Ehebrecherfalle

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englisch: Bocca della Verità; französisch: Piège (Bocca della Verità); italienisch: Bocca della Verità.


Leopold Ettlinger (1956)

RDK IV, 786–791


RDK IV, 787, Abb. 1. Lukas Cranach d. Ä. (Werkstatt), 1534, Nürnberg.
RDK IV, 789, Abb. 2. Francisco de Hollanda, 1538/39, Eskorial.
RDK IV, 791, Abb. 3. Georg Pencz, um 1530.

Die Geschichte von der kunstvoll konstruierten E. gehört in den Motivkreis der Legenden vom Zauberer Virgil [1]. Er fertigte in Rom einen Kopf an, dessen Mund offenstand; der Unkeuschheit angeklagte Frauen mußten die Hand in diesen Mund legen und ihre Unschuld beschwören. War der Eid falsch, so blieb die Hand stecken. Eine besonders gewitzte Frau aber veranlaßte ihren Liebhaber, als Narr verkleidet, sie bei diesem Schwur zu umarmen, so daß sie wahrheitsgemäß versichern konnte, außer ihrem Gatten und diesem Narren habe sie nie ein Mann berührt.

Drei verschiedene Motive sind in dieser Erzählung vereint: italienische Vorstellungen von den magischen Künsten Virgils [3], das weitverbreitete Motiv des Gottesurteils durch Schwur auf einem Stein und die aus dem Osten stammende Geschichte vom listigen Meineid der Ehebrecherin. Im Gegensatz zu fast allen anderen Virgilsagen ist die Geschichte von der E. aber deutschen, nicht italienischen Ursprungs. Wir finden sie zuerst in einem anonymen deutschen Gedicht des 14. Jh. [3, S. 212ff.]. Von hier ist der Stoff ins Französische und Italienische gedrungen (Ebd.) und auch später in zwei Meisterlieder übernommen worden [1, S. 52]. Es muß in diesem Zusammenhang ausdrücklich betont werden, daß die berühmte Bocca della verità in der Vorhalle von S. Maria in Cosmedin, die ja auch magischen Eidesproben diente, ursprünglich von der römischen Volkssage nicht mit dem Zauberer Virgil verbunden wurde (Ersilia Caëtani Lovatelli, Varia, Rom 1905, S. 169). Wo die bocca und ihr Zauber in den lateinischen Mirabilia erwähnt wird, fehlt der Name Virgils; und erst im deutschen Mirabilienblockbuch von 1475 wird in diesem Zusammenhang der Name Virgils als Erfinder genannt (Chr. Hülsen, Virgilio ed i monumenti di Roma nell’immaginazione del medio evo, Studi Medievali N. F. 5, 1932, 139f.). Diese Rombeschreibung, zusammen mit dem oben erwähnten Gedicht (oder einer seiner vielen Ableitungen) muß die Quelle für die auffallend zahlreichen Darstellungen der E. gewesen sein, die sich gerade in der nordischen Kunst des frühen 16. Jh. finden. Oft gehören sie mit anderen beliebten Darstellungen der Weibermacht, wie Aristoteles und Phyllis oder Simson und Delila, zusammen.

Die früheste bekannt gewordene Darstellung ist eine Zeichnung Altdorfers von 1512 im Berliner Kk. (Winzinger Nr. 43; mit wahrscheinlich nicht eigenhändiger Replik in Budapest, ebd.). Es folgt ein Holzschnitt Lukas van Leydens (B. 10; M. J. Friedländer, Mstr. d. Graph. S. 34f.), der um etwa 1514 anzusetzen ist und der sein Gegenstück in einem Virgil im Korb hat. Lukas Cranach hat die E. auf einem Gemälde von 1534 im G. N. M. dargestellt (Abb. 1; Friedländer-Rosenberg Nr. 229, mit Erwähnung einer zweiten, geänderten Fassung). Ein Kupferstich des Georg Pencz (B. 95) ist auf einem gewirkten Kissen von 1549 in Stuttgart, L. M., seitenverkehrt wiederholt ([1], Abb. 46; Göbel III, 1, Abb. 163 b). Wie stark die Legende von der E. als amüsantes moralisches Exemplum angesehen worden sein muß, beweist ihr Erscheinen auf mehreren Schweizer Scheibenrissen [4] und in didaktischen Fassadenmalereien, wo sie zusammen mit ähnlichen Weibermachtthemen auftritt: um 1530 am Haus zum Weißen Adler in Stein a. Rh. [4] und wohl auch am Goldenen Dachl in Innsbruck (Jos. Garber, Das Goldene Dachl, Wien 1922, Abb. 19/20), selbst wenn hier die schwörende Frau die Hand einem Pferd und nicht wie sonst einem Löwen ins Maul legt (vielleicht liegt hier eine Verwechslung mit Virgils magischem Bronzepferd vor). Noch um 1700 erscheint die E. auf einem Gemälde, jetzt in der Rathauslaube von Schaffhausen, wo die Probe mit einer Art Medusenhaupt – in Anlehnung an die römische Bocca della verità – vollzogen wird.

In den Darstellungen des 16. Jh. ist die Zaubermaschine Virgils immer ein Löwe oder ein Löwenkopf. Woher gerade diese Figur kam, ist mit Sicherheit nicht zu sagen; das bereits erwähnte deutsche Gedicht des 14. Jh. hatte nur von einem „pild“ gesprochen, das Mirabilienbuch nannte nur einen Stein, und erst ein englisches Gedicht des späten 16. Jh. erwähnt ausdrücklich einen Löwen [2, S. 210f.]. Die allgemein verbreitete Vorstellung vom Löwen als Wächter mag bei der Wahl dieses Motivs mitgespielt haben. Vielleicht geht aber die Vorstellung vom Löwen als Entdecker der Unkeuschheit auf Plinius zurück, der erzählt, der Löwe vermöge die Untreue der Löwin mit dem Leoparden am Geruch zu entdecken und er bestrafe sie dann (Nat. hist. VIII, 16, 43). Dasselbe Motiv ist auch in die Concordantia caritatis (Nr. 55) übernommen worden (RDK III 841/42).

Eine merkwürdige Vermischung von antiquarischer Gelehrsamkeit und von Legendenillustration bietet das Skizzenbuch des Francisco de Hollanda von 1538/39 im Eskorial (fol. 29 v; Abb. 2; vgl. Elias Tormo y Monzó, Os desenhos das antigualhas que vio Francisco d’Ollanda, Pintor Portugues, Madrid 1940). Hier sehen wir eine getreue Abbildung der Bocca della verità – selbst der Sprung durch den Marmor ist gezeichnet – und daneben eine römische Dame, die von einem Narren umarmt wird, dessen Kappe „klassizistisch“ stilisiert ist. Was die italienische Kunst angeht, so haben wir nur Nachricht von einer einzigen (verlorenen) Darstellung der E., die zudem ganz in der Nähe von S. M. in Cosmedin, Rom, gewesen sein muß (Giov. Mario Crescimbeni, L’istoria della basilica di S. Maria in Cosmedin, Rom 1715, S. 28); diese scheint ein Gemälde des 16. Jh. gewesen zu sein.

Eine zweite, völlig abweichende Form der Legende begegnet uns zuerst in einem Gedicht des Hans Sachs von 1530 (Historia König Artus mit der ehebrecherbrugk, Werke Bd. 25, Stg.-Tübingen 1902, Nr. 366). König Artus will die Treue seiner Frau erproben und läßt auf Rat des Zauberers Fillius (= Virgilius) eine wunderbare Brücke mit einem Turm in der Mitte erbauen. Der Hof des Königs muß über diese Brücke reiten, während Virgil in diesem Turm eine Glocke läutet. Die Tugendsamen können die Brücke passieren, aber die Unkeuschen straucheln und fallen ins Wasser. Im englischen Sagenkreis des Artusstoffes erscheint dieses Motiv nicht. Eine Reihe von Tugendproben aus der ritterlichen Epik und Romanliteratur ist hier neu verarbeitet worden (vgl. Leopold D. Ettlinger, Virtutum et Viciorum Adumbracio, Warburg Journal 18, 1955). Der im 16. Jh. offenbar sehr populäre Stoff (vgl. Martin Montanus, Schwankbücher 1557–66, Gartengesellschaft, Geschichte Nr. 112, hrsg. v. Joh. Bolte, Bibl. d. Litt. Ver. Stuttgart Nr. 217, Stg.-Tübingen 1899, bes. S. 631) ist auf einem Holzschnitt des Georg Pencz (Abb. 3; Röttinger Nr. 2) zuerst illustriert worden (das diesem Holzschnitt sehr ähnliche Relief von Hans Daucher in New York, Morgan Library, s. Ph. M. Halm, Stud. zur süddt. Plastik 2, Augsburg 1927, Abb. 187 und S. 212ff., stellt keine Keuschheitsprobe dar; Ettlinger a.a.O.). Jost Amman (Andresen 73 = Hollstein, German Engr. 2, S. 30 mit Abb.) und Virgil Solis (B. 300) haben gleichfalls König Artus’ Ehebrecherbrücke illustriert.

Zu den Abbildungen

1. Lukas Cranach d. Ä. (Werkstatt), „Der Mund der Wahrheit“. Gem. auf Holz, 75 × 178 cm. Nürnberg, G.N.M. Nr. 1108. Sign. u. dat. 1534. Fot. Mus.

2. Francisco de Hollanda, Blatt aus dem Skizzenbuch einer Italienreise. Eskorial. 1538/39. Fot. Warburg Inst., London.

3. Georg Pencz, „König Artus mit der ehbrecherbrugk“. Holzschnitt (Röttinger 2), 20 × 30,6 cm. Um 1530. Fot. Warburg Inst., London.

Literatur

1. Betty Kurth, Des Zauberers Virgil Ehebrecherfalle auf Werken der nordischen Renss., Städel-Jb. 3/4, 1924, 49–54. – 2. John W. Spargo, Virgil the Necromancer. Stud. in Virgilian Legends, Harvard 1934, S. 207ff. u. 252ff. – 3. Domenico Comparetti, Virgilio nel medio evo. Nuova ed. a cura di Giorgio Pasquali, Bd. 2, Florenz 1941, S. 121ff. u. 212ff. – 4. Reinhard Frauenfelder, Das Bocca della Verità-Motiv am „Weißen Adler“ zu Stein a. Rh., Schaffhauser Beitr. z. Vaterl. Gesch. 32, 1955, S. 34-44, Taf. 1-8.