Eiskanne

Aus RDK Labor
Wechseln zu: Navigation, Suche

englisch: Cooler; französisch: Cruche à rafraichissoir; italienisch: Boccale (con dispositivo per raffreddare).


Hermann Jedding (1957)

RDK IV, 1171–1173


RDK IV, 1171, Franz Gondelach, 1695-99, Kopenhagen.

I. Begriff

E. ist die Bezeichnung für eine Kanne, die gleichzeitig als Kühlgefäß dient. Ihr Inhalt wird durch Eis oder Eiswasser, das man von außen in eine größere Einbuchtung, Vertiefung oder einen Einsatz des Gefäßes füllt, temperiert.

E. waren zu keiner Zeit verbreitete Gebrauchsgegenstände, sondern wurden meist nur in höfischen oder wohlhabenden Kreisen verwendet und in historischer Zeit fast ausschließlich in Ländern benutzt, in denen Eis natürlich gewonnen werden konnte, also vorwiegend in Mittel- und Nordeuropa (s. auch Eiskeller). Die wenigen erhaltenen Beispiele stammen alle aus der Zeit des Spätbarock.

II. Antike und Mittelalter

Die meist als Samowar bezeichneten Bronzegefäße der römischen Antike, die zur Bereitung der Calda dienten, weisen eine den E. ganz ähnliche Einrichtung auf. Hier ist ein nach außen geöffneter Zylinder schräg von der Wandung des Gefäßes zum Boden geführt bzw., wie bei einem kesselartigen Samowar in Pompeji, senkrecht eingesetzt. Daß er zur Aufnahme glühender Kohle diente, um das Getränk zu erwärmen, beweist ein Rost in seinem Boden. Es scheint ausgeschlossen, daß ein solches Gefäß durch Einfüllen von Eis oder Schnee in die Röhre ebenfalls zum Kühlen des Inhalts verwendet werden konnte, wie Rich. Engelmann (Pompeji [= Berühmte Kunststätten 4], Lpz. 1898, S. 59) meint. Über den Samowar in Pompeji vgl. auch Joh. Overbeck u. Aug. Mau, Pompeji, Lpz. 18844, S. 443 u. Abb. 240. – Über den in Avenches: Otto Schulthess, Jb. d. Arch. Inst. 26, 1911, 311–13, und William Cart, A.S.A., N.F. 14, 1912, 147–53.

Aus dem MA muß eine persische Glasflasche mit reicher Emailmalerei vom Ende 13. Jh. erwähnt werden, die heute in der Slg. Ernesto Wolff in Buenos Aires ist. In die Gefäßwand der Flasche ist eine Glasblase zur Aufnahme von Eis oder Eiswasser eingeschmolzen. Daß in Persien Eis bereits im 10. Jh. durch besondere Anlagen erzeugt wurde, ist überliefert (Charles K. Wilkinson, Water, Ice and Glass, The Metropol.Mus. of Art Bull. N.S. 1, 1942, 175 bis 183). Diese Form der Eisflasche hat sich bis heute erhalten, wie moderne italienische Beispiele zeigen.

III. Neuzeit

Als Vorstufe der neuzeitlichen E. kann wegen der verwandten Einrichtung ein Weinkühler gelten, eine oberösterreichische Hafnerarbeit aus dem A. 16. Jh. im Mus. f. K. u. Gew. in Hamburg (aus Slg. Lanna): bei dem doppelwandigen zylindrischen Gefäß dient der innere Zylinder zur Aufnahme des Weins, während das Eiswasser durch eine besondere Öffnung in den äußeren gefüllt wurde. Durch zwei mit A(qua) und V(inum) bezeichnete Spundlöcher über dem Boden konnten die Flüssigkeiten entnommen werden (Kat. Konr. Hüseler 1938, S. 28f.).

Die imposantesten Beispiele neuzeitlicher E. sind drei Gefäße aus Glas mit reichem Tief- und Hochschnitt von dem Kasseler Glasschneider Franz Gondelach [1; 2; 3]. Sie befinden sich im Schloß Rosenborg in Kopenhagen (um 1695 bis 1699; Abb.), in den Gräfl. Schönbornschen Sammlungen im Schloß Pommersfelden (1715) und im Kreml in Moskau (aus dem Besitz Peters d. Gr.; um 1716). Die schlanken Kannen auf glockenförmigem Fuß, mit steilem Griff und geschwungenem Ausguß, sind mit einem von oben eingeschraubten Silbergefäß zur Aufnahme des Eises versehen.

Ähnlich in Form und Ausstattung werden auch die barocken Eiskannen aus Silber gewesen sein. In dem 1715 aufgestellten Inventar des Silberschatzes König Friedrichs I. im Berliner Schloß sind allein fünf „Eiskrüge, worin eine Flasche und Trichter“ sowie „zwei Eisträger, inwendig zwei Flaschen mit Schrauben wie auch zwei Trichter“ aufgeführt, und im Verzeichnis von 1742 (Silberschatz König Friedrich Wilhelms I.) ist „ein Eiskrug, inwendig eine Flasche mit einem Deckel und Trichter“ neu hinzugekommen (Paul Seidel, Der Silber- und Goldschatz der Hohenzollern im Kgl. Schlosse zu Berlin, Bln. [1895], S. 6, 13, 16f., 32). Die 1745 auf Anordnung Friedrichs d. Gr. eingeschmolzenen Silbergefäße wurden, wie aus den erhaltenen Beständen zu schließen ist, wahrscheinlich von einem Mitglied der Augsburger Goldschmiedefamilie Biller gegen 1700 angefertigt.

Zur Abbildung

Franz Gondelach (Gundelach, 1663–1716), Eiskanne. Glas (krank) mit Tief- und Hochschnitt, 46,7 cm h.; eingeschraubtes Silbergefäß für Eis. Wappen Dänemark und Hessen, Faunsmaske, auf dem Deckel der Elefant des dänischen Ordens. Kopenhagen, Schloß Rosenborg-Mus., Inv.Nr. 9–101. Um 1695 bis 1699. Fot. Mus.

Literatur

1. Gustav E. Pazaurek, F. Gondelach, der bedeutendste deutsche Glasschneider und seine Rivalen (= Keramik- und Glasstudien H. 1), Bln. 1927, S. 23–29. – 2. Otto von Falke, Pantheon 2, 1928, 363; 376–78. – 3. Heinr. Kohlhaußen, Zwei Eiskannen Gondelachs aus fürstlichem Besitz, Pantheon 2, 1928, 454f.

Verweise