Eisglas

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englisch: Frosted glass; französisch: Verre craquelé; italienisch: Vetro ghiacciato.


Hermann Jedding (1957)

RDK IV, 1167–1171


RDK IV, 1167, Abb. 1. Frankfurt a. M., 1. H. 16. Jh.
RDK IV, 1169, Abb. 2. Frankfurt a. M., 1630-50.
RDK IV, 1169, Abb. 3. Frankfurt a. M., 17.-18. Jh.

I. Begriff und Namen

Man nennt E. (geeistes Glas, gefrorenes bzw. befrorenes Glas, krakeliertes bzw. Krakeleeglas [frz. verre craquelé], Krokodilglas) eine Art von Glas, in welcher die verkrustete Oberfläche des Eises nachgeahmt wird. Die Wandung des Hohlglases ist von vielen feinen Rissen durchzogen, daher undurchsichtig, aber voll lichtdurchlässig. Die Lichtbrechungen an den Sprüngen und kristallinischen Gebilden der Außenseite – das Glas ist im Innern glatt – geben dem Gefäß den besonderen ästhetischen Reiz.

II. Herstellungsverfahren

Zur Herstellung des E. sind vor allem folgende Verfahren angewandt worden:

A. Die noch warme Glasblase wird wenige Sekunden in kaltem Wasser geschreckt oder mit Wasser besprengt. Dadurch springt das Glas und auf seiner Oberfläche bilden sich unregelmäßige kleine Risse (Krakelee). Nach nochmaligem Anwärmen wird der Prozeß wiederholt und das Gefäß dann, nach dem Aufglühen im Ofen, in die Form geblasen. Dabei verbreitern sich die Risse und verlieren zugleich ihre scharfen Kanten.

B. Auf das mit Firnis oder Lack bestrichene fertige Glas streut man verschieden gekörntes Kristallpulver, das durch leichtes Brennen im Muffelofen zum Anhaften gebracht wird und den gewünschten Eisdekor bildet. Die Oberfläche wird rauher und zerklüfteter als beim Verfahren A.

C. Die glühende Blase taucht man in grobgemahlenes Kristallpulver, das an der Oberfläche der Glasblase anbackt. Beim Anglühen verbindet es sich fest mit dem Hohlglas, wird dann noch einige Male im Wasser geschreckt und danach in die endgültige Form geblasen.

D. Eine dem E. verwandte Oberfläche entsteht durch Anätzen fertiger Gläser mit wenig verdünnter Flußsäure.

Verfahren A ist das älteste, bereits im 16. Jh. in Venedig angewandte, während B–D erst seit Mitte 19. Jh. bekannt sind. Den Krakeleedekor bei großen Gefäßen, deren Risse durch starkes Blasen besonders geweitet werden, nennt man mitunter auch Krokodilglas, da die Oberfläche der Krokodilhaut ähnelt.

III. Geschichte

E. wurde zuerst in Venedig zu A. 16. Jh. hergestellt. Besonders beliebt waren Pokale, bei denen Kuppa und Deckel mit E.-Dekor versehen wurden, während häufig der Mundrand glatt blieb (Abb. 1; s. auch [10] S. 110; [12] Taf. 9; [13] Taf. 28–30). Wie alle venezianischen Glaskünste ist das E. bald in Mitteleuropa nachgeahmt worden. Frankreich hat wahrscheinlich schon im 16. Jh. E. gekannt. Der etwas schwärzliche Ton und die elegante Form des französischen Glases kommen auch beim E.-Pokal vor. In Deutschland ist E. erst seit A. 17. Jh. nachweisbar. Die einfacheren Formen des Bechers und der Flasche lassen meist auf deutsche Herkunft schließen (Abb. 2 und 3). Eine Zuweisung an bestimmte Glashütten ist bisher nicht gelungen. Im 19. Jh. wurde E.-Dekor mit Vorliebe bei Blumenvasen angewandt (Münchner Gewerbeausstellung 1854; Wiener Gewerbeausstellung 1888).

IV. Eisblumenglas

Im Eisblumenglas (frz. verre givré; engl. glass chipping) werden die kristallinischen Formen der Eisblumen an gefrorenen Fensterscheiben imitiert.

Auf mattiertes Flachglas wird gut haftender Leim aufgetragen und in einer Heißluftkammer rasch getrocknet. Der zusammenschrumpfende Leim reißt dabei kleinste Splitter aus der Glasoberfläche heraus, so daß eisblumenartig verästelte Gebilde entstehen. Das Verfahren ist (nach Boettger [15; 16]) 1862/63 von Prof. Fr. Kuhlmann in Lille erfunden worden.

1863/64 wurden ähnliche Versuche unter Verwendung von Emailpulver gemacht. Fensterglas übersiebte man mit einer dünnen Schicht leichtflüssigen Emailpulvers. Die Scheibe wurde dann auf einer starken Eisenplatte, deren Temperatur auf ca. –8° C erniedrigt war, in einen mit Wasserdämpfen gesättigten Raum gebracht. Auf der Scheibe bildeten sich durch Kondensieren der Wasserdämpfe die gewöhnlichen Eisblumen. Das Emailpulver wurde hierbei mitgerissen und nahm ebenfalls die Gestalt der Eisblumen an. In einer glühenden Muffel brannte man schließlich das Email ein.

Eisblumenglas wird dekorativ in der Innenarchitektur, bei Türfüllungen, Erdgeschoßfenstern, Möbelverglasungen u. dgl. verwendet.

Zu den Abbildungen

1. Frankfurt a. M., Mus. f. Kunsthandwerk, Inv.Nr. 5481, Deckelpokal. Eisglas, mit Deckel 28,3 cm h. Venedig oder Frankreich, 1. H. 16. Jh. Fot. Mus.

2. Frankfurt a. M., Mus. f. Kunsthandwerk, Inv.Nr. 6371, Flasche. Eisglas mit Emailmalerei, silbervergoldeter Schraubdeckel mit Wappen und Monogramm des Grafen Carl Gottfried von Giech, 1607–52. 22,3 cm h. Deutsch, um 1630–50. Fot. Mus.

3. Frankfurt a. M., Mus. f. Kunsthandwerk, Inv.Nr. × 17 167, Becher. Eisglas mit drei blauen Fußnuppen, 6 cm h. Deutsch, 17.–18. Jh. Fot. Mus.

Literatur

1. A. Pellatt, Curiosities of Glassmaking, London 1849, S. 116f. – 2. Wilh. Mertens, Die Fabrikation und Raffinirung des Glases, Wien 1889, S. 300f. – 3. E. von Czihak, Schlesische Gläser, Breslau 1891, S. 99 m. Abb. – 4. Frz. Fischer, Die Kunst der Glasmasse-Verarbeitung, Wien 1892, S. 99–101. – 5. L. Appert und J. Henrivaux, Verre et Verrerie, Paris 1894, S. 59. – 6. P. Randau, Die farbigen, bunten und verzierten Gläser, Wien u. Lpz. 1905, S. 114f. – 7. Carl Jos. Stahl, Glaserkunst, Glasmalerei und moderne Kunstverglasung, Wien u. Lpz. 1912, S. 40. – 8. Ders., Kunstgläser und Glasspezialitäten, deren Herstellung am Glasofen, Dresden 1925, S. 10–16. – 9. Heinr. Strehblow, Der Schmuck des Glases (= Technische Hdb. f. d. Kgwb.), Lpz. 1920, S. 50. – 10. Schmidt, Glas2, S. 110f. – 11. Wilh. Hannich, Die Technik des Glasschmuckes, Lpz. 1931, S. 32f. – 12. Walther Bernt, Altes Glas, Mchn. 1950, S. 22. – 13. Ignaz Schlosser, Venezianer Gläser, Wien 1951, S. 4. – 14. Ders., Das alte Glas, Braunschweig 1956, S. 75 u. 79f.

Zu IV: 15. Boettger, Über eine einfache Methode, Glasscheiben aller Art mit einem krystallinischen Überzuge zu versehen, Jahresber. des physikal. Ver. zu Frankfurt a. M. 1863/64, S. 29f. – 16. Ders., Über die Fabrikation von Glastafeln mit unvertilgbaren Krystallisationen (sog. Eisblumen), ebd. 1864/65, S. 24. – 17. C. J. Stahl a.a.O. [7] S. 40 (irrtümlich als Eisglas), S. 216f. – 18. W. Smith, Glass chipping, Glass Industry (New York) 6, 1925, S. 277. – 19. C. Earl Avery, Glass chipping, ebd. 15, 1934, S. 17. – 20. Glastechnische Berichte 3, 1925, S. 462; 12, 1934, S. 283; 13, 1935, S. 16; 14, 1936, S. 261; 20, 1942, S. 71–75; 23, 1950, S. 51; 24, 1951, S. 50 u. 104; 25, 1952, S. 224. – 21. Glashütte 64, 1934, S. 150f.; 66, 1936, S. 199–203 m. 3 Abb. – 22. Dt. Glaserzeitung 52, 1941, Nr. 3 S. 7. – 23. „Diamant“ 64, 1942, S. 178; 65, 1943, S. 25. – 24. Neue Glaserzeitung 2, 1949, S. 223–25, 239–41; 3, 1950, S. 395–97. – 25. Allg. Glaserzeitung 1951, S. 26; 1952, S. 53–57. – 26. Hans Jebsen-Marwedel, Tafelglas, Essen 1950, S. 269–75.

Verweise