Ei

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englisch: Egg; französisch: Œuf; italienisch: Uovo.


Maria-Lioba Lechner (1956)

RDK IV, 893–903


RDK IV, 895, Abb. 1. Kopenhagen, 7. Jh. v. Chr. (?).
RDK IV, 897, Abb. 2. Hieronymus Bosch, um 1500, Madrid.
RDK IV, 897, Abb. 3. Hieronymus Bosch (Werkstatt?), 1. Dr. 16. Jh.
RDK IV, 899, Abb. 4. Pieter Bruegel d. Ä., 1564, Antwerpen.
RDK IV, 899, Abb. 5. Pieter Bruegel d. Ä., 1564, Antwerpen.
RDK IV, 901, Abb. 6. Emblem aus Georg Stengel, "Ova Paschalia", 1672.
RDK IV, 901, Abb. 7. Emblem aus Georg Stengel, "Ova Paschalia", 1672.

I. Symbolik

Das E. war schon bei den ältesten Völkern eines der ersten religiösen Symbole: die Entwicklung des Lebendigen aus dem Leblosen, die sich am E. zeigt, machte es zum Sinnbild der Geburt, des Ursprungs der Welt (Weltei, Urei [1]), der Fruchtbarkeit und des Lebens (Totenkult), der Auferstehung (Osterei) und der Erlösung (Rotei). Bei Augustinus (Serm. 105, De verbis Ev. Lucae, Kap. 5: Migne, P. L. 38, 621; Epist. 130, 16: ebd. 33, 500) wird es auf Grund von Lk. 11, 12 als Symbol der Hoffnung gedeutet.

Die deutsche Barockliteratur hat diesen Kreis der Symbolik bedeutend erweitert. Namentlich im Gefolge von Erycius Puteanus (= E. van der Putten, „Ovi Encomium“ etc., Löwen 1615) entwickelte sich um das E. eine ganze Literatur von Predigtsammlungen, die zur Osterzeit beliebt waren (z. B. Andreas Strobl, Ovum Paschale Novum, Teil 1, Salzburg 1694; T. 2, 1698; T. 3, Nürnberg 1708; vgl. dazu Rob. Böck in: Bayer. Jb. f. Volkskde. 1953, 149–58. – Florentius Schilling S.J., Sonntägliche Predigten, Ovum Paschale, Oster-Ey, Nürnberg 1675). In der Emblemata-Slg. von Georg Stengel S.J. („Ova Paschalia“, München 1635; Praz S. 158) gilt das E. als Symbol der Menschwerdung Christi, der Taufe, des Glaubens, der göttlichen Liebe, der Nächstenliebe, der Barmherzigkeit, der Mäßigung, der Geduld, der Demut, der hl. Sakramente, der Jungfrau Maria und Christi selbst.

Über das reiche Brauchtum um das E. siehe vor allem Bächtold-Stäubli ([5]; „Gründonnerstag“, ebd. 3, 1189–92; „Osterei“, ebd. 6, 1327 bis 1333) sowie [9].

Besonders das Straußenei, das schon die Antike kannte (vgl. die Fabeln bei Hugo von St. Victor, De bestiis et aliis rebus Buch 1, Kap. 37: Migne, P. E. 177, 37f.), trat in die christliche Symbolik ein, und zwar für die Geburt und Auferstehung Christi (der Vogel Strauß galt als Vorbild Christi, weil er – nach ma. Ansicht – seinen Jungen durch Vergießen seines Blutes zum Licht verhalf).

Heute noch sind Straußen-E. in der Kathedrale von Burgos zu den Füßen des Gekreuzigten (15./16. Jh.) aufgehängt (vgl. [6] S. 671). Sie wurden im 12. und 13. Jh. auch im Hl. Grab niedergelegt, um sie am Ostermorgen feierlich unter dem Gesang des Alleluja wieder einzuholen (z. B. im 15. Jh. in der Kath. von Bayeux: ebd.). Das Straußen-E., das durch die Sonne allein ausgebrütet wird, ist zudem das Symbol der Seele des durch Christus als Sonne der Gerechtigkeit zum Leben erweckten Christen (Guillaume de Normandie, Bestiaire divin Kap. 30; um 1210 geschr., ed. Reinsch, Lpz. 1890).

Die in antiker, spät- und nach-ma. Zeit beliebten Straußeneipokale sollen hier nicht behandelt werden.

Im Gegensatz zu dem hohen Ansehen, das Hühner- und Straußen-E. in der antiken und christlichen Symbolik und Liturgie genossen – E. wurden am Karsamstagmorgen geweiht und mit nach Hause genommen (Ad. Franz, Die kirchl. Benediktionen im MA Bd. 1, Freiburg i. Br. 1909, S. 592) – wurde das E. der Reptilien als Verkörperung des Dämonischen betrachtet. Das Basiliskenei soll nach ma. Auffassung [6, S. 676] von der Hölle befruchtet und von einem Hahn gelegt sein (noch heute gelten im Volksglauben die kleinen, länglichen und nur Eiweiß enthaltenden Hühner-E. als „Hahnen-E.“ oder als vom Hahn befruchtete Schlangen-E., denen der Basilisk entschlüpfen soll; sie werden daher als unglückbringend ins Feuer geworfen: Frz. Eckstein in Bächtold-Stäubli 8, 357). Zur Symbolik siehe vor allem [6]. – In der Alchimie stellt das E. das Chaos, die „materia prima“ dar, welche die Weltseele einschließt; diese wird durch den alchimistischen Prozeß (Destillation bzw. Sublimation) befreit [7, S. 278]; daher ist das alchimistische Gefäß eiförmig („Ei der Philosophen“): „In uno vitro debent omnia fieri, quod sit forma ovi“ (George Ripley Riplaeus], Opera omnia chemica etc., Cassellis 1649, S. 30; [7] S. 325 Anm. 4). – Das aufgebrochene E. ist das Symbol der Geburt des Abscheulichen. Das E. gilt ferner als Sinnbild der Schwarzen Magie und als Verkörperung des Teufels ([8] Index).

II. Darstellungen und Nachbildungen

Die Form des E. gilt als die Verkörperung der Schönheit der Linie (vgl. Macrobius, Saturnalia VII, 16; ed. Fr. Eyssenhardt, Lpz. 18932, S. 469ff.), der Regelmäßigkeit und der Vollkommenheit, weshalb schon die Antike das E. als Dekorationsmittel in die Kunst aufgenommen hat; koptische und frühchristliche Lampen weisen E.-Form auf [6, S. 668f.]; vgl. auch den Eierstab.

1. Totenkult

Funde echter E. stammen aus frühgriechischen, etruskischen, gallischen, nordischen und auf deutschem Boden aus hallstattzeitlichen, spätrömischen, alemannischen, fränkischen und thüringischen Gräbern [2; 3; 6; 10]. Auch Nachbildungen aus weichem Kalkstein, z. B. in Thera (H. Dragendorff, Theraeische Gräber [= F. Hiller von Gaertringen, Thera Bd. 2], Bln. 1903, S. 119), schwarzfigurige Ton-E. mit aufgemalter Totenklage, z. B. eines aus Korinth im Berliner Antiquarium (Ad. Furtwängler, Kat. 1885, Nr. 2104; Abb.: [10] Taf. 9, 2) und ein solches aus Phaleron in Kopenhagen (Abb. 1; für weitere Beisp. vgl. die Liste bei R. Lullies, Antike Kleink. in Königsberg, Königsbg. [1935], S. 38 Nr. 84), wurden als Lebenssymbol mitgegeben. Tönerne E. mit Klapper wurden in Gräbern des 10. Jh. in der Gegend von Kiew (H. A. Knorr, Das bunte Ei in der Vorgeschichte, Oberdt. Zs. f. Volkskde. 12, 1938, 129–37) und in Wikingergräbern von Rone und Lilla Ringome auf Gotland [3, S. 145] aufgedeckt. Auf den archaischen spartanischen Heroenreliefs begegnet das E. in Verbindung mit anderen Gaben, welche die Adoranten darbringen; häufig ist die Zusammenstellung von Hahn und E., so auf der Stele aus Chrysapha in Berlin, Staatl. Mus. (Kat. II, 1, C. Blümel, 1940, S. 11–13, Nr. A 12, Taf. 22–24); auf dem sog. Harpyienmonument aus Lykien bringt die dritte Adorantin ein E. dar (Perrot u. Chipiez, Hist. de l’art dans l’antiquité 8, Paris 1903, S. 331ff., Abb. 145). Ein böotischer Krater des späteren rotfigurigen Stils in Athen zeigt Becher, E. und Schlange (Kat. M. Collignon u. L. Couve, 1902, Nr. 1926). E. und Schlange (das Seelentier) sind auf Totenreliefs häufig (vgl. Erich Küster, Die Schlange in der griech. K. u. Religion, Gießen 1913, S. 75 Anm. 2). Oft windet sich die Schlange um den Grabtumulus, auf dem in einer Vertiefung ein E. liegt. – Becher und E. zeigen die böotisch-lokrischen Terrakotten, so eine in Kopenhagen, Nat.Mus. (Kat. Breitenstein, 1941, Nr. 304, Taf. 36). – Die altattischen weißen Lekythen, z. B. eine Athener (Kat. Collignon u. Couve, 1902, Nr. 1631), lassen unter den Opfergaben E. erkennen.

2. Heilkult

Aus Hochscheid Krs. Bernkastel stammt eine Kultstatue des 2. Jh. n. Chr., die die einheimische Quellgöttin Sirona darstellt; die Göttin hält in der Linken eine Schale mit drei E., deren eines von einer sich um den rechten Arm windenden Schlange ausgeschlürft wird (W. Dehn in: Germania 25, 1941, S. 109 u. Taf. 14).

3. Sinnbild der Geburt und der Fruchtbarkeit

Als Sinnbild der Geburt und der Fruchtbarkeit ist die Darstellung der Helena mit dem E. der Leda auf attischen und unteritalienischen Vasen häufig anzutreffen, so etwa auf einem Glockenkrater aus Gnathia in Bonn (Corpus Vasorum, Deutschland 1, Bonn 1, Tafel 19f.; R. Kekulé, Sber. d. Akad. d. Wiss. Berlin 32, 1908, S. 691–703; vgl. jedoch auch Dom. Mustilli, Leda e l’uovo di Nemesis, Annuario della Scuola Archeol. di Atene etc. 24–26 [= N. F. 8–10], 1946–48 [1950], S. 123 bis 131); vgl. auch das Wandgemälde in der Aula Isiaca auf dem Palatin (G. E. Rizzo, Le pitture dell’ Aula Isiaca di Caligola [= Monum. pitt. ant. III, 2], Rom 1936, S. 12–14, Taf. 4f.) sowie eine Stucknische im Thermenmus. in Rom (K. Schefold in: Studies pres. to D. M. Robinson Bd. 2, St. Louis 1953, S. 1098ff., Taf. 89f.). – Die Geburt der lakonischen Trias Helena, Kastor und Pollux (nach einer erst in hellenistischer Zeit entstandenen Sagenversion) zeigt z. B. ein spätantikes graviertes Bronzeblech in New York (G. M. A. Richter in: Bull. Metrop. Mus. New York 9, 1914, S. 94, Abb. 5). Hingegen hat ein Trierer Mosaik des 4. Jh. (Trierer Zs. 19, 1950, Beilage 7) nach Kl. Parlasca (Ebd. 20, 1951, 113) mit der Drillingsgeburt nur die Namen gemeinsam; es stellt vielmehr eine Kultszene um das ägyptische Urei dar; vgl. den Mythos von der Entstehung des Ptah aus einem E., das die Urschlange Kneph (= Amun) ausgespien hat, und das als Symbol des Kosmos galt.

Eine Miniatur, die Adams Erschaffung aus einem eiförmigen Erdkloß darstellt, befindet sich in einer deutschen Historienbibel des 15. Jh. in London (B. M. ms. Egerton 856; Hans Vollmer, Materialien zur Bibelgesch. usw. I, 1, Bln. 1912, S. 90). – Piero della Francesca bildete auf seinem Altarbild in der Brera ein Straußen-E. über der das schlafende Kind haltenden Muttergottes ab: wohl ein Symbol der Geburt Jesu aus der unversehrten Jungfrau Maria, zugleich aber eine Anspielung auf die vielleicht ungewöhnlich, wenn nicht außernatürlich scheinende Geburt des Sohnes von Federigo, Hzg. von Florenz (1472), bei der die Mutter starb ([11] S. 97 u. Abb. 37; Parallelen: Ghirlandaio, Fresko in S. Trinità in Florenz, ebd. Abb. 38; Michelozzo, die Familie Aragazzi vor der Muttergottes, Dom in Montepulciano, ebd. Abb. 39).

Auf dem Gemälde von Hieronymus Bosch mit der Darstellung der Geburt Christi (Köln, W.R.M.) liegt neben der Gruppe der Hirten im Hintergrund ein E., das nicht nur Nahrung ist, sondern auch symbolische Bedeutung hat (Wilh. Fraenger, Die Hochzeit zu Kana, Bln. 1950, S. 117). – Der gleiche Meister räumte dem E. als Lebens- und Fruchtbarkeitssymbol im sog. „Garten der Lüste“, einem Triptychon im Prado zu Madrid, einen bevorzugten Platz ein (Ders., Das Tausendjährige Reich, Coburg 1947, S. 16, 82, 89 usw.). – Pieter Bruegels d. Ä. Kupferstich „Die Hexe von Malleghem“ schildert das Steinschneiden – mit dem Bruegel wie Bosch den Sinn der Kastration verbinden – im E., d. h. im Fortpflanzungssystem (W. Fraenger, Die Hochzeit zu Kana a.a.O., S. 86 u. 89).

Die Geburt der (vier) Kinder der Leda aus dem E. wird auch in der Malerei der Renaissance vereinzelt dargestellt (z. B. vom italienischen Monogrammisten I B mit dem Vogel, A. 16. Jh.: s. Sp. 46, Abb. 3; s. a. Abb. 7).

4. Weltei

Für die Darstellung des ägyptischen Sonnen-E. vgl. das Tempelrelief auf Philae, wo der memphitische Gott Ptah das Sonnen-E. auf der Töpferscheibe formt (Bilderatlas zur Religionsgesch., hrsg. v. Hans Haas, Lfg. 2–4, Lpz. 1924, Abb. 5; vgl. auch das Trierer Mosaik, s. o.).

Die der Spätantike geläufige – orphische – Auffassung des Weltalls als eines aus zwei Hälften bestehenden leeren E., dessen untere, silberne Hälfte die Erde, dessen obere, goldene, den Himmel darstelle, wirkte nach den Darlegungen von E. Baldwin Smith auf die Gestaltung frühchristlicher Kuppelgewölbe ein (The Dome. A Study in the History of Ideas, Princeton 1950, S. 77 bis 79).

Die niederländische Kunst am Ende des vom Pessimismus der Vorreformation durchsetzten 15. Jh. kannte das Welt-E., und zwar das zerbrochene. Auf dem rechten Flügel von Hier. Boschs Gem. „Garten der Lüste“ bildet es den Körper zu dem von einer Scheibe und einem Dudelsack (Symbol der Vanitas) bedeckten menschlichen Kopf (Abb. 2): es bringt nur noch tote Werke hervor (Trinkszene); darauf spielt hier auch der entwendete – also sinnlos gewordene – „Schlüssel der Erkenntnis“ (Lk. 11, 52) an. Ein zugehöriges Studienblatt bewahrt die Albertina in Wien (Fraenger, Das Tausendj. Reich a.a.O., S. 63ff.). – Die „Geduld“, ein Kupferstich von Pieter Bruegel d. Ä., zeigt das von einer menschlichen Gestalt gerittene und von einem Riesenmesser angeschnittene Welt-E.

5. Sinnbild der Schwarzen Magie; das "Ei der Philisophen"

Ganz im Zeichen der Schwarzen Magie (Magie ist eine der Versuchungen!) steht die „Versuchung des hl. Antonius“ von Hieronymus Bosch (Lissabon, Nat.Mus., Triptychon): das E., das ein Frosch (Symbol des Nichts, der Dunkelheit, der Urzeugung und der Häresie) zum Vollzug der schwarzen Messe emporhebt – wenn man nicht mit Fraenger (Die Hochzeit zu Kana a.a.O., S. 54) darin das im Sumpf erzeugte ägyptische Urei sehen will –, ist als Symbol der Torheit des Menschengeschlechtes aufzufassen. – Hierher gehört auch der Mysterienaltar auf der „Hochzeit zu Kana“ von Bosch (Rotterdam, Mus. Boymans): ein krötenförmiges Gefäß trägt ein E. als Mundstück (Ebd. S. 47ff.). – Zwei halbierte E., das mann-weiblich aufgespaltene Selbst, will der Mysterienfrosch im „Sturz des Zauberers Hermogenes“ von P. Bruegel d. Ä. (Stich von Pieter van der Heyden) „zu einer geistigen Kräftekugel ... amalgamieren ..., wie sie als Gipfel gotthafter Vollendung in Gestalt des E. als ‚arche geneseos‘ den Priesterhut des Frosches und das Scheiteltuch des Riesen krönt“ (Ebd. S. 39). – Das zerbrochene E. auf dem Gemälde der „Versuchung des hl. Antonius“ von Jan Mandyn († um 1560; Haarlem, Frans Hals-Mus.) und auf dem Weltgerichtsbild des Pieter Huys, 1554 (Brüssel, Mus. roy.), ist ein Sinnbild der nichtigen weltlichen Wissenschaft. Bei letzterem wird die Beziehung zur Alchimie deutlich: das E. wird in der Hexenküche über dem Feuer erwärmt (zu dem Ganzen vgl. [8]).

Merkur im „Ei der Philosophen“ zeigt der „Mutus Liber“ (Rupellae 1677, S. 11: [7] Abb. 22, S. 103). – Im Cod. Pal. lat. 412 der Bibl. Vat. (15. Jh.) entsteigt dem E. der Doppeladler mit der geistlichen und der weltlichen Krone [7, Abb. 98, S. 281]. – Auch das geflügelte E. auf dem Brunnen von Albrecht Altdorfers „Ruhe auf der Flucht“, 1510 (Berlin, ehem. Staatl. Mus.), ist wohl alchimistisch zu deuten, was gut zu der magistischen Einstellung des Meisters stimmen würde (G. F. Hartlaub, „Paracelsisches“ in der Kunst der Paracelsuszeit, Nova Acta Paracelsica 7, 1954, 149). – Das E. in der Hand des Professors Dr. med. et phil. Samuel Hafenreffer auf dessen Bildnis in der Tübinger Universität, um 1660, kann wohl in einem ähnlichen Sinne wie das „E. der Philosophen“ verstanden werden. G. A. Rost (Das Ei als seltenes Attribut eines Arztes, in: Sudhoffs Archiv f. Gesch. der Medizin, in Vorbereitung) verweist auf die Möglichkeit, daß der dargestellte Arzt Angehöriger des Rosenkreuzerbundes gewesen sein kann. Für Julius Langbehn war, als er sich 1886 von Hans Thoma als „Der Philosoph mit dem E.“ malen ließ (Henry Thode, Thoma [= Kl. d. K. 15], Stg. 1909, S. 258), das E. „denen gegenüber, welche die Welt als einen Mechanismus auffassen, ein Bild der organischen Welteinheit“ (Benedikt Momme Nissen, Der Rembrandtdeutsche Julius Langbehn, Freiburg i. Br. 1926, S. 71).

6. Verkörperung des Bösen

Als Verkörperung des Bösen ist das E., aus dem die Glieder eines Reptils hervorschauen (vgl. das Basilisken-E.), auf dem Bild „St. Jakob von Compostela und der Magier“ von Hieronymus Bosch (Valenciennes, Mus.) aufzufassen. – Die zahlreichen Bilder mit dem Thema der Versuchung des hl. Antonius weisen häufig unter den Symbolen des Dämonischen auch E. auf. So liegt ein E. im Vordergrund eines Bildes von Bosch in Haarlem, Slg. Gutmann. Auf dem linken Flügel des Lissabonner Triptychons von Bosch entschlüpfen einem E. kleine Vögel als Vertreter der Laster, während ein auf diesem E. stehender Vogel (ein Neuntöter [Lanius collurio] = Totenvogel!) einen Frosch (s. o.) verschlingt. Dasselbe Motiv zeigt eine „Versuchung“ in Schweizer Priv.bes. (Abb. 3). – Ein E., dem gleichfalls Vögel entfliegen, befindet sich im Mittelpunkt der „Phantasie über die Hölle“ des Pieter Huys (1519–81) im Prado.

Pieter Bruegels des Älteren Gemälde „Dulle Griet“, 1564 (Antwerpen, Mus. Mayer van den Bergh), das vielleicht auch die Häresie und eine von Dämonen zerstörte Welt darstellt, zeigt im Hintergrund ein E., dem kleine, auf dem Maibaum tanzende Teufel entschlüpfen (Abb. 4); die Sinnlosigkeit des Daseins wird durch das E. im Vordergrund deutlich, über das ein Fabelwesen einen Fisch hält (Abb. 5). – Der Teufel selbst hat Eiform angenommen auf dem Höllenbild des Herri met de Bles (Venedig, Dogenpalast); die Beziehung zur Häresie wird hier durch den Frosch, den der Teufel auf einem Tablett aufträgt, verdeutlicht (vgl. zum Ganzen [8]).

7. Spottbild

Im Tierfenster der Marienkirche zu Lübeck, 14. Jh., ist ein Huhn auf einem Nest mit Eiern dargestellt, während ein Mann prüfend ein E. gegen das Licht hält: wohl ein Spottbild (H. A. Gräbke, Die Wandmalereien der Marienkirche zu Lübeck, Hamburg 1951, Abb. 50 u. S. XIX), wie auch der E.-Prüfer am Chorgestühl zu Kempen und in niederländischen Hss. des 14. Jh.

8. Osterei

Bei dem E., das ein Knabe in einem „Hasenwagen“ (Moosschlitten) auf dem Anna-Selbdritt-Bild in Cranachs Torgauer Altar, 1509 (Friedländer-Rosenberg Nr. 18), hinter sich herzieht, handelt es sich wohl um ein am Ostermorgen oder am Sommertag geheischtes E. (H. Winter in: Brauch und Sinnbild, Fs. f. Eugen Fehrle, Karlsruhe 1940, S. 268ff.). In Georg Stengels „Ova Paschalia“ (s. o.) dienen Oster-E. für zahlreiche Embleme (Abb. 6 u. 7). Ostereiklappbildchen, die einen Sinnspruch und eine Darstellung der Auferstehung Christi enthalten, waren im 18. Jh. ein beliebtes Geschenk (Spamer, Andachtsbild S. 166; 240–42; Taf. 177, 3; 185, 2; 190–194, 1); dieser Brauch ist jedoch nicht aus der Gesellschaft in das Volk abgewandert (Ebd. S. 241, Anm. 1), sondern es handelt sich hier um „gehobenes Kulturgut des Volkes“ (G. Jungbauer in: Sudetendt. Zs. f. Volkskde. 3, 1930,144). – Das Aquarell „Eierspeckende Kinder auf dem Münchner Viktualienmarkt“, um 1800 (im Hist. Stadtmus. München) hat einen noch heute üblichen Brauch zum Thema: zwei Partner schlagen ihre Oster-E. aneinander, um deren Härte zu erproben; wessen E. heil bleibt, gewinnt das zerbrochene. Dieses Spiel wird E.- picken, -stoßen, -ticken, -tutschen, -tupfen usw. genannt [5, Sp. 622f.]. – Zu den bemalten Oster-E. und deren Nachbildungen in Silberfiligran, Porzellan usw. siehe Paul Sartori in: Bächtold-Stäubli 6, 1327–33. Eine größere volkskundliche Arbeit über das Oster-E. bereitet Mathilde Hain, Frankfurt a. M., vor.

Zu den Abbildungen

1. Kopenhagen, Nat.Mus., Antiken-Slg. Inv. Nr. 9078. Terrakotta-Ei aus Phaleron b. Athen. 7,4 cm h. Attisch, 7. Jh. v. Chr. (?). Fot. Mus.

2. Hieronymus Bosch, sog. „Garten der irdischen Lüste“, Ausschnitt vom rechten Flügel des Triptychons (vgl. Ch. de Tolnay, H. Bosch, Basel 1937, Taf. 72). Madrid, Prado. Um 1500. Fot. unbekannt (Zentralinstitut f. Kg., München).

3. Hieronymus Bosch (Werkstatt?), Versuchung des hl. Antonius, Ausschnitt. Schweiz, Priv.bes. 1. Dr. 16. Jh. Fot. Besitzer.

4. und 5. Pieter Bruegel d. Ä., Die „Dulle Griet“, Ausschnitte. Antwerpen, Mus. Mayer van den Bergh (vgl. Friedländer Bd. 14, Taf. 17). 1564. Fot. Mus.

6. und 7. Radierungen aus Georg Stengel, Ovorum Paschalium etc. Pars altera, Ingolstadt 16722, Embleme 11 und 18. Nach dem Original.

Literatur

1. Franz Lukas, Das Ei als kosmogonische Vorstellung, Zs. d. Ver. f. Volkskde. 4, 1894, 227–43. – 2. Paul Sartori, Die Speisung der Toten (= Jahresber. 1902/03 des Gymnasiums u. d. Realschule I. Ordn. zu Dortmund, Nr. 406), Dortmund 1903. – 3. Louise Hågberg, Påskäggen och deras hedniska ursprung, in: Fataburen. Nordiska Museets och Skansens Årsbok 1, (Stockholm) 1906 bis 1907, 129–54. – 4. Martin P. Nilsson, Das Ei im Totenkult der Alten, Archiv f. Religionswiss. 11, 1908, 530–46. – 5. Bächtold-Stäubli 2, 595–644 („Ei“, Frz. Eckstein). – 6. Charbonneau-Lassay S. 667–77; 943–54. – 7. C. G. Jung, Psychologie und Alchemie, Zürich 1944. – 8. Enrico Castelli, Il demoniaco nell’arte. Il significato filosofico del demoniaco nell’arte, Mailand u. Florenz 1952. – 9. Maria-Lioba Lechner, Das Ei im dt. Brauchtum. Beitr. z. Volkskde., Diss. Freiburg (Schweiz) 1952; Teildr. Zürich 1953. – 10. Dies., Ein merkwürdiger Fund in einem römischen Grabe bei Worms, in: Fs. des Röm.-Germ. Zentral-Mus. in Mainz 1952, Bd. 3, Mainz 1953, S. 123–30 u. Taf. 9. – 11. Millard Meiss, Ovum Struthionis, Symbol and Allusion in Piero della Francesca’s Montefeltro Altarpiece, in: Studies in Art and Literature for Belle da Costa Greene, Princeton 1954, S. 92–101, Abb. 37–48. – 12. Ders., Addendum ovologium, Art Bull. 36, 1954, 221–24.