Ehrenhof

Aus RDK Labor
Wechseln zu: Navigation, Suche

englisch: Cour d'honneur, court of honour; französisch: Cour d'honneur; italienisch: Corte d'onore.


Luisa Hager (1956)

RDK IV, 868–874


RDK III, 831, Matth. Merian, 1648.
RDK III, 867, Salomon Kleiner, 1728.
RDK IV, 869, Abb. 1. Jean Marot, um 1670.
RDK IV, 871, Abb. 2. Salomon Kleiner, 1740.
RDK IV, 873, Abb. 3. Münster i. W., 1767ff.

I. Begriff, Funktion

Der E. oder die Cour d’honneur, in der französischen Baulehre auch häufig nur als Cour principale bezeichnet, ist der vor der Wohnung des Schloßherrn oder dem sog. Corps de logis gelegene innere Schloßhof, den seitlich meist niedriger gehaltene Flügelbauten umschließen.

Die Tendenz der höfischen Baukunst zur Aufgliederung aller Bauteile führte im Einklang mit den Forderungen des Zeremoniells und dem Bedürfnis nach Repräsentation zur Ausbildung des E.-Motivs. Die Auffahrt im E. war bei Empfängen und Festen Pflicht. Der E. war auch Aufstellungsplatz für die Wagen und mehrspännigen Karossen, die bequem dort wenden konnten. Voraussetzung für die rasche Entwicklung des E. war die Abschaffung der fortifikatorischen Anlagen beim Schloßbau im Laufe des 17. Jh., wobei sich der offene, hufeisenförmige Grundriß gegenüber dem geschlossenen Vierflügelbau durchsetzte.

Die den E. rahmenden Flügelbauten waren häufig den Communs (für wirtschaftliche Zwecke und die Dienerschaft) vorbehalten; auch die seitlichen Bautrakte der Vorhöfe dienten als „Dépendances“ des Corps de logis, indem sie u. a. die Küchen und die „Offices“ (für die Zubereitung des Desserts, die Aufbewahrung des Porzellans und des Silbers usw.) aufnahmen.

II. Geschichte

A. Frankreich

Die Entstehung und früheste Entwicklung des E. vollzog sich in Frankreich. Einen E. in kleinem Maßstab kann man bereits in der Anlage des Hôtel de Cluny in Paris (1480 bis 1510) erkennen. Die eigentliche Vorstufe der barocken E.-Anlagen stellen jedoch die Schloßprojekte bei Jacques Androuet Ducerceau [1] dar. Einige der Projekte zeigen bereits die „Avant-cour“, die dem E. vorgelagert ist, von diesem aber noch durch einen Torbau getrennt wird.

Noch in engem Zusammenhang mit Ducerceau steht die hufeisenförmige Anlage des Palais du Luxembourg in Paris (1615–20 von Salomon de Brosse). Weiterentwickelt wurde das E.-Motiv in den klassischen Schloßbauten des 17. Jh., die die einzelnen Bautrakte mit den Höfen, den Alleen und dem Garten zu einer nach der Mittelachse ausgerichteten, großangelegten Gesamtkomposition zusammenschließen, deren Brennpunkt das Corps de logis mit dem E. bildet. Hauptbeispiele sind: Château de Maisons (1642 bis 1650), Vaux-le-Vicomte (1657–60) und vor allem Versailles (1661ff.), wo sich die strahlenförmig auf das Schloß zulaufenden Alleen in ihrer Verlängerung im E. schneiden. Auf die weitere Entwicklung weist ein eigenwilliges, nicht zur Ausführung gelangtes Projekt des Jean Marot zu einem Schloßbau in Mannheim (um 1670; Abb. 1), das – als eine freiere Form – den elliptischen Vorhof in die Hufeisenanlage einzupassen versucht.

In gesteigertem Maß forderte die französische Bautheorie des 18. Jh. die bevorzugte Stellung des E. innerhalb der Schloßanlage. So verweist Jacques-François Blondel [2] in seiner Lehre von der Distribution (s. d.) auf die Notwendigkeit eines „enchaînement réfléchi“ in der Abfolge der Höfe, damit die „cour principale et les bâtiments qui l’entourent, puissent acquérir une prééminence sur toutes les autres parties accessoires de l’édifice“. Der Rang des Schlosses und die Größe seiner Fassaden bestimmen das Ausmaß des E. und der übrigen Höfe; die Gesetze der Symmetrie, der Convenance und der Commodité sind, wie Blondel weiter anführt, dabei maßgebend für die Anordnung, die künstlerische Ausbildung und die Zweckbestimmung der Bautrakte um die Haupthöfe. Im Sinne einer Steigerung des Eindrucks für den Herankommenden verlangt die Baulehre Blondels ein leises Anschwellen des Terrains bis zum E. und von dort zum Corps de logis („ces cours sont élevées, sur une pente, qui, quoique douce, se présente amphithéâtraliquement“); als Abschluß des E. werden Gitter oder für die königlichen Schlösser Kolonnaden empfohlen, damit der Blick entlang der Enfiladen der Nebengebäude bis zum eigentlichen Schloßbau dringe. – Eine besondere Form des E. wurde mit der von Säulen gefaßten Place Royale (1753–55) vor dem Schloß in Nancy entwickelt, die als Teil einer Platzgruppe unmittelbar in den städtischen Raum einbezogen ist.

In Frankreich blieb der E. das charakteristische Merkmal aller vornehmen Wohnbauten, der sog. Hôtels, wie sie z. B. in großer Zahl zu Paris im Faubourg St. Germain, aber auch in anderen Stadtteilen errichtet wurden.

B. Deutschland

Ein frühes deutsches Beispiel der E.-Anlage mit den Communs zu Seiten des Hofes ist das ehemalige Ansbachische Schloß Schwaningen (1603–10; Abb. RDK III 831/32), das noch eng mit den Projekten Ducerceaus verwandt ist. Unter den vielfältigen Beispielen des 18. Jh. vertritt die Residenz in Würzburg (1719ff.) die klassische Lösung einer Hufeisenanlage mit tiefem E. über ansteigendem Platz (Abb. 2). Ein Gitter auf geschwungenem Grundriß schloß hier ursprünglich den E. gegen den Vorhof ab. In Mannheim führte der dreiflügelige Hauptbau des Schlosses mit seiner Breitenausdehnung von 600 m und den entsprechend langgestreckten Seitenflügeln zur Bildung eines ungewöhnlich breiten und tiefen, rechteckigen E.

Wie sehr das Motiv des E. zu einem Kernproblem der Schloßbaukunst geworden war, beweisen auch die Um- und Ausbauprojekte der Zeit. Die freiere Lösung einer weitausgreifenden Vorplatzgestaltung bringt Schloß Nymphenburg (1728ff.) durch vorgestaffelte Pavillons mit rechtwinklig vorgreifenden Seitenflügeln (für Stallung und Orangerie) und den Halbkreis von Kavalierbauten. Der festliche E. sollte hier wie in Versailles, Karlsruhe, Mannheim und Ludwigsburg Ausgangspunkt einer Stadtgründung werden.

Unter den nord- und mitteldeutschen Schloßbauten mit E. sind die wichtigsten Beispiele das Stadtschloß in Potsdam, das Palais des Prinzen Heinrich in Berlin (jetzt Universität), das Neue Palais in Potsdam, die Schlösser zu Brühl b. Köln, Münster i. W. (Abb. 3), Weimar und Schloß Friedrichsthal in Gotha. Beim Schloß Sanssouci in Potsdam ist der E. von Säulenkolonnaden umschlossen. In Süddeutschland sind auch die Schlösser in Pommersfelden (RDK III 867/68, Abb.) und Bruchsal mit großen E. versehen; beachtenswert bleibt aber die Tatsache, daß die E. der süddeutschen Schlösser sehr breit und wenig tief sind, während sie in Frankreich und vielfach auch in Nord- und Mitteldeutschland längere Seitenflügel haben, so daß der E. in seiner Längendimension ein größeres Ausmaß zeigt.

C. Übrige Länder

Ein geräumiger, rechteckiger E., den die sog. Kavaliertrakte flankieren, ist charakteristisch für Schloß Schönbrunn bei Wien (1743ff.). In Italien, wo der allseitig umschlossene Binnenhof die übliche Norm blieb, wurde das französische E.-Motiv mit Schloß Valentino in Turin, erbaut 1633ff. unter dem Einfluß des Palais du Luxembourg in Paris, eingeführt. In der Folge erhielt u. a. der Palazzo Barberini in Rom bei der Erweiterung Flügelbauten, die unter Bildung eines E. an den Seiten vortreten. Riesige E.-Anlagen waren für die Schlösser Stupinigi bei Turin (1729ff.) und Caserta in Kampanien (1752ff.) vorgesehen, dessen Vorplatz von niedrigen Bauten ringsum eingefangen werden sollte (nur z. T. ausgeführt). Klassische E.-Anlagen zeigen u. a. auch Palace Blenheim in England (1705ff.) sowie die Schlösser Het Loo in Holland (voll. 1687) und Carlsberg in Schweden (um 1660–80). In Frederiksborg nördlich Kopenhagen (1602–1620) haben die Ideen Ducerceaus einen unmittelbaren Niederschlag gefunden. Eine eigentümliche Grundrißgestaltung zeigt die Anlage des dänischen Schlosses Fredensborg (1720–24) mit einem achteckigen E. und dem von selbständigen, sich entsprechenden Pavillonbauten flankierten Vorhof, eine Mischung italienischer und französischer Anregungen.

Zu den Abbildungen

1. Jean Marot, Projekt für den Ehrenhof und das Schloß in Mannheim (nicht ausgeführt). Kupferstich. Um 1670. Fot. Städt. Museen, Mannheim.

2. Salomon Kleiner, Residenz Würzburg von der Hofseite. Zeichnung als Vorlage für das Stichwerk „Residenz Stadt Würzburg“, Augsburg (Pfeffel) 1740. Ehem. Würzburg, Univ.Mus. (verbrannt). Fot. Mus. (frdl. Leihgabe von Prof. R. Sedlmaier, Kiel).

3. Münster i. W., Schloß (ehem. Fürstbischöfl. Residenz), Hofansicht. 1767ff. von Joh. Konrad Schlaun. Fot. Marburg 20050.

Literatur

A. Quellen: 1. Jacques Androuet Ducerceau, Les Plus Excellents Bastiments de France, 2 Bde., Paris 1676 u. 1679. – 2. Jacques-François Blondel, Cours d’architecture civile, contenant les leçons données en 1750 etc., vollendet von Pierre Patte, 6 Bde., Paris 1771–77.

B. Schrifttum: 3. A. E. Brinckmann, Die Baukunst des 17. u. 18. Jh. in den romanischen Ländern (Hdb. d. Kw.), Wildpark-Potsdam 19315. – 4. Martin Wackernagel, Die Baukunst des 17. u. 18. Jh. in den germanischen Ländern (Hdb. d. Kw.), Wildpark-Potsdam 19325. – 5. Hans Rose, Spätbarock. Stud. z. Gesch. d. Profanbaues i. d. J. 1660–1760, München 1922. – 6. Louis Hautecoeur, Histoire de l’architecture classique en France Bd. 3 u. 4, Paris 1950 u. 1952.

Verweise