Ehernes Meer

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englisch: Molten sea; französisch: Mer d'airain; italienisch: Mare di rame.


Hans Martin von Erffa (1956)

RDK IV, 837–844


RDK IV, 837, Abb. 1. Reiner von Huy, 1113-18, Lüttich.
RDK IV, 837, Abb. 2. Mousson b. Nancy, 2. H. 12. Jh.
RDK IV, 839, Abb. 3. Nikolaus von Verdun, 1181, Klosterneuburg.
RDK IV, 839, Abb. 4. Sarnen Kt. Obwalden, 1427.
RDK IV, 841, Abb. 5. Jost Amman, 1564.
RDK IV, 843, Abb. 6. Joh. Bernhard Fischer von Erlach, 1721.

I. Beschreibung

Das E. (mare aereum, mare fusile) war ein großes bronzenes Becken im Vorhof des Salomonischen Tempels, das der Erzgießer Hiram aus Tyrus gegossen hatte (1. Kön. 7, 23–26).

Es hatte die Form eines kreisrunden Kessels von etwa 2½ m Höhe und mehr als 5 m oberem Durchmesser und ruhte auf zwölf in Erz gegossenen Rindern. Je drei dieser Rinder, deren Hinterleiber unter dem Becken verschwanden, waren nach einer der vier Himmelsrichtungen gewendet. Den Bauch des Gefäßes, das eine Wandstärke von etwa Handbreite hatte und 70 000 Liter faßte, schmückten zwei Reihen von Koloquinten, kleinen Kürbisfrüchten, die ebenfalls in Erz gegossen waren; der obere Gefäßrand war nach außen umgebogen (s. a. [2] und [3]).

Das E. war für die kultischen Waschungen der Priester bestimmt (2. Chron. 4, 6). Es kann als ein legitimer Nachkomme jenes ehernen Waschbeckens, das Moses auf das Geheiß Gottes an den Eingang zur Stiftshütte stellen ließ (2. Mos. 30, 18–21) und an dem die Spiegel der Weiber, die vor der Stiftshütte dienten, angebracht wurden (2. Mos. 38, 8), gelten. Der Schmuck des E. durch zwölf Rinder deutet auf die zwölf Stämme Israel und die von ihnen dargebrachten Opfer.

Das auf Befehl Salomos im Tempel aufgestellte E. wurde bei den von König Ahas vorgenommenen Veränderungen des Tempels (2. Kön. 16, 17) seiner zwölf Rinder beraubt und auf einen steinernen Untersatz gestellt. Die Chaldäer zerstörten das E. vollends und führten das Erz nach Babylon (2. Kön. 25, 13).

II. Deutung durch Rupert von Deutz

Rupert von Deutz (um 1070–1129) hat in seinem 1117 vollendeten Kommentar zum 1. Buch der Könige (De trinitate etc., In reg. lib. III, Kap. 21–23; Migne, P.L. 167, Sp. 1166 bis 1169) für die biblische Schilderung des E. eine Auslegung gegeben, die das jüdische Kultgefäß ins Christliche umdeutet. Er bezieht zunächst den Verwendungszweck des E. auf den des Taufbeckens im christlichen Kult, sodann die Stellung des E. zum Tempel auf die Stellung des Taufbeckens in der Kirche (Kap. 21): dieses wie jenes (in freier Ausdeutung von Hes. 47, 1) stehen auf der rechten Seite, auf der auch Christi Leib die Wunde von der Lanze empfing. Wie von dieser Wunde nicht nur Blut, sondern auch Wasser ausging, das wie ein Meer die ganze Menschheit überflutete, und wie vom E. ein Wasser ausging und ins Meer floß und überall Gesundheit und Leben verbreitete (Hes. 47, 8f.), so geht auch vom Taufbecken das Wasser der Taufe in Christi Namen aus in alle Welt (Kap. 22). Das E. ist auf die zwölf Rinder gelegt, daß sie es tragen, wie den zwölf Aposteln das Apostolat und das Taufgebot Christi auferlegt ist, daß sie es in alle vier Himmelsrichtungen tragen (wobei sie jeweils durch ihre Dreiheit ein irdisches Abbild der Dreifaltigkeit geben). Die hinteren Teile (posteriora) der zwölf Rinder sind verborgen, wie das Leben der Apostel vor ihrer Berufung im Verborgenen blieb; die nach außen gewendeten Köpfe der Rinder dagegen entsprechen der in Christi Auftrag begonnenen Wirksamkeit der Apostel in der Welt (Kap. 23).

III. Darstellungen

Eine unmittelbare Folge dieser Ausdeutung des biblischen Berichts war die Schaffung eines der bekanntesten ma. Taufbecken nach dem in dieser Beschreibung gegebenen Vorbild. Reiner von Huy nahm das E. als Anhalt für die Gestaltung seines vor 1118 für N.-D.-aux-Fonts in Lüttich ausgeführten Taufbeckens (Abb. 1; jetzt in St. Barthélemy in Lüttich, Deckel und zwei Rinderhalbfiguren verloren; K. H. Usener, Marburger Jb. 7, 1933, 77–134). Es liegt nahe, eine persönliche Bekanntschaft des Meisters mit Rupert von Deutz anzunehmen ([1]; s. a. Zs. f. chr. K. 34, 1921, 58), zumal die Inschrift am Taufbecken von Rupert verfaßt sein könnte [1].

Das Becken steht auf einem zylindrischen Steinsockel, an dessen oberer Hälfte zehn (ehem. zwölf) Vorderhälften von Rindern derart angebracht sind, daß sie sich nach allen Richtungen herauswenden (in der urspr. Aufstellung in N.-D.-aux-Fonts waren sie vermutlich zu je dreien zusammengerückt). Die Wandung der Fünte schmücken Reliefs mit Darstellungen der Predigt Johannes d. T. und von Taufszenen: Taufe Christi, des Cornelius, des Philosophen Crato (?) und der Zöllner (Abb. bei Usener a.a.O.).

Ein in der Gesamtanlage ähnlicher Taufstein in der Schloßkapelle von Mousson b. Nancy (Abb. 2) kann zwar nicht sicher als Darstellung des E. gedeutet werden, weil es sich bei den Tiergestalten der Sockelzone nicht um zwölf Rinder, sondern – soweit erkennbar – auch um Halbfiguren anderer Tiere und eines menschenähnlichen Wesens handelt; doch ist die Abhängigkeit von der Gestaltung Reiners offensichtlich.

Die typologische Beziehung des E. auf die Taufe, besonders auf die Taufe Christi, ist dann von Nikolaus von Verdun im Klosterneuburger Altar von 1181 wieder aufgenommen worden (Abb. 3). Hier steht die Darstellung des E. (sub lege), neben dem Durchzug durch das Rote Meer (ante legem; s. Sp. 618, Abb. 3), als Antitypus zur Taufe Christi (sub gratia). Das E. ist auf der Schmelzplatte in der sonst ungebräuchlichen Draufsicht gegeben; es wird von den Halbfiguren der zwölf Rinder getragen und enthält in seinem Innersten einen Kreis mit Fischen, die von einem kreisförmigen Wellenornament umspült sind.

Von den großen typologischen Hss. des MA enthalten nur die Bible moralisée und der Heilsspiegel das Gleichnis des E.

Die Bible moralisée stellt (Oxford, Bodl. ms. 270 b, fol. 163 v; A. de Laborde, Paris 1911, Bd. 1 Taf. 163) im Tempelinnern Salomo als Auftraggeber und Hiram bei der Arbeit am E. dar. Entgegen dem biblischen Bericht arbeitet Hiram als Steinmetz mit Hammer und Meißel. Das zweistufige Becken – der obere Teil gemauert, der untere von Säulchen umgeben – wird von zwölf kleinen Löwenfiguren getragen, wie auch die Beischrift von „leunculos qui lavatorium sustinebant“ spricht. Woher das Motiv der Löwen stammt, ist noch unbekannt; Zusammenhänge mit dem Thron Salomos wären möglich (vgl. auch [4]). Vielleicht bringen die noch nicht abgeschlossenen Untersuchungen von Frederick P. Bargebuhr, Universität Iowa, über die Ikonographie des Löwenbrunnens in der Alhambra eine Antwort.

Das nächste Bild der Bible moralisée zeigt Christus, im Innern einer Kirche drei in einem Taufbecken sitzende Katechumenen taufend; um ihn sind die Apostel versammelt, „per quos fons baptismalis sustentatur“.

Der Heilsspiegel bedient sich im Kap. 12 des E. als Gleichnis für die Taufe Christi und des Christen. Neben die von Rupert von Deutz angeführten Argumente treten zwei weitere: wie die Priester sich im E. waschen mußten, bevor sie in den Tempel eintraten, so muß der Mensch sich der Taufe durch Wasser unterziehen, ehe er in den himmlischen Tempel Gottes treten darf; das E. war aus Erz, worein der Gießer verschiedenartige Metalle mischte: so können auch die Worte der Taufe in den verschiedensten Sprachen ausgesprochen sein (vgl. Durandus, Rationale VI, 82, 30).

Die Heilsspiegelillustratoren wußten im allgemeinen mit der klaren Beschreibung des E. im a.t. Bericht nicht viel anzufangen [4].

Sie geben z. B. die zwölf Rinder so, als ob sie zur Tränke an den Brunnen kämen (London, B.M. ms. Harley 2838; ebd. ms. Arundel 120; München, St.B. Cgm. 3; [4] Taf. 10). Andere Illustrationen stellen die Rinder frontal nebeneinander. Eine Speculum-Hs. des 15. Jh. in Paris (B.N. ms. fr. 6275) gibt das E. in Form eines rechteckigen gemauerten Brunnenbeckens wieder (Lutz-Perdrizet Taf. 130, Nr. XII, 2), eine andere von 1427 in Sarnen (ehem. in Gries bei Bozen) in Gestalt eines gotischen Brünnleins im Brunnenhaus (Abb. 4). In einer italienischen Hs. des 14. Jh. stehen die zwölf Rinder gar im Wasser in einer Meeresbucht, in welcher Fischer an der Arbeit sind (Paris, B.N. ms. lat. 9584; M. R. James, Spec. hum. salv., Oxford 1926, Kap. 12 Abb. 2). Weitere Varianten bei Breitenbach [4]. In den Mülhausener und Kolmarer Fenstern fehlt das E.

Vereinzelt begegnet die Darstellung des E. mit daran angebrachten Spiegeln, z. B. in München, St.B. Clm. 146, an einem mit Blättern verzierten, von sieben Rindern getragenen Taufbecken (Lutz-Perdrizet Taf. 23). Dies bedeutet eine Vermischung der Vorstellung vom E. mit der des Waschbeckens vor der Stiftshütte (2. Mos. 38, 8). Als Quelle für die letztere diente Petrus Comestor (Hist. scholastica, Exod. Kap. 70: Migne, P. L. 198, Sp. 1188f.; um 1170 geschrieben): „... factum de speculis mulierum excubantium ad ingressum tabernaculi ... eo facto in circuitu labii supremi circumposita fuerunt specula, in quibus sacerdos videre posset, si uspiam, vel in facie, vel in veste, maculam haberet abluendum“. In ähnlicher Form findet sich dies Gefäß in Schedels Weltchronik von 1493, Blatt 33, dargestellt (Schramm, Frühdrucke 17, Abb. 443).

Die Frühdrucke des Heilsspiegels stellen das E. entweder in Form eines von Rindern getragenen Kessels mit Henkel dar (G. Zeiner und A. Sorg: Schramm, Frühdrucke 2, Abb. 395; 4, Abb. 47) oder kelchartig mit unter dem Füntenfuß hervorsehenden Rinderköpfen (P. Drach und B. Richel: ebd. 16, Abb. 349; 21, Abb. 68).

Ohne den typologischen Bezug ist das E. nur selten dargestellt worden. Pläne des Salomonischen Tempels in Hss. des 11. u. 12. Jh. zeigen vereinfachte Bilder des E. (z. B. Wien, Nat.Bibl. Nr. 9/10, Bd. 2 fol. 325: Beschr.Verz. N.F. 2, Abb. 27; ebd. S. 47 weitere Beispiele).

Darstellungen des E. finden sich dann vereinzelt in Bibelillustrationen des 16. Jh. und daneben vor allem in der Postille des Nikolaus von Lyra sowie in der des Hugo a St. Caro (in beiden werden technische oder schwierig vorzustellende Dinge dem Bibelleser veranschaulicht).

So gibt die bei Anton Koberger in Nürnberg 1481 gedruckte und viermal neu aufgelegte Postille des Nikolaus von Lyra zwei Darstellungen des E., die eine nach Rabbi Salomon (Raschi, 1040–1105, Kommentare zum A.T), die andere nach Flavius Josephus (Antiqu. VIII, 3, 5) und den katholischen Exegeten (Schramm, Frühdrucke 17, Abb. 20f.; vgl. auch die von Ulrich Zell, Köln um 1485, und von Joh. Grüninger, Straßburg 1492, gedruckten Postillen:

ebd. 8, Abb. 19; 20, Abb. 145; ferner die von Joh. Amerbach in Basel 1498–1502 für Koberger in Nürnberg gedruckte Postille des Hugo a St. Caro: ebd. 21, Abb. 668f.).

Als Beispiele für Darstellungen des E. in Illustrationen des A.T. seien nur genannt: die 1524 bei Melchior Lotter in Wittenberg gedruckten beiden Ausgaben des A.T. (Alb. Schramm, Luther und die Bibel, Lpz. 1923, Abb. 142 und 168), Jost Ammans 1564 bei Siegmund Feyerabend in Frankfurt a. M. erschienene Bibelillustrationen – unter denen neben dem Waschbecken vor der Stiftshütte (A. 182, 49) auch das E. (A. 182, 105) wiedergegeben ist (Abb. 5) – sowie das nicht erschienene A.T. des Hauses Plantin-Moretus in Antwerpen, um 1567 (ed. Max Rooses, Antwerpen 1911, Bd. 1, Taf. 160.).

In den reicher illustrierten Barockbibeln findet sich das E. neben anderem Tempelgerät im Vorhof des Tempels dargestellt: bei Melchior Küsel (Icones Biblicae Vet. et Nov. Test., Augsburg 1679, A.T. II, Stich Nr. 50) steht es auf einer vierpaßförmigen Stufe; die zwölf Rinder sind jeweils zu dreien darauf gruppiert. Noch einmal erscheint bei Küsel das E. in der – seltenen – Darstellung – der Rückführung der von den Persern geraubten Tempelgeräte nach Jerusalem (Illustration zu Esra 1; A.T. III, Stich 17): auf einen Wagen ist das E., angefüllt mit mancherlei sonstigen Geräten, aufgeladen. – Christoph Weigels Biblia Ectypa, Augsburg 1695, zeigt das E. zweimal.

Rein als historischen Gegenstand wertete dann später Joh. Bernhard Fischer von Erlach das E. in seinem „Entwurff einer Historischen Architectur“, Wien 1721 (Leipzig 1725): im Buch I Taf. 1 ist der Standort des E. im Grundriß des Salomonischen Tempels genau angegeben – vorn links im Vorhof der Priester –, und im Buch V, Antike Vasen usw., wird auf Taf. 1 eine dem biblischen Bericht entsprechende Darstellung des E. selbst gegeben (Abb. 6).

Zu den Abbildungen

1. Reiner von Huy, Taufbecken für N.-D.-aux-Fonts in Lüttich, jetzt in St. Barthélemy ebd. Messingguß, Dm. 97,5 cm. Zwischen 1113 und 1118. Fot. und Copyright A.C.L., Brüssel, Nr. 153 402.

2. Mousson b. Nancy, Schloßkapelle, Taufbecken. Stein. 2. H. 12. Jh. Fot. Marburg 40 548.

3. Nikolaus von Verdun, Klosterneuburger Altar, Schmelzplatte. Umschrift: „Forma fuit sacri maris umbra bovumque lavacri“; „Mare super boves XII“. 1181. Fot. Österr. Lichtbildstelle, Wien, 4957.

4. Sarnen Kt. Obwalden, Klosterbibl., Heilsspiegel-Hs. aus der Abtei Muri (Kt. Aargau), später Gries b. Bozen, Cod. 8, fol. 14 v, Ausschnitt. 1427 von Br. Thomas de Austria. Nach Beschr. Verz. Bd. 1, S. 50.

5. Jost Amman, Holzschnitt aus der 1564 bei Sigm. Feyerabend in Frankfurt a. M. erschienenen Bibel (A. 182). Fot. St. Graph. Slg., München.

6. Joh. Bernhard Fischer von Erlach, Kupferstich aus „Entwurff einer Historischen Architectur“ etc., Wien 1721, Buch V Taf. 1. Fot. RDK.

Literatur

1. Egid Beitz, Rupertus von Deutz. Seine Werke und die bildende Kunst, Köln 1930, S. 119–23. – 2. Wetzer-Welte 8, 1181 (M. Kaulen). – 3. Buchberger 7, 44 (F. X. Kortleitner). – 4. Edg. Breitenbach, Speculum humanae salvationis (= Stud. z. dt. Kg. 272), Straßburg 1930, S. 147–50.