Erdbogen

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englisch: Relieving arch, retaining arch; französisch: Arc de fondation (en décharge), arc renversé; italienisch: Arco di fondazione.


Walther Huber und Walter Haas (1964)

RDK V, 993–996


RDK V, 993, Abb. 1 a. Konstruktion von Erdbögen.
RDK V, 993, Abb. 1 b. Konstruktion von Erdbögen.
RDK V, 995, Abb. 2. Nürnberg, 1493.
RDK V, 995, Abb. 3. Leo von Klenze, um 1826. München.

Die Bezeichnung E. wird uneinheitlich für verschiedene Arten gemauerter Bögen im Grundbau (s. *Fundament) gebraucht: teils für Bögen, die unter der Erde (Terrain) liegen, teils für solche, die auf der Erde (Baugrund) aufsitzen, teils für solche, die gegen die Erde (Baugrund) gemauert sind. Den sehr unterschiedlichen Konstruktionen ist nur die Bogenform, die Lage im Fundament und die Anwendung bei schwierigen Untergrundverhältnissen gemeinsam; dennoch sind diese Bögen nicht nur einzeln E. genannt, sondern auch gelegentlich unter dieser Bezeichnung zusammengefaßt worden.

Das Wort E. war anscheinend in der bautechnischen Literatur des 17. Jh. noch nicht gebräuchlich. Nic. Goldmann spricht nur von „Bögen“ als einer Art des Fundamentbaues (Vollständige Anweisung zu der Civilbaukunst [hrsg. von Leonhard Christoph Sturm], Wolfenbüttel 1696, S. 65), während L. Chr. Sturm später, Augustin-Charles d’Avilers kommentierte Ausgabe von Vignolas „Architectura“ übersetzend und erläuternd, das Wort E. verwendete (A.-C. d’Aviler, Ausführliche Anleitung zu der gantzen Civil-Bau-Kunst, Augsburg 1725, S. 396f.). Die Autoren des 18. Jh. bezeichnen nur Spannbögen und die Bögen von Pfeilergründungen als E. (z. B. Chrn. Ludw. Stieglitz, Encyclopädie der bürgerlichen Baukunst Theil 2, Lpz. 1794, S. 60, 655 u. 660); erst im 19. Jh. wurden auch Gegenbögen so genannt (z. B. Oscar Mothes, Ill. Baulexikon Bd. 2, Lpz. 18824, S. 260). Diese jüngere Bedeutung verdrängte teilweise die ältere (Hdb. d. Archit. Teil 3, Bd. 1, Stg. 19013, S. 344; Lex. d. Baukunst Bd. 2, Bln. 1930, S. 383). Seit Stahlbetonkonstruktionen im Grundbau an die Stelle von Bögen getreten sind, ist die Bezeichnung E. – in allen ihren Bedeutungen – kaum mehr im Gebrauch.

Bei den E. genannten Konstruktionen sind drei Arten zu unterscheiden:

1. Bögen, auf denen aufgehendes Mauerwerk liegt; hierbei handelt es sich entweder um a) Bögen, welche die einzelnen Pfeiler, in die tiefgreifende Fundamente zur Ersparnis von Mauerwerk oft aufgelöst wurden, verbinden und zu durchgehenden Fundamentzügen zusammenfassen (Bögen von Pfeilergründungen, vgl. Abb. 1 a; Beispiele: Stadtmauern in Köln [Ende 12. Jh.; Inv. Rheinprovinz 7, 6, Stadt Köln 2, 4, S. 117], Paderborn [12. Jh.] und Rothenburg o. T. [14. Jh.; Ernst Eichhorn, Zur Baugesch. und Bedeutung der Befestigungsanlagen in der ehem. Reichsstadt Rothenburg o. T., Diss. phil. Erlangen 1947, S. 65 (masch.)], ferner das 1708 erbaute, 1953 nach Kriegszerstörungen abgebrochene Choralenhaus in Aachen), oder um b) Bögen, die Lücken im tragfähigen Baugrund (Felsspalten, Gräben, Dolinen, Brunnen u. dgl.) überbrücken und die Fundamentzüge über solche nichttragenden Stellen hinwegführen (Tragbögen, Sprengbögen). Beispiele: vgl. außer den bei Otto Piper, Burgenkunde, Mchn. und Lpz. 19123, S. 149, genannten Burgenbauten auch Burg Hohengeroldseck im Schwarzwald (M. 13. Jh.; Martin Hesselbacher in: Nachrichtenbl. d. Dpfl. in Baden-Württemberg 6, 1963, Abb. S. 5) und die Kaiserstallung auf der Burg in Nürnberg, 1493 (Abb. 2).

Solche Bögen sind meist als Segment-, seltener als Rundbogen ausgebildet und ragen gelegentlich auch über das Terrain heraus.

2. Bögen, welche unter dem Terrain zur Verspannung von Fundamenten angeordnet sind, ohne selbst aufgehendes Mauerwerk zu tragen (Spannbögen, auch „Spanner“); sie können außer als Rund- oder Segmentbögen auch als Scheitrechte Bögen ausgebildet sein. Beispiele:

Marienhafe, w Vierungspfeiler der Kirche, 13. Jh.; Speyer, Fundamentverstärkung des 18. Jh. im W-Bau des Doms; München, Allerheiligen-Hofkirche (Abb. 3).

3. Umgekehrte Bögen (Gegenbögen, Contrebögen), die mit dem Rücken nach unten gegen den Baugrund gemauert sind (vgl. Abb. 1 b) und bei wenig tragfähigem Grund die Aufgabe haben, die Mauern, welche sich auf ihre nach oben gerichteten Widerlager stützen, zu verspannen und die Gebäudelasten möglichst gleichmäßig auf eine größere Bodenfläche zu übertragen; diese Bögen haben fast ausschließlich Kreissegmentform. Häufiger als Gegenbögen, die nur Streifen des Untergrundes belasten, wurden Gegengewölbe unter der ganzen Fläche eines Gebäudes gebaut; als Beispiel sei die Gegentonne unter dem Ulmer Münsterturm, um 1880 eingebaut, genannt.

Ein geschichtlicher Überblick über die Verwendung von Pfeilergründungen, Sprengbögen, Spannbögen und Gegenbögen kann nicht aus dem Zusammenhang des Fundamentbaues herausgelöst werden, s. daher *Fundament.

Zu den Abbildungen

1 a. Bögen von Pfeilergründungen. Zchg. W. Huber, Karlsruhe.

1 b. Gegenbögen. Zchg. W. Huber, Karlsruhe.

2. Nürnberg, Kaiserstallung, Fundament der s Außenmauer. 1493. Fot. Hauptamt f. Hochbauwesen, Nürnberg, Nr. 10 421.

3. Leo von Klenze, Ausführungsplan für den Bau der Allerheiligen-Hofkirche in der Münchner Residenz. Federzchg., laviert. München, Stadt. Mus., Maillinger Slg. U/68 (Ausschnitt). Vor 1. Nov. 1826 (Datum der Grundsteinlegung). Fot. St.Gr.Slg. München.

Verweise