Erysichthon

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englisch: Erysichthon; französisch: Erésichthon, Erysichthon; italienisch: Erisittone.


Max Denzler (1966)

RDK V, 1391–1405


RDK V, 1393, Abb. 1. Paris, 1. H. 14. Jh.
RDK V, 1395, Abb. 2. Rouen, 1. H. 14. Jh.
RDK V, 1395, Abb. 3. Oxford, um 1450.
RDK V, 1397, Abb. 4. Virgil Solis, 1563.
RDK V, 1399, Abb. 5. Melchior Bocksberger, nach 1560, München.
RDK V, 1401, Abb. 6. Johann Wilhelm Baur, 1641.
RDK V, 1403, Abb. 7. Jan Steen, 3. V. 17. Jh., Amsterdam.
RDK V, 1403, Abb. 8. Abraham oder Gerrit Rademaker (Entwurf), Matthys Pool (Ausf.), 1707.

I. Der Mythos und seine Quellen

Am ausführlichsten überliefert Ovid (Metam. 8, 738–878) die Sage von dem mit Hungerqualen bestraften Frevler E. (griech. Ἐρυσίχϑων = Erd-Aufreißer: [2] Sp. 1380; Herm. Usener, Götternamen, Bonn 19292, S. 141; laut [2], Sp. 1382, wollte der Mythos ursprünglich den die Erde mit dem Pflug verletzenden, vielessenden Ackerbauer heroisieren; s. dazu Kenneth John Mc Kay [3a], S. 38 Anm. 4): E., Sohn des Königs Triopas von Thessalien, ein Verächter der Götter, wagt es, in einem Hain der Ceres ihren Liebling, eine Eiche, zu fällen. Da seine Knechte zögern, greift er, der Göttin trotzend, selber zur Axt und trifft den Stamm, der anfängt, zu bluten. Einem Knecht, der ihn warnt, schlägt er den Kopf ab; dann vollendet er seinen Frevel. Sterbend kündigt ihm die in dem Baum wohnende Nymphe Rache an, und als dieser am Boden liegt, eilen die übrigen Dryaden zur Göttin und bitten sie, die Untat zu ahnden. Ceres beschließt E. durch Hunger zu verderben. In ihrem Drachenwagen sendet sie eine Bergnymphe in den Kaukasus zur Dämonin Fames (s. Hunger) und befiehlt dieser, sich in den Leib des Übeltäters zu versenken. Farnes tritt in das Schlafgemach E., haucht sich ihm ein, und sogleich überfällt ihn unersättlicher Hunger. Er verschlingt jede erreichbare Speise, opfert vergebens sein Vermögen, um satt zu werden. Zuletzt bleibt ihm nur noch die Tochter (ihr Name – Mestra oder Hypermestra = Vielumworbene [2, Sp. 1378] – wird bei Ovid nicht genannt). Um seinen Hunger zu stillen, verkauft er sie als Sklavin, und zwar oftmals, da sie von Neptun das Geschenk der Verwandlung erfleht hat und so sich jeweils ihrem Herrn zu entziehen vermag (dies das Stichwort für den Bericht Ovids). Aber auch dieses schimpfliche Tun kann an der Lage nichts ändern. Am Ende fällt E. mit wütendem Biß die eigenen Glieder an: „et infelix minuendo corpus alebat“ (Vers 878).

Von den Vorlagen Ovids kennen wir nur eine, des Alexandriners Kallimachos Hymnos auf Demeter (über diesen Ulrich von Wilamowitz, Reden und Vorträge Bd. 1, Bln. 19254, S. 229–58), V. 24–115.

Dort begegnet uns die Hungerstrafe als Sühne für E. Frevel an einer der Göttin heiligen Pappel. Nicht finden wir den blutenden Baum und den warnenden Knecht – statt seiner tritt Demeter selbst in Gestalt ihrer Priesterin als Warnerin auf, wie sie nachher auch selbst E. als rächende Göttin erscheint –, nicht Farnes in Person und was damit zusammenhängt, nicht den Verkauf der Tochter – bei Kallimachos ist E. ein im Elternhaus lebender Jüngling –, nicht die Selbstzerfleischung am Schluß – der Königssohn endet dort als Bettler an den Dreiwegen, wo es die der Hekate geweihten Speisen zu verzehren gibt [3, Sp. 572]. Soweit seine Darstellung abweicht, hat Ovid teils aus einer anderen, uns unbekannten literarischen Quelle, teils aus seiner Phantasie geschöpft, aus dieser vor allem wohl bei der Einführung der Fames, der Beschreibung ihres Wohnsitzes und Aussehens (V. 796–808); vgl. die ähnlichen Schilderungen Metam. 2, 760–82 (Invidia); 11, 592–615 (Somnus); 12, 39–63 (Fama).

Wegen der spärlichen sonstigen Überlieferung, die in späten Zeugnissen auf den Mythographen Hellanikos von Lesbos, also auf die M. 5. Jh. zurückweist, siehe [2]. In der Invektive Ibis [8, S. 249–51] greift der verbannte Ovid das Motiv noch einmal auf, indem er seinem Gegner außer ungezählten anderen Übeln das Los des E. wünscht (Vers 423f.).

II. Fortleben des Mythos

Im Mittelalter war die Möglichkeit, sich mit dem Thema zu beschäftigen, allein von der Kenntnis der Metamorphosen abhängig.

Vgl. [8], S. 260–64; Max Manitius, Gesch. der lat. Lit. des MA (= Hdb. der Altert.wiss. IX, 2), Mchn., Register zu Bd. 1 (1911), S. 752; zu Bd. 2 (1923), S. 858; zu Bd. 3 (1931), S. 1135; Fausto Ghisalberti, Mediaeval Biographies of Ovid, Warburg Journ. 9, 1946, 10–59; Atti del Convegno internaz. ovidiano Sulmona maggio 1958, Rom 1959, Bd. 2; Angelo Monteverdi und Nicolae Lascu in: Studi ovidiani, Rom 1959; Franco Munari, Ovid im MA, Zürich 1960; Ernst Rob. Curtius, Europäische Lit. und lat. MA, Bern 19613, S. 582 (Register).

Die Entwicklung, die Ovid zum ethicus werden und der allegorischen und theologischen Interpretation verfallen ließ [8, S. 261] und zu der vor allem die bei [8], S. 263, vermerkten Arbeiten von F. Ghisalberti zu vergleichen sind, ging auch an der E.-„Fabel“ nicht vorbei. Der Ovide moralisé z. B., ein wichtiges, wenn auch verhältnismäßig spätes Glied jener Entwicklung, von einem unbekannten Verfasser, nach [4] I, S. 11, wahrscheinlich zwischen 1316 und 1328 entstanden, berichtet sie im 8. Buch, V. 3211–3510 ([4] III, S. 187–94) und knüpft daran V. 4269–4328 (a.a.O. S. 212f.) seine „Allegorie“, im ersten Teil eine Deutung auf Juden und Heiden („Qui mescroient la loi divine. / Lor mescreance est la famine“: V. 4297f. usw.), während die nüchtern-verstandesmäßige Auslegung des zweiten Teils in E. das Abbild der ihr Hab und Gut verprassenden Gefräßigen sieht („Quant tout lor fault por la vitaille / Font souvent murtre ou roberie, / Si perdent par lor lecherie / Lor membres et puis tout le cors“: V. 4322–25).

Moralisationen des Themas, die wohl durchweg auf erheblich älteren Überlieferungen fußen, finden sich allenthalben noch in den gedruckten Ausgaben der Metamorphosen. Die „Auslegung“ des Gerhard Lorich aus Hadamar, die z. B. in Drucken von Jörg Wickrams gereimtem dt. Ovid (Mainz Schöffer] 1545 u. 1551), fol. 88v/89 und in der Frankfurter Ausg. von 1581 (bei Sigmund Feyerabend), fol. 113v/114 enthalten ist, stellt, an Metam. 8, 724 anknüpfend (und ganz im Sinn Ovids: vgl. Karl Büchner, Humanitas Romana, Heidelberg 1957, S. 219; [3a] S. 7), die impietas E. der unmittelbar vorausgehenden frommen Geschichte von Philemon und Baucis gegenüber. Im Einklang mit einer Stelle – zu Metam. 8, 792 – in den verbreiteten Enarrationes des Raphael Regius: „Sacrilegus namque dicitur qui sacra violat atque furatur“ (z. B. Ausg. Venedig 1513, bei Giov. Tacuino, fol. 86), die selbst wieder auf eine noch aus der Antike stammende Metamorphosen-Paraphrase, die Narrationes fabularum des sog. Lactantius Placidus [8, S. 261f.] zurückgeht (zitiert z. B. im lat. Ovid, Lyon 1512, bei Jacques Huguetan), erblickt Lorich in der Bestrafung des Baumfrevels eine Drohung gegenüber „allen Sacrilegis, das ist Kirchendieben oder Kirchenräubern“; die Strafe selbst erklärt er als „unsattlichen Hunger des verfluchten Geitzes“ (vgl. hierzu Grimm Bd. 4, Sp. 2819 s. v. „Geizhunger“ mit Hinweis auf Hans Sachs; eine alte Deutung des E. als ein Exemplum der avari erwähnt F. Ghisalberti, L’ „Ovidius Moralizatus“ di Pierre Bersuire [= Studj Romanzi 23], Rom 1933, S. 46), wie denn die Habgierigen, die „fame auaritie moriuntur“, auch in der E.-Moralisation des Bersuire (1342) erscheinen: „Metamorphosis Ouidiana / moraliter a Magistro Thoma vvaleys Anglico ... explanata“, Ausg. Paris [Fr. Regnault] 1515, fol. 72v. In den Moralia eines späteren, 1685 zu Salzburg bei Joh. Bapt. Mayr gedruckten dt. Ovid begegnet außer der Warnung vor „Entheiligung Gott-geheiligter Örter“, besonders vor Kirchenraub, der Hinweis auf die bei der Belagerung Jerusalems ausgebrochene, von Flavius Josephus geschilderte Hungersnot, die schon Dante, Purgatorio 23, 28–30, an die E.-Stelle V. 25–27 anschließt. In dem zu Paris um 1616 bei der Witwe Mathieu Guillemot verlegten frz. Ovid sieht der Discours des N. Renouard in E. das abschreckende Beispiel eines Verschwenders, bemerkt aber auch, daß Herodes, der das Blut der Unschuldigen Kinder vergossen habe, der Kirchengeschichte des Eusebius zufolge mit der gleichen Raserei des Hungers bestraft worden sei (S. 212f.). Noch die Explication zu den im Haag bei Jean Neaulme erschienenen frz. Verwandlungen (Teil 2: 1744) ergeht sich in erbaulicher Betrachtung: S. 296 heißt es, daß E. ein Verschwender gewesen sei, „qui épuisa ses biens par ses débauches et que la charité ingenieuse de Metra, sa fille, lui fit prendre tour à tour mille formes differentes pour le soulager“ (eine „spiegazione onesta“, die mindestens bis ins 13. Jh. zurückreicht: Johannes de Garlandia, Integumenta Ovidii, V. 339–44: ed. F. Ghisalberti, Messina 1933, S. 61 f.). Er sei aber auch „l’image d’un avare ... Il est puni d’avoir négligé les vrais biens, pour en rechercher de faux, par le peu de satisfaction qu’il y trouve, après les avoir acquis.“ Der folgende Satz wiederholt seinem Sinn nach den die avari betreffenden Hinweis Bersuires (s. o.) auf Ezech. 7, 19. Auch Carel van Manders verbreitete „VVtlegghingh op den Metamorphosis Pub. Ouidij Nasonis“, Haarlem 1604, enthält eine E.-Moralisation (Bl. 72v f.).

Eine gewisse Rolle spielt E. im Bereich von Boccaccios „De casibus virorum illustrium“ als Beispiel für die Wandelbarkeit des Glücks. Der Autor selbst beschränkt sich darauf, wie an den Glückswechsel anderer infelices aus dem Altertum so auch an „Erisicthonis fames“ kurz zu erinnern ([5] IV, S. 142), was bei seinen Lesern schon im Hinblick auf Purgatorio 23, 25–27 genügen mochte. Der Verfasser der frz. Übertragung „Des cas des nobles hommes et femmes“, Laurent de Premierfait, ist in der 1409 vollendeten, gegenüber dem Original auf mehr als das Dreifache erweiterten zweiten Fassung mit Hilfe des Metamorphosen-Textes [9, S. 25], vielleicht auch des Ovide moralisé auf das Thema etwas näher eingegangen, und John Lydgate, der Dichter des (nach [5] I, S. IX f.) wahrscheinlich in den Jahren 1431–1438/39 entstandenen englischen Reimwerks vom „Fall of Princes“, einer Paraphrase von Laurents zweiter Fassung (s. Walter F. Schirmer, John Lydgate [= Buchreihe der Anglia, Zs. f. engl. Philol. 1], Tübingen 1952, S. 179–98), ist ihm gefolgt, wobei auch seine Darstellung (Buch 1, V. 1751–64; [5] I, S. 49) nicht mehr als einen vordergründigen Bericht über E. Hunger, den Verkauf der Tochter und das Verzehren der eigenen Glieder gibt, verbunden mit einer Klage über das unfürstliche Schicksal des Betroffenen.

Um 1600, in der Aetas Ovidiana des Elisabethanischen England, nahm John Lyly, älterer Zeitgenosse Shakespeares, den E.-Mestra-Stoff weniger zum Gegenstand eines echten Dramas als zum Anlaß für ein Nymphenspiel: „Love’s Metamorphosis“ (Wilh. Creizenach, Gesch. des neueren Dramas Bd. 4, Halle 1909, S. 61f.).

III. Darstellungen

Aus der bildenden Kunst der Antike ist keine E.-Darstellung bekannt ([2] Sp. 1382; [3] Sp. 573). In dem Fehlen solcher Darstellungen sieht [2], Sp. 1382f., eine Bestätigung dafür, daß der Mythos so, wie er uns von den Dichtern überliefert ist, nicht zu dem alten Element der Demeterreligion gehört.

In der nachantiken Kunst steht das Thema, wohl wegen seiner burlesken, zum Teil wenig anziehenden Einzelheiten, hinter anderen Fabeln Ovids an Beliebtheit zurück.

1. Buchmalerei

So haben sich in der kontinentalen Buchmalerei nur zwei E.-Darstellungen ermitteln lassen, beide in Hss. des Ovide moralisé, die bald nach der Vollendung des Textes entstanden. Die Hs. Rouen 1044 stellt auf fol. 219v den Baumfrevel und drei trauernde Nymphen dar (Abb. 2; Ausst.Kat. „Mss. à peintures du XIIIe au XVIe siècle“, Paris B.N. 1955, Nr. 40), die Hs. Paris Ars. 5069 zeigt auf fol. 116v Mestra stehend vor dem Throne des fürstlich gekleideten, aber durch kein spezielles Attribut bezeichneten Neptun, beide im Redegestus (Abb. 1 ; zur Datierung der Hs.: Wolfgang Stechow, Apollo und Daphne [= Studien der Bibl. Warburg 23], Lpz. 1932, S. 13). Da in so reich bebilderten Codices wie Lyon 742 und Vat. Reg. lat. 1480 (Ovide moralisé), Gotha membr. I 98 (Ovidius moralizatus), München Cod. Gall. 369 und Paris Ars. 5192, 5193 (Laurent) keine E.-Illustrationen vorkommen – in der Hs. in Gotha ist der für ein E.-Bild ausgesparte Platz leer geblieben –, ist es wenig wahrscheinlich, daß es jemals zur Entstehung und Tradition bestimmter Bildtypen kam. Hss.-Verzeichnisse, die aber nichts oder nichts Ausreichendes über Illustrationen sagen: zum Ovide moralisé bei [4] I, S. 44–47; zum Ovidius moralizatus bei F. Ghisalberti (o. Sp. 1394), S. 133f.; zu Laurent bei Attilio Hortis, Studj sulle opere latine del Boccaccio, Triest 1879, S. 933 – 38.

Unter den bei [5] IV, S. 11–123 beschriebenen Hss. (und Drucken) von Lydgates „Fall of Princes“ besitzt eine E.-Darstellung nur die in England um 1450 hergestellte Oxforder Hs. Bodl. Ms. 263 ([5] IV, S. 11–13; [6] I, S. 292): die Miniatur fol. 7 zeigt E. auf einer von Bäumen umgebenen Wiese sitzend, mit Krone, blauem Rock und nackten Beinen, deren linkes unterm Knie abgeschnitten ist und von E. verzehrt wird (Abb. 3).

Die bei [6] II, Taf. 45 Nr. 118 abgebildete Miniatur B.M., Sloane Ms. 2452, fol. 3v kann nach dieser Abbildung und nach der Beschreibung [6] I, S. 245 („König an einer Tafel, dem ein Mädchen auf einer Schüssel, deren Deckel sie hebt, ein Haupt bringt“) nicht E. darstellen, eher das Mahl des Tereus (Metam. 6, 650–65; vgl. Fall of Princes, Buch 1, V. 1786 bis 1806, 1831–34; [5] I, S. 50f.) als Parallele zu dem daneben wiedergegebenen, seine Kinder verzehrenden Saturn.

2. Ovid-Drucke

Ziemlich zahlreich, wenn auch weithin voneinander abhängig, sind die E.-Darstellungen in den seit den letzten Jahrzehnten des 15. Jh. erschienenen ill. Ovidausgaben, die vielfach das Streben erkennen lassen, sämtliche darstellbaren Fabeln im Bilde zu zeigen.

Zwar enthält der erste ill. „Ovid“, die 1484 in Brügge bei Colard Mansion gedruckte frz. Übersetzung von Bersuires „Ovidius moralizatus“ ([4] I, S. 48; [7] S. 61) noch keinen E.-Holzschnitt. Wohl aber hat die 1497 in Venedig bei Zoane Rosso erschienene ital. Übersetzung des Werkes ([7] S. 65–68; Max Sander, Le livre à figures italien, Mailand o. J. [1942], Nr. 5330) unter ihren Holzschnitten, die denen der Hypnerotomachia Polifili nahestehen (Carlo Enrico Rava, L’Arte 52, 1951–52, 36), eine solche Darstellung, die den Baumfrevel (mit dem enthaupteten Knecht), die Klage der Nymphen bei Ceres, die Botschaft an Fames und das Anhauchen des Schlafenden in einer Landschaft zusammenfaßt. Sie begründet damit den Typus der Vereinigung dieser Szenen in einem Bilde (Ludw. Justi, Giorgione, Bln. 19262, Bd. 2, Abb. S. 317).

Kopien davon begegnen z. B. in den lat. Metamorphosen-Drucken Parma 1505, bei Franciscus Mazalis (Sander Nr. 5315), und Venedig 1509, bei Giorgio Rusconi (ebd. Nr. 5316), fol. 91v, bei dem Rusconi-Druck im Gegensinn, und, gleichfalls im Gegensinn, in der lat. Ausg. Venedig 1513, bei Giov. Tacuino (ebd. Nr. 5319), fol. 85, und in der ital. Ausg. Venedig 1538, bei Bernardino Bindoni (ebd. Nr. 5342), fol. 92v, die beiden letzten Darstellungen deshalb merkwürdig, weil hier die durch das Füllhorn bezeichnete Göttin selber zu Fames kommt, obwohl sie nach Metam. 8, 784–786 einander nicht begegnen dürfen.

Den entgegengesetzten Typus, der die E.-Geschichte in einer Reihe selbständiger Darstellungen erzählt, scheint Bernard Salomon in seinen Illustrationen zur Lyoneser Ovidausgabe des Jan de Tournes von 1557 ([7] S. 75/76, 77) geschaffen zu haben, in der dem Fällen der Eiche, der Botschaft an Fames, dem Anhauch des Schläfers und dem Verkauf der Tochter (mit den Nebenszenen: Anrufung Neptuns und Verwandlung der Flehenden in einen Fischer) je ein Holzschnitt gewidmet ist. Auf Salomons Illustrationen beruhen viele spätere, vor allem die vier E.-Holzschnitte nach Zchgn. von Virgil Solis für die Ovid-Ausg. Ffm. (Sigm. Feyerabend) 1563 (s. Buch 8/XII1–XVI, Abb. 4; [7] S. 88; Neuaufl. z. B. 1569, 1579, 1587); Feyerabend nutzte sie für die Ovid-Paraphrasen Joh. Sprengs (lat. 1563; dt. 1564) und Nik. Reusners („Picta poesis Ovidiana“, 1580), die Holzschnitte XV f. auch im dt. Plinius von 1565 (S. 50 u. 54 [= 56]). Salomons Vorbild folgen ferner die vier Kupferstiche in den 1591 zu Antwerpen bei Plantin-Moretus gedruckten Ovid-Ill. des Pierre van der Borcht ([7] S. 112; Hollstein, Dutch Fl.Engr. Bd. 3, S. 100 Nr. 200–377). Zum gleichen Typus gehören die „interessantesten Ovidillustrationen des Barock“ [7, S. 128], die 1641 in Wien erschienenen, ebenfalls häufig kopierten Radierungen von Joh. Wilh. Baur, deren E.-Folge drei Platten: den Baumfrevel (Nr. 79; Abb. 6), die Botschaft an Fames und den Anhauch (Nr. 80) und den Verkauf der Tochter (Nr. 81) umfaßt. Eine Serie von drei E.-Kupferstichen (Nr. 66–68) hat der 1685 in Salzburg bei Joh. Bapt. Mayr gedruckte dt. Ovid, wobei der Stich 68 nach Baurs Radierung 81, die beiden übrigen nach anderen Vorlagen kopiert sind, so daß der Handel um die Tochter zweimal vorkommt.

Andere Ovidausgaben gehen einen dritten Weg, indem sie sich auf eine einzige E.-Illustration beschränken, aber auch die Zahl der dargestellten Szenen vermindern. Nur selten fehlt dabei der einprägsame Vorgang des Anhauchs durch Fames. Wir finden ihn, in Verbindung mit der Ceres-Botschaft, ebenso unter den Kupferstichen des Antonio Tempesta (um 1594; B. 638 bis 787; [7] S. 100) wie auf dem Stich auf S. 269 der großen Brüsseler lat.-frz. Ausgabe des François Foppens von 1677 ([7] S. 118–125; seitenverkehrte Kopie, verkleinert und verschlechtert, ja mißverstanden: S. 287 des 1744 im Haag bei Jean Neaulme herausgegebenen zweiten Bandes eines frz. Ovid); ohne Begleitszene z. B. in Bd. 3 der eleganten, 1767–1771 in Paris bei Hochereau erschienenen lat.-frz. Ausgabe [7, S. 142] auf dem Stich Nr. 89 von Binet nach Moreau d. J. (Nachstich durch Joseph Stöber in einer 1791 zu Wien bei Ignaz Alberti gedruckten dt. Ausgabe; schlecht kopiert in einem 1802 zu Augsburg bei C. F. Bürglen verlegten, bei [7], S. 143, erwähnten Nachdruck dieser Ausgabe, der spätesten E.-Darstellung, die sich ermitteln ließ).

Wie schon aus dem Gesagten hervorgeht, sind sonstige für sich alleinstehende Szenen selten. Die Darstellung in einem frz. Ovid, Paris 1539, bei Denys Janot, mit kleinen Holzschnitten, deren Selbständigkeit [7], S. 73, hervorhebt, begnügt sich (Teil 2, fol. 57) mit einem Knecht, der auf das Geheiß des in ein langes Renss.-Gewand gekleideten E. mit dem Fällen der Eiche beginnt. „Les Metamorphoses d’Ovide en rondeaux“ von Isaac de Benserade, 1676 zu Paris in der Imprimerie Royale ad usum Delphini gedruckt und mit der alle anderen Ausgaben übertreffenden Zahl von 226 Stichen geziert [7, S. 136f.], zeigen auf S. 284 den an der Tafel schlingenden „Vielfraß“, eine Anzahl abgenagter Knochen neben sich, eine Darstellung (von François Chauveau), die im Verein mit den hübschen Reimen die komischen Züge der Fabel betont. Von den Kupfern dieser Ausgabe hat Joh. Ulrich Kraus in Augsburg verkleinerte, mäßige Kopien angefertigt ([7] S. 140; E. = Nr. 142). In Holz geschnittene Kopien finden sich in den „Verwandlungen“ usw., Nürnberg (Hoffmann) 1689.

Sehr ungewöhnlich und durch Ovids Erzählung nicht zu rechtfertigen wäre die bei [7], S. 106/07 Anm. 1 unter Nr. 8 erwähnte Szene auf dem anonymen niederländ. Kupferstich einer erstmals M. 16. Jh. zu Antwerpen bei Gerard de Jode verlegten Folge, die mit der bei Hollstein, Dutch Fl. Engr. Bd. 9, S. 202 Nr. 300–327 angeführten zusammenhängen könnte: „E. (wie Nebukadnezar) auf allen Vieren kriechend und Gras fressend.“ Es liegt näher, hier an ein Bild der Fames nach Metam. 8, 799–800 zu denken als an eine Moralisation entsprechend Dan. 4, 28–30 mit 1, 1–2.

3. Sonstige Beispiele

Außerhalb der illustrierten Metamorphosen-Ausgaben haben sich E.-Darstellungen auch in der Neuzeit nur ganz vereinzelt feststellen lassen:

Das Museo Civico in Padua bewahrt ein Gemälde (Schubring, Cassoni Taf. 184), Truhen- oder sonstiges Möbelbild, das in einer einheitlichen Landschaft rechts den Baumfrevel E., mit dem enthaupteten Knecht, links den Anhauch der Fames zeigt (Kat. Lucio Grossato, Venedig 1957, S. 172 Nr. 81: fragliches Jugendwerk Tizians, 1506–1508; bei der dort verzeichneten Lit. ist nachzutragen: Bernard Berenson, Italian Pictures of the Renss., Venetian School, London 1957, Bd. 1 S. 86, Bd. 2 Nr. 670).

Zweifel in Hinsicht auf die Bildgegenstände sind schon deshalb kaum berechtigt, weil der Zusammenhang des Gem. mit dem Sp. 1398 genannten Holzschnitt der venezianischen Ovidausgabe von 1497 evident sein dürfte (vgl. Justi a.a.O., S. 321–323, Schubring a.a.O., Textbd. S. 415), wenn auch der Maler sein graphisches Vorbild mit der gebotenen Freiheit behandelt hat (der schlafende E. ist vielleicht bei einer späteren Ausbesserung – s. Justi S. 318 – mißverstanden worden). Unbegründet ist jedenfalls die Ansicht, die in der Malerei die Silva Polydori nach Vergils Aeneis 3, 22–48 sehen will – vgl. Ausst.Kat. „I capolavori dei musei veneti“, Venedig 1946, Nr. 219 (Rodolfo Pallucchini); Ausst.Kat. „Giorgione e i Giorgioneschi“, Venedig 1955, Nr. 73 (Pietro Zampetti) –, da hier Bericht und Dargestelltes schlechthin unvereinbar sind. Eine andere Tafel des Museums (Nr. 80), von gleichen Maßen und wohl das Gegenstück zu Nr. 81, zeigt Darstellungen aus der Sage des Adonis, besonders seine Geburt aus der in einen Baum verwandelten Myrrha nach Metam. 10, 503–514 und dem bei Justi a.a.O. S. 316 abgebildeten entsprechenden Holzschnitt des Ovid von 1497.

Von zwei der Historie der Mestra gewidmeten, um 1520 entstandenen Brüsseler Bildteppichen, deren Einzelheiten Göbel I, 1, S. 137 nicht durchweg überzeugend erklärt (s. Anne van Ypersele de Strihou, Bull. Inst. Roy. du Patrimoine Artistique Brüssel] 3, 1960, 103 bis 11), ist der Göbel I, 2 unter Nr. 102 abgebildete dadurch von Interesse, daß er, in Übereinstimmung mit den Moralisationen zu Ovid, E. als heilige Geräte vom Altar raubenden sacrilegus darstellt.

Auf einem 1533 dat. Gubbio-Teller von Francesco Urbini (V.A.M., Cat. of Italian Maiolica von Bernard Rackham, 1940, Bd. 1, S. 245, Nr. 739; Abb. Bd. 2, Taf. 117) holt E. mit der Axt aus, um die Eiche zu fällen, die die Gestalt der Dryas annimmt; neben ihm steht der Einspruch erhebende Knecht, dessen Schicksal der danebenliegende Kopf zeigt.

Eines der fünfzehn Gemälde, die Melchior Bocksberger bald nach 1560 für die Decke im Saal des Münchner Lusthauses Albrechts V. schuf (Max Goering, Münchner Jb. N.F. 7, 1930, 215–27, bes. S. 221 Abb. 25; bis auf zwei Gem. seit Kriegsende verschollen), ist durch seine Beischrift als E.-Bild ausgewiesen („Erysichthon Cereri poenas luit“: Otto H artig, ebd. N.F. 10, 1933, 197; das zweite von Goering a.a.O. S. 218f. auf die E.-Geschichte bezogene Bild stellt Metam. 11, 592–651 dar). Das zu den verschollenen Gemälden gehörende E.-Bild (Abb. 5) ist ungewöhnlicherweise um Figuren, die nicht aus dem Quellentext herzuleiten sind, bereichert: Bauern, die ungezügelt ihre Freßgier befriedigen und deren Laster durch das Symboltier der Gula, die Eule, gekennzeichnet wird. Außergewöhnlich ist auch die E.-Schilderung selbst: der auf sein Lager gestreckte E. wird von einem Mann mit „Schilfhaaren“ gestützt; vermutlich hat man in ihm die von Neptun in einen Fischer verwandelte Mestra zu sehen, die ihrem mit Gefräßigkeit bestraften Vater mit übernatürlichen Kräften beisteht (vgl. dazu Gerhard Lorichs Moralisation dieser Verwandlung: s. o. Sp. 1394).

Ein Gem. von Jan Steen (Abb. 7) zeigt E., der seine Tochter an einen Turbanträger verkauft. Ausführliche Anweisungen zu einem E.-Bild als Staffierung der Landschaften erteilt Gérard de Lairesse. Für die Erstausgabe von „Het groot Schilderboek“, Amsterdam 1707, schuf M. Pool einen Kupferstich nach Entwurf von A. oder G. Rademaker (Abb. 8; zugehöriger Text: Teil 1 S. 412–15); die Illustration ist in späteren holländischen Ausgaben wiederholt (Amsterdam 1714; Haarlem 1740), nicht aber in der deutschen (Nürnberg 1729).

IV. Emblematik

In der Emblematik verweist die Iconologia Cesare Ripas in der Ausgabe von Giov. Zaratino Castellini, Venedig 1645, S. 193 für die Schilderung der Fames auf Ovid und die Ausgabe von Ripa-Orlandi, Perugia 1764ff., zu den Begriffen „Ballo“, „Fame“, „Ostinazione“ und „Povertà“ auf die Geschichte E. als fatto favoloso (Bd. 1 S. 199; Bd. 3 S. 11; Bd. 4 S. 322 u. 396f.).

Zu den Abbildungen

1. Paris, Bibl. de l’Arsenal, ms. 5069 (Ovide moralisé), fol. 116v, Neptun und Mestra. Frankreich, 1. H. 14. Jh. Fot. Bibl.

2. Rouen, Bibl. municipale, ms. 1044 (Ovide moralisé), fol. 219v, Erysichthons Baumfrevel. Frankreich, 1. H. 14. Jh. Fot. Ellebé, Rouen.

3. Oxford, Bodl. Libr., Ms. 263 (Lydgate, Fall of Princes), fol. 7, Erysichthon verzehrt seine Glieder. England, um 1450. Nach [5], Bd. 4, Taf. vor Titelblatt.

4. Virgil Solis, Fames besucht Erysichthon. Holzschnitt, 6,0 × 7,9 cm. Ill. zu Ovids Metamorphosen, Ausg. Ffm. (S. Feyerabend) 1563, Buch 8/XV. Fot. St. Gr. Slg., Mchn.

5. Melchior Bocksberger, Bestrafung Erysichthons. Gem. a. Lwd., ca. 2,5 × 4,5 (2,0) m. München, Bayer. St. Gem. Slgn., Inv.Nr. 3781. Nach 1560. Fot. Mus., 62/605.

6. Joh. Wilh. Baur, Erysichthons Baumfrevel. Radierung, 13,0 × 20,4 cm. Aus einer Folge von Ovid-Ill., Wien 1641. Fot. St. Gr. Slg., Mchn.

7. Jan Steen, Erysichthon verkauft seine Tochter, Ölgem. a. Lwd., 66 × 61 cm. Amsterdam, Rijksmus., Kat. Nr. 2250 A I. 3. V. 17. Jh. Fot. Mus. (1680).

8. Abraham oder Gerrit Rademaker (Entwurf) und Matthys Pool (Ausf.), Verkauf der Mestra. Kupferstich, 14,7 × 15,8 cm. Ill. zu Gérard de Lairesse, Het groot Schilderboek, Amsterdam 1707, Teil 1, Kupfer n. S. 412. Nach dem Original.

Literatur

1. Benjamin Hederichs gründliches mythologisches Lexicon, Ausg. von Joh. Joachim Schwaben, Lpz. 1770, Sp. 1045–47, 1608f. – 2. Roscher 1, Sp. 1373–83 (Otto Crusius). – 3. Pauly-Wissowa 6, Sp. 571–73 (Otto Kern). – 3a. Kenneth John McKay, Erysichthon. A Callimachean Comedy (= Mnemosyne Suppl. VII), Leiden 1962. – 4. C. de Boer, z. T. mit Martina G. de Boer und Jeanette Th. M. van’t Sant, „Ovide Moralisé“ (= Verhandelingen der Kon.Ak. van Wetenschappen te Amsterdam, Afd. Letterkunde, Nieuwe Reeks, Deel XV u. XXX), Amsterdam, Teil I 1915, Teil III 1931. – 5. Henry Bergen, Lydgate’s Fall of Princes, London, Teil I 1924, Teil IV 1927. – 6. Fritz Saxl u. Hans Meier, Verz. astrologischer und mythologischer ill. Hss. des lat. MA, Teil III, London 1953, 2 Bde. – 7. Henkel, Ovid S. 58–144.

Außerdem wurden zitiert: 8. Martin Schanz u. Carl Hosius, Gesch. der römischen Lit. (= Hdb. der Altert.wiss. VIII) Teil 2, Mchn. 19354. – 9. Emil Koeppel, Laurents de Premierfait und John Lydgates Bearbeitungen von Boccaccios De casibus virorum illustrium, Mchn. 1885.