Esra

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englisch: Ezra; französisch: Esdras; italienisch: Esdra.


Wolfgang J. Müller und Else Förster (1968)

RDK VI, 25–40


RDK II, 1435, Abb. 9. Cod. Amiatinus, vorgeb. Miniatur.
RDK VI, 25, Abb. 1. Quedlinburg, 1. H. 13. Jh.
RDK VI, 27, Abb. 2. München, um 1170-85.
RDK VI, 29, Abb. 3 a. Toledo, 2. Dr. 13. Jh.
RDK VI, 29, Abb. 3 b. Toledo, 2. Dr. 13. Jh.
RDK VI, 31, Abb. 4. New York, 1. Dr. 14. Jh.
RDK VI, 33, Abb. 5. München, um M. 14. Jh.
RDK VI, 35, Abb. 6 a. Modena, zwischen 1455 und 1461.
RDK VI, 35, Abb. 6 b. Modena, zwischen 1455 und 1461.
RDK VI, 37, Abb. 7. Lübeck 1494.
RDK VI, 37, Abb. 8. Nicolaes de Bruyn, 1613.
RDK VI, 39, Abb. 9. Gottfr. Bernh. Goetz, 3. V. 18. Jh.

I. Überlieferungen

E. (hebr. ezrâ = [Gott ist] Hilfe; Vulgata: Esdras) war Priester und Schriftgelehrter, der wegen seiner bedeutenden Rolle bei der Neuordnung der jüdischen Gemeinde nach der babylonischen Gefangenschaft (M. 5. oder A. 4. Jh. v. Chr.) im Juden- wie im Christentum als „Erneuerer des Gesetzes“ gilt (vgl. dazu [1]).

Person und Tätigkeit E. schildern die (seit Hieronymus als zwei Bücher zählenden) kanonischen Schriften Esra (= 1. Esra) und Nehemia (= 2. Esra). Er führte im Auftrag des persischen Königs „Arthahsastha“ (Artaxerxes I. oder II., d. h. 458 oder 398 v. Chr.) zahlreiche Juden aus Babel nach Jerusalem zurück. Auf Grund chronistisch unklarer Überlieferungen und Personenverwechslungen bei der Redaktion der beiden Bücher wurde E. auch der Mauerbau und die Wiedererrichtung des Tempels in Jerusalem zugeschrieben (und er entsprechend dargestellt: s. Sp. 38, ferner Kew, Coll. Sir Sidney Cockerell, Marquette Bible, Bd. 3 fol. 256v um 1275: Initiale „I“; über die geschichtlichen Zusammenhänge s. Morton Smith, Das Judentum in Palästina während der Perserzeit, in: Griechen und Perser [= Die Mittelmeerwelt im Altertum I], Ffm. 1965, S. 356ff., und G. Ernest Wright, Biblische Archäol., Göttingen 1958, S. 199ff., bes. S. 208 und 211).

Die vier weiteren unter dem Namen E. bekannten Bücher [1] sind wesentlich später zu datieren. Zwei von ihnen wurden als apokryphe Schriften in die Vulgata aufgenommen: 3. Esra, eine Kompilation von Teilen aus den Büchern Esra und Nehemia mit Zusätzen, vermutlich im 2. Jh. v. Chr. entstanden, und 4. Esra, eine spätjüdische Apokalypse (7 Visionen enthaltend), die etwa 100 n. Chr. angesetzt wird. Die 4. Esra entnommene sog. „confessio Esdrae“ (nicht zu verwechseln mit dem gelegentlich 3. Esra vorangestellten Gebet des Manasse) erscheint auch unter den Cantica im Psalteranhang ([2]; über die Verwendung von 4. Esra in der Liturgie s. Archiv f. Liturgiewiss. 8, 1, 1963, 216). Dem 2. oder 3. Jh. n. Chr. dürften die Bücher 5. Esra und 6. Esra, in der Apokalypsen-Tradition stehende, mit 4. Esra verbundene (ursprünglich selbständige?) Schriften christlicher Herkunft, angehören.

II. Darstellungen

Folgende Darstellungen aus dem Leben E. fanden bildliche Wiedergabe:

E. erhält vom Perserkönig ein Schreiben mit der Erlaubnis, die noch in Babylon verweilenden Juden nach Jerusalem zurückzuführen und dort den Gottesdienst wieder einzurichten (Esra 7, 11ff.: Sp. 32f.); E. setzt Richter ein (Esra 7, 25: Sp. 33); E. versammelt die Juden zum Zug nach Jerusalem (Esra 8, 15: Sp. 33; kaum sicher zu unterscheiden von E. Aufruf zum Fasten [ebd. V. 21]); E. bringt die von Nebukadnezar geraubten Schätze in den Tempel von Jerusalem zurück (Esra 8, 33f.; s. Sp. 28); E. Trauer über die Mischehen von Israeliten und Andersgläubigen (Esra 9, 3f.: Sp. 33); E. ordnet die Trennung der Juden von ihren nichtjüdischen Frauen an (Esra 10, 10–17: Sp. 33); E. verliest das Gesetz (Neh. 8, 1–9: Sp. 33); E. fordert zur Feier der Wiedereinrichtung des Gesetzes auf (Neh. 8, 10–12; s. Sp. 28).

Darstellungen E. sind relativ selten. Die bekanntgewordenen Beispiele gehören vorwiegend der Buchmalerei an. Die meisten Wiedergaben entstammen typologischen Zyklen (A); in der Bibelillustration finden sie sich am häufigsten am Anfang der Bücher E. (als Einzelfiguren [C. 1] oder in szenischem Zusammenhang [C. 2]). Nur besonders bilderreiche Hss. zeigen weitere Abbildungen. Gelegentlich kommen Darstellungen vor, die auf keine bestimmte Textstelle zu beziehen sind (s. Sp. 34); unberücksichtigt bleiben Szenen, die nur im Bild mit der Person E. in Verbindung gebracht werden – wie in der Este-Bibel, zw. 1455 und 1461 [ed. Giov. Treccani und Ad. Venturi Bd. 1, Mailand 1937, fol. 196v] – oder fälschlich E. heißen [ebd. fol. 199v]. In der Neuzeit wurde das Interesse an E.-Darstellungen noch geringer. Den E.-Büchern entnommene Themen, z. B. der Zug der Juden nach Jerusalem, der Tempelbau und die Feier des Laubhüttenfestes, pflegen ohne Hervorhebung der Person E. abgebildet zu sein. Andererseits trifft man in der Literatur auf Erwähnungen E. sowie Zitate aus den Büchern E., die zumindest gelegentlich für die bildende Kunst anregend waren (B.).

A. Typologie

Im 12. Jh. wurde die Gestalt E. erstmals in typologischen Bildprogrammen dargestellt und gemäß Hugo von St. Victor gedeutet (Allegoriae in Vetus Testamentum, liber VII, cap. 10: „Esdras significat Christum, qui sanctam Scripturam renovavit, captivos in Jerusalem reduxit ... Renovavit enim Christus sacram Scripturam ... et descendens ad inferos, veros Israelitas inde ad moenia supernae civitatis duxit, ...“: Migne, P. L. Bd. 175, Sp. 730f.).

Auf einem der (heute zerst.) Glasfenster der Kath. von Canterbury (12. Jh.) war E., der das Gesetz verliest, als Typus Christi dargestellt (James, Pictor in Carmine, S. 149; ergänzend Röhrig, Rota in medio rotae, S. 63, Nr. 41). Im cod. lat. 14 159 der Bayer. Staatsbibl. München, fol. 78ff., werden die Werke E. – wiedergegeben sind Rückführung der Tempelschätze und Wiedererrichtung des Tempels (Abb. 2) – auf Taten Christi bezogen, der durch die Passion die „verlorenen Schafe“ zurückführte und der durch die Zerstörung des Tempels seines Leibes (Joh. 2, 19–21) den Bau der Welt wiederherstellte und die babylonische Gefangenschaft der Menschheit beendete (Boeckler, Regensburg S. 39).

Die Bible moralisée des 13. Jh. stellt christologische und ekklesiologische Szenen neben solche aus den Büchern Esra und Nehemia: E. kniet vor Cyrus, dem ersten persischen König, der (vor Darius und Artaxerxes) die Erlaubnis zum Tempelbau in Jerusalem gab (Esra 1, 2; 6, 8) und hier als Präfiguration Christi gilt. E., der vor der jüdischen Gemeinde das Gesetz verliest, gleicht einem lehrenden Kleriker; E. Anweisung, den Tag der Gesetzeseinrichtung zu feiern und den Armen Speise und Trank zu geben, wird der christlichen Lehre der Nächstenliebe verglichen (Abb. 3 a und b; s. a. Oxford, Bodl. Libr., Ms. 270 b, fol. 184 und 187v: Laborde, Bible moralisée Bd. 1, Taf. 184 und 187). Der trauernde E., der sein Gewand zerreißt, wird der Geißelung des gekreuzigten (!) Christus zugeordnet (Wien, Österr. Nat.Bibl., cod. 1179, fol. 140: Beschr.Verz. Österr. 8, 7, 1, S. 39). – E., der von Artaxerxes das Schreiben empfängt, wird Paulus verglichen, der von Christus das Evangelium entgegennimmt. – Der sein Volk zur Anbetung Gottes ermunternde E. wird Paulus gegenübergestellt, der die Reichtümer der Welt ablehnt und für seinen Lebensunterhalt Körbe flicht (fol. 139v und 140: frdl. Auskunft Dr. Rainer Haussherr, Bonn).

In den *Armenbibeln ist eine Bildtradition zu verfolgen, die bisweilen vom Text abweicht und verschiedene Deutungen fand. E., der den Kult in Jerusalem wieder einrichtete, ist atl. Vorbild Christi, der die Wechsler aus dem Tempel treibt (RDK I 1079/80). Auf den Darstellungen kann Darius, gelegentlich Cyrus (z. B. Abb. 5 und Pergament-Rotulus des 15. Jh.: Adolf Deissmann und Hans Wegener, Die Armenbibel des Serail [Rotulus Seragliensis Nr. 52], Bln. und Lpz. 1934, Taf. 15) dem Hohenpriester E. die Erlaubnis zum Tempelbau erteilen (statt E. in einigen Fällen auch Nehemia, z. B. München, Bayer. Staatsbibl., cod. lat. 28 141, fol. 8). Ob E. oder der persische König als Typus Christi begriffen wird, ist jeweils dem zugehörigen Text zu entnehmen; unter den bekannten Beispielen scheint E. als solcher im cod. 3 des Landesarchivs in Graz, fol. 14v, Ende 15. Jh., und im cod. membr. I, 54 der Landesbibl. Gotha, fol. 8v, dat. 1464 [3, S. 102f., 105].

Als Vorbild des hohepriesterlichen Gebetes Christi (Joh. 17) wird das Gebet E. in der Concordantia caritatis gedeutet (Temp. 115; RDK III 849/50; ill. Hss. ebd. Sp. 834), so im cod. lat. 8832, fol. 115, der Bayer. Staatsbibl. München, dessen unvollständige Ausführung den Typus nur im Text bringt.

B. Allegorie

In Nachschlagewerken des Barock werden mehrfach Begebenheiten aus dem Leben des E. allegorisch ausgelegt. Es fällt auf, daß die als Fatti interpretierten Ereignisse fast alle auch in (älteren) bildlichen Darstellungen nachgewiesen werden können. Die meisten der vermittels E.-Szenen exemplifizierten Begriffe gehören der religiösen Sphäre an. In welchem Umfang die literarisch faßbaren Auslegungen auf die bildende Kunst wirkten, ist noch nicht mit Sicherheit zu sagen; daß sie wenigstens gelegentlich Einfluß ausübten, zeigt Gottfr. Bernh. Goetz’ Darstellung der „Tristitia“ durch den trauernden E. (Abb. 9).

Anhand der an E.-Themen reichsten unter den bekanntgewordenen Veröffentlichungen – Laurentius Beyerlinck, Magnum theatrum vitae humanae, Lyon 1678 – sei eine Übersicht der Begriffe gegeben, die an E.-Szenen exemplifiziert wurden: E. wird als Beispiel für das ‚Amt des jüdischen Priesters‘ angeführt (Esra 7: Bd. H–L, S. 141), ebenso für dessen ‚Ansehen und Einfluß‘ (auctoritas) auf Grund der Kenntnis des Gesetzes (ohne Angabe der Bücher E. [vgl. Esra 7, 6]: Bd. A–B, S. 708). Unter Hinweis auf seinen nie erlahmenden Eifer, das Gesetz zu lehren, erscheint E. als Vorbild der Beständigkeit‘ (assiduitas; Esra 7 und 3. Esra 8: Bd. A–B, S. 543). Als Exemplum der ‚Bekehrung‘ dient E. wegen der Auflösung der Mischehen (Esra 10: Bd. C–D, S. 459) und seiner Lehrtätigkeit (Bücher E.: ebd. S. 460). E. Trauer und Bußgebet steht für ‚Buße‘ (Esra 9: Bd. P–R, S. 451); unter ‚Fasten‘ wird E. Fastenaufruf vor der Rückkehr nach Jerusalem aufgeführt (Esra 8, 21–23: Bd. H–L, S. 302).

4. Esra 14, 44–47 wird berichtet, daß E. in 40 Tagen 94 Bücher geschrieben habe, darunter 70 dem Gebrauch durch die Weisen vorbehaltene. Er ist daher als ‚scriba velox‘ unter ‚mechanica‘ (artis scribendi) zu finden (Bd. M–O, S. 360), dem alle Lehren der Juden gegenwärtig waren; ferner sind die ihm zugeschriebenen Bücher der Grund dafür, daß er als beispielhaft für ‚Gedächtnis‘ (memoria) gilt (Bd. M–O, S. 400) und als exemplarischer ‚Lehrer der Juden‘ gewürdigt werden kann (Bd. H–L, S. 685).

Erneuerung und Verlesung des Gesetzes durch E. sind zum Anlaß für seine Erwähnung unter ‚Gesetzesbücher‘ genommen (Neh. 8: Bd. A–B, S. 959). ‚Religion‘ wird an E. Trauer und Gebet wegen der Mischehen und deren Auflösung exemplifiziert (Esra 10: Bd. P–R, S. 98). E. Zwiesprache mit dem Engel über das Schicksal des jüdischen Volkes macht ihn zum Repräsentanten der ‚Sehergabe‘ (divinatio; Verbindung von 4. Esra 4, 1–11 und 23: Bd. C–D, S. 987).

C.

1. Einzelfiguren

Das Bild eines stehenden Mannes mit Schriftrolle erscheint in der Synagoge von Dura-Europos (245 bis 256 n. Chr.); als E. gilt es, weil der neben ihm am Boden liegende Gegenstand als die Thora angesehen wurde (The Excavations at Dura-Europos, Final Report VIII, 1: Carl Hermann Kraeling, The Synagogue, New Haven 1956, S. 232–35, Taf. 77). – Auf Grund der (Alcuin zugeschriebenen) Beischrift „Codicibus sacris hostili clade perustis / Esdra Deo fervens hoc reparavit opus“ gilt die in der Art der Evangelistenbilder gegebene Gestalt auf der dem Codex Amiatinus (Florenz, Bibl. Laurenziana, cod. Amiatinus I) vorgebundene Miniatur, die vermutlich älter ist als die im 7./8. Jh. entstandene Hs. selbst, als E. (RDK II 1436, Abb. 9). – Wegen seiner Stellung am Beginn des Buches Esra wird das Initialbild mit einer Orantenfigur in einer syrischen Bibel-Hs. des 6./7. Jh. in Paris, Bibl.Nat., ms. syr. 341, fol. 212, als E. gedeutet (Jules Leroy, Les mss. syriaques à peintures conservés dans les bibliothèques d’Europe et d’Orient, Paris 1964, Bd. 1 S. 211, Bd. 2 Taf. 47, 2).

E. mit Schriftrolle zeigen Initialen in der Bibel von Avila, 12./13. Jh. (Madrid, Bibl.Nac, cod. E.R. 8, fol. 161 und 164v: Jesús Domínguez Bordona, Die span. Buchmal, vom 7. bis zum 17. Jh., Bd. 1, Florenz und Mchn. 1930, Abb. 50 a und c), und im Cod. Barb. lat. 587 der Bibl.Vat., Rom (fol. 264; E. hier mit Nimbus). E. wird schreibend in einer Hs. des 12. Jh. aus dem Maasgebiet wiedergegeben (Płock, Bibl. des Seminars, ms. perg. 2, fol. 172: Bull. Soc. Fr. Mss. 19, 1938, 239). E. mit Buch bildet der Cod. Borbonicus, fol. 105, in der Bibl. der Deputiertenkammer in Paris ab (ebd. 6, 1922, 38). Auf ein Buch gestützt wird E. vor architektonischem Hintergrund, der auf den Tempel in Jerusalem deutet, gegen 1400 in der dt. Wenzelsbibel dargestellt (Wien, Österr. Nat.Bibl., cod. 2759–64, Bd. 1 fol. 81v: Zs. d. Dt. Ver. f. Kw. 4, 1937, 225 Abb. 7). E. erscheint neben Nehemia in einer Bologneser Bibel aus dem 13. Jh. (Krakau, Bibl. Jagiellońska, ms. 289, fol. 187v: Bull. Soc. Fr. Mss. 17, 1933, 16).

In den großen Bilderreihen des Spät-MA und der Renss., die berühmte historische Persönlichkeiten der verschiedenen Weltzeitalter darstellen, hat E. einen festen Platz unter denen der „quinta aetas“. Er war auf den Fresken im Pal. Orsini in Rom wiedergegeben, deren Programm überliefert ist (Warburg Journ. 29, 1966, 154 und 155) und von denen Leonardo da Besozzo Kopien fertigte (Bilderchronik in der Coll. Crespi: Heinr. Brockhaus in: „Ges.Stud, zur Kg. Eine Festgabe ... für Ant. Springer“, Lpz. 1885, S. 55; s. a. R. W. Scheller, Bull. van het Rijksmus. 10, 1962, 56–67). Auch in den Frühdrucken findet sich E. Bild in vergleichbarem Zusammenhang, z. B. in Hartmann Schedels „Buch der Chroniken“, Nürnberg 1493, Bl. 69.

2. Szenen

E. vor dem Perserkönig ist als Hinweis auf den Beginn seiner Tätigkeit als Neuordner der jüdischen Gemeinde gewöhnlich am Anfang des Buches Esra dargestellt. Innerhalb der Initialen sind die Figuren meist untereinander angeordnet, vgl. Wien, Österr. Nat.Bibl., cod. 1144, fol. 191, 13. Jh.: Beschr. Verz. Österr. 8, 7, 1, S. 78–81. In den gedruckten Bibeln des 15. Jh. stehen in der Regel E. und der Herrscher zu beiden Seiten der Initiale I(n anno primo Cyri ...), so in der dt. Bibel von Johann Sensenschmidt, Nürnberg zwischen 1476 und 1478 [4, Bd. 2 Abb. 253]; die gleiche Initiale in der zweiten Ausgabe der dt. Bibel des Günther Zainer von 1477 (ebd. Abb. 624; weitere Beispiele ebd. Bd. 8 Abb. 441 und Bd. 20 Abb. 82). Eine ikonographische Neuerung bringt die Bibel des Steffen Arndes, Lübeck 1494: E. und Darius betrachten den Bau des Tempels (Abb. 7; ebd. Bd. 11 Abb. 958 die gleiche Szene – ohne Kennzeichnung der Personen – als Illustration zum Turmbau von Babel verwendet).

Außerhalb der Bibelillustration wird die Szene gewöhnlich im Typus von Audienzdarstellungen geschildert. E., meist in Begleitung, steht (so die Armenbibeln, vgl. Abb. 5) oder kniet vor dem Herrscher (so die Bibles moralisées). Im Hortus deliciarum des 12. Jh. war E. vor den drei persischen Herrschern, Cyrus, Darius und Artaxerxes, abgebildet (fol. 60v: Straub-Keller Taf. 18).

E. setzt Richter ein, wie der persische Herrscher es in einem Schreiben angeordnet hatte. Diese Szene war nur in der reich bebilderten Este-Bibel (s. o., fol. 197v: Abb. 6 a) nachzuweisen.

E. versammelt die Juden folgt in der Este-Bibel der vorigen Miniatur (fol. 198); eine andere Darstellung dieses Themas zeigt die zweite Ausgabe der Bibel bei Anton Sorg, Augsburg 1480 [4, Bd. 4 Abb. 492].

E. Trauer über die Mischehen von Israeliten findet sich in der Bibel des Borso d’Este, fol. 198v; E. ist hier – dem Bibeltext entsprechend – mit zerrissenen Kleidern gezeigt (Faks.-Ed. Giov. Treccani und Ad. Venturi a.a.O.). Die gleiche Szene gibt im 18. Jh. G. B. Goetz in seiner Kupferstich-Serie „Passiones Animi aequaebonae ac malae figuris biblicis ... exhibitae“, Augsburg o. J., Bl. 10, als Beispiel der „Tristitia“ (Abb. 9).

E. ordnet die Trennung der Juden von ihren nichtjüdischen Frauen an findet sich in der Este-Bibel (fol. 199: Abb. 6 b) und in Jacobus Basnages „’T groot waerelds tafereel ... De Historien van het Oude en Nieuwe Testament“, Amsterdam 1707.

E. verliest das Gesetz gehört zu den häufiger vorkommenden Szenen. Ihre Ikonographie ist unterschiedlich: dem biblischen Text am nächsten stehen die Miniaturen in den Bibles moralisées (Abb. 3 a; Oxforder Hs., s.o.), die E. mit Buch vor dem weinenden Volk abbilden. Die ebenfalls im 13. Jh. entstandene Hs. Manchester, John Rylands Libr., Ms. 17, stellt am Anfang des Prologs zu Esra eine Figur mit Buch an einem Pult und drei Zuhörer dar (Montague Rhodes James, Descriptive Cat. of the Latin Mss. in the John Rylands Libr. at Manchester, Manchester 1921, Bd. 1 S. 48, Bd. 2 Taf. 39). In der Alba-Bibel, fol. 481, 1422–30, liest E. vor knienden Juden (ed. Herzog von Berwick und von Alba, Biblia [A.T.] traducida del hebreo al castellano por Rabi Mose Arragel de Guadalfaraja [1422–33?] Bd. 2, Madrid 1922, Abb. zw. S. 852 und 853). Ob schon die dem Buch Esra in der Bibel von Ripoll, 11. Jh. (Rom, Bibl. Vat., cod. lat. 5729, fol. 312), vorausgeschickte szenische Darstellung den lehrenden E. zeigt oder E., der von den Mischehen erfährt (wie Neuß, Katalan. Bibelill. S. 105, Abb. 191 [!; 195] erwägt), ist schwer zu entscheiden, die Stellung des Bildes in jedem Falle ungewöhnlich.

Auf die (4. Esra 11, 1–12, 40 geschilderte) Vision E. bezieht sich die Darstellung zu 3. (!) Esra im Ms. 17 der John Rylands Libr. (James a.a.O.); sie zeigt in drei untereinander angeordneten Bildern E. auf einem Bett sitzend, darunter Löwe und Adler der Vision und E. mit Buch neben einem Engel. Das gleiche Thema behandelte Nicolaes de Bruyn 1613 in einem Kupferstich (Abb. 8). 5. Esra beginnt in der Wiener Hs. cod. 1191, fol. 195v, 14. Jh. (Österr. Nat.Bibl.: Beschr.Verz. Österr. 8, 5, 3, S. 270), mit der Wiedergabe E., der mit ausgebreiteten Armen auf einem Mantel kniet; über ihm in einer Wolke Jehova.

Als E., der eine Weihehandlung vollzieht, sind mehrfach Darstellungen am Beginn von Neh. und 3. Esra bezeichnet, ein bestimmter Bezug auf eine Textstelle ist aber nicht erkennbar. Vgl. zwei Hss. in Frankfurt (Linelslg. L. M. 17, fol. 227v, 13. Jh., und Stadtbibl., cod. IV 61, fol. 189, 13. Jh.: Swarzenski-Schilling S. 53 und 56) und in Cambridge (Fitzwilliam Mus., Nr. 137, v.J. 1290: M. R. James, A Descriptive Cat. of Mss. in the Fitzwilliam Mus., Cambridge 1895, S. 6, Nr. 2), außerdem eine in der sizilian. Hs. New York, Pierp. Morgan Libr., Ms. Glazier 60, fol. 339v, 1. Dr. 14. Jh. (Abb. 4). Es besteht die Möglichkeit, daß in den genannten Fällen nicht E., sondern die Passahfeier des Josia (vgl. 3. Esra 1) vorgestellt werden sollte.

D. E. als Prophet

Obwohl E. nicht zu den Propheten des A.T. zählt, kann er – vermutlich auf Grund der unter seinem Namen laufenden nicht-kanonischen Schriften prophetischen Inhalts – in der Reihe der Propheten erscheinen. Während in der apologetischen und patristischen Literatur E. vorwiegend als Priester, Erneuerer des Gesetzes und des Tempels gilt (z. B. Tertullian, De cultu fem. I, 3,2: Corp. Chr. Ser. Lat. Bd. 1, S. 346; Irenäus, Contra haer.: Migne, P. G. Bd. 7, Sp. 949; Clemens Alex., Strom. I, 22: ed. Otto Stählin [= Griech. chr. Schriftst., Bd. 15], Lpz. 1906, S. 92; Hieronymus, Comment. in Danielem III, 9, 24: Corp. Chr. Ser. Lat. Bd. 75 A, S. 866), wird er später auch als Prophet bezeichnet (so bei Beda Ven., In Esdram et Nehemiam Prophetas: Migne, P. L. Bd. 91, Sp. 807ff.; im Speculum historiale III, 43 des Vincenz von Beauvais, Douai 1624 [Nachdruck Graz 1965], S. 100f., auch bei Laurentius Beyerlinck a.a.O. Bd. 8 [Index] S. 224).

Ob E. schon auf den – nur durch Beschreibung v. J. 1633 bekannten – Mosaiken der Daurade in Toulouse (Cah. arch. 13, 1962, 263) in dieser Funktion abgebildet war oder als Priester (Helen Woodruff, Art Bull. 13, 1931, 92), ist ebenso ungewiß wie die Datierung (5./6. oder 7./8. Jh.?).

In einer Hs. des späten 11. oder beginnenden 12. Jh. ist am Anfang des Beda-Kommentars zu Esra ein Autor dargestellt, der von einer Taube inspiriert wird; vor ihm liegt auf dem Pult ein aufgeschlagenes Buch mit der Inschrift EZRA PROPH(ET)A. In dem Dargestellten ist eher E. als Beda Ven. zu sehen (Perugia, Kath., ms. 3, fol. 350v: [6] Bd. 4 S. 273, Abb. 226). In der Miniatur auf fol. 188 der Münchner Hs. cod. lat. 14 159 (s. Sp. 28) ist E. unter den (nur namentlich genannten) Propheten erwähnt.

Auf einem Reliquiar im Schatz des Quedlinburger Stiftes wird – außer Hiob – E. mit einem textierten Spruchband (Texthinweis auf den Kreuzestod Christi, vgl. dazu 3. Esra 6, 32) in Verbindung mit einer Kreuzigungsdarstellung wiedergegeben (Abb. 1). Unter den im 13. Jh. entstandenen Halbfiguren von Patriarchen und Propheten an den Brüstungen der Emporenöffnungen im Baptisterium von Florenz erscheint auch E. (Paatz, Florenz Bd. 2, S. 203f.).

Neben anderen Propheten ist er auf der Kuppelmalerei der Kath. von Cahors, um 1320, vorgestellt (Yves Bonnefoy, Peintures murales de la France gothique, Paris 1954, S. 158f., Taf. 24). Eines der einprägsamsten Zeugnisse für die Einschätzung E. als Propheten liefert ein Holzschnitt in „La mer des hystoires“, Paris 1488, Bd. 2 Bl. 25v: „Esdras propheta“ wird in einem Holzschnitt vorgestellt, auf dem – Johannes auf Patmos wiedergegeben ist.

Auf der Predella eines dem Pedro Berruguete (oder seiner Werkstatt: Post Bd. 9, S. 96ff.) zugeschr. Altars war „REI EXDRAS“ wiedergegeben (Gem. im Pal. Episcopal in Palencia, 2. H. 15. Jh.: Ausst.Kat. „Juste de Gant, Berruguete et la cour d’Urbino“, Gent, Mus. des B.-A., 1957, Nr. 49, Abb. a. S. 107). Die Darstellung E. als König ist sonst nicht nachgewiesen (vgl. auch Berruguetes Darstellung des Propheten Jesaia als König: Post Bd. 9, S. 94, Abb. 21).

III. Tracht und Attribute

Tracht und Attribute E. folgen keinem festen Schema.

Die Tracht E. ist nicht einmal auf den Darstellungen in den Armenbibeln einheitlich: als Priester der jüdischen Gemeinde trägt er meist ein langes, gegürtetes Gewand und übergehängten Mantel, dazu eine den Priesterhut andeutende Kopfbedeckung (in der Tegernseer Hs. in München, Bayer. Staatsbibl., cod. lat. 19 414, fol. 160, um 1340: [5] Taf. 38), oder er erscheint barhäuptig (Konstanz, Rosgartenmus., ms. 31, fol. 4v, Ende 14. Jh.: ebd. Taf. 19). Von den üblichen, bärtigen E.-Darstellungen abweichend, wird er in der Armenbibel aus Metten, 1. V. 15. Jh., jugendlich, mit knielangem Gewand und kurzem Haar wiedergegeben (München, Bayer. Staatsbibl., cod. lat. 8201, fol. 84: [3] Taf. 34); die Bibel in Manchester (s. o.) zeigt ihn mit Tonsur, und in der 50-blättrigen xylographischen Armenbibel, 2. H. 15. Jh., trägt er ein Mönchsgewand (ed. Wilh. L. Schreiber, Biblia pauperum. Nach dem einzigen Exemplar in 50 Darstellungen [früher in Wolfenbüttel, jetzt Paris, Bibl. Nat.], Straßburg 1903). E. kann aber auch in einer weißen Tunika (Bibel in Manchester, s. o.) oder in Tunika und Chlamys abgebildet werden (syrische Hs. in Paris, s. o.). Neuzeitliche Darstellungen zeigen ihn bisweilen in zeitgenössischer Gelehrtentracht (so schon die Bibel des Steffen Arndes, Abb. 7, und die Holzschnitt-Ill. in Schedels „Buch der Chroniken“, s. o.).

Sofern man E. überhaupt ein Attribut zuerkannte, ist es Buch, Schriftrolle oder Schriftband, wodurch er als Autor gekennzeichnet wird; vgl. z. B. die Bibeln von St. Vaast, 1. H. 11. Jh. (Arras, Bibl. de la Ville, ms. 559, Bd. 3 fol. 29: André Boutémy, Scriptorium 4, 1950, 79f.), und Avila (s.o.) und den Hortus deliciarum (s.o.). Adam Breysig teilt E. Feder und Buch als Attribute zu (Wörterbuch der Bildersprache, Lpz. 1830, S. 220).

Nur in Darstellungen des Mauer- oder Tempelbaues sind E. – sofern man ihn in dem leitenden Architekten erkennen darf – die für Baumeister charakteristischen Geräte (s. Baumeisterbildnis, RDK II 96–100) in die Hand gegeben.

Ein Zepter hält Berruguetes „König E.“ (s.o.).

Mit Nimbus ist E. selten wiedergegeben; dieses Attribut ist keine nähere Charakterisierung E.: er trägt ihn als Prophet wie als Gesetzeserneuerer, vgl. etwa die italienischen Bibeln des 12. Jh. in Rom (Bibl. Casanatense, cod. Mugel. 2 [6, Bd. 2 Abb. 176 und 207]) sowie die „Autorenbilder“ im Codex Amiatinus (s. o.) und im Bedakommentar in Perugia (s. o.). Weiterhin findet sich die nimbierte Gestalt E. auf Szenen der Este-Bibel (Abb. 6 a) und der Bibel des Hzgs. von Alba (s. o.), auch auf dem Quedlinburger Reliquiar (Abb. 1).

Zu den Abbildungen

1. Quedlinburg, Stiftskirche, Schatz, Deckel eines Reliquiars, Ausschnitt (Gesamtabb.: Paul J. Meier, Die Kirchen von Q., Burg 1932, Abb. S. 71). Silber, getrieben, 16,5 × 28 cm. Deutschland, I. H. 13. Jh. Fot. Marburg, Nr. 62 028.

2. München, Bayer. Staatsbibl., cod. lat. 14 159 (De laudibus sanctae crucis), fol. 4v (Ausschnitt), E.-Szenen. Regensburg, um 1170–85. Fot. Bibl.

3 a und b. Toledo, Archiv der Kath., Bible moralisée (sog. Biblia de San Luis), Bd. 1 fol. 155 (Ausschnitte), E.-Szenen mit Moralisation. Paris, 2. Dr. 13. Jh. Fot. Mas, Barcelona, Nr. C 79 232.

4. New York, Pierp. Morgan Libr., Ms. Glazier 60 (Bibel), fol. 339v, Illustr. zu 3. Esra. Sizilien, 1. Dr. 14. Jh. Fot. Bibl.

5. München, Bayer. Staatsbibl., cod. germ. 20 (Armenbibel), fol. 8v (Ausschnitt), E. vor Cyrus. Oberbayern, um M. 14. Jh. Fot. Bibl.

6 a und b. Modena, Bibl. Estense, ms. lat. 429 (V. G. 12; Bibel), fol. 197v (a) und 199 (b), E.-Szenen. Ferrara, zw. 1455 und 1461. Nach Faks.-Ed. von Giov. Treccani und Ad. Venturi a.a.O.

7. E.-Szene. Holzschnitt (10,8 × 19 cm) aus der Bibel, Lübeck (Steffen Arndes) 1494. Nach [4], Bd. 11 Abb. 1031.

8. Nicolaes de Bruyn, Vision des E. Kupferstich, 47,4 × 71 cm. Amsterdam, Rijksmus., Prentenkab. 1613 dat. Fot. Mus.

9. Gottfr. Bernh. Goetz, Traurigkeit. Kupferstich (17,6 × 12,5 cm) aus „Passiones Animi aequae bonae ac malae figuris biblicis ... exhibitae“, Augsburg o. J. (3. V. 18. Jh.), Bl. 10. München, Staatl. Graph. Slg., Inv.Nr. 27 277. Fot. Slg.

Literatur

1. Wilh. Schneemelcher, Art. „Esra“, in: RAC Bd. 6, Sp. 597–606. – 2. Kautzsch Bd. 1, S. 380. – 3. Cornell. – 4. Schramm, Frühdrucke. – 5. Schmidt, Armenbibeln. – 6. Garrison, Studies. – 7. Princeton Index.