Eichhörnchen

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englisch: Squirrel; französisch: Écureuil; italienisch: Scoiattolo.


Liselotte Stauch (1956)

RDK IV, 921–926


RDK IV, 923, Abb. 1. Oxford, 13. Jh.
RDK IV, 923, Abb. 2. Stuttgart, 14. Jh.
RDK IV, 925, Abb. 3. Heinrich Aldegrever, 1552.
RDK IV, 925, Abb. 4. Radierung aus Joachim Camerarius, 1668.

I. Mythologie und Tierkunde

Trotz seines anziehenden Äußeren und seines die Phantasie anregenden Wesens hat das E. (sciurus vulgaris, von σκίουρος = der sich mit dem Schwanz Beschattende; aus gleichem Stamm altnord. îkorni, ahd. und mhd. eichorn; die falsche Schreibung Eich-horn beruht auf Mißverständnis) in der abendländischen Kultur nur eine geringe Rolle gespielt. Von den antiken Schriftstellern wird das E. fast gar nicht erwähnt. Plinius erzählt (Nat. hist. 8, 138), daß es voraussehen könne, aus welcher Richtung der Wind wehe, und danach die Öffnung seiner Höhle nach der entgegengesetzten Seite lege. Es benutze seinen Schwanz, um sich zuzudecken. Es sammle Futter für den Winter oder halte einen Winterschlaf. In Rom war das E. bei den Damen als Spielzeug beliebt. In der Kunst Griechenlands und Roms ist es, entsprechend der Tatsache, daß es in der Mythologie und Religion nicht vorkommt, nur selten und dann ohne Symbolgehalt dargestellt worden (einige wenige Beispiele bei Keller [3]). Demzufolge spielt es auch im Physiologus und bei den Kirchenschriftstellern keine Rolle.

In der germanischen Mythologie hingegen ist es wegen seiner roten Farbe dem Gewittergott Donar, der mit einem roten Bart vorgestellt wird, heilig [2, S. 237]. Die in Deutschland und England verbreitete Sitte, das E. zu Ostern und Weihnachten zu jagen, kann als Opfer des dem Donar geheiligten Tieres gedeutet werden [2, S. 555]. Am Weltenbaum Yggdrasil läuft das îkorni Ratatöskr unaufhörlich auf und ab, um Zwist zu erzeugen zwischen dem zur Sonne fliegenden Adler (Überirdisches) und der im Staub kriechenden Schlange (Irdisches), ein Sinnbild des ewigen Widerstreits zwischen Geist und Materie [1, S. 437]. Wegen seiner Schnelligkeit und roten Farbe personifiziert das E. den Blitz. In der Volksmedizin ist es ein Heilmittel gegen alle möglichen Krankheiten und macht gegen den Schwindel unempfindlich [4]. Hildegard von Bingen gibt in ihrer Physica (Buch 7, Kap. 31; Migne, P.L. 197, 1332) ein aus dem E. gewonnenes Heilmittel gegen die Gicht an. Konrad von Megenberg berichtet von seiner Fähigkeit, auf einem leichten Stück Holz mit dem erhobenen Schwanz als Segel auf dem Wasser zu treiben [4]. Die ma. Tierkunde verzeichnet ferner (nach Frdr. v. d. Leyen und Ad. Spamer, Die altdt. Wandteppiche im Regensburger Rathause, in: Das Rathaus zu Regensburg, Regensburg 1910, S. 115): „... daß es zu Winters Anfang sein allzu freßlustiges Weibchen aus der Höhle verjage, um ungestört seine, während des Sommers reichlich gefüllte Speisekammer auszufressen, daß die vertriebene, kluge Eichkätzin aber dann von der anderen Seite sich zu der Vorratskammer ein Loch bohre, um so im geheimen und gleichfalls ungestört die winterlichen Freßfreuden mitzugenießen. Den Vergleich findet die nie verlegene ma. Deutungsfreude darin, daß auch die reichen und mißtrauischen Geizigen vergebens ihre Schätze vor Frauen, Knechten und Mägden versperren.“

II. Darstellungen

Aus dem im Orient und in der Antike fehlenden mythologisch-symbolischen Sinngehalt des E. erklärt sich auch die geringe Rolle, die es in der christlichen Kunst spielt. Es gibt anscheinend fast nur ornamental-dekorative Darstellungen, und auch diese sind verhältnismäßig selten, obwohl Körperformen und Farbe das E. als sehr geeignet erscheinen lassen mußten; woraus den Schluß zu ziehen erlaubt ist, daß selbst für die rein dekorative Verwendung eines Tieres weniger sein Äußeres als seine infolge mythischen oder symbolischen Gehaltes entstandene Volkstümlichkeit ausschlaggebend ist.

Auf der Randverzierung des Areobindus-Diptychons im Louvre, M. 9. Jh., ist das E. zwischen Pflanzen und Blüten als Ergänzung der in der Mitte dargestellten Paradiesesfauna angebracht (Goldschmidt, Elfenbeinskulpturen 1, Nr. 158). – Bei der Namengebung der Tiere durch Adam in einem Bestiarium der Bodleian Libr. in Oxford (Ms. Ashm. 1511, 13. Jh.; Abb. 1) erscheint es in seiner charakteristischen Haltung: mit aufgerichtetem Schwanz auf den Hinterbeinen sitzend, mit den Vorderbeinen eine Frucht haltend, an der es knabbert; ebenso, auf Initialen sitzend, im Psalter von Peterborough, 13. Jh. (fol. 14; J. van den Gheyn, Le Psautier de Peterborough, Haarlem 1909, Taf. 12), in einem Stundenbuch aus Arras, Ende 13. Jh. (Paris, B.N. ms. lat. 1328, fol. 17; Foto Marburg 231 280), und in einer Stuttgarter Apokalypse (L.B. Cod. bibl. XIII, 11; Abb. 2) sowie am Chorgestühl von St. Severin in Köln, 4. V. 13. Jh. (Her. Reiners, Die rhein. Chorgestühle der Frühgotik [= Stud. z. dt. Kg. 113], Straßburg 1909, Taf. 6) und auf Glasmalereien im Schloß Aufseß, die zu einem Tierzyklus der Chorverglasung der Eßlinger Stadtkirche, um 1300, gehören (Hans Wentzel, Die Glasmalereien der Hochgotik in Schwaben, Bln. 1956, Abb. 239). Auf der Darstellung einer Hirschjagd im Reuner Musterbuch eines Illuminators, steirisch A. 13. Jh. (Wien, Nat.Bibl. Nr. 507; Beschr.Verz. 8, 2, Taf. 39,2), sieht man es auf einem Baum sitzen; ebenso in einem neugefundenen Wandfresko des 14. Jh. in der Pfarrkirche von Zodel Krs. Görlitz (Foto Inst. f. Dpfl. Dresden, 1951 Nr. 42/109). Eine Miniatur des Bréviaire de Belleville, kurz nach 1323 (Paris, B.N. ms. lat. 10 484, fol. 321 v), mit Darstellung der Geburt Mariae zeigt einen Hintergrund (Stoff?) mit Vierpässen, in denen u. a. ein E. sitzt (Foto Marburg LA 741/24).

Gelegentlich kommt das E. auf Stoffen des 14. Jh. vor (M. Dupont-Auberville, Art industriel. L’ornement des tissus, Paris 1877, Taf. 81; Frdr. Fischbach, Die Gewebe-Ornamente, Hanau [1874], Taf. 42 A); Cahier (Suite aux Mélanges d’arch. 1868, Taf. 191) bildet einen Stoff mit E.-Bordüre ohne nähere Angaben ab. In der Miniaturmalerei des 15. Jh. treibt das E. öfters im Randleistenschmuck sein munteres Wesen: im Breviarium Brixinense, 2. H. 15. Jh. (Brixen, Bibl. d. Priesterseminars Nr. 148, fol. 9; Beschr.Verz. 1, S. 40 Abb. 11), im Stundenbuch des Ludwig von Savoyen (Paris, B. N. ms. lat. 9473, fol. 17; Leroquais, Livres d’heures Bd. 3, Taf. 57), in einem lothringischen Stundenbuch in Wien, 2. V. 15. Jh. (Nat.Bibl. Nr. 1905, fol. 43; Beschr.Verz. 8, 7/3, Taf. 56, 2), und ebenso in einem Stundenbuch für Karl VII. von Frankreich, zw. 1422 u. 1425 (Wien, Nat.Bibl. Nr. 1855, fol. 92 und 238 V; ebd. S. 167 u. 183). – Der Meister E. S. wählte für eines der Tiere der Sechs seines Kartenspiels ein E. (L. 227; Max Geisberg, Die Kupferstiche des Meisters E. S., Bln. 1924, Taf. 168), und Israhel von Meckenem stellte es auf einem Stich mit Goldschmiedestudien dar (G. 432; ebd. Taf. 242). Eine Zierplatte aus Elfenbein vom Monogrammisten W. P. von 1599 zeigt das E. ornamental auf einer Pflanze sitzend (Foto Marburg 111 880). Die Nürnberger Goldschmiedekunst der Renaissance formte aus ihm einen Becher (E. A. Jones, Ill. Cat. of the Coll. of Old Plate of J. Pierpont Morgan, London 1908, Taf. 79). Bei den süddeutschen Intarsienmöbeln des 16. Jh. gibt es eine Gruppe mit Tierdarstellungen, unter denen das E. nicht fehlt (Lieselotte Möller, Der Wrangelschrank, Bln. 1956, Abb. 145 u. 153). Am Chorgestühl des Prämonstratenserstifts Schussenried, 1717, tritt es in seiner charakteristischen Haltung auf (Alfons Kasper, Das Schussenrieder Chorgestühl, Erolzheim 1954, Abb. 22), und schließlich entdeckte Kändler seine Reize für das Meißener Porzellan (Karl Albiker, Die Meißener Porzellantiere, Bln. 1935, Abb. 106, 164f., 168, 248).

Als Sinnbild ist das E. selten verwendet worden. Auf dem Bildteppich mit dem Kampf der Tugenden und Laster vom E. 14. Jh. im Regensburger Rathaus trägt der Geiz ein E. im Banner (Kurth, Bildteppiche 3, Taf. 244 bis 246); die Erklärung dafür s. o. I, letzter Absatz. Als Wappentier der Personifikation des Fleißes verwendet es Heinrich Aldegrever in seinem Kupferstich B. 123 von 1552 (Abb. 3); als Grund darf wohl der Fleiß des E. beim Sammeln seiner Wintervorräte gelten.

Seiner Fähigkeit, mit erhobenem Schwanz über das Wasser zu segeln („caudam habens pro velo expansam“), verdankt das E. sein Vorkommen in der Emblematik: Joachim Camerarius (1595) verwendet es als Beispiel für Erfindungsreichtum, der auch große Schwierigkeiten überwindet (Abb. 4); Lemma und Beivers lauten: „Vincit solertia vires“; „Exiguus tranat ceu flumina magna sciurus. Res gerimus magnas viribus ingeniis.“

Das E. dient gelegentlich als „redendes“ Wappenbild für den Namen Ecker bei Familien- oder Ortswappen, z. B. für die Stadt Eckernförde (Mitt. Dr. O. Neubecker).

Zu den Abbildungen

1. Oxford, Bodleian Libr. ms. Ashmol. 1511. Namengebung der Tiere, aus einem Bestiar (Ausschnitt). 13. Jh. Fot. unbekannt (Verf.).

2. Stuttgart, L.B. Cod. Bibl. XIII, 11. Initial H aus einer Apokalypse (Ausschnitt). 14. Jh. Fot. Marburg 133 431.

3. Heinrich Aldegrever, Der Fleiß (B. 123), aus einer Tugenden-Folge. Kupferstich, 9,2 × 6,2 cm. Sign. u. dat. 1552. Fot. Kk. der Öff. K.slg. Basel.

4. Radierung aus Joachim Camerarius, Symbolorum et Emblematum Centuriae quatuor. 7 × 7 cm. Nach Buch II, Emblem 88 der Ausgabe Mainz 1668.

Literatur

1. F. Nork (Felix Korn), Etymologisches-symbolisches-mythologisches Real-Wörterbuch usw. Bd. 1, Stg. 1843. – 2. Karl Simrock, Hdb. der dt. Mythologie mit Einschluß der nordischen, Bonn 18785. – 3. Otto Keller, Die antike Tierwelt Bd. 1, Lpz. 1909, S. 181–83. – 4. Bächtold-Stäubli 2, 655–59 (Herold).