Ehre

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englisch: Honour; französisch: Honneur; italienisch: Onore.


Karl-August Wirth (1956)

RDK IV, 844–859


RDK IV, 845, Abb. 1. Chartres, um 1220-30.
RDK IV, 847, Abb. 2. Wien, 1. V. 15. Jh.
RDK IV, 849, Abb. 3. Holzschnitt aus J. Sambucus, 1564.
RDK IV, 849, Abb. 4. Henni Heidtrider nach Hendrik Goltzius, 1612-15, Husum.
RDK IV, 851, Abb. 5. Titelblatt zu Cesare Ripa, Rom 1603.
RDK IV, 853, Abb. 6. Paul Troger, 1731-32, Melk.
RDK IV, 857, Abb. 7. Jerem. Wachsmuth nach Gottfr. Eichler, um 1760.

I. Antike

In der römischen Antike wurde der Gott Honos gefeiert. Mit dem Namen dieser Gottheit verband sich der Begriff der E. in vorwiegend militärischem Sinne; darauf weisen außer der häufigen Kultgemeinschaft mit Virtus und den Beziehungen zu Mars auch Brauchtum und Darstellungen hin. Honos und Virtus wurden vielfach gemeinsam abgebildet; auf Münzen aus republikanischer Zeit erscheint ein mit Lorbeer bekränzter Lockenkopf als Honos, auf Kaisermünzen (Galba, Vitellius, Vespasian, Antoninus Pius, Mark Aurei) überwiegen Darstellungen in ganzer Figur. Honos kann sowohl in männlicher als auch in weiblicher Gestalt abgebildet werden, halbnackt oder mit einer Toga bekleidet; seine Attribute sind Füllhorn, Lanze, Zepter und Lorbeerzweig, gelegentlich auch eine Strahlenkrone [18].

II. MA

Für das Fortleben der antiken Honosbilder im Mittelalter sind bisher keine Zeugnisse bekannt geworden. Die sehr seltenen Früh- und hoch-ma. Darstellungen der E. zeigen verschiedene Typen, über deren Herkunft die Suche nach den – wohl vorauszusetzenden – Schriftquellen noch keine Aufschlüsse erbracht hat. Inschriften, die auf allegorischen Darstellungen mit der E. als Hauptfigur begegnen, lassen erkennen, daß man sich – unbekannt, auf Grund welcher Zusammenhänge – der Antike verpflichtet wußte: vgl. etwa die als „Mysticum Apollinis“ bezeichnete, in ihrem Sinn dunkle Allegorie eines aus drei plastischen Rundbildern bestehenden Lütticher Tympanons, 2. H. 12. Jh. (RDK I 345, Abb. 1). HO(nor), eine vornehm gekleidete, thronende männliche Gestalt ohne Attribute, wendet sich nach rechts zu LABOR, ohne die (solli) CITUDO zur Linken zu beachten (zur Deutung s. Ad. Goldschmidt in Paul Clemen, Belgische Kdm., Mchn. 1923, Bd. 1 S. 59ff., Taf. 10). Die Personifikation der E. am linken Portal der nördlichen Querschiffsfassade der Chartreser Kathedrale, um 1220–30, ist durch einen Schild mit zwei Mitren ausgezeichnet (Abb. 1; Timmers Nr. 1257) und in einen Zyklus der beatitudines animae eingegliedert; durch das Attribut und die Aufnahme in diesen Zyklus wird die Durchdringung des Begriffes E. mit christlichen Vorstellungen deutlich. Als beatitudo animae der Hoffnung ist die E. in Bartolomeo di Bartolis Canzone delle Virtù e delle Scienze (Leone Dorez, La canzone delle virtù usw., Bergamo 1904, S. 32) in denselben Gedankenkreis der christlichen Tugendlehre eingefügt. Eine wesentliche Unterstützung für diese inhaltliche Umdeutung bot das Zeugnis des hl. Thomas von Aquin, auf das sich noch die barocken Ikonologen häufig beziehen; es besagt: „Honor est cuiuslibet virtutis praemium.“ Eine gegenteilige Maxime, „homo natus (est) ad laborem et non ad honorem“ (z. B. Ridewall Fulgentius metaforalis, vgl. Hans Liebeschütz, Fulgentius metaforalis [= Stud. Bibl. Warburg Bd. 4], Bln. 1926, S. 95), wurde durch das Thomaswort völlig in den Hintergrund gedrängt und blieb ohne Folgen. – Auf einer Darstellung des Liebesgartens in einer Hs. des Rosenromans der Bibl. de la ville, Tournai (ms. C I S. 30, 14. Jh.; Leon van d. Essen in: Scriptorium, Revue internat. des études relatives aux mss. 1, 1947/48, S. 222, Taf. 21), ist neben zahlreichen anderen Tugenden auch die E. abgebildet.

Der in der Literatur seit dem 14. Jh. um sich greifende Hang zur Allegorie zeitigte eine starke Zunahme von Personifikationen der E.

Während in Italien seit Dante der Begriff der E. in antikischem Sinne wiederbelebt wurde (s. Werner Weisbach, Trionfi, Bln. 1919, S. 4), sind im Norden in ungleich höherem Maße christlich-moralische Vorstellungen mit ihm verbunden: 1396 ging erstmals „Le Mystère de Bien-Avisé et Mal-Avisé“ in Szene (1439 in Rennes wiederholt, im 16. Jh. gedruckt: [20] S. 123), wo unter den Tugenden, die Bien-Avisé auf seinem, im Bekenntnis des wahren Glaubens gipfelnden Weg der Läuterung begleiten, auch die E. erscheint. Besonders zahlreich sind Personifikationen der E. in der Gelegenheitspoesie, z. B. in den allegorischen Gedichten des Jean Molinet zum Tode Hzg. Philipps des Guten von Burgund und seiner Gemahlin Margarethe („Le Throsne d’Honneur“, „Le Chapelet des Dames“). In der deutschen Literatur vor 1500, zumal in Streitgedichten, ist Frau E. eine geläufige Personifikation. Bisweilen werden ihr Aussehen, ihre Gewandung und die Attribute genau beschrieben: „Do kom fro Er gegangen, / Mit ainer stol was si behangen, / Geclaidet uz der mase wol / Und kronet als ain engel sol. / Schne wis was ir gewant, / Sie trug di gaisel in der hant, / Die sant Sebastion trug, / Da mit er ainen tüfel slug. / Da hiengen daran / Bligin knopf gegossen dran“ (Joseph Frhr. von Laßberg, Liedersaal, das ist Slg. altdt. Gedichte, St. Gallen-Eppishausen 1820, Bd. 1, Nr. 72 Vers 109ff.).

Für die bildlichen Darstellungen der E. konnte die Vielzahl literarisch ausgeformter Personifikationen, die kaum über den Einzelfall hinaus verbindlich waren, als Schriftquelle dienen; so wurde die E. in der Kunst für die Hofhaltungen des Spät-MA in den verschiedensten Formen dargestellt und blieb in Bezug auf Inhalt und Attribute eine nicht eindeutig festgelegte Personifikation.

Im Inventar Hzg. Philipps des Guten von Burgund sind um 1420 mehrere Bildteppiche mit Darstellungen der E. genannt [19, S. 59]; ein anonymer Berichterstatter desselben Herzogs meldete ihm aus Wien brieflich von einer „tapisserie de Honneur“, auf der die E. als Jüngling inmitten einer großen Familie abgebildet war [19, S. 60]. In einem Teppichfragment aus dem 1. V. 15. Jh., ehem. in Wiener Priv.bes., ist ein Werk aus demselben Kunstkreis erhalten (Abb. 2): auf einer Rasenbank thront eine mit hermelinbesetztem Gewand gekleidete Frau, „Je sui onneur ...“, deren blonde Haare mit einem rosa Hut bedeckt sind (die an diesem angebrachte Margerite weist auf Margarethe von Burgund als Auftraggeberin). Die E. ist mit der Herstellung von Ehrenhüten für die „Kinder der E.“ beschäftigt, vgl. Molinets Gedicht [19, S. 57ff.]. Auf einem Schweizer Wildleute-Teppich, 3. V. 15. Jh., beklagen Frau Minne und Frau E., daß selbst Fürsten zur Verbreitung der Untreue in der Welt beitragen (Kurth, Bildteppiche Bd. 1, S. 219, Taf. 57). Für den um 1520 in Brüssel für das heimische Herrscherhaus geschaffenen Bildteppich der Folge Los Honores in spanischem Staatsbes. ([20] S. 120f.; ebd. I, 2, Abb. 88) bildet Lemaires „Temple d’Honneur et de Vertu“, 1503, die Quelle. In einem Saal, in dem sich die Seligen versammeln, thront die E., ein Mann, über dessen Haupt zwei Viktorien einen Kranz halten; der Typus der Gestalt gemahnt an den des Weltenrichters. Auf einem Brüsseler Bildteppich des 2. V. 16. Jh. in Wien (Ludw. Baldaß, Die Wiener Gobelinslg., Wien 1920, Nr. 24) ist die E. durch einen Mann, der eine Krone vorweist, dargestellt.

III. Neuzeit

1. Personifikationen

Im 16. Jahrhundert nahm die Zahl der E.-Personifikationen zwar weiter zu, das Anwachsen der Darstellungen steht jedoch in keinem Verhältnis zu der damaligen Verbreitung des Allegorienwesens. Obwohl keiner der Trionfi, keine der Ehrenpforten usw. ohne die Gestaltung des Begriffes E. auskam, sind die erhaltenen Beispiele, die bisher erkannt wurden, nicht gerade häufig; auch die Identifizierung bisher noch nicht benennbarer allegorischer Gestalten, die gewiß mancherorts noch möglich ist, dürfte diesen Befund nicht entscheidend beeinflussen. Aus vergänglichem Material geschaffene E.-Darstellungen mögen verlorengegangen sein, vor allem aber liegt der Grund für die relative Seltenheit von E.-Personifikationen in der Benennung: der mit dem Begriff E. verbundene Inhalt konnte auch unter anderem Namen vorgestellt werden, etwa als Ruhm (Fama, Gloria) usw. Bei Übersetzungen wurde nicht selten „fama“ mit „Eer“ übertragen (so z. B. [11] S. 124); möglich ist auch, daß der Begriff E. den antikisierenden Bestrebungen weniger als Fama u. dgl. geeignet erschien, weil sich mit ihm seit dem MA ganz bestimmte Vorstellungen der christlichen Tugendlehre verbunden hatten. So wäre auch verständlich, daß der positive Aspekt des Begriffes E. – in Umkehrung einer gedanklichen Konzeption des 16. Jh. – im 17. Jh. und vor allem im 18. Jh. als integrierender Bestandteil der Tugend (Virtus) angesehen werden konnte und in jenem Zeitraum Personifikationen der Unehre ungleich häufiger sind als solche der E. Die verschiedenen Benennungen, die sich inhaltlich oft nur durch Nuancen unterscheiden, folgen Zeitgeschmack und persönlicher Neigung. Die Vorstellung vom Wagen der E. [12, S. 29ff.] läßt den Zusammenhang mit dem Triumphwagen ohne weiteres erkennen; das besondere Vermögen einer Tugend oder einer wissenschaftlichen bzw. künstlerischen Disziplin ist ebenso ihre „Kraft“ (vis sapientiae) wie ihre E. (L’honore della scienza delle Leggi, vgl. [12]); Abzeichen und Brauchtum, in denen die „E.“ eines jeden Standes ausgedrückt ist, beschrieb B. Chasseneux im ersten Teil seines „Catalogus Gloriae mundi“ etc., (Lyon 15462), in 38 Abschnitten; auf ein eher soziologisches Verständnis des E.-Begriffes weist Thomas Milles’ „Catalogve of Honor or Treasvry of trve Nobility“ etc., London 1610, hin; usw.

Weitere Zusammenhänge mit anderen Begriffen sind durch allegorische Gestalten, die die Eigenschaften der E. (Vergänglichkeit u. a.) oder die Folgen der E. (Unsterblichkeit usw.) darstellen, gegeben.

Besonders folgenreich war die Differenzierung des umfassenden Begriffes E. im Hinblick auf bestimmte einzelne „Fälle“: „Honor. Ex arduis perpetuum nomen“, „Honor. Ex literarum studiis immortalitatem acquiri“ usf. (ausgewählt aus den zwölf Honor-Emblemen bei [2]). Schließlich konnten auch die Eigenschaften der E. durch eigene Personifikationen dargestellt werden (c) und, nachdem so eine sehr prägnante begriffliche Bestimmung der möglichen Aspekte der E. geschaffen war, andere Personifikationen mit E.-Darstellungen zu Gruppen verbunden werden. In solchen Fällen unterrichtet dann die jeweilige Gruppierung (d) über die besondere Auslegung des Begriffes E. Personifikationen, die an der komplexen Bedeutung von E. festhalten, sind ziemlich selten; sie stehen meist in bewußter Nachfolge antiker Honosbilder (a) oder schließen sich an die Beschreibungen des Cesare Ripa [8] an (b).

Zu Beginn des 16. Jh. war es in Italien und ebenso in der Kunst des Nordens üblich, E.-Personifikationen für den jeweiligen Fall zu entwerfen. Bezeichnend dafür ist, daß nur auf Grund der Beischriften die E.-Darstellungen zu identifizieren sind, und daß auch berühmte Bildwerke der Zeit als Darstellungen der E. herangezogen werden konnten, wenn sie nur den Ansatz zu moralischer Deutung gestatteten: Vicenzo Danti übernahm Michelangelos „Sieg“, um die Überwindung der Unehre durch die E. zu schildern (vgl. E. Panofsky, Studies S. 194). So kam es zu einem vielfältigen Nebeneinander ganz verschiedener E.-Bilder. Warum die E. männlich und weiblich dargestellt worden sei, versuchte schon Vincenzo Cartari zu erläutern; er konnte freilich für die Folgezeit damit keine Regel aufstellen, die Unstimmigkeiten der Überlieferung verhindert hätte: wer die E. männlich abbilde, denke daran, daß meist Männer zu Ehren gelangt seien, wer die E. als weibliche Gestalt darstelle, lasse sich von dem Gedanken leiten, daß die E. der Schatten der Tugend sei [6, S. 517].

a) Der Rückgriff auf antike Honosdarstellungen ist seit dem 16. Jh. nachzuweisen, und am Ende dieses Jh. bereits verzeichnen alle bedeutenderen ikonologischen Publikationen die antiken Vorbilder. Giampaolo Lomazzo (Trattato dell’arte della pittura, scoltura e architettura, Mailand 1584, S. 398) hat das Studium antiker Werke als Quelle für allegorische Gestalten ausdrücklich anempfohlen.

Für das Thema E. bestanden die antiken Exempla in Münzen (Antoninus Pius, Vitellius) und in einem angeblich 1521 erstmals publizierten Relief, das sich später als Werk des Phidias [14, S. 212] in der Kreuzherrenkirche zu Rom befand [4, S. 57], aber schon 1478 Lisyppus d. J. bekannt war (Casali-Medaille, G. F. Hill, A Corpus of Ital. Medals of the Renss. before Cellini, London 1930, Nr. 790).

Das Relief war dem Dius Fidius geweiht. Es zeigt Honor und Veritas, die sich die Hand reichen; hinter ihnen steht ein auf den Abbildungen als Amor bezeichneter Knabe (hierzu s. [6] S. 143). Alle Gestalten sind in halber Figur dargestellt, Honor als bartloser, mit einem Lorbeerkranz gekrönter Mann im Purpurgewand (zur Kritik der Überlieferung vgl. [4] S. 57). Alciati hatte die Figurengruppe nach ihrem Gestus der Fides zugeordnet, ebenso die meisten Neuauflagen des 16. Jh. Spätestens seit den Editionen von Lyon [2, S. 24] und Frankfurt a. M. [3, Bl. 24] begegnet ein neuer Bildtyp: ein nackter, bekränzter Putto, Amor, zwischen den Ganzfiguren Honos und Veritas (vgl. die Darstellungen von Brautleuten, die sich in Anwesenheit von Amor oder Hymen die Hände reichen!). An Stelle des Grundgedankens, unter dem sich bei Alciati die einzelnen Personifikationen zusammengefunden hatten, betonten spätere Autoren den Quellenwert, der dem Relief für die Bildtypen der drei Personifikationen jeweils zukommt.

Die Münze des Antoninus Pius ist nach dem Vorgang Ripas [9, S. 258] in der Literatur oftmals beschrieben worden, doch hat sie weniger als die des Vitellius zu Kommentaren und bildlicher Wiedergabe angeregt. Daß letztere bei Ripa ausführlicher beschrieben ist [9, S. 258], dürfte seinen Grund in der Bedeutung haben, die man schon vorher dieser Vorlage zumaß. Eine Nischenfigur an der Schmalseite der Loggia del Capitano in Vicenza, 1571 anläßlich des Sieges von Lepanto geschaffen, folgt der Münze des Vitellius getreu (Rud. Wittkower, Warburg Journal 7, 1944, 118); zuvor bediente sich u. a. Sambucus [7, S. 223] ihrer (Abb. 3): die E. ist als Frau dargestellt, die eine die Brüste nicht verhüllende Toga trägt und Lanze und Füllhorn in den Händen hält; auch der über dem Dachfirst des Tempels angebrachte Lorbeerkranz zählt zu ihren Attributen (zur gemeinsamen Darstellung von E. und Herkules bei Sambucus s. u.). Neben der E. ist die Tugend dargestellt – der antiken Vorlage entsprechend. Das gemeinsame Vorkommen der beiden Personifikationen geht zurück auf die Topographie der Kultstätten von Honos und Virtus im antiken Rom: man konnte in den Tempel der E. nur gelangen, nachdem man den der Tugend durchschritten hatte. Dies war Anlaß für die in viele Formen gekleidete moralische Deutung von E. und Tugend in der gesamten einschlägigen Literatur des Barock.

b) Ces. Ripa hat zwei Personifikationen der E. charakterisiert: „Honore I“ ([8] S. 202; [9] S. 257) ist ein mit Purpur bekleideter schöner Jüngling, seine Attribute sind Füllhorn, Lanze und Lorbeerkranz: die Attribute der Vitelliusmünze sind der Honosgestalt des Dius-Fidius-Reliefs in die Hand gegeben (zur Benutzung von Ripas Personifikation in der italienischen Kunst vgl. Erna Mandowsky, Untersuchungen zur Iconologie des C. Ripa, Diss. Hamburg 1934, S. 75 u. 118); „Honore II“ ist ein Mann von verehrungswürdigem Äußerem mit vergoldeter Halskette und Armringen, mit Lanze und Schild bewaffnet und mit Palmen bekrönt; sein Wappenzeichen sind die Fassaden zweier Tempel (s. o.). Auf dem Titelblatt der ersten illustrierten Ripa-Ausgabe [8] stehen sich Honore und Fama gegenüber (Abb. 5). Die E. ist eine bekleidete weibliche Gestalt, die in der Linken die Erdkugel und in der Rechten eine geflügelte Viktorie – die Heroine Pandora – mit Palmzweig und Lorbeerkranz hält. Ebenso hat noch um 1760 G. Eichler ([9 a] Taf. 155; Abb. 7) die E. dargestellt, jedoch durch weitere Attribute den Begriff leicht variiert; daß der mit Palm- und Lorbeerzweigen umwundene Obelisk von einer Posaune bekrönt wird und daß neben der Gestalt Federkiel und aufgeschlagenes Buch (der Historie) sowie ein vom Tierkreis umgebener Erdglobus (= Verbreitung der E. im Himmel und auf der Erde) angeordnet sind, verrät eine Übernahme von sonst der Fama eigenen Attributen.

Die sonst bekannt gewordenen Darstellungen des 16. Jh. sind im Hinblick auf ihre Quellen noch ungenügend untersucht.

Als Beispiel sei ein deutscher Stich genannt, der die E. als jugendlichen Helden zeigt: er thront auf einer Ehrenbank, die von Männern getragen wird (München, St. Graph. Slg., Inv. Nr. 214763). Daß die E. durch einen Mann dargestellt wird, ist in Deutschland besonders überraschend, da in der deutschsprachigen Literatur die Gestalt der „Frau E.“ eine weit verbreitete Allegorie war, vgl. etwa Hans Sachs’ Dichtungen (Helene Henze, Die Allegorie bei H. Sachs, Halle 1912, S. 30).

Die Vielzahl der mehr oder weniger getreu Ripas Beschreibungen folgenden Beispiele in der Literatur übergehend sei hier nur noch auf Ramlers Charakterisierung der E. [17, S. 67] hingewiesen; er zählt folgende Attribute auf: Lorbeerkränze in den Händen, mit Lorbeer umwundenes Schwert und Buch, Sternenkranz auf dem Haupte.

Die Anweisungen der ikonologischen Literatur wurden von den barocken Künstlern nicht immer befolgt. Wie sehr einmalige Absicht für die Gestaltung von E.-Personifikationen entscheidend sein konnte, zeigt z. B. die Figur im Mausoleum des Feldmarschalls Lars Kagg in Floda, Södermanland, um 1666 (Marten Liljegren, Barockapoteoser, Tidskrift för Konstvetenskap 28, 1952, 119).

c) Unter den Eigenschaften der E. sind ihre Vergänglichkeit und ihre Erhabenheit am häufigsten personifiziert worden. Die Flüchtigkeit der E. ist durch eine geflügelte Frau in kostbarem, mit Perlen und Bordüren geschmücktem Gewand dargestellt, auf anmutige Art hält sie in der Rechten eine blitzende Rakete mit der Inschrift „egrediens ut fulgur“ und in der Linken einen Rosenstrauß, aus dem bereits einige Blüten welk und blaß zur Erde fallen. Um die Erhabenheit der E. zu veranschaulichen, bildete man eine mit Lorbeerkranz und Lanze ausgestattete Gestalt, die auf einer hohen, mit Laubwerk und Reliefs geschmückten Säule steht, ab (für beide Personifikationen vgl. [16] S. 358 bis 363). Die „Verbreitung der E.“ symbolisiert Alexander d. Gr., der einen Blitz in der Hand hält ([16] S. 363f.; s. u.).

d) In Gruppen von allegorischen Gestalten ist die E. mit Vorliebe zusammen mit der Tugend (virtus), dem Reichtum (opulentia), aber auch mit solchen Personifikationen, die auf die verschiedenen Eigenschaften der E. hinweisen, dargestellt.

E. und Tugend reichen sich beide die Hände (vielleicht eine Abwandlung des Dius-Fidius-Reliefs, s. o.) oder die E. krönt die Tugend mit einem Lorbeerkranz. Das Krönungsmotiv findet sich z. B. auf einem Stich des Hendrik Goltzius, auf dem die E., ein Mann in reifem Alter, die Dame Virtus auszeichnet, denn „sans Vertu est l’Honneur comme le corps sans âme“ (Hollstein, Dutch Fl. E. 8, S. 21); die gleiche Vorstellung ist auf einem Fresko in der Trausnitz bei Landshut angedeutet: hier sitzt die E., im Typus von Gottvater, auf einem Thron (Karl Stadler, Landshut [= Städte der bayer. Ostmark], Bayreuth 1938, Abb. S. 78). Auf einer Zchg. des Maarten de Vos [21, Abb. 58] führt die Tugend die E. an der Hand (Beischrift: „Virtutem comitatur Honos“). Auf einer dt. Zchg. des 2. Dr. 17. Jh. in Münchner Priv.bes. ist ein Triumphzug dargestellt, der auf einem schmalen, steinigen Weg dahinschreitet; dieser endet vor dem Tempel der Dreifaltigkeit auf dem Berg und streift den Tempel von Honos und Virtus, die vor ihren Kultbauten, den Zug erwartend, stehen. Beim Einzug König Friedrichs I. von Preußen in Berlin (1701) hatte der Graf von Schwerin eine „Illumination“ an seinem Haus angebracht, die das Königspaar von Honos und Virtus umgeben zeigte [15, S. 75f.].

Verbreitet war die Vorstellung, daß man durch Reichtum E. erkaufen könne. So zeigt ein Stich aus der Folge „Die Mittel zum Glück“ von Goltzius (1582; B. 112) die E. als Buhlen der Opulentia. Der Stich hat Henni Heidtrider als Vorlage für ein Relief im Husumer Schloß gedient (Abb. 4; Hellm. Bethe, Nordelbingen 8, 1930/31, S. 203 Abb. 11). – Daneben wurde dieses Begriffspaar auch positiv verstanden; so spricht z. B. Cervantes (Don Quijote II, 6) von Reichtum und E., die durch Übung der Wissenschaften und Kriegstaten zu gewinnen seien. Auf John Droueshouts Titelkupfer zu William Scotts Essay of Drapery, London 1635 (Arthur M. Hind, Engraving in England in the 16th and 17th C. Bd. 2, The Reign of James I., Cambridge 1955, Taf. 214) sind E. und Friede aufgeboten, London mit Lorbeer zu bekränzen.

Nach Entwurf von Otto van Veen (Wurzbach 24) schuf Pieter de Jode II (1601–74) eine Darstellung der E., die die Zügellosigkeit und die Faulheit flieht (Hollstein, Dutch Fl. E. 9, S. 112). Auf einem Gem. des Jacques Boulvène im Mus. des Augustins in Toulouse ist die E. von Wachsamkeit und Vorsehung begleitet (Gaz. des B.-A. 91/35, 1949, S. 189 Abb. 1).

Ein Beispiel für die Aufnahme einer E.-Personifikation in einen Bildzyklus, der auf christlich-sakralen Gedankengängen beruht, bietet Trogers Fresko in der Bibliothek von Stift Melk, 1731/2 (Abb. 6): E. und „Splendore del nome“ sind dem Herkules christianus beigesellt (Wilh. Mrazek, Die barocke Deckenmal, i. d. 1. H. 18. Jh. in Wien u. in den beiden Erzhzgt. Ober u. Unter der Enns, Diss. Wien 1947, Bd. 2 S. 146 [masch.]).

e) In zahllosen Beispielen, zumal bei Festdekorationen, sind Personifikationen nachzuweisen, die das Thema der E. gleichzeitig mit anderen Vorstellungen in einer einzigen allegorischen Gestalt behandeln.

So ist an der Berliner Ehrenpforte für Friedrich I., 1701, der Friede „fast so, wie auf Römischen Müntzen die Victorie vorgestellet“. Alle Attribute der E. – Purpurgewand, Lorbeerkranz, Füllhorn –, dazu Embleme der E. (s. u. II, 2), sind dieser Personifikation zugeteilt, um die beim Wehlauer Frieden von 1657 „erworbene höchste Gewalt und E.“ zu veranschaulichen [15, S. 52f.].

2. Emblematik

Die Emblematik und Hieroglyphik, die seit dem 16. Jh. das Thema E. unter den verschiedensten Aspekten immer wieder behandelt hat, zeigt verschiedene Eigentümlichkeiten der Überlieferung. Das relativ frühe und häufige Vorkommen von Hinweisen auf Personen und Ereignisse der antiken Mythologie sowie der antiken Geschichte, die Konstruktion von erzählenden Szenen mit unterstellter Symbolbedeutung – vgl. II, 3 – sind bedeutsamer als die Auswahl der Symbola aus den objecta artificialia. Letztere hielt sich, wie die wohl ausführlichste Zusammenstellung bei Picinello [13] zeigt, vorwiegend an die Attribute der E.-Personifikationen; bei der Unterteilung des Begriffes E. in die Vielzahl möglicher Aspekte – dieses ist beim Thema E. wohl der bedeutsamste Beitrag der emblematischen Literatur – sind häufig neue Symbola konzipiert worden. Nur ein kleiner Teil von ihnen fand Aufnahme in die Überlieferung, die meisten sind für einen bestimmten Zweck geschaffen worden und verschwanden, nachdem sie diesen erfüllt hatten, wieder.

Picinello präzisiert in einigen Fällen die Bedeutung der Attribute von E.-Personifikationen: Lorbeer verwende man, weil „honores sunt impedimenta“ (9, 212: ornant sed impediunt); die beiden Tempel (s.o.), denn „honor virtute comparatur“ (16, 196); Panzerhemd, mit Helmbusch geschmückter Helm und Schild bedeuten ihm „honor onerosus“ (22, 18); usw. – Als Grundlage gerechter Ehrung erscheint Picinello die Würdigkeit des Geehrten (weshalb er alle E.-Symbola unter „Dignitas“ registriert). Der mit Früchten behangene Baum (9, 79: dant pondera honorem), die Eiche (9, 416: honores laboribus acquiruntur), das Labyrinth – „labor intus“, die Etymologie des Wortes (!) ist zugleich Lemma – (16, 97), usw.: alle diese Symbola dienen der symbolischen Umschreibung seines Anliegens ebenso wie die Embleme „Honores debentur meritis“ (25, 27), „Honorum distributio“ (15, 250) u.a. Die flatternde Fledermaus charakterisiert die schädliche E. (4, 645), der Stern, der sich von der Sonne Licht erbettelt, kennzeichnet die erborgte E. (z. B. die eines verdienstlosen Mannes von hoher Geburt; 1, 343). Die Skala der negativen Aspekte reicht von Emblemen zum Thema Reichtum und E. über solche der Folgen der E. (21, 196; honorem sequitur vitium) bis zur eitlen E. (honor vanus s. Vanitas), zum Ehrgeiz usw.

Da die E. als königliche Tugend galt, wurden auch die Herrschaftszeichen des weltlichen Regiments als Symbola der E. herangezogen, so etwa die Krone [15, S. 84 u. 88].

3. Allegorien

Durch Allegorien wurde, ebenfalls seit dem 16. Jh., das Thema E. vielfältig interpretiert. Herkules, der durch seine zwölf „Arbeiten“ zu Ehren kam, repräsentiert die E. (Abb. 3; ob sich daher die Zwölfzahl der Embleme bei [2] erklärt?). Auch der a.t. Joseph, der ohne eigenes Wollen aus größtem Elend zu höchsten E. erhoben wurde, galt als Symbol der E. [13, 3, 236]. Bedenklicher ist der Bezug bei Atalante: sie verlor den Wettlauf mit Hippomenes, weil sie sich nach den drei goldenen Äpfeln – Symbolen von divitiae, voluptas und honor – bückte [13, 3, 24]; auch Saturn, als Greis mit der Sichel dargestellt, steht für die Begriffe Reichtum und E. [13, 3, 131]. Denselben Zusammenhang behandeln Bocchi [5, S. 216], die Emblemata Horatiana [11, S. 98f., 104f. u. 128f.] und nach ihnen viele andere. Die Persönlichkeit Alexanders d. Gr. weist auf die Verbreitung der E. hin [16, S. 363f.].

Für die auf Waffentaten gegründete E. dient Achilles als Praefiguration ([2] S. 157; [12] S. 53ff.). Bereits bei den Alciatiausgaben des späteren 16. Jh. sind außer den antiken Göttern auch die antike und die vaterländische Geschichte zur Allegorie herangezogen: die Krönung mit einem Lorbeerkranz erhebt den Feldherrn Thrasybulos zum „optimus ciuis“ [2, S. 155]; die auf Kriegstaten gegründete E. des Giov. Galeazzi Visconti wird durch sein Grab symbolisiert bzw. durch eine Landkarte, auf der der Ort seines Grabhügels verzeichnet ist ([2] S. 154; [4] S. 572). Die Spartanerin, die ihrem Sohn den Schild gibt und ihn anhält, E. zu erstreben [12, S. 49ff.], und der Kampf des Horatius Cocles ([9 a] Taf. 155; Abb. 7) dienen ferner als Allegorien auf die kriegerische E. Aus den ergänzenden Allegorien hat dann Ces. Orlandi [10] ein festes System sog. „Fatti“ geschaffen.

Er nennt Fatti aus der Bibel (Mardochai, von Haman geehrt: Esth. 6), der antiken Geschichte (Ehrung des Philosophen Poseidonios: vgl. Plinius, Nat. hist. VII, 30, 112) sowie – zum Begriff des Ehrgeizes hinleitend – aus der antiken Sage (das Ehrverlangen des Haimos: vgl. Pauly-Wissowa 7, 2221).

Die E., die aus wissenschaftlicher Beschäftigung erwächst, hat stets einen Bezug zur Immortalitas. Der den Tritonus blasende Poseidon, dessen Bild von einer sich in den Schwanz beißenden Schlange eingerahmt ist (= Ewigkeit), symbolisiert diesen Aspekt der E. [2, S. 153 (133!)]. Im 18. Jh. stieg das Ansehen der E. ex literarum studiis: der Lorbeerkranz galt nunmehr weniger als Krönung des siegreichen Feldherrn denn als Dichterlorbeer [14, S. 69]; bezeichnend ist die gleichgewichtige Verteilung der Attribute bei Ramler (s. o.): die hervorragenden Taten des Krieges (Schwert) und des Friedens (Buch), machen die E. zu einer Tugend, die durch Unsterblichkeit (Lorbeer, Sternenkranz) belohnt wird. Hier ist – während sich sonst Emblematik und Hieroglyphik in die Fatti verflüchtigen – noch einmal eine den gesamten Begriff E. umfassende Allegorie konzipiert. Sie unterscheidet sich von den früheren Personifikationen durch den programmatischen Anspruch, mit dem sie auftritt. Hinter Ramlers Gestalt stehen das Programm der Geniezeit und der Geniekult. Erst die subjektive Realisation der durch die Attribute beschriebenen Anforderungen sichert dieser Allegorie ein – freilich außerkünstlerisches – Fortwirken.

Zu den Abbildungen

1. Chartres, Kathedrale, Nordquerschiff, Stirnwand des östl. Portals, 3. Archivoltenfigur von links. Um 1220–30. Fot. Marburg 35 315.

2. Wien, Slg. E. Weinberger, Bildteppichfragment. Wolle, 2,35 × 2,75 m. Burgund, 1. V. 15. Jh. Nach Jb. Kaiserhaus 34, 1918, S. 58.

3. Emblem „Virtutem honor sequitur“, Holzschnitt aus Joannes Sambucus [7], S. 223. 8 × 8 cm. Antwerpen 1564. Fot. Verf.

4. Henni Heidtrider (tätig 1611 – nach 1640) nach Stich von Hendrik Goltzius, Relief an einem Kamin im Schloß Husum. Alabaster, 36 × 40 cm. 1612–15. Fot. L.A. f. Dpfl., Kiel.

5. Titelholzschnitt zu Cesare Ripa, Iconologia, Rom 1603. 20 × 13 cm. Fot. Ernst Guldan, München.

6. Paul Troger (1698–1762), Deckenfresko im Bibliothekssaal des Stifts Melk a. d. D., Ausschnitt. 1731–32. Fot. B. Reifenstein, Wien, 2920.

7. Jerem. Wachsmuth (1711–71) nach Gottfr. Eichler d. J. (1715–70), Kupferstich aus Cesare Ripa, ed. J. Gg. Hertel [9 a], Bl. 155. 19,2 × 13,1 cm. Augsburg um 1760. Fot. Verf.

Literatur

I. Zitierte Quellen: 1. Andrea Alciati, Emblemata, Mailand 1522. – 2. Desgl., Lyon 1574. – 3. Desgl., Ffm. 1583. – 4. Desgl., hrsg. v. Laurentius Pignorius, Padua 1661. – 5. Achille Bocchi, Symbolicarum Quaestionum de universo genere ..., Bologna 1555. – 6. Vincenzo Cartari, Immagini dei Dei degli Antichi, Venedig 1556; zit. nach der Ausg. Padua 1615. – 7. Ioannes Sambucus, Emblemata, Antwerpen 1564. – 8. Cesare Ripa, Iconologia, Rom 1603. – 9. Desgl., Venedig 1645. – 9 a. Desgl., hrsg. v. J. Gg. Hertel, Augsburg, um 1760. – 10. Desgl., erweitert v. Ces. Orlandi, Bd. 4, Perugia 1766, S. 272ff. – 11. Q. Horati Flacci Emblemata, Antwerpen 1607. – 12. Paolo Maccio, Emblemata, Bologna 1628. – 13. Filippo Picinello, Mondo simbolico ..., Mailand 1653; zit. nach der latein. Erstausgabe Köln 1681. – 14. Ottavio Scarlattini, L’Huomo, e sue Parti figurato, e simbolico ..., Bologna 1684; zit. nach der lat. Ausg. Augsburg u. Dillingen 1695, Bd. 2. – 15. Johann von Besser, Preußische Krönungs-Geschichte ..., Cölln a. d. Spree 1702. – 16. Hubert Korneliszoon Poot, Het Groot Natuur- en zedekundigh Werelttoneel of Woordenboek usw., Bd. 1, Delft 1743. – 17. Karl Wilh. Ramler, Kurzgefaßte Mythologie, Bln. 1791.

II. Schrifttum: 18. Pauly-Wissowa 8, 2292 bis 2294. – 19. Betty Kurth, Die Blütezeit der Bildwirkerkunst zu Tournai u. der burgundische Hof, Jb. Kaiserh. 34, 1918, 57–60. – 20. Göbel I, 1. – 21. Knipping Bd. 1. – 22. Praz. – 23. Droulers.