Durchbrucharbeit (Metall)

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englisch: Open-work (metal); französisch: Ajourage (métal); italienisch: Lavoro a giorno, lavoro a traforo (metallo).


Luise Böhling (1955)

RDK IV, 594–603


RDK II, 845, Abb. 10. Siegburg, Annoschrein, 1183.
RDK III, 725, Abb. 4. München, um 1340.
RDK IV, 361, Abb. 13. Konstanz, 1518.
RDK IV, 595, Abb. 1. München, um 970.
RDK IV, 597, Abb. 2. Goslar, E. 11. Jh.
RDK IV, 597, Abb. 3. Lübeck, 2. Dr. 14. Jh.
RDK IV, 599, Abb. 4. St. Florian, O.Ö., um 1700.
RDK IV, 601, Abb. 5. Frankfurt a. M., Gegenstände in Durchbrucharbeit, 15.-19. Jh.

I. Begriff

Unter D. versteht man reliefplastische Werke aus verschiedenem Material, bei denen der Reliefgrund „durchbrochen“ ist, so daß die erhabenen Teile des Reliefs allseitig frei gegen den Raum stehen; bisweilen vertreten Folien aus – farbig möglichst kontrastierendem – Material den fehlenden Reliefgrund. Durch die plastische Behandlung unterscheiden sich D. von Ausschnittarbeiten (RDK I 1287–93), bei denen Figuren oder Ornamente aus einer Fläche „ausgeschnitten“ sind.

Die Definition des Begriffes geht auf H. Deckert [1] zurück; sie ist bisher noch nicht Allgemeingut der Fachliteratur geworden, die – freilich ungenau – als „D.“ vielfach Ausschnittarbeiten (opus interrasile) und D. im hier verwendeten Sinne bezeichnet.

Der im Hinblick auf Denkmäler des frühen und hohen MA geprägte Begriff kann nicht uneingeschränkt auf Werke späterer Epochen angewendet werden. Obwohl sie im engeren Sinn nur bedingt zu den D. zählen, werden hier auch solche Werke als D. bezeichnet, die vollrund gearbeitet, aber nur auf eine Ansicht berechnet sind, wenn diese Reliefs nur zwischen figürlichem bzw. ornamentalem Schmuck ungefüllte Zwischenräume aufweisen (z. B. Chorstuhlwangen). Maßwerk ist ein Grenzfall; hier gibt die durch Zusammenfügen einzelner Teile entstehende Konstruktion (entsprechend bei den frühchr. und -ma. Transennen) nur den Rahmen für die positiv als Form wirkende Aussparung; sowohl hierdurch wie durch den technischen Prozeß (Fehlen der Durchbruchtechnik) unterscheidet sich das Maßwerk von echter D. – Nicht zur D. gehört auch das Filigran. Auszuscheiden sind ferner Werke, die mittels einer der Freiplastik gemäßen Technik entstanden sind (zum Formguß, einem Grenzfall, s. u. II), wie z. B. schmiedeeiserne Gitter; weiter solche, die durch Komposition an sich selbständiger rundplastischer Formen zustandekommen (etwa Dockengeländer). Entscheidend ist stets, daß die Fläche – auch die gekrümmte – Ausgangspunkt für die Entstehung von D. bleibt. Freilich ist es möglich, daß zwei Reliefs in D. nach dem Prinzip von Doppelfiguren (Sp. 171ff., bes. Sp. 176f.) Rücken an Rücken zusammengesetzt werden, wodurch eine D. mit zwei Ansichtsseiten entsteht.

II. Material und Technik

D. kommen bei Werken aus verschiedenem Material vor. Die künstlerisch bedeutendsten – und zahlreichsten – Beispiele sind aus getriebenem oder gegossenem Metall gefertigt, aus Gold, Silber, Bronze, Eisen und Kupfer; daneben benutzte man alle Arten von Bein, Holz und Stein sowie, seltener, Perlmutter und Leder.

Der Arbeitsvorgang und das Werkzeug unterscheiden sich je nach dem verwendeten Werkstoff. Mit Meißel, Feile, Messer, Laubsäge oder Bohrer wird der Reliefgrund ausgeschnitten bzw. ausgesägt oder werden die Zwischenräume beim Formguß ausgespart (schon durch den technischen Prozeß wird verständlich, daß beim Formguß die Grenzen zwischen D. und Freiplastik fließend sind). Theophilus schildert in seiner Schedula diversarum artium (III, 92), wie man bei der Herstellung durchbrochen gearbeiteter Elfenbeinreliefs zu verfahren habe; an die Stelle des ausgebrochenen Reliefgrundes soll eine auf Holz befestigte vergoldete Kupferblechfolie treten. Das Hinterlegen von D. mit Folien war wohl schon seit langem üblich (Alois Riegl, Spätrömische Kunstindustrie, Wien 1927, Anm. 272), und was Theophilus beschreibt, ist an zahlreichen erhaltenen Werken nachprüfbar: Elfenbeinreliefs in D. sind auf Bucheinbänden oft mit vergoldetem Metallblech oder, als billigerem Ersatz, mit Stoff (vornehmlich Samt), Leder, Pergament usw. hinterlegt. Den erstrebten Farbwechsel von Relief zu Folie erreichte man bei einfacheren D., zumal hölzernen, durch die farbige Fassung. Zu dem Farbenkontrast trat der Unterschied des Materials. Dieser Effekt wurde in der französischen und italienischen Kunst des Hoch-MA gelegentlich durch „falsche“ D., Steinreliefs mit mosaizierten oder mit Hinterglasmalerei oder Einlegearbeit versehenen Hintergründen, vorgetäuscht.

Beispiele bieten: Arcetri, S. Leonardo, Kanzel der 1. H. 13. Jh. mit Imitation orientalischer Stoffmuster in Einlegearbeit [Mario Salmi, La scultura romanica in Toscana, Florenz 1928, S. 55, Abb. 119 u. 121); Zwickelreliefs von Arnolfo di Cambios Altarziborium zu S. Cecilia in Rom, 1293 (Valerio Mariant, Arnolfo di Cambio, Rom 1943, Abb. 42f.); Relieffragmente vom 1582 beschädigten Lettner der Kathedrale in Bourges, jetzt im Mus. von Bourges und im Louvre, 4. V. 13. Jh. (Kat. Marcel Aubert, 1950, Nr. 167–170).

III. Denkmäler

A. Metall

Metallarbeiten mit D. stammen in ihren ältesten Beispielen aus der Eisenzeit. In der Bronzezeit, im Kunstgewerbe der griechischen und römischen Antike und im germanischen Kulturkreis entstanden modische Schmuckstücke (Scheibenfibeln, Gürtelschnallen u. dgl.) und Zierbeschläge für Gebrauchsgerät (Wagen, Deichseln, Pferdegeschirr, Schildbeschläge, Schmuckplatten aller Art); zumeist wurde Bronze benutzt (Beispiele bei [2] Bd. 1 u. 4), doch sind auch edlere Metalle, denen die Vorliebe der germanischen Völker und anderer Frühkulturen galt (skythische Goldfunde in Südrußland: [2] Bd. 1, Abb. S. 107, 145, 147, 149 und Taf. 8), in größerem Umfang verwendet worden. Man bediente sich der D. gleichermaßen bei Reliefs mit ornamentalem Dekor wie bei solchen mit figürlichen Motiven (überwiegend Tiere, doch auch Schiffe usw., vgl. [2] Bd. 4, Abb. S. 208). Gegenüber Schmuckstücken aus Edelstein oder Glasuren trat die D. in der Kunst der Spätantike und der Völkerwanderungszeit in den Hintergrund, doch ging die Technik niemals ganz verloren (silberne D. aus Gräbern römischer Legionäre und Langobardensärgen, 3.–5. Jh. n. Chr., bei Riegl a.a.O. Taf. 13–15).

Die Blütezeit metallener D. war das frühe und hohe MA, in dem mit den kirchlichen Geräten der D. eine Fülle neuer Aufgaben zuwuchs; besondere Bedeutung gewann die Technik bei der Verarbeitung von Bronze. Kronleuchter, Scheibenkreuze, Reliquienschreine, Weihrauchfässer, Thronwangen, Türklopfer und in sehr verschiedener Weise benutzte Zierfriese boten Verwendungsmöglichkeiten, ferner gehören Formgüsse von Leuchtern, Kreuzfüßen usw. (s. o.) zu den D. oder bezeugen wenigstens die Kenntnis dieser Technik in Einzelheiten.

Für die Vielzahl erhaltener Beispiele seien genannt: die Kronleuchter des B. Hezilo (1054–79) im Hildesheimer Dom [2, Bd. 5, Abb. S. 239] und des Abtes Hertwig in Großkomburg, vor 1138 [3, Bd. 2, Abb. 156], sowie der im Aachener Münster, nach 1165 (Inv. Rheinprov. 10, 1, S. 136–40, Abb. 93); bei allen diesen Werken sind ornamentale, z. T. mit figürlichen Motiven durchsetzte Friese mit D. versehen. Zahlreiche niedersächsische Gußarbeiten des 11. u. 12. Jh. weisen D. auf, so der sog. Kaiserstuhl in Goslar, E. 11. Jh. (Abb. 2), und die Scheibenkreuze im Hildesheimer Dom (Erich Meyer, Pantheon 32, 1944, 1–11, Abb. 1 u. 4). Unter den Weihrauchfässern ist das im 12. Jh. von Meister Gozbertus geschaffene im Trierer Dom das bedeutendste Beispiel (Egid Beitz, Das heilige Trier, Köln u. Wien 1927, Abb. 44). Durchbrechung der Gründe bei figurengeschmückten Reliquienschreinen kommt selten vor (Schrein im Xantener Domschatz, 12. Jh. [4] Bd. 1, Abb. 230), dagegen ist die Verwendung von Zierfriesen aus Rankenspiralen oder Blattstäben zur Bekrönung von Giebeln und Firsten der Schreine weit verbreitet; bei den Firstbekrönungen sind bisweilen zwei gestanzte Friese gegeneinandergesetzt. Die künstlerisch bedeutendsten Firstkämme wie die des Albinusschreins in St. Pantaleon zu Köln und des Siegburger Annoschreins (RDK II 845/46, Abb. 10) dürfen mit größerem Recht zur Freiplastik gezählt werden, ebenso die Standleuchter der Goldschmiede im Maasgebiet.

Seit dem 14. Jh. tritt mehr und mehr das Eisen an die Stelle der wertvolleren Metalle, die in der Folgezeit, der großen kirchlichen Aufgaben beraubt, lediglich mit Türklopfern und Beschlägen von Mobiliar für fürstliche Residenzen und Kunstkammern noch bedeutsam in Erscheinung traten: etwa dem Türgriff des Lübecker Rathauses, 2. Dr. 14. Jh. (Abb. 3), oder den köstlichen Reliefs des Pommerschen Kunstschrankes in Berlin, dessen silberne D. wohl aus der Werkstatt von Matth. Wallbaum (1553 bis 1634) stammen dürften ([3] Bd. 2, S. 354, Abb. 315). Eisenarbeiten übernahmen mit den Aufgaben auch formale Anregungen von der Goldschmiedekunst. Sie haben als bedeutendste Leistungen Türgriffe und -beschläge sowie Aushängeschilder, Medaillonreliefs und Zierfriese in D. (Marienleuchter des Merseburger Domes, 1510/30; H. Deckert, Dom und Schloß Merseburg, Burg 1935, Abb. 127–29) aufzuweiten. Eine letzte Blüte brachte der Schmuck aus Eisenguß in der 1. H. 19. Jh., der z. T. auf Entwürfe bedeutender Künstler (Schinkel) zurückgeht (Abb. 5).

B. Elfenbein

Elfenbeinreliefs mit D. sind nach bis in die Eiszeit zurückreichenden Anfängen (Speerschleudern aus Bein: [2] Bd. 1, S. 13 Abb. 2 u. 3) mit besonderer Vorliebe im byzantinischen Kulturkreis und im östlichen Mittelmeerraum geschaffen worden. Die handwerklichen Fähigkeiten sind hier zu höchster Virtuosität gesteigert.

Aus dem 5. Jh. n. Chr. stammt die Tafel mit der Darstellung des Bellerophon im B.M. London (W. Fritz Volbach, Elfenbeinarbeiten der Spätantike u. d. fr. MA, Mainz 19522, Nr. 67, Taf. 20); auch ägyptische Arbeiten des 6. Jh. verraten die Kenntnis von D. (Ebd. Nr. 72–78). Die meisten Beispiele hinterließ die byzantinische Kunst des 9.–12. Jh., vorwiegend Elfenbeinkästchen, deren ornamentale und figürliche Reliefs stellenweise D. zeigen ([7] Bd. 1, Nr. 56 u. 113, Taf. 36f. u. 65; durch Vermittlung von Venedig [Kästchen im D.M. Berlin, Inv. Nr. J. 1987, 11./12. Jh.: Kat. W. F. Volbach 1923, S. 33f. Taf. 40] scheinen auch abendländische Meister zu ähnlichen Arbeiten angeregt worden zu sein). Bei einem Relief des 10. Jh. im V.A.M. London umgibt durchbrochen gearbeitetes Rankenwerk fünf Heiligenmedaillons ([7] Bd. 2, Nr. 68, Taf. 27). Mehrschichtig ist ein Relief des 12. Jh. (?) im Kathedralschatz zu Chambéry angelegt: die Elfenbeinplatte bildet ein kastenartiges Gehäuse, an dessen Vorderseite in D. gefertigte, streifenförmig angeordnete Reliefs stehen ([7] Bd. 2, Nr. 222, Taf. 72). Für die im Abendland so beliebte Musterung des Reliefgrundes selbst durch D. (s. u.) hat der Osten bisher kein Beispiel aufzuweisen; dagegen ist auf „gewöhnlichen“ Reliefs neben Ausschnittarbeit auch D. zur schmuckhaften Ausgestaltung von Säulenschäften, Baldachinen und Sockeln angewendet worden (viele Beispiele bei [7]), vielleicht angeregt von viel älteren steinernen Brüstungsplatten, die ebenfalls Architekturteile mit D. versehen haben.

Die frühesten nennenswerten Elfenbein-D. des Abendlandes sind vereinzelte spätantike Beispiele. Erst in karolingischer Zeit wurden D. hier häufiger. Sie dienten zum Schmuck von Bucheinbänden, doch auch als Zierde von Antependien, Tragaltären, Bischofs- und Abtskrümmen, liturgischen Kämmen u. dgl. Die Technik, allen karolingischen Schnitzschulen vertraut, wurde bis zum Ende des Hoch-MA vorwiegend in Werkstätten, die auf eine längere Tradition zurückblickten, gepflegt.

Karolingische Zeit. Gegenüber den Werken der Adagruppe (vgl. die Beisp. in Brüssel, E. 8. Jh.: RDK I 1147, Abb. 1; [8] Bd. 1, Nr. 2) und vor allem der Metzer Schule (RDK I 273, Abb.; 622, Abb. 1; [8] Bd. 1, Taf. 29–31 usw.) tritt die Liuthardgruppe etwas zurück (ein Ausläufer der Schultradition vom 10. Jh. ist die mit Silbergrund hinterlegte D. auf dem Einband von Clm. 837, München, St. B.; [8] Bd. 1, Taf. 23).

Das Hauptbeispiel der ottonischen Kunst sind die verstreuten Tafeln, die wohl Reste des von Otto I. in den Magdeburger Dom gestifteten Antependiums darstellen. Diese um 970 auf der Reichenau oder in Oberitalien geschaffenen Reliefs zeigen z. T. Musterung des Reliefgrundes durch D., z. T. ganz ausgebrochene Gründe (Abb. 1). Den Wandungen eines Tragaltares aus Ebenholz in der Kathedrale zu Namur sind D. aus Walroßzahn vorgeblendet, 11. Jh. ([8] Bd. 2, Taf. 19f.).

Auch im 12. und 13. Jh. wurden D. für dieselben Aufgaben verwendet. Für den Schnitzer der Reliefs mit Darrtellungen der Kiliansmarter und der hll. Nikolaus und Maria, Würzburg U. B., um 1190 (Ausst. Kat. Franconia sacra, Würzburg 1952, Abb. 4 u. 37), gaben byzantinische Beispiele mit durchbrochen gearbeiteten Säulen und Baldachinen die Anregung.

Seit der Gotik verringerte sich das Interesse an elfenbeinernen D., wenn auch während des 13. u. 14. Jh. in Frankreich (s. Koechlin) und Deutschland (Kat. W. F. Volbach 1923, S. 50 Nr. J. 674, Taf. 55) D. hie und da noch bei mehrteiligen Reisealtärchen verwendet wurde. Erst der Vorliebe des 18. Jahrhunderts für Elfenbeinschnitzerei verdanken wir wieder eine größere Zahl D.: Kästchen und Körbchen, deren Wände und Deckel aus D. bestehen oder mit D. vor Ebenholz-, Schildpatt- oder Stoffhintergrund verkleidet sind.

C. Holz

Es gibt kaum ein hölzernes Mobiliar – gleichgültig, ob es für kirchliche oder profane Zwecke diente –, das nicht zu bestimmten Zeiten mit D. verziert wurde. Vom MA bis zum Barock haben diese Holzreliefs sehr oft vegetabiles Ornament (und Maßwerk), seltener figürliche Motive, die dann fast immer mit Ornamentwerk verbunden sind. Die meisten der Ornamentstile des 16.–18. Jh. eigneten sich für D.: das üppige Laubwerk, das Band- und Rollwerk des 16. Jh., der Ohrmuschelstil des 17. Jh., die Akanthusornamentik des späten 17. Jh. und die Rocaille des 18. Jh. sind gleichermaßen in zahlreichen D. bezeugt.

Größere hölzerne D. kommen im MA vornehmlich als Teile von Altarschreinen und Chorgestühlen vor. Bei den Altarschreinen schmückte D. ebenso Predellen und Rahmenglieder wie den Oberteil des Schreines und der Flügel sowie den Auszug. Recht verbreitet war es, Wangen von Chorgestühlen in D. zu fertigen: vgl. etwa die mit Weinrankenornament geschmückten Oberteile der Seitenwände des Wienhausener Äbtissinnenstuhls, E. 13. Jh. (Walter Loose, Die Chorgestühle des MA, Heidelberg 1931, Abb. 25); die Chorstuhlwangen aus Berchtesgaden im B. N. M., M. 14. Jh. (RDK III 726, Abb. 4); die Wangen eines um 1370 neu zusammengesetzten Gestühls in der Klosterkirche Scharnebeck, Hannover (Rud. Busch, Dt. Chorgestühl in 6 Jhh., Hildesheim u. Lpz. 1928, Taf. 15); weitere Beispiele bei Busch, Loose und Carl Gg. Heise (Fabelwelt des MA, Bln. 1936, Abb. 47f., 54f. usw.).

Durchbrochene Bekrönungen (Abb. 4), Gesimse und Wände sind bei Schränken, Betten, Spiegeln, Bilderrahmen und – oft besonders kunstvoll gearbeitet – bei Stuhllehnen ebenso anzutreffen wie bei Altären des 17. Jh., Epitaphen, Beichtstühlen und Orgelprospekten (z. B. Konstanz, Münster, 1522). In zahllosen Fällen bilden D. Wände oder Wandverkleidungen von Kästchen, Büchsen u. dgl. Besonders bezeichnend ist D. für eine frühe Gruppe von Minnekästchen [9, Nr. 45], deren Form und Motivschatz der gleichzeitigen Goldschmiedekunst stark verpflichtet sind; aber bereits im 14. Jh. traten hier fast überall Flachschnitzereien an die Stelle von D. [9]. Sehr kunstvoll sind die D. der Lautenrosen gearbeitet; zu den schönsten zählen die im späten 16. Jh. von Wendelin Tieffenbrucker gefertigten im Kh. Mus. Wien (J. v. Schlosser, Kat. 1920, Taf. 14f. u. a.).

D. Stein und sonstiges Material

In Stein sind D. – wenn man von den üblichsten Verwendungsformen des Maßwerks in gotischer Zeit absieht (s. o.) – selten. Nur in der byzantinischen Kunst des 5. u. 6. Jh. sowie in ihrem Einflußgebiet und in der Gotik waren sie etwas zahlreicher (für die erste Epoche vgl. die Brüstungsreliefs in Ravenna und Rom: Arthur Haseloff, Die vorroman. Plastik in Italien, Lpz. 1930, S. 36, Taf. 36, 38 u. 42; für die Gotik s. Maßwerk). Ganz vereinzelt blieben echte D. wie das aus dem Eichstätter Domkreuzgang stammende Tympanon im B. N. M., um 1420 (Kat. Halm-Lill Nr. 225; s. a. Doppelfigur Sp. 173), oder das Rautenfenster im südl. Querschiffsgiebel des Naumburger Domes, 2. V. 13. Jh. (Joh. Jahn, Schmuckformen des Naumburger Doms, Lpz. 1944, Taf. 4), ferner die D. an der Orgelempore des Münsters zu Konstanz, 1518 (Sp. 361/62, Abb. 13). – Nicht als D. können die à jour gearbeiteten Teile von Kapitellen, Friesen usw. gelten.

Sonstige Materialien sind zwar dann und wann für D. benutzt worden, blieben jedoch beschränkt auf mehr oder weniger einmalige sowie lokale oder zeitlich eng zu begrenzende Beispiele. Durchbrochen gearbeitete Lederreliefs (nordostfranzösischer Zierschuh von etwa 1400 im B.M. London, [9] Abb. 10) zählen zu den größten Seltenheiten. Den Reliefs in Elfenbein entsprechen Perlmutterreliefs der spät- und nach-ma. Zeit, die etwas zahlreicher sind (Abb. 5; s. a. die Reliefs im D. M. Berlin, Kat. E. F. Bange 1923, S. 160, 161, Taf. 46f.). Ein Hausaltärchen aus der Zeit um 1520, das die Form eines Flügelaltares in kleinsten Abmessungen wiederholt, steht völlig vereinzelt (Ebd. S. 166 Nr. 1522).

Zu den Abbildungen

1. München, B.N.M., Inv. Nr. 17/418, Heimsuchung. Elfenbeinrelief, urspr. mit vergold. Kupferblech hinterlegt, 10,7 × 10,4 cm. Vermutlich vom ehem. Altarantependium Ottos I. im Magdeburger Dom. Reichenau oder Oberitalien, um 970. Fot. Mus.

2. Goslar, Vorhalle des ehem. Domes, sog. Kaiserstuhl. Rück- und Armlehnen Bronze, Sitz Stein. Niederdeutsch, E. 11. Jh. Fot. Max Streicher, Goslar.

3. Lübeck, Rathaus, Türklopfer mit Darstellung des Kaisers und der 7 Kurfürsten. Bronze. Lübeck, 2. Dr. 14. Jh. Nach Deutsche Kunst VI/65.

4. Stift St. Florian, O.Ö., Stiftsgebäude, Aufsatz am Kopfende des Prunkbettes im Blauen Zimmer. Um 1700. Fot. Bildarchiv d. Österr. Nat.Bibl. 22 881.

5. Frankfurt a. M., Mus. f. Kunsthandwerk, versch. Gegenstände mit Durchbrucharbeit, 15.–19. Jh. Hintere Reihe v. l. n. r.: Inv. Nr. 12 085, Klingelbeutel, Silber m. Samt. Inschr.: „Nicolas Huppert Junior Ao 1697.“ 22,5 cm h. Lübeck, Lor. Dettbarg († 1694). – Stiftung Mulert Kat. Nr. 144, Teller mit Tritonen und Seepferden, Eisenguß. Dm. 28,5 cm. Berlin, Kgl. Eisengießerei (Entwurf Schinkel?), um 1830–40. – Vordere Reihe: Stiftg. Mulert Kat. Nr. 151, Anhänger aus Perlmutter in vergoldeter Silberfassung. Dm. 5 cm. Deutsch (?), um 1480–1500. – Inv. Nr. 12 056, Necessaire aus Perlmutter mit durchbrochener Goldauflage. 9,5 × 12,2 × 9 cm. Potsdam (?), um 1750–60. – Stiftg. Mulert Kat. Nr. 97, Wärmeschale aus Bronze, der Rand mit Durchbrucharbeit, der Boden mit Ausschnittarbeit. Dm. 27,3 cm. Deutsch (?), um 1550. – Fot. Gabriele Hauck, Frankfurt a. M.

Literatur

1. Herm. Deckert, Opus interrasile als vorromanische Technik, Marburger Jb. 6, 1931, 137–52. – 2. Bossert Bd. 1, 4, 5 u. 6. – Metall: 3. Lüer-Creutz I u. II. – 4. Braun, Meisterwerke. – 5. Erich Meyer, Der Kaiserstuhl in Goslar, Zs. d. Dt. Ver. f. Kw. 10, 1943, 183–208. – 6. Ferd. Stuttmann, Dt. Schmiedeeisenkunst, 5 Bde., München 1927–30. – Elfenbein: 7. Goldschmidt-Weitzmann. – 8. Goldschmidt, Elfenbeinskulpturen. – Holz: 9. Heinr. Kohlhaußen, Minnekästchen im MA, Bln. 1928.

Verweise