Einfalt

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englisch: Simplicity; französisch: Simplicité; italienisch: Semplicità.


Karl-August Wirth (1956)

RDK IV, 979–985


RDK IV, 979, Abb. 1. Oxford, M. 13. Jh.
RDK IV, 981, Abb. 2. Peter Candid, 1604-15, München.
RDK IV, 983, Abb. 3. Angelica Kauffmann, 1776.

I. Begriff

Der Begriff E. (simplicitas) – nach Grimm das Einfache, Ungekünstelte, dem der Sinn des Redlichen, Guten beiwohnt (Dt. Wörterbuch 3, Sp. 174) – ist in den verschiedenen Epochen unterschiedlich aufgefaßt worden.

Die ursprüngliche Adjektivform (ahd. einfalti) hatte die Bedeutung von „vereinzelt“ (lat. simplex; Gegensatz: doppelt, vielfältig) und „einfach, unvermischt“ (Alfr. Götze, Trübners Dt. Wörterbuch, Bln. 1940, Bd. 2 S. 151f.). Bereits in der gotischen Sprache, vielleicht in Zusammenhang mit der Substantivierung, erfolgte der Übergang zu übertragener Bedeutung: E. bezeichnete nunmehr die „lobenswerte Einfachheit des Verstandes, Gemütes sowie der Sitten, Kleidung usw.“ (Ebd.). In diesem positiven Sinne wurde einvalt, einvaltec im Mhd. benutzt; daneben gab es aber auch einen negativen Aspekt, E. als Leichtgläubigkeit und Dummheit – heute vorzugsweise mit „Einfältigkeit“ umschrieben –, sowie einen von der christlichen Moraltheologie übernommenen.

Das heutige Verständnis des Begriffes E. ist im wesentlichen durch die moralische Interpretation des Christentums (A) und die Deutung der E. in der Literatur aus der Zeit der Aufklärung (B) bestimmt.

A. Die Einschätzung der E. als einer tugendmäßigen Eigenschaft, wie sie sich in der christlichen Morallehre findet, ist in der Bibel verankert. Die Herzens-E. bewahrte nicht nur Abimelech vor Sünde (1. Mos. 20, 5f.), sondern alle Einfältigen stehen in besonderem Maße unter Gottes Schutz (Ps. 116, 6). Die E. öffnet die Seele für Gnadeneinwirkungen: es ist der Ruhm der in E. und göttlicher Lauterkeit Lebenden, daß sie „in der Gnade Gottes auf der Welt gewandelt haben“ (2. Kor. 1, 12; s. a. ebd. 9, 11 sowie Eph. 6, 5); dasselbe meint Christi Forderung des Kindersinnes (Mt. 18, 3), und auch in der Bergpredigt finden sich Anklänge an jene Vorstellung (Mt. 5). In Röm. 16, 19 sind die simplices in Gegensatz zu den sapientes gebracht: dies, die Warnung vor einfältiger Leichtgläubigkeit (Sirach 13, 10) sowie die mehrfachen Hinweise auf die notwendige Belehrung der Einfältigen und auf ihr Klugwerden (z. B. Ps. 119, 130) erläutert, daß sich die E., wenn sie nicht zur Torheit werden soll, mit der Klugheit verbinden muß. Deshalb wurde Christi Anweisung an die scheidenden Apostel, sie sollten „klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben“ sein (Mt. 10, 16), zur am häufigsten herangezogenen Belegstelle bei Erörterungen christlicher Autoren über die E.

Im sog. Hirt des Hermas, A. 2. Jh. n. Chr., wird die E. als eine der Jungfrauen beschrieben, die am Tempelbau beteiligt sind und deren Namen Hermas von Gott mitgeteilt werden (Künstle 1, S. 157).

Im gleichen Sinne wie die Bibel sprach ein Bekenner auf dem ersten Konzil von Nicäa (325) von der „sancta simplicitas“ (Gg. Büchmann, Geflügelte Worte, Bln. u. Mchn. 193723, S. 530). Ob man die Unterscheidung der natürlichen E. von der erworbenen schon vor der Ende 6. Jh. von Johannes Climacus, Abt des Sinaiklosters, verfaßten Himmelsleiter (Migne, P. G. 88, 983ff.) kannte, ist ungewiß; der E. Adams vor dem Sündenfall vorzuziehen ist eine schönere und bessere E., „quae ex malitia multo labore traducta est“, als Frucht mönchisch-asketischer Lebensweise: für die Wertschätzung dieser E. spricht es, daß sie als vierundzwanzigste von insgesamt dreißig Sprossen der Himmelsleiter angesehen wurde (auch in Honorius Augustodunensis’ fünfzehnsprossiger Tugendleiter ist die E. berücksichtigt, vgl. Timmers Nr. 1165). Die bedeutendsten, bis in die Gegenwart gültigen Beschreibungen und Definitionen der E. stammen aus dem 13. Jh. (Albertus Magnus, Paradisus animae Kap. 30; Thomas von Aquin, Summa theologica II, 2, quaest. 109 art. 2, 4 und quaest. in art. 3, 2). Die vom hl. Thomas gegebene Bestimmung der E. als eine von der Wahrheit nur intentionell verschiedene Tugend führte später dazu, daß E. und Wahrheit bisweilen gemeinsam unter dem Oberbegriff der Gerechtigkeit erscheinen, so etwa bei Ant. Sucquet (Piae Considerationes ad declinandvm à malo et faciendvm bonvm, Wien 1672, Bl. 38).

B. Im 18. Jh. trat eine weltanschaulich-sittliche Bewertung der E. an die Seite der religiös-moralischen. E. bezeichnete in erster Linie das Natürliche – den Gegensatz zum Komplizierten und Gekünstelten –, naturgemäße Reinheit der Lebensweise und schlichte Ursprünglichkeit der Lebensäußerungen, also auch der Kunst. Die E. galt weniger als eine Stufe auf dem Weg zur Teilhabe an göttlicher Gnade, sondern als dienlich zur sittlichen Vervollkommnung der Persönlichkeit (für die Abkehr von der christlichen Deutung ist die Verwendung von „sancta simplicitas“ bei Goethe, Faust I 3037, bezeichnend). Die „edle E.“, zuerst von Gottsched vom Redner gefordert, wurde durch J. J. Winckelmann (Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Mahlerey und Bildhauerkunst, 1755) auch als ästhetischer Maßstab anerkannt (ebenso von Kant, Wieland, Lessing, Schiller und dem jungen Goethe).

Wesentlich ist, daß zumal Epochen mit sehr verfeinerten Formen der Lebenshaltung und der Sitten in der E. einen wünschenswerten Zustand sahen: die E., programmatisch gefordert, diente fast immer nur als Mittel zum Zweck. Je nach dem erstrebten Ziel galten Reinheit von Sünde oder die als weniger verderbt angesehenen zurückliegenden Kulturzustände des eigenen Volkes bzw. solche „primitiver“ Völker und Stände – einschließlich ihrer künstlerischen Formen – als Vorbilder (Dörfer und Bauern im Barockgarten, Pastorale, Eremitagen, Chinamode usw.). Deshalb konnte sich die Wertschätzung der E. oft mit den historischen oder historisierenden Tendenzen der jeweiligen Epoche verbinden; so erreichte die E. in denjenigen Zeiten, die eine Rückkehr zur Natur bzw. zu den Frömmigkeitsformen des Frühchristentums forderten, die größte Bedeutung.

II. Darstellungen

Da die E. stets nur als Stufe auf dem Weg zur Vollkommenheit, nie jedoch als letztes Ziel eingeschätzt wurde, sind Darstellungen dieser „Tugend“ in allen Zeiten ziemlich selten. Eine über größere Zeiträume sich erstreckende Bildtradition besteht nicht, doch ist durch den Bezug auf die christliche Interpretation ein indirekter Zusammenhang zwischen den im einzelnen sehr verschiedenen E.-Personifikationen und -Allegorien gegeben.

Die älteste derzeit bekannte E.-Darstellung findet sich in der Johannes Climacus-Hs. cod. gr. 394, fol. 107, der Bibl. Vat., Ende 11. Jh. (John Rupert Martin, The Ill. of the Heavenly Ladder of John Climacus, Princeton 1954, Abb. 119); wie die meisten Personifikationen in dieser Hs. ist die E. als geflügelte weibliche Figur ohne besondere Attribute abgebildet und nur durch die Beischrift ἁπλότητος als E.-Personifikation ausgewiesen (eine spätere Variante bietet die Hs. Athos, Stauronikita cod. 50, fol. 146 v, aus dem 14. Jh.: hier fehlen die Flügel; ebd. Abb. 161).

Im Abendland sind E.-Darstellungen erstmals in der Mitte des 13. Jh. entstanden. Verschiedene Hss. der Bible moralisée (so Oxford, Bodl. ms. 270b, fol. 57 v; Wien, Nat. Bibl. Nr. 1179, fol. 43, und Nr. 2554, fol. 27 – sämtlich bei A. de Laborde, La Bible moralisée etc., Bd. 1, Paris 1911) Taf. 57, u. Bd. 4, Paris 1921, Taf. 676 u. 753) weisen bei a.t. Opferszenen Erläuterungen auf, die den besonderen Sinn der jeweils dargebrachten Gaben aufzeigen: „columba significat simplicitatem“ heißt es regelmäßig und im Einklang zu Mt. 10, 16. Eine Regel über Geschlecht und Alter der das Taubenopfer herzutragenden Person gab es nicht (Abb. 1).

Erst im 16. Jh. wurden E.-Darstellungen häufiger, wenn auch keineswegs zahlreich. Eine allgemein verbindliche Bildform bestand zunächst nicht; die E.-Personifikationen gehören zu der großen Schar der durch Mädchen oder Frauen wiedergegebenen Tugenden ohne kennzeichnende Attribute, allein die Inschrift erlaubt die Identifizierung als E. Welche Vorstellungen den E.-Darstellungen des 16. Jh. zugrunde lagen, erweist der bildliche Zusammenhang, in dem sie vorkommen. In der Bildteppichfolge mit Schilderungen aus dem Leben des Patriarchen Abraham in der Wiener Gobelin-Slg. begegnet uns die E. gleich zweimal in den „Tugenden-Bordüren“ (vgl. hierzu Ludwig Baldaß, Die Wiener Gobelinslg., Wien 1920, Nr. 21 und 27): einmal – als sitzende Frau, die mit der Linken sich an die Brust greift, – neben der Obedientia auf dem Teppich mit der Opferung Isaaks, zum zweiten Mal – sitzend und mit gekreuzten Händen – neben der Innocentia auf der Darstellung von Abrahams Auszug nach Ägypten (1. Mos. 12, 10). In beiden Fällen bezeichnet die E. eine der Tugenden Abrahams, die ihn befähigen, Gottes Befehl zu befolgen.

In gleicher Weise wurde die E. von Hieron. Wierix (Knipping Bd. 1, Abb. 20) und von Jacques de Zettre (Emblèmes nouveaux, Frankfurt 1617, S. 14) als tugendhafte Eigenschaft christlichen Lebenswandels gedeutet. Wierix schildert die E., offenbar im Hinblick auf Mt. 5 und 18,3, als Kind, das die Personifikation des Gehorsams begleitet; Widersacher der Simplicitas ist das Bogen schießende Tödlein Curiositas. Die Darstellung im Emblembuch de Zettres ist in zwei Zonen gegliedert: in der unteren erscheint eine Allegorie der Gerechtigkeit, ein aufgezäumter Esel, auf dem eine Taube im Sattel der Gerechtigkeit (Buch, Waage und Schwert) „reitet“; zu Füßen des Esels liegen zwei Schrifttafeln („integritas et aequitas custodiunt nec quoniam expecta uite Redime Deus Israelem ex omnibus tribulationibus eius“ – „suum cuique vendices Nec fauore iudices“). Die Oberzone zeigt einen jugendlichen Heiligen, dem zum Zeichen seiner Aufnahme in den Himmel aus den Wolken hervorkommende Hände Krone und Zepter reichen; ihm wird der Lohn der E. zuteil. – Ein deutsches Flugblatt aus der Zeit um 1620 (Fot. Dr. E. Guldan, Göttingen, Nr. RL 139) weist eine sehr eigenwillige Abwandlung des Themas E. auf; dargestellt ist ein „Geistlicher Rauffhandel“: in einem Handgemenge bedrängen sich Luther, Calvin und der Papst. Diesen „Verirrten“ ist der schlichtgläubige Hirte, der sich Gott ganz anheimgegeben hat (der Flugblattext verweist auf Ps. 23, 1), als Repräsentant der E. gegenübergestellt.

Die Taube als Attribut der E. begegnet auf einem Münchener Bildteppich, der in der Manufaktur des Hans van der Biest nach Entwurf von Peter Candid im 1. V. 16. Jh. geschaffen wurde (Abb. 2); die Taube hält ein Knabe in seinen Armen (vgl. auch Eintracht).

Auch für die Beschreibung der E.-Personifikation in der Iconologia des Cesare Ripa (zit. nach der Ausg. Venedig 1645, S. 575) sind teilweise Anregungen aus dem Bereich christlicher Deutung der E. benutzt: ein weiß gekleidetes Mädchen soll eine Taube in der Rechten halten; außerdem in der Linken einen Fasan. Das Mädchenalter wählte Ripa, weil auf dieser Altersstufe sich der Beginn des Wissens einstellt; auch das Gewand in der Farbe eines „unbeschriebenen Blattes“ dient unmittelbar zur Charakterisierung der E. Der Fasan kann deshalb als Attribut herangezogen werden, weil er – einer ma. Auffassung gemäß (vgl. Vincent von Beauvais, Speculum natur. 201) – glaubt, er könne von niemandem gesehen werden, wenn er seinen Kopf im Gefieder birgt; eine andere Begründung nennt die Blindheit des Fasans als ausschlaggebend für seine Zuordnung zur E.

Die Beschreibung Ripas wurde zwar bis ins 18. Jh. immer wieder übernommen, aber auch in den reich bebilderten Ripaausgaben sind bildliche Darstellungen der E. sehr selten.

In der von I. Baudoin besorgten Pariser Edition von 1643 (Iconologie, ov, explication novvelle de plvsievrs images, emblemes, et avtres figvres hyerogliphiques etc.) ist die E. in einem Medaillon dargestellt (Teil 2, Kupfer S. 142, Text S. 143); ein Spruchband – „doce me facere volvntatem tvam qvia devs mevs es tv“ – umgibt die Personifikation (vgl. Droulers S. 205). – Alter und Geschlecht der Gestalt sowie die Taube als Attribut übernahm Angelica Kauffmann von Ripa (Kupferstich von 1776, Abb. 3); ihre halbfigurige Darstellung überrascht durch die Wiedergabe zweier Tauben, deren eine wohl an die Stelle des Fasans getreten ist (zwei Tauben dienen sonst öfters als Attribut der Eintracht). Diese Abwandlung und die geringe Resonanz von Ripas Beschreibung in der bildenden Kunst weisen darauf hin, daß die Ripasche Iconologie offenbar häufiger durch ihre Illustrationen als durch den Text Einfluß auf das künstlerische Schaffen gewann.

In barocken Kommentaren zu Alciatis Emblemata ist die E. in Zusammenhang mit den Emblemen „in Deo laetandum“ und dem der Abstinentia gebracht; im ersten Fall ergab sich der Bezug aus der Interpretation des Jugendalters, in dem Ganymed dargestellt wurde („puerilem simplicitatem, id est innocentiam et mentis puritatem ...“), im zuletzt genannten ist die „simplicitas cuiusdam clientis“ angemerkt (Andrea Alciati Emblemata, hrsg. von Laurentius Pignorius, Padua 1661, S. 30 b und 178 b).

Ein Brüsseler Bildteppich des 18. Jh. in Wien (Baldaß a.a.O. Bd. 3, Taf. 277), dessen Thema die „Einfachheit“ ist, zeigt bei völligem Fehlen aller auf die E. hinweisenden Motive die Richtung an, in welche die neue inhaltliche Deutung des E.-Begriffes im 18. Jh. einlenkte: das natürliche Leben des Landvolks wird verherrlicht, Frauen und Kinder bringen Erzeugnisse des Gartens und des Feldes als Brandopfer auf dem Altar der Einfachheit, die in den Wolken schwebt, dar.

Als Symbole der E. galten außer der Taube und dem Fasan die einfache Rose (Droulers S. 205, ohne Quellenangabe) und „ein Lilien / warvon das liebe Imbl das Hönig herauß ziecht. Mit diser Beyschrifft. L’esca dal tuo candore. Das ist: Dein weisse Einfalt riecht so wohl / Daß ich von ihr die Speisen hol“ (Christoph Kalmbach, Triumphirendes Wunder-Gebäu. Der Chur-Fürstlichen Residentz zu München, München 17193, S. 108; daneben Symbol des Gehorsams).

Zu den Abbildungen

1. Oxford, Bodl. ms. 270 b, Bible moralisée, fol. 57 v (Ausschnitt). Paris, M. 13. Jh. Nach A. de Laborde, La bible moralisée Bd. 1, Paris 1911, Taf. 57.

2. Peter Candid (Entwurf), Simplicitas aus der Bildteppichfolge der „Tugenden oder Grotesken“. Münchner Manufaktur des Hans van der Biest, zw. 1604 u. 1615. München, Residenz-Mus. Fot. Bayer. Schlösserverwaltung, Nymphenburg.

3. Angelica Kauffmann, Simplicity. Kupferstich, 24,9 × 19,2 cm. 1776 mit ihrem späteren Schwager Gius. Zucchi gemeinsam gestochen. Fot. St. Graph. Slg. München.