Entrelacs

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englisch: Strap-work; französisch: Entrelacs; italienisch: Intreccio.


Karl-Eugen Mummenhoff (1962)

RDK V, 799–807


RDK I, 115, Abb. 1. Welfenschatz, um 1200.
RDK I, 525, Abb. 1. Salzwedel, E. 13. Jh.
RDK II, 343, Abb. 6. Freiberg i. Sa., Dom.
RDK II, 1187, Abb. 5. Nowgorod, Sophienkirche, um 1150/55.
RDK II, 1291, Abb. 11. Brück a. d. Mur, 1626.
RDK II, 1303, Abb. 26. Prag, Palais Gallas, A. 18. Jh.
RDK II, 1373, Abb. 11. Um 1000. Berlin.
RDK II, 1377, Abb. 13. Hieron. Kösler, Königsberg, 1534.
RDK III, 327, Abb. 3. Wien, um 1560/70.
RDK III, 711, Abb. 3. Berlin, 4. Jh.
RDK IV, 157, Abb. 1. Halberstadt, 13. Jh.
RDK IV, 703, Abb. 1. Jacques Dautriche, um 1780, Neuilly.
RDK IV, 923, Abb. 2. Stuttgart, 14. Jh.
RDK V, 801, Abb. 1. Nürnberg, um 1180-90.
RDK V, 803, Abb. 2. Ch.-A. D'Aviler und P.-J. Mariette, 1750.
RDK V, 805, Abb. 3. Ch.-A. D'Aviler und P.-J. Mariette, 1750.

I. Begriff und Namen

E. (entrelas) ist ein französischer Fachausdruck für eine große Ornamentgruppe. Ein Ornament, das sich aus zwei oder mehreren Schnüren bzw. Bändern zusammensetzt, die sich in rhythmischer und motivisch gleicher Abfolge miteinander kreuzen oder verschlingen, wird im französischen Sprachgebrauch stets als E. bezeichnet. Auf diese Weise entsteht als Hauptform ein gestreckter Zierstreifen beliebiger Länge. Die verflochtenen Bänder können aber auch eine gewebe- oder netzartige Flächenfüllung bilden.

Das Wort entrelacs = Geflecht, Netzwerk, wird nur im Plural gebraucht. Es kommt im 12. Jh. in der Form entrelaz auf. Bis zum 19. Jh. war dann die Form entrelas gebräuchlich. Das Wort leitet sich von altfrz. entrelacier, heute entrelacer = verflechten her. Zugrunde liegt dabei das Verb lacer = verschnüren, festbinden aus lat. laqueare. Verwandt ist frz. lacet = Schnürband, lat. laqueus = Schlinge [1].

Im Gegensatz zum französischen Schrifttum wird der Ausdruck in der deutschen Fachliteratur nur selten gebraucht. Hier ist für die älteren Formen dieses Bandornaments, sei es als Streifen- oder als Flächenfüllung verwendet, der Ausdruck Flechtband oder Flechtwerk gebräuchlich, der der frz. Spezialbezeichnung E. nattés am besten entspricht. Für die jüngeren vielgestaltigen E.-Formen gibt es in der deutschen Literatur keine festgeprägten Begriffe. Doch findet sich der Ausdruck E. schon im Fachschrifttum des 18. Jh., z. B. in J. F. Penthers Anleitung zur bürgerlichen Baukunst von 1744 [2].

Dort heißt es auf S. 62: „Entrelas, durchbrochen Laubwerck ist, wenn von Metall, Holtz auch Stein zu einer Geländer-Brust-Lehne, oder sonst zu anderen Zierathen allerhand Züge und Laubwerck zusammen gesetzt, daß man zwischen durch sehen könne. Tab. XXX, Fig. 7, 8, 9, 10.“ An einzelnen Übersetzungen finden sich bei Penther: E. avec roses = durchbrochen Werck mit Rosen; E. = durchbrochene Züge; E. de roses et de rubans = Gurtwerck von Bändern und Rosen; E. ovales et plattebandes = Eyer-runde und glatte Verbrehmung.

Die Möglichkeit, durch verschiedene Arten des Kreuzens und Flechtens von mehreren Bändern Ornamente zu bilden, war nahezu unbegrenzt. Im Französischen gab es für eine Reihe von Grundformen der E. Spezialbezeichnungen, z. B. E. nattés, E. rubanés, E. en broderie, E. à la grecque, E. en guillochis, E. de platebandes, E. de balustres, E. ronds, E. à des feuillages und E. à des ceps de vigne. Außer den einer Fläche aufgelegten E. gab es aber auch solche, deren sich kreuzende oder verflochtene Bänder und Stege frei standen und selbst ein tragendes Gerüst bildeten. Diese wurden E. d’appui genannt. Ihre häufige Verwendung in der Architektur führte dazu, daß Balkongitter und Treppengeländer generell einfach als E. bezeichnet wurden, auch wenn die Zierformen solcher Brüstungen keineswegs Kreuzungs- oder Flechtmotive aufwiesen.

II. Verbreitung und Entwicklung

Die E. waren in der Ornamentik fast aller Kulturkreise verbreitet. In der griechischen Kunst traten verflochtene Bänder auf, die fortlaufende Reihen von Kreisen bildeten (E. ronds). Bei einer anderen Art waren Palmetten locker durch Bandschlingen gekoppelt. Auch der Mäander, sobald seine charakteristischen Formen durch zwei Linienzüge zustande kamen, rechnet hierher (E. à la grecque oder kurz grecque genannt). In der klassischen Zeit traten die E. zugunsten der Eierstäbe, Perlstäbe und Kymatien zurück, einzig der Mäander blieb von Bedeutung. Erst in der üppigen Zierweise des Hellenismus wurden sie wieder häufig verwendet. – Die gleichen Motive übernahm die römische Kunst.

Die E.-Formen, die im deutschen Sprachgebrauch am besten mit Flechtband und Flechtwerk beschrieben werden (s. d.), traten bereits in prähistorischer Zeit in Kleinasien auf. Auch sie fanden Eingang in die antike Kunst, und unter Einfluß der spätrömischen Kleinkunst gelangten sie in den germanischen Kulturkreis. Hier erlebten die E. als Flechtwerk ihre höchste Blüte von der merowingischen bis in die ottonische Zeit. Zugleich reichte ihre Verbreitung über ganz Europa. Wie in der romanischen Kunst aller Länder, so wurden die E. nattés oder Flechtbänder auch in Deutschland bis Ende 13. Jh. beibehalten. Erst in der hochgotischen Zeit, im 14. und 15. Jh., verschwanden sie sowohl in Frankreich als auch in Deutschland völlig. In der letzten Phase der Spätgotik kehrten sie ab und zu in den Kleinkünsten wieder. In Italien wurden die E. als Zierform immer verwendet. Seit der Mitte des Quattrocento waren es neben den anderen Ornamentformen der Antike die E. ronds und die E. à la grecque, die vorzugsweise im üppigen Dekor der italienischen Renaissance erschienen. Im nachfolgenden Manierismus traten daneben aus dem Flechtwerk entwickelte E.-Formen wieder häufiger auf. Damals begann die Kultur des Islam auf dem Wege über die türkische Kunst auf die breite Vermehrung der E.-Erfindungen Einfluß zu nehmen. Die von figürlichen und pflanzlichen Motiven freie islamische Ornamentik enthielt eine große Fülle von E.-Bildungen. Sie wurden ins Abendland – zunächst nach Frankreich – durch einen speziellen Ornamentstil, die Maureske, vermittelt. Die Weiterverbreitung aller neuen Formen und damit auch der E. erfolgte jetzt im 16. Jh. durch den Ornamentstich. Zugleich wurde der Motivvorrat der E. durch die zahllosen eigenen „Erfindungen“ der Künstler gewaltig vermehrt. So spielten sie auch bei der Entstehung des Beschlagwerks eine bedeutende Rolle. Die E. umfaßten jetzt vom rein graphischen Linienspiel über das Knotenwerk (vgl. die „Knotenspiele“ Leonardos und Dürers) und die flechtwerkartigen Gebilde aus breiten flachen Bändern bis zu Kombinationen aus Band und Schnur mit Blatt- und Blumenwerk alle Möglichkeiten dieses ornamentalen Grundmotivs. So blieb es auch im europäischen Barock. Als eigener Ornamentstil enthielt das Bandelwerk zahlreiche E.-Bildungen. Im 17. und 18. Jh. wurde die Proportionierung noch wesentlich freier: neben den schmalen E.-Streifen an Gebälk und Rahmen oder kleinteiligen E.-Füllungen von Flächen waren nun auch großzügig und schwungvoll gezeichnete E.-Motive möglich. Erst der Klassizismus verbannte den phantasievollen Formenvorrat wieder und kehrte zu den wenigen schon der Antike bekannten Motiven zurück.

III. Anwendung

Die E. traten bei allen Schöpfungen der bildenden Kunst so häufig auf, daß hier nur ganz wenige typische Beispiele für die Anwendungsarten genannt werden können. In der Architektur erlebten sie die erste ausgedehnte Verbreitung in der merowingisch-karolingischen Zeit an den sog. Flechtwerksteinen.

Z. B. Ambofragment aus Romainmôtier, wohl 7. Jh., im S.L.M. Zürich: RDK I 632, Abb. 3; Brüstungsplatte in S. Vitale zu Ravenna, Mitte 6. Jh.: RDK III 712, Abb. 4. Stellvertretend für die häufige Verwendung in der deutschen romanischen Baukunst sei hingewiesen auf die E.-Streifen an Kämpfern und Archivolten in der Doppelkapelle der Burg zu Nürnberg, um 1180–90 (Abb. 1).

Für die vielen E.-Streifen abwechslungsreichster Art der italienischen Renaissance, dort besonders häufig an den Kleinarchitekturen, sei als Beispiele auf die Kanzelkonsolen von Benedetto da Maiano in S. Croce zu Florenz (um 1474) und auf die Kanzeltreppe des Bartolommeo Neroni und Bernardino di Giacomo im Dom zu Siena (1543) hingewiesen (Jul. Baum, Baukunst und dekorative Plastik der Frührenss. in Italien [= Bauformen-Bibl. Band 11], Stg. 19262, S. 241 u. 309). In der französischen Baukunst des 16. Jh. sind als schöne Beispiele die Geländer des Lettners von St.-Étienne-du-Mont zu Paris (Mitte 16. Jh.) und die Brüstungen des Torbaues vom Schloß Anet (1552), beides E. d’appui, zu nennen. Die deutsche Baukunst des 16. Jh. verwendete die echten E. meist nur an untergeordneter Stelle. Weitaus häufiger waren die nahe verwandten Beschlagwerkstreifen oder durchbrochenen Beschlagwerkbrüstungen. Wie schon einmal in der Renaissance, so erlebten die E. eine umfassende Formausbildung in der Barockzeit. Damals wurden sie auch in die Architektur-Lehrbücher aufgenommen und eine Auswahl ihrer Formen als Vorlagen für mancherlei Bauglieder auf eigenen Tafeln zusammengestellt (Abb. 2 und 3).

In der Metallverarbeitung traten die E. ebenfalls in gleicher Gestalt auf.

Bronzetür der Sophienkirche zu Nowgorod, um 1150–55 (RDK II 1187/88, Abb. 5); silberner getriebener Buchdeckel aus Enger, um 1000, ehem. Berlin, Schloßmus. (RDK II 1374, Abb. 11); Tragaltar des Welfenschatzes, um 1200 (RDK I 115/116, Abb. 1); Buchdeckel des Hieronymus Kösler, 1534, in Königsberg, U. B. (RDK II 1378, Abb. 13). Komplizierte Bildungen in flächiger Ausdehnung weisen die Gitter aus Schmiedeeisen des 16. bis 18. Jh. auf, z. B. das Gitter vor den Fürstengräbern im Freiberger Dom (RDK II 344, Abb. 6), Brunnengitter in Bruck a. d. Mur, 1626 bzw. 1693 (RDK II 1292, Abb. 11); Brunnengitter im Hof des Palais Clam-Gallas zu Prag, A. 18. Jh. (RDK II 1303, Abb. 26).

Bei den Möbeln traten E. bereits an den ältesten bekannten Stücken der romanischen Zeit auf und hielten sich – mit einer Unterbrechung in der gotischen Zeit – bis zum Ende des Klassizismus.

Beispiele: das sog. Mindener Lesepult, um 1200, („Westfalen“ 22, 1937, S. 294 Abb. 1; S. 300 Abb. 10 und 11); Altarpult der Marienkirche zu Salzwedel, Ende 13. Jh. (RDK I 525, Abb. 1); stellvertretend für zahllose Möbel des 18. Jh.: ein Eckschrank um 1780 (RDK IV 703, Abb. 1).

Einen besonders reichhaltigen Vorrat an E.-Formen besaß die Buchmalerei. Beginnend mit den prächtigen Initialen der irischen Buchmalerei über karolingisch-ottonische Handschriften bis zu Miniaturen und Initialen des 12. und 13. Jh. waren E. in großer Zahl in Streifen- oder Flächenform vertreten. Sie hielten sich auch noch im 14. Jh. (so Cod.Bibl. XIII 11 der Stuttgarter L.B.: RDK IV 924, Abb. 2). – Das gleiche lange Festhalten an E.-Gebilden läßt sich in der Glasmalerei beobachten. Hier waren es die Bleistege, die zu entsprechenden Mustern, mit farbigen Gläsern gefüllt, zusammengesetzt wurden: z. B. eine Blankverglasung aus dem Kloster Eberbach, 12. Jh., jetzt Wiesbaden, L.M., und als spätes Stück die hll. Lambertus und Pankratius aus Köln, um 1320, jetzt im G.N.M. (Wentzel, Meisterwerke, Textabb. S. 14 und Abb. 128). – Von der Technik der Verarbeitung her sich anbietend, fehlten E. selbstverständlich nicht bei den Werken der Textilkunst aller Jahrhunderte (z. B. Kelchdecke im Domschatz zu Halberstadt, 13. Jh.: RDK IV 158, Abb. 1; Caperation um 1560–70 in der Wiener Waffensammlung: RDK III 327/28, Abb. 3; Tapete aus Silberbrokat, 2. H. 18. Jh., ehem. Berlin, Schloßmus., mit locker gefügten E.-Ranken: RDK II 1220).

In der französischen Gartenkunst der Renaissance und des Barock wurden auch die Ornamente aus Blumen oder immergrünen Pflanzen auf den Teppichbeeten als E. bezeichnet.

Zu den Abbildungen

1.Nürnberg, Kaiserliche Burg, Emporenstützen im Obergeschoß der Doppelkapelle. Um 1180–90. Fot. Lala Aufsberg, Sonthofen, 58 571.

2. und 3. Ornamentstiche aus Charles-Augustin D’Aviler, Cours d’Architecture, neue Ausgabe von Pierre-Jean Mariette, Paris 1750: Taf. B zum Kap. „Des Ornemens des Moulures“ (S. 11, Ausschnitt) und Taf. 96 zum Kap. „Divers entrelas d’Apui“ (S. 361). Fot. Verf.

Literatur

Zur Etymologie: 1. Ernst Gamillscheg, Etymol. Wörterbuch der frz. Sprache, Heidelberg 1928, S. 367 u. 546.

Zum Begriff und zur Anwendung: 2. Joh. Friedrich Penther, Erster Theil einer ausführlichen Anleitung zur bürgerlichen Bau-Kunst enthaltend ein Lexicon Architectonicum oder Erklärungen der üblichsten Deutschen Frantzösischen Italiänischen Kunst-Wörter der bürgerlichen Bau-Kunst, Augsburg 1744. – 3. Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences etc. Bd. 5, Paris 1755, S. 731. – 4. Gr. Enc. Bd. 15, S. 1187 (Charles Lucas). – 5. Havard Bd. 2, Sp. 425f., Abb. 319–22. – 6. Viollet-le-Duc, Architecture Bd. 5, S. 270; Bd. 8, S. 174–80 m. Abb. – 7. Camille Enlart, Manuel d’archéologie française Bd. 1, Paris 1919, S. 201. – 8. Louis Hautecœur, Hist. de l’archit. classique en France Bd. 1, Paris 1943, S. 466-68.