Engobe

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englisch: Engobe, white slip; französisch: Engobe; italienisch: Ingobbio.


Adalbert Klein (1961)

RDK V, 707–712


RDK V, 709, Abb. 1. Düsseldorf, 1706.
RDK V, 711, Abb. 2. Düsseldorf, Anf. 19. Jh.

I. Name und Begriff

E. (= Anguß oder Beguß, von frz. engober [la pâte] = [die Ware] angießen; engl. slip) bezeichnet eine mit Erdfarbe oder Metalloxyden gefärbte, durch Zusatz von Wasser flüssige Tonmasse, die bei der Herstellung von Irdenware (als einfachster Gattung der Keramik) als Anguß zur farbigen Gestaltung der Oberfläche dient. Die E. unterscheidet sich von der Glasur dadurch, daß keine weiteren Flußmittel verwendet werden.

II. Technik

Ton, wie er zur Herstellung einfacher Irdenware benutzt wird, kann durch farbige Erden (z. B. weißen Ton weißlich, Ocker gelblich) oder durch Metalloxyde (z. B. Eisenoxyd rötlich) so bestimmt werden, daß er im Brand je nach Temperaturhöhe eine entsprechende Farbe erhält. Dem Ton wird soviel Wasser zugesetzt, daß ein dünner Tonbrei (Tonschlicker, Tonmilch) entsteht. Mit diesem Schlicker kann ein geformtes Tonerzeugnis, z. B. ein Gefäß, nachdem es getrocknet ist und sich in lederhartem Zustand befindet, versehen werden. Das geschieht durch einen Anguß oder durch Eintauchen des Gefäßes in den Schlicker. Diesen Vorgang nennt man engobieren. Das getrocknete Gefäß saugt das Wasser auf, die E. bleibt als dünne Schicht haften. Wichtig ist, daß die E. möglichst viel Grundmasse des Gefäßes enthält; um so besser ist ihr Haften. Bei der Schwindung während des Trocknens und Brennens muß eine genaue Übereinstimmung des Schwundmaßes der Masse bestehen. Mit der E. versehen, wird das Gefäß wiederum getrocknet und in einem Brand bei 800–1050° gargebrannt. Im Brand verbindet sich die E. ganz mit der Tonmasse des Gefäßes. Diese ist meist gröber und wird durch die E., die ebenfalls matt wirkt, veredelt.

Vielfach wird vor dem Brand ein Schmuck angebracht. Es sind Ornamente, figürliche Darstellungen oder Inschriften, die in die E. eingeritzt oder ausgespart und zugleich eingeritzt (Sgraffito) oder mit andersfarbiger E. in ausgesparte Teile eingelegt (Inkrustation) – oder auch, oft leicht erhaben, aufgetragen werden. Das Aussparen und Einritzen der z. B. weißlichen E. läßt die z. B. rötliche Tonmasse des Gefäßes wieder sichtbar werden. Das Auftragen bzw. Aufmalen geschieht entweder mit der Gießbüchse (dem „Malhörnchen“, einem Tonbehälter mit kleiner Öffnung; es ist ein Vorgang, der dem Verzieren eines Kuchens durch Sahne mit Hilfe einer Tüte ähnelt) oder mit dem Pinsel. Auf die engobierten Stellen und Flächen kann ebenfalls vor dem Brand mit andersfarbiger E. oder mit anderen keramischen Farben (z. B. Kupferoxyd grün mit Zusatz von Flußmitteln) gemalt werden.

Mit der E.-Technik verbindet sich vielfach eine transparente, oft auch leicht gefärbte Bleiglasur, mit der das engobierte Gefäß vor dem Brand durch Eintauchen überzogen wird. Die Glasur läßt die Grundfarbe des Gefäßes und die E. satter und leicht getönt erscheinen.

Eine besondere Art der E.-Technik stellt die Sinter-E. dar. Der engobierte Gegenstand, z. B. Dachziegel, wird bei so hoher Temperatur gebrannt (Brennhöhe nach Eigenart des Tons), daß eine Oberflächensinterung eintritt, d. h. daß die E. zu sintern beginnt. Sintern bezeichnet den Vorgang vor dem Schmelzen; es verursacht einen mehr oder weniger starken Glanz auf der Oberfläche.

E. wird in jüngerer Zeit auch beim Steinzeug zur Erzielung verschiedenfarbiger Wirkung sowohl bei der Salzglasur wie bei anderen Glasuren verwendet. – In der Baukeramik dient die E. dazu, dem oft verschiedenartigen Material eine gleichmäßig getönte Oberfläche zu geben [6, S. 2f.].

E. darf nicht mit anderen feinen Tonüberzügen als Veredlungsverfahren in der Keramik verwechselt werden. Es gibt Tonüberzüge, die auf Grund besonderer Brenntechnik ihre Farbe (z. B. schwarz oder rot) und ihren Oberflächencharakter (z. B. Glanz) erhalten sowie eine Dichte des Gefäßkörpers erzielen, wie bei der sog. Terra sigillata der Römer oder bei den schwarz- oder rotfigurigen Vasen der Griechen.

III. Geschichte der E.-Technik in der künstlerischen Gestaltung

Die E. war bereits in den frühen mesopotamischen und ägyptischen wie in den ostasiatischen Kulturen bekannt. Sie ist älter als die durch eine besondere Brenntechnik bedingten feinen Tonüberzüge (s. II). In Europa erscheint sie bereits in der Frühgeschichte.

In Deutschland kommt die E., soweit heute bekannt, zuerst in der Eisenzeit als Verzierungsart der Hallstattkultur (z. B. in Schlesien, 750–400 v. Chr., und Württemberg, 800–400 v. Chr.) vor, und zwar als Bemalung mit Ornamenten. Da die Bemalung der Keramik bei den Germanen sonst nicht bekannt war, ist die Anwendung der E. bei den Töpfereien der rheinhessischen Wangionen (um Chr. Geb.) eine Besonderheit. Die Technik tritt dann wieder in Form von Strichornamenten in der rheinischen Pingsdorfer Keramik (9.–11. Jh.), wie sie in Pingsdorf b. Köln gefunden wurde, hervor, dann in der rheinischen Keramik romanischer Zeit. Im MA finden wir die E. auch in der englischen Irdenware; in Frankreich wurde die E.-Technik im 13. Jh. auf bleiglasierten Fliesen weiter ausgebildet. Während in der deutschen Spätgotik nur vereinzelte Beispiele nachzuweisen sind (z. B. im Alpenland: Frz. Wolter, Fs. des Münchner Alt.Ver., Mchn. 1914, S. 25–27), nimmt Deutschland im 17. Jh. die E.-Technik in breiterem Maße wieder auf, nun parallel mit Frankreich (Beauvais) und England („Toft“ware, Staffordshire).

Den Höhepunkt in der deutschen Entwicklung bildet die niederrheinische Irdenware des späten 17. und des 18. Jh. Es sind Werke von Bauerntöpfern, die sich z. T. über die Bedeutung von Volkskunst erheben. Im Mittelpunkt steht das Hülser Bergland bei Krefeld (Abb. 1) mit den Orten Hüls, Tönisberg, Schaephuysen, Wickrath, Sevelen u. a., ferner Duisburg und Frechen b. Köln. Unter den Meistern der Werkstätten sind besonders Gerrit Evers und Dirk Hamans in Wickrath zu nennen. Andere Gebiete der engobierten Irdenware sind: Westfalen, Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Rheinpfalz, Badischer Schwarzwald, Nieder- und Oberösterreich sowie Tirol, Schlesien und Hessen, z. B. Wanfried und Marburg (Abb. 2), die alle in der Zeit vom 17. bis zum frühen 19. Jh. ihre besondere Eigenart der Bauerntöpferei entwickelt haben. Gleich einer internationalen Welle fand die E.-Technik in der europäischen Bauerntöpferei des 18. Jh. (Frankreich, Belgien, Holland, Skandinavien, Südosteuropa) Verbreitung.

In Hessen lebte die traditionsgebundene Art der Bauerntöpferei bis in das 20. Jh. fort. Verschiedene Künstler (z. B. Bernh. Schneider, Peter Bertlings, Jos. Hehl, Claus Barthelmeß) bemühten sich erfolgreich in Hessen und im Rheinland um die Wiederbelebung und Weiterentwicklung der E.-Technik.

Zu den Abbildungen

1. Düsseldorf, Hetjens-Mus. Inv.Nr. 1935/25, Schüssel mit (ungedeutetem) Wappen. Engobierte und bleiglasierte Irdenware, Dm. 64 cm. Hüls (Niederrhein), sign. u. dat. „H V 1706“. Fot. Mus.

2. Düsseldorf, Hetjens-Mus. Inv.Nr. 1938/49, kleine Milchkanne. Engobierte und bleiglasierte Irdenware, 15 cm h. Marburg a. d. L., Anf. 19. Jh. Fot. Mus.

Literatur

Zu I.: 1. William Bowyer Honey, European Ceramic Art from the End of Middle Ages to about 1815. A Dictionary of Factories, Artists, Technical Terms etc., London (1952). – 2. Georges Fontaine, La Céramique française, Paris 1946.

Zu II.: 3. Herm. Hecht, Lehrbuch der Keramik, Bln. 19302. – 4. Max Laeuger, Keramische Kunst, Pinneberg 1939.

Zu III. ferner: 5. Frdr. Jaennicke, Grundriß der Keramik in Bezug auf das Kunstgewerbe, Stg. 1879. – 6. Rich. Borrmann, Die Keramik in der Baukunst (= Hdb. d. Archit. I, 4), Lpz. 1908. – 7. Frdr. Deneken, Die Sammlung niederrheinischer Thonarbeiten, Krefeld 1914. – 8. Otto Pelka, Keramik der Neuzeit (= Monogr. d. Kgwb. 17/18), Lpz. 1924. – 9. Hans Karlinger, Dt. Volkskunst (Erg. Bd. z. Propyläen-Kg.), Bln. 1938. – 10. Walter Dexel, Dt. Handwerksgut (Erg.Bd. z. Propyläen-Kg.), Bln. 1939. – 11. W. B. Honey, The Art of the Potter, London o. J. (um 1946). – 12. Helm. Theod. Bossert, Ornamente der Volkskunst 2: Keramik, Holz, Metall u. a., Tübingen 1952.

Verweise