende Kolophone, die manchmal den Namen des Schreibers oder des Künstlers sowie das Datum der Entstehung überliefern; andere verzeichnen den Namen des Besitzers der E. (Abb. 1; [19] Abb. 142). – Ein weiterer Zusatz findet sich gelegentlich zu Beginn der E.; er besteht in meist auch mit bildlichen Darstellungen versehenen Titeln, die formal den Titelseiten gedruckter Bücher entsprechen (vgl. Abb. 8 und [1], Abb. 3); solche vorgesetzten Titel gibt es erst vom 17. Jh. an. – Einige E. enthalten am Anfang, manchmal auch am Ende gesonderte Abschnitte, auf denen die der Lesung des Estherbuches vorausgehenden oder folgenden Gebete stehen.

Die Künstler, die E. dekorierten, waren zumeist Juden, doch sind bisweilen auch nicht-jüdische Künstler als Verfertiger illustrierter E. nachzuweisen (so um 1700 der Böhme J. J. Frank [11, Abb. Sp. 47/48] und wohl auch M. 17. Jh. der venezianische Kupferstecher Griselini, vgl. [7 a]). Der größte Teil der Künstler ist namentlich unbekannt.

B. Geschichte

Zuerst sind in Italien (1), etwa seit dem 2. V. 17. Jh. auch in den Niederlanden ill. E. geschaffen worden (2). Eine geschichtlich bedeutende Rolle kommt dem ausgedehnten Werk des im 2. Dr. 17. Jh. tätigen Salom d’Italia zu: die weite Verbreitung seiner E. hat wesentlich zur Konsolidierung bestimmter Dekorationstypen beigetragen, deren Variation auf weite Strecken hin die Geschichte der bildgeschmückten E. in den folgenden anderthalb Jhh. ausmacht (3). Eine dem ganzen Reichtum des Erhaltenen gerecht werdende typengeschichtliche Übersicht kann gegenwärtig noch nicht gegeben werden.

1. Italien 1550–1650

Die Reihe der erhaltenen ill. E. beginnt mit der 1567 in Castelnuovo bei Siena hergestellten (Abb. 1; Issachar Yoel, Cat. of the Megilloth in the Jew.Nat. Libr., Kirjath Sepher 32, 1956/57, S. 238 Nr. 19): ein geschmückter Rahmen faßt das Kolophon ein, darüber ist eine runde, mit Rollwerk-Groteske gerahmte Kartusche mit einem Familienwappen angeordnet. Den unteren Rand der E. bildet eine Brüstung mit Dockengeländer, das von Ornamentfeldern unterbrochen wird; auf der Brüstung stehen von Ranken umwundene Säulen, die ein verkröpftes Gebälk tragen und die einzelnen Textkolumnen voneinander absetzen (Abb. 1). Die Pergamentstreifen einer anderen ital. E. des 16. Jh. besitzen in Kupfer gestochenes Rahmenwerk, in das der Text handschriftlich eingetragen wurde [16, Abb. 54]. Aus Italien kommt auch die älteste E. mit Darstellungen aus dem Estherbuch: sie wurde 1618 in Ferrara angefertigt (ehem. im Bes. des Earl of Crawford and Balcarres, jetzt Manchester, John Rylands Libr., Hebr. Ms. 22: [5] Taf. 2 a): Tiere in Rankenwerk zieren den Sockelstreifen der Textkolumnen, die von rechteckigen Feldern mit jeweils einer Szene (insgesamt 28 Bilder) bekrönt werden; zwischen den Textkolumnen sind schmale, hochrechteckige Ornamentstreifen angeordnet. Auch für die E. der Bibl. naz. in Palermo (III. D. 17, 1), die den Text in neun Doppelkolumnen und einer einfachen enthält und zu der einige Gebete auf einem zugehörigen Blatt vorhanden sind (III. D. 17, 2), ist eine Entstehung im 16. Jh. erwogen worden (Angela Daneu Lattanzi, I mss. ed incunaboli miniati della Sicilia, I: Bibl. naz. di Palermo [= I mss. miniati delle bibl. ital., 2], Rom 1965, S. 144f., Taf. 50f.). Für italienische E. der 1. H. 17 Jh. s.

Aus Italien kommen auch die ersten Nachrichten und Beispiele, die die Benutzung von Drucktechnik für Wort und Bildschmuck der E. bezeugen. Die Exemplare eines Text-Druckes von 1560 scheinen absichtlich vernichtet worden zu sein, weil das Buch Esther aus handgeschriebenen E. vorgelesen werden mußte (Alex. Marx, Ein verschollener Pergamentdruck Riva di Trento 1560 [Aus den Responsen des R. Moses Provenzale], in: „Fs. für Aron Freimann zum 60. Geburtstag“, Bln. 1935, S. 81–86). Kupferstich verwendete der Sienese Andrea Marelli zum Schmuck von E. (3. V. 16 Jh.: [16] Abb. 54; [7 a] S. 383ff.; weitere frühe – ausnahmslos italienische – Beispiele bei [7 a], S. 386ff.).

2. Niederlande 17. Jh.

Unter den niederländischen E. des 17. Jh. kommt den Beispielen im Brit.Mus. London, Ms. Or. 1047, kaum nach 1660 [6, S. 85–100], und im Athenaeum in Liverpool, 3. Dr. 17. Jh. [5, S. 174–84, Taf. 4], besonderes Interesse zu. Ihr Dekor unterscheidet sich von dem der älteren ital. E. (deren Typus in den Niederlanden ebenfalls bekannt war: vgl. die E. der Univ. Coll. London, Gust. Tuck Mus., Nr. 98, um M. 17. Jh.: [5] S. 173f.) durch den Reichtum an figürlichen Darstellungen und den Verzicht auf jeden ornamentalen Schmuck. Estherszenen füllen nicht nur die Rahmenborten, sondern auch die Zwischenräume zwischen den Textkolumnen aus; jedem Bild ist die einschlägige Textstelle aus dem Estherbuch in hebr. Sprache beigeschrieben (sonst sind E. mit jüdisch-deutschen Bildbeischriften bekannt). Unter den nahezu 70 Darstellungen auf der Londoner E. sind zahlreiche ikonographisch bemerkenswert: es gibt Schilderungen, die auf midraschische Erweiterungen des Bibeltextes Bezug nehmen; manche später geläufige E.-Illustration, z. B. die zu Esther 10, 1, findet sich hier erstmals; die Beschneidung eines jungen Mannes (zu Esther 8, 17) ist singulär, ungewöhnlich auch die Abbildung der Esther mit einem Myrtenzweig, eine Anspielung auf die Bedeutung ihres Namens (Esther = hebr. ‚hadassah‘ = Myrte).

3. Nach M. 17. Jh.

Von den E., die der in Italien geborene und künstlerisch geschulte, seit um 1641 in Amsterdam tätige Salom d’Italia (1619–55?; die Daten seiner Biographie, die früher sehr widersprüchlich angegeben wurden, jetzt verläßlich bei [10]) geschaffen hat, sind besonders die mit reichem Kupferstichdekor hervorzuheben. Seine E. zeigen verschiedene Dekorationstypen; daß er deren Erfinder war, ist wenig wahrscheinlich. Der von ihm bevorzugte Typus war der „Portaltypus“ (a); andere seiner E. haben die Aufzeichnung des Textes in Kreisen als Charakteristikum (b). Daneben gab es einfachere Dekorationstypen, die nur selten das Interesse bedeutender Künstler fanden. Für zwei dieser Systeme ist die Preisgabe des geschlossenen Rahmensystems um den Text bezeichnend: bei dem einen beschränkte man sich darauf, zwischen die Textkolumnen schmale hochrechteckige Ornamentfelder einzufügen (Abb. 2; [17] Abb. 64), bei dem anderen hat man umgekehrt auf den Schmuck zwischen den Kolumnen verzichtet und nur oberhalb und unterhalb der Textkolumne mit dieser in der Breite genau übereinstimmende Bildfelder angebracht [11, Taf. 121, rechts unten].

a) Bei dem „Portaltypus“ ist der Text in die Rundbogentür einer Portalarchitektur eingeschrieben, auf deren Sprenggiebeln Löwen oder Putten dargestellt sind. Die Felder zwischen den Portalen sind als Wandflächen aufgefaßt: in einer Nische steht jeweils eine Gestalt aus dem Estherbuch, dessen Begebenheiten werden in dem unteren Rahmenstreifen geschildert. Blumenvasen stehen oberhalb der Nischen, zwischen den Sprenggiebeln (Abb. 2; [10]). Der von Salom d’Italia in einigen Varianten gestaltete Typus wurde sehr beliebt. E. des 18. Jh. wiederholen ihn in vielfältigen Abwandlungen. Anstelle der Figuren findet man bisweilen zwischen den rundbogigen Portalen gerade oder gewundene Säulen, die häufig eine mit Blumenvasen, Vögeln, Putten oder auch allegorischen Gestalten verzierte Balustrade tragen. Vignetten mit Estherdarstellungen, Purimszenen, aber auch Landschaftsschilderungen sind gewöhnlich in Kartuschen oder Rahmen eingefaßt und in der unteren oder der oberen Bordüre untergebracht. Die Textkolumne mit den Namen der Hamansöhne ist oftmals mit der Wiedergabe eines zehnsprossigen hohen Galgens ausgefüllt [9, Abb. 216]. Zum gleichen Typus gehören auch einige der mit Scherenschnitten geschmückten E. (so z. B.: [9] Abb. 217).

Varianten, die ihrerseits wieder typenmäßig tradiert wurden, brachte das 18. Jh. hervor. Unter ihnen bilden die mit Sepiamalerei geschmückten E. eine ziemlich geschlossene Gruppe. Ihr Dekor wirkt wie von Holzstöcken gedruckt: zwischen den Textkolumnen erscheinen Gestalten aus dem Estherbuch vor dunklem Hintergrund; aus Vasen hervorkommende Laubranken, fliegende Vögel und, über den Textkolumnen, Medaillons mit Köpfen zieren die obere Rahmenborte; der Schmuck der unteren Borte besteht aus vegetabilem Ornament, Löwen und Medaillons mit Szenen oder auf solche hinweisenden Motiven aus dem Estherbuch. Die Figuren zwischen den Kolumnen nehmen paarweise aufeinander Bezug (Abb. 6). Zur gleichen Gruppe gehören die (oft viel zu früh datierten) E., die abgebildet sind bei: Rud. Hallo, Judaica, in: „Religiöse K. aus Hessen und Nassau“ Bd. 3, Marburg/Lahn 1932, Nr. 111 Taf. 30f.; [2] Abb. 8; [17] Abb. 61 usw. (eine Abwandlung, die an Stelle der Einzelfiguren aus dem Estherbuch Putten zeigt: [14] Abb. 2). – Besondere Verbreitung scheint der E.-Dekorationstypus mit Hermen zwischen den Textkolumnen erlangt zu haben ([14] Abb. 3; [16] Abb. 37); er war im 18. Jh. vor allem in Deutschland beliebt.

b) Seit wann man, sich über die Vorschriften für die Textaufzeichnung völlig hinwegsetzend, den Text der E. Kreisen einbeschrieb, konnte noch nicht präzisiert werden. Mindestens seit Salom d’Italia ist dieser Typus faßbar (Abb. 3; Beisp. bei [10], Abb. 3) und in der Folgezeit nie aus der Mode gekommen, ohne jedoch jemals zur allgemeinen Praxis zu werden. Die Beispiele kommen vor allem aus Italien und den Niederlanden (zumal die frühen; vgl. ferner [17], Abb. 63, und [18], Nr. E 167).

Welche Konsequenzen man aus der kreisförmigen Textaufzeichnung für die Gestaltung des künstlerischen Dekors gezogen hat, läßt sich noch nicht überblicken.

III. Hülsen

Die E.-Hülsen wurden aus Silber (Abb. 9 und 10), Kupfer, Elfenbein (Abb. 5) oder Holz angefertigt. Manche von ihnen tragen Inschriften und sind mit Blumendekor versehen, der nur in einigen Fällen motivisch mit demjenigen auf der in der Hülse bewahrten E. übereinstimmt. Auch bei den z. T. in Relief gearbeiteten szenischen Darstellungen (Themen aus dem Buche Esther) besteht sehr selten ein Zusammenhang zwischen dem Bildschmuck der Hülse und dem der darin geborgenen E.

Aus dem 18. und 19. Jh. ist eine stattliche Reihe E.-Hülsen vornehmlich mittel- und osteuropäischer Provenienz erhalten; sie wurden mit Vorliebe aus Silber gefertigt; gebietsweise – besonders in Polen und in Osteuropa – waren Hülsen mit äußerst kunstvollem Silberfiligranschmuck beliebt [11, Sp. 45/46, oben]. Zum Aufstellen bestimmte E.-Hülsen haben gewöhnlich einen Fuß, der in seiner Bildung den Füßen einfacher Kelche oder Pokale entspricht (Abb. 10; [9] Abb. 159; [11] Taf. 121, rechts unten). Die weitaus größere Zahl von Hülsen wurde jedoch liegend aufbewahrt, wie die zum Drehen des Stabes bestimmten Vorrichtungen am unteren Hülsenende erkennen lassen. Der obere Abschluß der E.-Hülsen ähnelt vielfach dem von Deckeln schlichter Pokale: auf den Deckel sind Knäufe oder vollplastische Figuren von Menschen (Abb. 9) und Tieren (öfters Adler) montiert. Eine Besonderheit ist der Abschluß in Form einer Krone (Abb. 10), in der ein Glöckchen angebracht sein kann, das beim Lesen des Namens Haman – mdl. Tradition zufolge – zum Klingen gebracht wurde (vgl. [11], Taf. 120, 3). Ausschlaggebend für die typenmäßige Gruppierung der E.-Hülsen ist die Anordnung und Art des Dekors auf der zylindrischen Wandung der Hülse.

Die E.-Hülsen sind zumeist mittels waagerechter Streifen dekoriert. Diese können bei Hülsen einfachster Art aus gedrechselten Wulsten bestehen [11, Sp. 43/44]; bei gravierten oder reliefierten Hülsen sind die Streifen entweder so angeordnet, daß zwischen ihnen unbearbeitete Abschnitte der Wandung verbleiben [11, Taf. 121, oben], oder daß sie die gesamte Wandung bedecken; zumal bei ausschließlich ornamentalem Schmuck ist die Anzahl der Streifen relativ groß (Abb. 9), wohingegen bei figürlichen Darstellungen, auch wenn diese von Ornamentstreifen eingefaßt sind, ihre Zahl drei selten übersteigt (vgl. z. B. [11], Taf. 120, 2 und 4 sowie 121, unten). Die einzelnen Szenen innerhalb der Streifen jeweils in Rahmen einzuschließen und die Bildfelder in der Senkrechten versetzt anzubringen (Abb. 10; [17] Abb. 173), scheint eine von deutschen Goldschmieden des 18. Jh. erfundene Belebung des dekorativen Systems zu sein. Nur vereinzelt hat man den Bildschmuck der Hülsen mit einer einzigen, sich fast ganz über diese hinziehenden Szene bestritten [11, Taf. 120, 3]. Weniger gebräuchlich war offenbar auch die Gliederung der Wandung in schmale, hochrechteckige Streifen [11, Taf. 120, 5], die bisweilen mit Edelsteinen und Perlen in Emailschmuck versehen wurden [17, Abb. 154]. Da bisher noch keine kunstgeschichtliche Untersuchung der E.-Hülsen existiert, verbieten sich detailliertere Angaben.

Zu den Abbildungen

1. Jerusalem, Jüd. Nat.- und Univ.Bibl., ms. hebr. 4o 19 720, Kolophon einer Estherrolle. Buchmal. auf Pergament, Maße unbekannt. Italien (Castelnuovo bei Siena), 1567. Nach [5], Taf. 2 c.

2. Salom d’Italia (1619–55?), Estherrolle. Kupferstich, 28,5 cm h. London, The Jewish Mus. Amsterdam, 1647. Fot. The Jewish Chronicle, London, Phot. Libr., Nr. 3783/3.

3. Salom d’Italia (1619–55?), Estherrolle. Kupferstich auf Wildleder, 18 cm h. Köln, Stadtmus., Inv.Nr. R 2. 2. V. 17. Jh. (vor 1641). Fot. Rhein. Bildarchiv Köln, Nr. 112 543.

4. Nach Griselini, Estherrolle. Kupferstich auf Pergament, nachträglich koloriert, 25,5 cm h. Ehem.

Berlin, Preuß. Staatsbibl. (z. Z. Tübingen, Univ. Bibl.), Ms. or. Hamilton 235. Venedig, um 1670–80. Fot. Bibl.

5. Amsterdam, Joods Hist. Mus., Inv.Nr. 42, Estherrolle in Elfenbeinhülse. Buchmal. auf Pergament, 10,6 cm h. Niederlande, 18.Jh. Fot. Hist. Mus. Ffm.

6. Aryeh Loeb ben Daniel, Estherrolle. Sepiamalerei, 23 cm h. Cincinnati, Ohio, Hebrew Union College Mus., Inv.Nr. 22. 12. Venedig, 1748. Fot. Mus.

7. Oxford, Priv.bes. (Slg. Cecil Roth), Estherrolle. Scherenschnitt auf Pergament, Maße unbekannt. Italien (?), 18. Jh. Fot. Besitzer.

8. Tel Aviv, Priv.bes. (Slg. Jos. Stieglitz), Inv.Nr. 209, Titel einer Estherrolle. Kupferstich auf Pergament, 32 cm h. Niederlande, M. 18. Jh. Fot. Rhein. Bildarchiv Köln, Nr. 112 162.

9. Tel Aviv, Priv.bes. (Slg. Jos. Stieglitz), Inv.Nr. 209, Hülse einer Estherrolle. Silber, getrieben, etwa 40 cm h. Deutschland, M. 18. Jh. Fot. wie Abb. 8.

10. Cincinnati, Ohio, Hebrew Union College Mus., Inv.Nr. 22.23, Hülse einer Estherrolle. Silber, getrieben, 33 cm h. Deutschland (?), 19. Jh. (?). Fot. Mus.

Literatur

(alphabetisch)

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