Dreiturmgruppe

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englisch: Church with three western towers; französisch: Groupe de trois tours; italienisch: Gruppo di tre torri.


Rüdiger Kleßmann (1955)

RDK IV, 551–556


RDK IV, 551, Abb. 1. Münstermaifeld (Eifel), 1. H. 12. Jh.
RDK IV, 551, Abb. 2. Brauweiler b. Köln, 1. H. 12. Jh.
RDK IV, 553, Abb. 3. Freckenhorst (Westf.), gew. 1129.
RDK IV, 553, Abb. 4. Neuenheerse (Westf.), 1. V. 12. Jh.

I. Begriff, Bestimmung, Verwendung

Als D. bezeichnet man frühmittelalterliche Westbauten, die über einem oft quadratischen Kernraum einen Hauptturm entwickeln, der in organischer Verbindung von zwei Nebentürmen begleitet wird. Diese – in der Mehrzahl rund oder polygonal gebildet – können sowohl mit der Westflucht des Mittelkörpers abschließen, so daß seine Seiten östlich noch Anbauten Platz bieten (Typ I), als auch ostwärts bis an das Langhaus herangeschoben sein (Typ 11). Die Bedeutung der D. liegt – ebenso wie bei Turmbauten über Vierungen und Westwerken – in der Betonung der von der Geistlichkeit benutzten Räume oder Raumteile (Gegensatz: Fassade).

Typ I verfügt über einen mehrgeschossigen Mittelturm, der eine Hauptempore enthält, die mit auch nach außen kubisch herausgehobenen Nebenemporen verbunden ist. Der Eingang führt von Westen in eine unter der Empore gelegene „Durchgangskrypta“. Typ I I weist einen eingangslosen Mittelbau auf, der einen Gegenchor aufnimmt (Chorturmgruppe), trotzdem aber auch mehrgeschossig auftreten kann.

Nicht zu den D. zählen jene Querbauformen, bei denen in Verbindung mit einem Hauptturm seitliche Türme nur als äußere Annexe erscheinen (Köln, St. Pantaleon; Soest, St. Patroklus-Brunobau; Münstereifel; Limburg a. d. H.), da sie nur in additivem Sinne drei Türme zusammenordnen, jedoch keinen dreitürmigen Bauorganismus zu bilden vermögen [6].

Die D. ist genetisch aus dem karolingischen Westwerk hervorgegangen. Sie bevorzugt den querrechteckigen Grundriß und kommt fast nur an Stiftskirchen, vornehmlich von Frauengemeinschaften, vor, wo den Frauen in den Emporen ein gesonderter, vom Gemeindehaus getrennter Platz für den Gottesdienst eingeräumt werden sollte. Die Seitentürme dienten der Aufnahme von Treppen, die die Kirche mit den Emporen und dem Oberstock der Klausur zu verbinden hatten. Die Treppe ist häufig nur einseitig – meist im Nordturm – ausgebildet, so daß ein Turmkörper leer bleibt (nur selten kommt dieser in Fortfall: Hastière in Belgien; Elmham in England); dieser Verzicht erklärt sich durch das Angrenzen des Westbaus an die Klausur (meist Südseite), von deren Obergeschoß aus die Stiftsinsassen die Emporen erreichen konnten. Eine zeitgenössische Schilderung einer D. findet sich in Purchards Carmen de gestis Witigowonis abbatis (zit. bei Jos. Hecht, Der roman. Kirchenbau des Bodenseegebiets I, Basel 1928, S. 95f.).

II. Geschichtliche Entwicklung

a) ottonische Zeit

Die frühesten bekannten D. sind die der Stiftskirchen von Wunstorf [5] und Möllenbeck [6]. Beide, nur in Resten erhalten, sind in die 1. H. 10. Jh. zu datieren und zeigen noch Einflüsse der benachbarten Westwerke von Corvey und Minden.

Das zunächst verbindlich bleibende Grundrißschema (Typ I) liegt bereits fest: der Mittelbau bzw. das Quadrum, das beiderseits von Treppenturm und Abseite zu gleichen Teilen besetzt ist, enthält das Westportal und die Durchgangskrypta, darüber Haupt- und Nebenemporen. Die ottonische D. kannte, soweit die erhaltenen Beispiele ein Urteil zulassen, nur dieses Schema und verwendete, mit Ausnahme der vermutlich frühesten D. in Wunstorf, auch nur runde Seitentürme (Möllenbeck 1. H. 10. Jh.; Gernrode 961; Quedlinburg bis 997; Oberkaufungen 1017 [3; 4]; ottonische Vorgängerbauten von Freckenhorst und Neuenheerse? [6]). Eine Variation bzw. Umbildung des Schemas erfolgte in der Stiftskirche zu Essen 974 durch Einbau eines Arkadensystems in den Mittelteil bei Vergrößerung der Nebenemporen. Oberkaufungen kann als letzter reiner Vertreter des ottonischen Schemas angesehen werden.

b) salische Zeit

Mit Beginn des 2. V. 11. Jh. trat ein neuer Typus der D. auf, dessen Hauptmerkmal der Verzicht auf das Westportal und die Durchgangskrypta zugunsten der Einrichtung eines Gegenchors bildet (Typ II). Während die Quadrum-Empore zunächst erhalten blieb, wurde nun auf die Nebenemporen bzw. Abseiten verzichtet, so daß die Treppentürme aus der Westflucht heraus ostwärts gegen das Langhaus rücken konnten. Die Ausbildung dieses neuen Typs, der Chorturmgruppe (vgl. Chorturm, RDK III 570), ging anscheinend vom Maasgebiet aus, wo die frühesten Beispiele nachweisbar sind. Auf die noch einfachen kastenförmigen Bauten (Maastricht, U.L.F. 980/90; Lüttich, St. Denis um 1000; als deutsche Ausstrahlungen die Gründungsbauten von Münstermaifeld [Abb. 1] und Brenz?), folgte die entwickelte Form mit geschlossenem Mittelbau und ostwärts begleitenden Türmen in Hastière 1033, Stablo 1033, St. Truiden 1034, Celles um 1035 und Elmham/England um 1050. Die Ausbreitung dieser salischen Variante der D. ist in ihrem schrittweisen Vordringen von Westen nach Osten verfolgbar, wobei Köln offenbar die Mittlerrolle zufiel (Köln, St. Aposteln 1035, St. Maria im Kapitol, St. Severin?; Brauweiler 1048 [Abb. 2]; Paderborn, Dom 1058; Magdeburg, U.L.F. 1064; Münster i. W., Dom 1090?; spätere Nachfahren dieses Typs in einer skandinavischen Bautengruppe: Sigtuna, Roskilde, Linköping, Dalby).

Neben dieser die salische D. bestimmenden Form kommen dreitürmige Eingangsbauten nur noch in Verbindung mit einschiffigen Kleinkirchen oder Kapellen höfischen Charakters vor (Lüttich, St. Jean 992; Paderborn, Busdorfkirche 1036; Goslar, Schloßkapelle 1034; Husaby und Örberga in Schweden), wobei die Funktion des Torbaus vorherrschend bleibt.

c) staufische Zeit

Die staufische D. hat keine Eigenbildungen mehr hervorgebracht, sondern zeigt im Gegenteil stark eklektische Züge. Die Zweckbindungen an das überlieferte Raumsystem sind im 12. Jh. bereits weitgehend verlorengegangen, eine eigentliche liturgische Notwendigkeit der D. bestand nicht mehr. Gerade für diese Zeit sind Umbauten der Westanlagen sowie Verlegungen der gesonderten Stiftsempore aus dem Westbau in das Querschiff mehrfach überliefert [2, S. 41ff.]. Die nach Westen geschlossene, als Gegenchor ausgebildete D. verschwand mehr und mehr, an ihre Stelle trat nun wieder der Typus des ottonischen Eingangsbaus. Fast programmatisch stehen am Anfang des Jahrhunderts die D. der westfälischen Stiftskirchen zu Freckenhorst (Abb. 3) und Neuenheerse (Abb. 4), die bezeichnenderweise ihre ottonischen Vorgängerbauten nahezu wörtlich wiederholt haben müssen. Das Schema von Möllenbeck bzw. Gernrode lebte nicht nur im Grundriß, sondern auch in den Hauptzügen des Aufrisses wieder auf. Die rezeptive Tendenz, sei es gegenüber der Lokal- oder der Ordenstradition, ist in zahlreichen Beispielen belegt (Freckenhorst 1116; Neuenheerse um 1130; Marienmünster 1128; Steinfeld i. d. Eifel 1142; Münchenlohra in Sachsen). In den Niederlanden entstanden D. verwandten Schemas an den Peterskirchen von Ypern und Dudzele; für die zweite Jahrhunderthälfte sind Beispiele in Brüssel, St. Gudula, zu Torn in Limburg und in Löwen, St. Peter, nachweisbar. Sogar D. über dem Zentralschema karolingischer Westwerke traten in dieser Spätzeit wieder auf (Lüttich, St. Gilles; Soest, St. Petri; Maursmünster).

Mit der ausgehenden Romanik wurde die Verwendung der D. aufgegeben.

Zu den Abbildungen

1. Münstermaifeld Krs. Mayen, Rhl., Westbau der Stiftskirche von NW. 1. H. 12. Jh. Fot. Hans Wille, München.

2. Brauweiler Krs. Köln-Land, ehem. Benediktinerklosterkirche, Westbau und Nordquerarm von NO. 1. H. 12. Jh. Nach W. Bader, Brauweiler, Bln. 1937, Taf. 1.

3. Freckenhorst Krs. Warendorf, Westf., Westbau der ehem. Benediktinerinnenklosterkirche. Gew. 1129. Fot. Verf.

4. Neuenheerse Krs. Warburg, Westf., Westbau der ehem. Damenstiftskirche. 1. V. 12. Jh. mit späteren Veränderungen. Fot. Verf.

Literatur

1. Lehmann. – 2. Hans Thümmler, Die Stiftskirche in Cappel und die Westwerke Westfalens, Münster 1937. – 3. Hans Feldtkeller, Der Westbau der Stiftskirche in Oberkaufungen, seine Stellung zur roman. Baukunst Westfalens und seine Bedeutung für die Westwerkfrage, „Westfalen“ 23, 1938, 348–62. – 4. Ders., Die Stiftskirche zu Oberkaufungen bei Kassel. Instandsetzung des Westbaus und baugesch. Untersuchungen, Dt. K. u. Dpfl. 1940/ 1941, 14–21. – 5. Ernst Oeters, Die Stiftskirche zu Wunstorf, ihre Baugesch. und Stellung innerhalb der sächsischen Architektur. Diss. Marburg 1941, Marburger Jb. 16, 1955, 121–80. – 6. Rüdiger Kleßmann, Die Baugesch. der Stiftskirche zu Möllenbeck a. d. Weser und die Entwicklung der westlichen Dreiturmgruppe (= Göttinger Stud. z. Kg. 1), Göttingen 1952; bespr. v. Hans Feldtkeller, Westfalen 32, 1954, 115–17.

Verweise