Eckschrank

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englisch: Corner cupboard; französisch: Encoignure; italienisch: Cantoniera.


Paul Schoenen (1956)

RDK IV, 703–707


RDK IV, 703, Abb. 1. Jacques Dautriche, um 1780, Neuilly.
RDK IV, 703, Abb. 2. Wien, um 1740.
RDK IV, 705, Abb. 3. Ehem. Petersburg, um 1715.
RDK IV, 705, Abb. 4. Aachen, um M. 18. Jh.
RDK IV, 705, Abb. 5. Wien, um 1780-90.
RDK IV, 707, Abb. 6. Berlin-Charlottenburg, um M. 18. Jh.

I. Begriff

Der E. ist, wie der Name sagt, ein Kastenmöbel, das über einem dreieckigen Grundriß die Ecke eines Raumes ausfüllt, so daß nur eine Schauseite freibleibt. Er kommt vor: als einfaches Möbel in Kommodenhöhe, z. T. mit offenem Aufbau; als halbhoher Schrank (à hauteur d’appui); als Kombinationsmöbel mit Vitrine, geschlossenem Aufbau oder mit Uhr; endlich als Eckschränkchen auf einer oder mehreren Stützen.

II. Geschichte

Wenn auch die praktische Raumnutzung schon früher zum Einbau von Eckschränken geführt hatte (vgl. das Hörnschapp in den Dithmarschen), so erfuhr der E. seine formengeschichtlich typische Ausbildung doch erst im 18. Jh. Seit der Jahrhundertmitte erscheint er in den Inventaren der französischen Schlösser und Adelshäuser, wo er als encoignure bezeichnet wird. Bei der einheitlich durchgeformten Ausstattung der Räume im Zeitalter des Rokoko fügte er sich der Gliederung der Wände ein.

III. Typen

Im französischen Rokoko blieb der E. im allgemeinen auf Kommodenhöhe (Abb. 1) und wurde so in die Lambriszone einbezogen. Paarweise in die der Fensterwand gegenüberliegenden Ecken des Raumes gestellt, bilden die E. mit den Kommoden eine dekorative Garnitur. Sie gehören in die Reihe der Luxusmöbel des 18. Jh. und erfuhren die gleiche aufwendige Ausbildung in Form und Material wie die Kommode (Duvaux fertigte z. B. für Madame Pompadour E. zum Preise von 1800 livres an).

Der meist zweitürige E. wurde häufig in leichter, manchmal doppelter Schweifung vorgezogen und durch eine Marmorplatte abgedeckt. Seltener sind E. auf Stützen, die konsolartig (Abb. 2) oder in Form dreibeiniger Tische gearbeitet sind.

Die dekorative Fassung entspricht der der Kommode: polierte Furniere aus exotischen Hölzern (Rosen-, Veilchen-, Zitronen- und Amarantenholz), zumeist in Tönungen zwischen dunklem Braun und Goldgelb, mit ornamentaler Marketerie oder naturalistischer Zeichnung; daneben auch Lackarbeiten mit ostasiatischen Motiven (Abb. 3). Die vergoldeten Bronzebeschläge entfalten den phantasievollen Reichtum kapriziöser Zeichnung von dem zügigen Linienspiel des Régence bis zu dem reichen Formenspiel der Rocaille, welches auch die konstruktive Gliederung des Möbels verwischte [2, Abb. 400]. Die geringe Masse des Möbelkörpers läßt eine nahezu vollkommene Einbindung des E. in die Wanddekoration zu. E. mit offenem, nach rückwärts gestuftem Aufbau (Abb. 3) sind in Frankreich selten (typisches Beispiel von Foulet in der Wallace-Collection in London, nach einem Entwurf von Pineau im Mus. des arts décoratifs, Paris). Als Kombination mit Vitrine oder geschlossenen Aufbau kommt der E. im Inventar der französischen Schlösser und Adelshäuser kaum, wohl aber in den preußischen Schlössern vor; Beispiele hoher Qualität finden sich im Schloß Charlottenburg (Abb. 6) und ehem. im Neuen Palais zu Potsdam (aus der Kambli-Werkstatt, [2] Abb. 480 u. 484).

Der Stil Louis XVI übernahm den E., wenngleich die geradlinige Formenordnung der dekorativen Absicht, aus der er entstanden war, nicht entsprach. Im Empire verschwand er aus dem höfischen Mobiliar. Indessen fand er weit über Frankreich und den Bereich des höfischen Inventars hinaus seine Verbreitung: er wurde, wie die Kommode, auch zu einem charakteristischen Möbel des bürgerlichen Wohnraums. In Italien ist er als cantoniera bekannt; in reizvollen Kombinationen streng architektonischer Prägung fand er noch im späten Empire seinen Platz. England und Amerika kennen den E. als small corner cupboard in streng geformten Beispielen des späten 18. Jh.; kennzeichnend für diese Stücke sind die Schubladen, die an kontinentalen Stücken kaum vorkommen, da ihre Handhabung in der Zwickelform technische Schwierigkeiten bereitete.

Im bürgerlichen Inventar Deutschlands erhielt der E. meist einen Aufbau; Beispiele finden sich in Eichenholz (Abb. 4) und auch in Furnierarbeit, je nach der landschaftsüblichen Technik, auf allen Stufen der Wohnkultur. In der Kombination mit Vitrine (Abb. 5 und 6) oder Uhr gibt es in Wien und im Rheinland, doch auch in anderen Landschaften, sehr reizvolle Stücke (vgl. z. B. P. Schoenen, Aachener u. Lütticher Möbel d. 18. Jh., Bln. 1942, 123–126, 132, 148). Im Bürgerhause überlebte der E. das 18. Jh. und blieb bis ins Biedermeier hinein üblich. Eine bevorzugte Stellung fand er wieder im zweiten Rokoko als halbhohes Mahagonimöbel, z. T. mit offenem Aufbau. Erst die historisierende Renaissance verbannte ihn endgültig aus dem bürgerlichen Wohnraum.

Zu den Abbildungen

1. Jacques van Oostenrijk gen. Dautriche (Meister 1765, † vor 1781), Eckschrank mit Schublade. Eiche mit Rosenholz furniert, vergoldete Bronzebeschläge. Neuilly, Slg. David-Weill Nr. 1507. Um 1780. Nach André Theunissen, Meubles et sièges du XVIIIe siècle, Paris 1934, Taf. 18.

2. Wien, Priv.bes., Eckschränkchen auf geschweifter Stütze. Dunkles Nußbaumfurnier, eingelegt mit getönten Hölzern. Wien, um 1740. Nach Marianne Zweig, Wiener Bürgermöbel aus theresianischer und josephinischer Zeit (1740–1790), Wien 1921, Taf. 19.

3. Ehem. Petersburg, Mus. Stieglitz, Eckschrank mit offenem Aufsatz. Füllungen Lack in chinesischer Manier, geschnitzte Ornamente; vergoldete Bronzebeschläge spätere Zutat. Paris, um 1715. Nach Denis Roche, Le mobilier français en Russie, Paris 1914, Bd. 1 Taf. 5.

4. Aachen, Priv.bes., zweigeschossiger Eckschrank mit verglastem Oberteil. Eiche. Aachen, um M. 18. Jh. Nach P. Schoenen, Aachener und Lütticher Möbel d. 18. Jh., Bln. 1942, Abb. 123.

5. Wien, Priv.bes., zweigeschossiger Eckschrank mit Vitrine und offenem Zwischenfach. Helles Nußbaumfurnier, mit getönten Hölzern eingelegt. Wien, um 1780–90. Nach Marianne Zweig (s. o.), Taf. 78.

6. Berlin-Charlottenburg, Schloß, Inv. S 109 Nr. 176/2, Eckschrank mit Vitrinen-Oberteil. Zedernholz, vergoldete Bronzebeschläge; 2,54 m h. Berlin, um M. 18. Jh. (flüchtige Skizze in Knobelsdorffs Skizzenbuch). Fot. Walter Steinkopf, Berlin.

Literatur

1. Havard. – 2. Feulner, Möbel. – 3. Henri Clouzot, Les meubles du XVIIIe siècle, Paris o. J. – 4. Joseph Aronson, The Encyclopedia of Furniture, New York o. J.

Verweise