Erfindung der Zeichenkunst

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englisch: Invention of drawing; französisch: Apparition de l'art du dessin; italienisch: Invenzione del disegno.


Hans Wille (1965)

RDK V, 1235–1241


RDK V, 1235, Abb. 1. Gerard de Jode, 1579.
RDK V, 1235, Abb. 2 a und b. Joachim von Sandrart, 1675.
RDK V, 1237, Abb. 3. Jos. Benedict Suvée, gegen 1800, Brügge.
RDK V, 1239, Abb. 4. Johann Friedrich Bolt, 1804.

I. Thema und Überlieferung

Bei Erörterungen über den Ursprung von Malerei und Plastik ist in Werken spätantiker Autoren auch von der E. die Rede. Plinius, dessen Zeugnis zum Ausgangspunkt der gesamten späteren Überlieferung wurde, berichtet: „De picturae initiis incerta nec instituti operis quaestio est. Aegyptii sex milibus annorum aput ipsos inventam, priusquam in Graeciam transiret, adfirmant, vana praedicatione, ut palam est; Graeci autem alii Sicyone, alii aput Corinthios repertam, omnes umbra hominis lineis circumdueta, itaque primam talem, secundam singulis coloribus et monochromaton dictam, postquam operosior inventa erat, duratque talis etiam nunc“ (Nat.hist. XXXV, 15: ed. Carolus Mayhoff, Lpz. 1897, Bd. 5 S. 233). An anderer Stelle (ebd. XXXV, 151ff.: ebd. S. 285f.) überliefert Plinius eine griechische Erzählung über die E.: sie geht auf das korinthische Mädchen Debutades (auch Dibutades, Butades), die Tochter eines kunstreichen Töpfers, zurück. Diese sah, als sie von ihrem in ferne Länder scheidenden Geliebten Abschied nahm, den Schlagschatten seines Gesichtsprofiles an der Wand, umriß die dunkle Fläche mit einem Stift und füllte sie schwarz aus. Damit habe die Zeichenkunst und mit ihr die bildende Kunst überhaupt ihren Anfang genommen. Als der Vater des Mädchens das Profilbild an der Wand sah, formte er es in Ton nach und brannte dieses Gebilde mit seinen Töpfen im Ofen: so wurde er zum Begründer der plastischen Kunst. Sein erstes Bildwerk wurde später im Nymphaion zu Korinth aufbewahrt; dort soll es gehangen haben, bis der römische Konsul Mummius die Stadt im Jahre 146 v. Chr. zerstörte.

Diese Erzählung über die E. stimmt mit anderen, weniger anschaulichen Berichten über den Ursprung dieser Kunst darin überein, daß sie als erste Zeichnung die Nachzeichnung eines Schattenbildes annimmt. Gleicher Auffassung sind auch Quintilian (De institutione oratoria X, 2, 7: Text bei [2], S. 279 Anm. 3) und Isidor von Sevilla (Etymologiarum lib. XIX, 16, 2: „Picturam autem Aegyptii excogitaverunt primum umbra hominis lineis circumducta. ...“: ed. W. M. Lindsay, Oxford 1911, Bd. 2), dessen Ansicht für die Überlieferung der Vorstellung während des MA von besonderer Bedeutung ist. Die Schattenerzählung findet sich häufig in den Werken der Humanisten. Alberti übernahm sie von Quintilian (Della pittura II: ed. Hub. Janitschek, Leone Battista Alberti’s kleinere kunsttheoretische Schriften [= Quellenschriften f. Kg. 11], Wien 1877, S. 92f.); auch bei Leonardo da Vinci kehrt sie wieder (Jean Paul Richter, The Literary Works of L.d.V., 2. Aufl. bearb. v. Irma A. Richter, London, New York und Toronto 1939, Bd. 1 S. 327 Nr. 661). Die Erzählung von dem Mädchen Debutades aber wurde offenbar erst seit der Hochrenss. häufiger aufgegriffen (Polidoro Vergilio, De rerum inventoribus, Buch 2 Kap. 25; zuerst 1499 erschienen und in der Folgezeit oft neu aufgelegt und übersetzt, auch ins Deutsche). Vasari bietet keine Nacherzählung der Debutadeslegende, sondern berichtet nur unter Berufung auf Plinius, wie die Zeichenkunst in Ägypten entstand: „Gige Lidio ..., essendo al fuoco, e l’ombra di se medesimo riguardando, subito con un carbone in mano contornò se stesso nel muro“ (Vorwort zu den Viten: Vasari-Milanesi Bd. 1 S. 218; zur Quellenangabe Vasaris s. [2], S. 279 Anm. 6).

Fortan fehlen Nachrichten über die E. in kaum einem Traktat. Während sie anfangs nur als überliefertes Geschehnis getreu weitergegeben wurden (so z. B. Joachim von Sandrart, Teutsche Academie usw., Nürnberg 1675, II, S. 2ff.), gewannen sie im 18. Jh. in Theorien und Streitschriften Bedeutung. Der historische Wahrheitsgehalt der Debutadeslegende wurde nun zwar öfters angezweifelt – so von De Piles [3, S. 284], Dézallier d’Argenville (ebd.) und Lessing [2, S. 281 Anm. 21 a] –, die ihr zugrunde liegende Idee aber spielte in den Streitschriften über Alter und Vorrang der einzelnen Kunstgattungen sowie in theoretischen Erörterungen über das Verhältnis von Kunst zur Natur weiterhin eine wichtige Rolle. Goethe verwarf mit der Glaubwürdigkeit der Debutadeslegende auch die Idee der Erzählung als „ein artiges Mährchen“ (Werke I, 48, S. 136). Damals verschwand die Legende aus der kunsttheoretischen Literatur.

Nur in der Dichtung lebte das Motiv noch einige Zeit weiter: Karl Wilh. Ramlers Epigramm [3, S. 298], Schillers „Die Künstler“, Jacobis „Iris“ (1803) und Anastasius Grüns Gedichtband „Blätter und Blüthen deutscher Poesie und Kunst“ (Lpz. 1867) seien als Beispiele genannt.

Weitere Belege für die Überlieferung bei Rosenblum [2] und Wille [3].

II. Darstellungen

Darstellungen der E. gehören ausnahmslos der Neuzeit an.

Die früheste bisher ermittelte Schilderung einer der E.-Legenden ist ein Kupferstich des Gerard de Jode (Abb. 1), der sich in dem erstmals 1579 erschienenen, später mehrfach neu aufgelegten und übersetzten Emblembuch „Μιϰροϰοσμος Parvus Mundus“ findet (zu dem L. Haechtanus zugeschriebenen Werk und seinen Ausgaben s. Praz S. 112f. und John Landwehr, Dutch Emblem Books, Utrecht 1962, Nr. 158f. u. 161, ferner Martin Meyer, Homo Microcosmvs, hoc est: Parvus Mundus, ..., Ffm. 16703; Praz S. 112). Jode schildert als „inventor picturae“ einen Hirten, der mit seiner Hippe auf der Erde den Schatten eines in der Sonne stehenden Schafes umfährt. Ob zwischen dieser Version der E.-Legende (deren Herkunft und Überlieferung noch nicht ermittelt ist) und der sich um die Biographie Giottos rankenden Legende, derzufolge man auf die künstlerische Begabung des Knaben aufmerksam geworden sei, als er sich mit der Zeichnung eines Schafes die Zeit beim Hüten der Herde vertrieb (vgl. Dante-Kommentare sowie Ghiberti, Commentario II, 2), eine Verbindung besteht, bleibt zu untersuchen.

Die ersten bisher bekannt gewordenen Darstellungen der Debutades-Version, Gemälde Murillos und – angeblich – Gaspard Dughets in den Mus. zu Bukarest [2, Abb. 1] und Mainz (Ausst.Kat. „Französ. Gem. aus Mainzer Galeriebes.“, Mainz 1951, Nr. 14), vermochten nicht, die E. als Bildthema einzubürgern. Die bildliche Tradition des Themas, die in den Jahren zwischen 1770 und 1830 ihre größte Dichte erreichte, wurde durch Sandrart ausgelöst.

Dieser überliefert in seiner „Teutschen Academie“ mehrere Versionen der Schattenerzählung, außer der Debutades-Legende die (wohl von Vasari übernommene) von dem Ägypter Gyges Lydius, der am Feuer stehend seinen Schatten an der Wand sah und diesen nachzeichnete; mehrfach wird von einem umfahrenen Sonnenschatten berichtet, auch sollen menschenähnliche Naturspiele aus Stein und Wolkenbildungen den Anstoß zu künstlerischer Arbeit gegeben haben. Sandrart hat drei Versionen der Ursprungslegende illustriert: Sonnenschatten (Abb. 2a) und Kaminschatten (Holzschnitt-Initiale L) sowie die Debutades-Erzählung, die allein eine reiche, wenngleich nicht sofort einsetzende bildliche Nachfolge fand (Abb. 2b).

Während die Darstellungen im frühen 18. Jh. selten anzutreffen sind, häufen sie sich seit etwa 1770. Bis auf wenige Beispiele wird durchgehend daran festgehalten, daß das Mädchen den Schatten seines Geliebten umfährt. Ausnahmsweise zeichnet der Jüngling, so auf einer Radierung von Joh. Rud. Schellenberg, um 1770 [3, Abb. 3 S. 287], und auf Schinkels Fresko in der Vorhalle des Alten Museums in Berlin, um 1830 (Detailstudie im Städt. Mus. Wuppertal: [3] Abb. 12 S. 295). Meist findet das Ereignis in der Töpferwerkstatt von Debutades’ Vater statt, und eine künstliche Beleuchtung – Öllampe, Kerze oder dergleichen – spendet das den Schatten werfende Licht: Edinburgh, Nat.Gall., Gem. von D.Allan [2, Abb. 6]; Brügge, Stedelijk Mus. voor Schone Kunsten, Gem. von Jos. Bened. Suvée (Abb. 3); Radierungen von Franz Ign. Oefele und Bernh. Rode, 1769 bzw. 1790 [3, Abb. 4 u. 8]. Selten spielt sich das Geschehnis im Sonnenlicht ab (Gem. von J.-B. Regnault im Louvre: [2] Abb. 9). Bei einer schon früh anzutreffenden Version ist Amor zugegen; er hält das Licht (Stich von Prevost nach Cochin d. J. in der St. Gr. Slg. München; Gem. von Bera im Münchner Kunsthandel: Weltkunst 27, 19, 1957, 24) oder führt dem Mädchen beim Zeichnen die Hand (Gem. von A. Runciman in Penicuik House, Schottland: [2] Abb. 4; Radierung von Franz Catel, 1806: [3] Abb. 9 S. 292; Schabkunstblatt von Fr. Bartolozzi im Goethe-Mus. Düsseldorf: Andrew W. Tuer, B. and his Works, London u. New York 1881, Bd. 2 S. 149 Nr. 2143). Auf einem Stich von A.-L. Girodet-Trioson [2, Abb. 12] tut er beides und leiht zugleich dem Mädchen einen Pfeil zum Zeichnen. Gelegentlich ist der Vater des Mädchens anwesend, der das Entstehen der ersten Zeichnung beobachtet und dadurch zur plastischen Nachbildung des Profilbildes angeregt wird (Joh. Esaias Nilson, Radierung, um 1775–80: [3] Abb. 5 S. 289 und Marianne Schuster, J. E. N., Mchn. 1936, Kat.Nr. 385; Relief von L. Mouchy in den Mus. Roy. zu Brüssel: [2] Abb. 10; Joh. Erdmann Hummel, Karton zu einem verlorengegangenen Gem., 1834, Erfurter Priv.bes.: [3] Abb. 10 S. 293). Schadow stellte im Relief an seinem Berliner Wohnhaus den Vater dar, der das Profilbild des Jünglings modelliert [3, Abb. 11 S. 294]. Ihres poetisch-sentimentalen Charakters wegen waren Darstellungen der E. in Almanachen beliebt, vgl. etwa die Abbildungen von Lips in „Iris“ Jg. 1803 und von Catel im Cottaschen „Taschenbuch für Damen“ 1806; auch in Stammbüchern begegnet man ihr oft (s. [3], S. 288ff., Abb. 6f.). Besonderer Gunst erfreute sich das Thema der E. bei Berliner Künstlern (zu den bei [3] genannten Beispielen ist die 1804 entstandene Lithographie von Joh. Friedr. Bolt hinzuzufügen [Abb. 4], außerdem der Kupferstich des Jean Ouvrier nach Joh. Eleazar Schenau, der auch durch seinen Titel – L’originalité de la Peinture ou les Portraits à la mode – bemerkenswert ist: Walter Stengel, Guckkasten. Altberliner Curiosa, Bln. 1962, S. 161f., Taf. 22).

Zu den Abbildungen

1. Gerard de Jode, Legendenversion über die Erfindung der Zeichenkunst. Kupferstich, 9,3 × 11,4 cm. Ill. zu L. Haechtanus (zugeschr.), Μιϰροϰοσμος Parvus Mundus, Mecheln 1579. Nach der Ausg. Arnheim 1609, Bl.Tijv, Kupfer 71, Fot. Walter Glock, München.

2 a und b. Joachim von Sandrart, Legendenversionen über die Erfindung der Zeichenkunst. Radierung, 32 × 21,3 cm. Aus J. v. Sandrart, Teutsche Academie usw., Nürnberg 1675, Teil 2, Ill. vor S. 3. Fot. St. Graph. Slg. München.

3. Jos. Bened. Suvée, Debutadeserzählung. Gem., Öl a. Lwd., 25,6 × 12,8 cm. Brügge, Stedelijk Mus. voor Schone Kunsten. Gegen 1800. Fot. Mus.

4. Joh. Friedr. Bolt (1769–1836), Debutadeserzählung. Lithographie, 25,5 × 17,6 cm. Aus „Polyautographische Zeichnungen Berliner Künstler“, Berlin 1804, Blatt 10. Fot. St. Graph. Slg. München.

Literatur

1. Pigler II, S. 335. – 2. Rob. Rosenblum, The Origin of Painting: A Problem in the Iconography of Romantic Classicism, The Art Bull. 39, 1957, 279–90. – 3. H. Wille, Die Erfindung der Zeichenkunst, in: Beiträge z. Kg., Fs. für H. R. Rosemann zum 9. Okt. 1960, S. 279–300.