Enfilade

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englisch: Enfilade, suite of rooms; französisch: Enfilade de salons; italienisch: Infilata, fuga di stanze.


Luisa Hager (1960)

RDK V, 333–340


RDK IV, 1491, Abb. 22. G. F. Riedel, 1767, Ludwigsburg.
RDK V, 333, Abb. 1. Joh. Bernhard Fischer von Erlach, 1721.
RDK V, 335, Abb. 2. Berlin-Charlottenburg, um 1710.
RDK V, 337, Abb. 3. Berlin-Charlottenburg, 1695ff. u. 1702-13.
RDK V, 339, Abb. 4. München, 1730-37 (z. T. zerst.).

I. Begriff

Die E. (von enfiler = einfädeln, aufreihen) besteht in der Reihung gleichartiger Räume mit korrespondierenden Verbindungstüren, die die Durchsicht durch die Zimmerflucht gewähren. Die axiale Anordnung von Räumen eines Appartements mit sich entsprechenden Zwischentüren heißt daher „en enfilade“. Im weiteren Sinn verstand man unter dem Begriff E. auch die Abfolge von Bauten (Nebengebäuden) in einer Achse (vgl. Ehrenhof). In die Gliederung des barocken Gartens mit seinen nach allen Seiten ausstrahlenden Alleen und den „chambres de verdure“ spielte die E. ebenfalls hinein, indem ihre Durchsichten zuweilen die Raumfluchten der Appartements nach außen fortsetzten. Endlich stellte man zuweilen auch Ehrenpforten en enfilade auf (RDK IV 1487 sowie Sp. 1491, Abb. 22).

II. Geschichtliche Entwicklung und Funktion

Die künstlerische Voraussetzung für die Entwicklung der E. schuf die Renaissance mit der straffen Organisation und Systematisierung von Grundriß und Aufbau nach den Gesetzen der Symmetrie und Axialität im Gegensatz zur willkürlichen Grundrißbildung der ma. Anlagen.

Unmittelbarer Anlaß zur Entwicklung der E. war dann der Zwang der höfischen Etikette, die unter dem Einfluß Burgunds durch Karl V. in Spanien ihre eigentliche Ausbildung gefunden hatte und im 17. und 18. Jh. schließlich von den großen und kleinen Fürstenhöfen Europas übernommen wurde. Die axiale Verbindung der Wohn- und Festräume im Palast- und Schloßbau ermöglichte den reibungslosen An- und Ablauf des höfischen Zeremoniells als Ausdruck der Repräsentation und des herrschaftlichen Anspruchs.

Die Gepflogenheit kam aus Italien, wo die strenge Ordnung der Raumfolge entwickelt wurde (Bramante). Aber die „fuga delle stanze“ bestand zunächst in einfacher Reihung der Räume, wobei die Zimmer von den Korridoren an der Hofseite zugänglich sind und die Anlage der Türen oft eine zufällige ist. Die folgerichtigste Ausdeutung fand der Begriff der E. zunächst in der französischen Schloßbaukunst, die über Serlio und Ducerceau die räumlichen Errungenschaften Italiens aufnahm und weiterentwickelte. Mit der Bevorzugung der horizontal ausgerichteten Flügelanlagen und der Zusammenfassung von Räumen gleicher Bestimmung zu Appartements wurde die E. Kernproblem der französischen Grundrißbildung im 17. und 18. Jh. „Il faut surtout que les enfilades régnent d’une extrémité du bâtiment à l’autre ...“, heißt es bei Blondel, und Jombert fordert, „que toutes les portes des principaux appartements forment une enfilade“. Die Haupt-E. bildeten dabei die für den Empfang der Gäste vorgesehenen Paradeappartements, damit der Eintretende im Durchblick die Pracht der Ausstattung genieße: „pour que, de l’enfilade principale, on puisse y jouir du coup d’oeuil des ornements, de la diversité des matieres, de la richesse des ameublements et qu’à l’aspect de ces beautés rassemblées, les étrangers qui viennent visiter la demeure des Grands, puissent emporter une idée satisfaisante de l’opulence du Propriétaire, du goût de l’Architecte, et du talent des Artistes, qu’il aura sçu associer à ses entreprises“ [6, S. 209]. Eine Hauptforderung der französischen Architekturtheorie war zudem auch die rhythmische Abfolge und Beziehung der einzelnen Zimmerreihen zueinander in der Weise, daß die Grundrißdisposition für den Durchschreitenden überschaubar blieb: „Le principal objet de la disposition intérieure d’un Edifice, est d’observer, que les enfilades les plus essencielles s’allignent les unes avec les autres, de maniere, que, des pieces de parade et de celles de société, on puisse, non-seulement jouir de toute l’étendue de l’intérieur du Bâtiment et de ses dehors, mais aussi de sa profondeur“ [6, S. 193].

Auch in der deutschen Baulehre fand die E. bereits im 17. Jh. Verbreitung. So bringt Jos. Furttenbach d. Ä. in dem „Grundriß eines adeligen Schlosses“ [1, Taf. 12] schon die Verbindung der Zimmer untereinander, denn die „Zimmertüren sollen sämtlich nacheinander respondiren“. Entsprechend forderte der Hugenotte Charles Philippe Dieussart, dessen „Theatrum architecturae civilis“ [3] von starkem Einfluß auf Paul Decker und J. L. Dientzenhofer war, daß „allezeit von einem Gemach zum andern, alle Thüren auffeinander correspondiren, dergestalt, daß, wenn sie alle offen sind, von einem biß zum andern Ende, alle Gemächer durch können gesehen werden, welches ohne die Regularität deß Sommers eine grosse Anmütigkeit, weil die Lufft auß einem ins ander Gemach, desto besser durchstreichen kan, verursachet“ [34, S. 95]. – Im deutschen Spätbarock nahm dabei die monumentale Ausprägung der E. durch ihre Verbindung mit den Festsälen und dem Haupttreppenhaus eine großartige Entwicklung. Auch in den übrigen europäischen Ländern beherrschte die E. im 17. und 18. Jh. den Schloßbau.

In engem Zusammenhang mit dem Begriff der E. stand die Einführung der dégagements oder Nebenausgänge (über Passagen oder kleine Treppen), die ein Entweichen aus den langen Raumfluchten ermöglichten [4].

III. Beispiele

Frühe Beispiele der E. in der italienischen Baukunst sind Sangallos Palazzo Farnese (1534ff.; [9] Abb. 138) mit einer Flucht von sieben Gemächern und die Zimmerflucht des Palazzo Borghese (1590ff.; [9] Abb. 139) mit der zur Wahrung der Durchsicht schräg durch die Räume gelegten Fluchtlinie, sowie der Palazzo Barberini mit drei großen Fluchten [9, Abb. 140]. Weit überlegen in der rhythmischen Raumverbindung zeigen sich die französischen Grundrisse bereits mit Vaux-le-Vicomte (1657–60), wo in der Querachse des Ovalsaales je drei Säle folgen, durch die der Blick gleitet. In Versailles bilden die königlichen Appartements in den Seitenflügeln die Haupt-E.

Frühe deutsche Beispiele für die großzügige Verwendung der E. bieten Schloß Raudnitz in Böhmen (Franc. Caratti 1653–80; Inv. Böhmen 27, 2, Abb. 8) und Schloß Osnabrück (1668ff., wohl ebenfalls nach Plänen eines Italieners; Inv. Prov. Hannover IV, 2, Abb. 227). Aber schon die von Korridoren begleiteten Raumfluchten der sog. Maximilianischen Residenz in München (1611–18) weisen korrespondierende Türen in der Längsachse auf.

Im Schloß Schönbrunn bei Wien (J. B. Fischer von Erlach, 1696ff.) erstreckten sich die Fluchten der Wohn- und Gesellschaftsräume zu Seiten des ursprünglich quer durch das Corps de logis geführten, tiefen Festsaales – der unter Maria Theresia als Große und Kleine Galerie umgebaut wurde – von Lichthof zu Lichthof (Abb. 1).

Tiefe E. hatte der Schlüterbau des Berliner Schlosses. Die langen Zimmerfluchten an der Gartenseite des Schlosses Charlottenburg in Berlin (Abb. 2 und 3) entwickelten sich zu seiten des ovalen Saales, der mit je zwei anschließenden Räumen vom älteren Bau in den Neubau von 1705/10 übernommen wurde.

Eine der in der Ausstattung großartigsten E. schenkte dann François Cuvilliés d. Ä. der Münchner Residenz (Abb. 4) bei dem Umbau des Ost- und Südflügels am Grottenhof, 1730–37, mit einem Durchblick von der Grünen Galerie durch das Innere Audienzzimmer, das Konferenz- und das Schlafzimmer in das Spiegel- und das Miniaturenkabinett. Die Tiefenwirkung der E. erhöhten noch Spiegel an den Abschlußwänden. Im Neuen Schloß Schleißheim bildet die „Schöne Galerie“ die Verbindung der großen Wohnfluchten des Kurfürsten und der Kurfürstin an der Gartenseite (1696ff., Enrico Zuccalli, Robert de Cotte, Jos. Effner); durch den an der Seite des Ehrenhofs anschließenden Festsaal ist eine unmittelbare Verknüpfung der E. mit der Prunktreppe und dem Vestibül erreicht. Die berühmte Durchsicht in den Repräsentationsräumen an der Gartenfront der Würzburger Residenz (um 1730) geht auf einen Vorschlag de Cottes von 1723 zurück. Zu den zahllosen Beispielen für E. gehören ferner die Zimmerfluchten des Schlosses Bruchsal und die große E. der Residenz in Bonn.

Zu den Abbildungen

1. Schönbrunn b. Wien, „Grundriß von dem Kaiserl. Jacht-hause“, 1696ff. Oberes Drittel des Planes aus J. B. Fischers von Erlach „Entwurff einer Historischen Architectur“, Wien 1721, Buch IV Taf. 4. Nach Hans Sedlmayr, F. v. E. d. Ä., Mchn. 1925, Taf. 66.

2. Berlin-Charlottenburg, Grundriß des Schlosses Charlottenburg, um 1710. Dresden, Inst. f. Dpfl., Mappe 63. Fot. Inst. f. Dpfl., Dresden.

3. Berlin-Charlottenburg, Schloß, Durchblick vom Schlafzimmer Friedrichs I. bis in das getäfelte Eckzimmer. Bau von Joh. Arnold Nering, 1695ff., und Joh. Frdr. Eosander v. Göthe, 1702–13, mit zeitgenöss. Einrichtung. Fot. Verwaltung der ehem. Staatl. Schlösser u. Gärten, Berlin.

4. München, Residenz, Durchblick durch die „Reichen Zimmer“ von dem Spiegelkabinett zur Grünen Galerie (teilzerst. 1944). Um 1730–37 von François Cuvilliés d. Ä. Fot. Schlösserverwaltg., Mchn.

Literatur

A. Quellen: 1. Jos. Furttenbach d. Ä., Architectura recreationis usw., Augsburg 1640. – 2. Roland Fréart de Chantelou, Sieur de Chambray, Parallèle de l’architecture antique avec la moderne, Paris 1650. – 3. Charles Philippe Dieussart, Theatrum architecturae civilis, Güstrow 1679; Bamberg 16974, hrsg. von Joh. Leonh. Dientzenhofer. – 4. Charles-Augustin D’Aviler, Cours d’architecture etc. Bd. 2 (= Dictionnaire d’architecture etc.), Paris 1693, S. 83 und 95. – 5. Charles-Étienne Briseux, Architecture moderne ou L’art de bien bâtir pour toutes sortes de personnes, 2 Bde., Paris (Cl. Jombert) 1728, bes. Bd. 1 Teil 2: Des distributions. – 6. Jacques-François Blondel, Cours d’architecture ou Traité de la décoration, distribution et construction des bâtiments, Bd. 4, Paris 1773, S. 185–332.

B. Schrifttum: 7. Kurt Cassirer, Die ästhetischen Hauptbegriffe der französischen Architektur-Theoretiker von 1650–1780, Diss. Mchn. 1909. – 8. Victor Curt Habicht, Die deutschen Architekturtheoretiker des 17. u. 18. Jh., Zs. f. Architektur u. Ingenieurwesen 61 (N.F. 21), 1916, Sp. 1–30 u. 261–88; 63 (N.F. 22), 1917, Sp. 209–44. – 9. Hans Rose, Spätbarock, Mchn. 1922, S. 164ff. – 10. A. E. Brinckmann, Die Baukunst d. 17. u. 18. Jh. i. d. roman. Ländern (= Hdb. d. Kw.), Wildpark-Potsdam 19315. – 11. Martin Wackernagel, Die Baukunst d. 17. u. 18. Jh. i. d. german. Ländern (= Hdb. d. Kw.), Wildpark-Potsdam 19324. – 12. Louis Hautecœur, Hist. de l’architecture classique en France Bd. 3 u. 4, Paris 1950 u. 1952.

Verweise