Dreispitz

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englisch: Cocked hat, three-cornered hat; französisch: Tricorne; italienisch: Tricorno.


Hertha Simon (I) und Herbert Knötel (II) (1955)

RDK IV, 537–544


RDK III, 1229, Abb. 13. Berlin, Bildteppich, um 1695.
RDK IV, 539, Abb. 1. Caspar Luyken, 1703.
RDK IV, 539, Abb. 2. Joh. Christian Brand, 1775.
RDK IV, 541, Abb. 3. Antoine Pesne, um 1745, Berlin.
RDK IV, 543, Abb. 4. Modebild von 1798.
RDK IV, 543, Abb. 5.-7. Hüte preußischer Infanterieregimenter, ehem. im Berliner Zeughaus.

I. Ziviltracht

Der D. oder Dreimaster ist ein dreiseitig aufgekrempter, im Grundriß runder oder ovaler Hut, der das ganze 18. Jh. hindurch als „dreyeckigter Hut“ getragen wurde. Die heute übliche Bezeichnung D. kam erst im späteren 18. Jh. auf. Da sein erstes Auftreten in den letzten Jahrzehnten des 17. Jh. zeitlich mit der Entstehung der sich allmählich von der zivilen loslösenden militärischen Tracht, der Uniform, zusammenfällt, ist nicht sicher zu entscheiden, in welcher von beiden der Ursprung des D. zu suchen ist.

Der D. war eine vorwiegend männliche Kopfbedeckung. Von Frauen wurde er nur zum weiblichen Reithabit (Abb. 3) und zum Maskenkostüm getragen (s. Domino, Sp. 154ff.). Ursprünglich ein Privileg der gehobenen Stände und als solches der Galatracht zugeordnet, drang der D. von den 40er Jahren des 18. Jh. an allmählich in breitere Schichten ein und wurde von da ab auch von Bürgern, Handwerkern und dem „gemeinen Volke“ getragen (Abb. 2). Seit E. 18. Jh. war der D. nur noch dem der Uniform angeglichenen Anzug der Kutscher und Lakaien, der Livree, eigen [3]. Die Volkstracht indessen bewahrte diese Kopfbedeckung bis ins 20. Jh.

Seine Gestalt hat der D. praktischen Gründen zu verdanken. Der im 17. Jh. übliche große, runde Schlapphut – seine Größe scheint den Menschen unbequem geworden zu sein – wurde in der 2. H. 17. Jh. am Rande aufgekrempt, und zwar erst an nur einer, später an allen drei Seiten, womit dann der D. geschaffen war. Schnüre, die am Rande befestigt und durch den Hutkopf gezogen wurden, ermöglichten es, die einzelnen Seiten verschieden stark aufzubiegen und sie dadurch in der Schwebe zu halten. So konnte nach dem jeweiligen Geschmack durch stärkeres Heranziehen oder Herablassen die Gestalt des D. verändert werden, wobei die Grundform – ob rund oder oval – natürlich auch eine Rolle spielte. Die drei durch die Krempung geschaffenen Rinnen dienten außerdem dazu, bei Regen dem Wasser Abfluß zu verschaffen und so Gesicht und Schultern vor Nässe zu schützen (Krünitz 27, Berlin 17912, S. 152, 155 bis 157). Die silberne oder goldene Borte, die im 17. Jh. den unteren Rand des Schlapphutes zierte, wurde durch das Aufklappen nun äußerer Besatz und später Kanteneinfassung; die vom Schlapphut wallende Feder, dort seitlich oder hinten befestigt, wurde nun um den Hutkopf gelegt und ragte als „plumage“ über die Ränder hinaus, um bald zum Randbesatz einzuschrumpfen.

Die Form wie die Größe des D. wechselten im Lauf seiner Geschichte mehrfach. Die einzelnen Ausprägungen, bedingt und unterschieden durch Heftung, Schnürung und Ausputz, lassen sich zeitlich nicht genau gegeneinander abgrenzen. Um die Wende zum 18. Jh. bevorzugte man den verhältnismäßig großen Hut, dessen hintere Krempe stärker als die seitlichen aufgeschlagen war (Abb. 1). Allmählich glichen die Seiten sich einander an und waren in den 40er Jahren des Jh. gleichmäßig hoch. Sie überragten den Hutkopf nicht; der ganze Hut war außerdem klein im Format. Er war für den Kavalier des Rokoko nicht mehr Schutz, sondern nur noch Schmuck und Zierde. Der D. wurde seit der Zeit der hohen Allongeperücke, deren kunstvollen Aufbau eine Kopfbedeckung in Unordnung gebracht hätte, fast immer unter dem Arm getragen (s. Chapeaubas). Die heutige Sitte, den Hut im Hause abzunehmen und in der Hand zu behalten, ist wohl daraus entsprungen [11]. Mit dem Niedrigerwerden der Perücke wurde auch der D., zumindest auf der Straße, wieder auf dem Kopf getragen und blieb bis zum Ende des Jh. – auch noch neben dem in den 80er Jahren aufkommenden runden Hut – die beliebteste Kopfbedeckung. Der Hut der Revolutionszeit (auch á l’Androsmane genannt) war wieder höher in Kopf und Krempen (Abb. 4). Der berühmte kleine Hut Napoleons [9] wurde zum modischen Vorbild, „wodurch eynige Gecken jezt Buonaparte zu gleichen glauben“ [3]. Die hohen Krempen überragten den Hutkopf, die vordere Spitze schrumpfte zu einer kleinen, durch Kokarde oder Schleife betonten Ausbuchtung zusammen. Es entstand auf diese Weise ein Zweispitz, der in der Uniform weiterlebte (s. II). Mit dem Wegfall von Perücke und Zopf verschwand auch der D. und machte dem runden Hut, dem Vorläufer unteres Zylinders, Platz, der von da an in verschiedenen Formen die männliche Hutmode beherrschte. Der D. lebte nur mehr in Uniform und Volkstracht weiter.

Material: vorwiegend schwarzer Filz, durch Leim mehr oder weniger stark versteift, seltener Seide oder Samt; verschiedener, je nach dem Kostüm des Trägers sich richtender Ausputz: goldene und silberne Borten, Litzen und Tressen; schwarze, silberne und goldene Schnüre, Kokarden und auch Quarten, schwarzes Band zu Schleifen, Rosetten oder V-förmigen Verzierungen zusammengeheftet, weiße oder bunte Straußenfedern.

In der bäuerlichen Tracht, der Volkstracht hauptsächlich von Braunschweig, dem Elsaß, Franken, Hessen und Schwaben, durchlief der D. eine der großen Mode ähnliche Entwicklung. Zeitlich blieb er, auch Dreitimpenhot genannt [1], etwas zurück. Er trat erst zu derselben Zeit, da er in der städtischen Tracht anfing, Allgemeingut aller Stände zu werden, etwa um 1740 auf und unterschied sich nur in Format und Ausputz von seinem städtischen Vorbild. Er nahm freilich – als Reminiszenz des Schlapphutes – Ausmaße an, die der städtischen und Hoftracht nie eigen waren. Auch die Spätform des D., der sog. Napoleonshut, hat ihre volkstümliche Entsprechung in dem Hut der männlichen Schwälmer Abendmahlstracht [6]. Hier wie auch in Braunschweig ist eine starke Rückwirkung der militärischen Bekleidungsstücke auf die bäuerlichen zu spüren.

Material: schwarzer Filz, geschmückt mit bunten Bändern, Borten, Gold- oder Silbertressen, -quasten und -troddeln.

II. Uniform

Die Entstehung des Uniform-D. läßt sich Glied für Glied verfolgen. Höchstwahrscheinlich ist der Beginn der Aufkrempung des Schlapphutes in der 2. H. 17. Jh. beim Militär zu suchen, da hier auch mehrere andere Bekleidungsstücke zivilen Ursprungs – im Bestreben den Träger aktionsfähiger zu machen – eine Verwandlung erfuhren, um dann in dieser veränderten Form zum Zivil zurückzukehren.

Als sich im letzten Jahrzehnt des 17. Jh. die dreiseitige Krempung des Hutes einbürgerte, wurde diese Art der Kopfbedeckung nicht als neues Element empfunden. Der zeitgenössische Name des D. blieb daher „Hut“. Der Übergang von der nur aufgerollten Krempe bis zum eigentlichen, durch Schnüre befestigten D. vollzog sich sehr langsam. Je mehr sich die Form zum D. entwickelte, desto niedriger wurde der Kopfteil (s. RDK III 1230, Abb. 13).

Beim Heer wurde schon vor 1700 der Schmuck des D. reglementiert und damit zum Regiments- bzw. Kompanieabzeichen. Er bestand a) im Knopf über dem linken Auge; b) im Bortenbesatz des Hutrandes; c) in der Hutschnur, die sich um den Hutkopf schlang und in zwei bzw. drei Puscheln endigte; diese füllten später (um 1720) die drei Spitzen aus (Abb. 5). Der vordere Puschel wuchs mit der Zeit und wurde in den meisten deutschen Staaten ein wichtiges Regimentsabzeichen der Fußtruppen, während bei allen Offizieren und der Reiterei die ehemalige Bandschleife zur Kokarde wurde und den Puschel ersetzte.

Im 3. Dr. 18. Jh. hatte sich der D. scheinbar überlebt. In ganz Europa war man auf der Suche nach neuartigen Kopfbedeckungen. Bei den Heeren setzte ein reges Experimentieren ein, doch war der D. noch nicht am Ende; nur eine Verschiebung der Silhouette fand statt. Der bisher mehr oder minder kreisrunde Schnitt der nicht aufgeklappten Krempe wurde immer mehr zum Oval, wobei der Nackenteil einen größeren Radius aufwies. Hochgeschlagen war jetzt die vordere Spitze nicht mehr so betont, während die hintere Krempe die vorderen Teile überragte (Abb. 6). Auch für diese Form kannte die eigene Zeit nur die Bezeichnung „Hut“.

Doch nun begannen die beiden Formen zu konkurrieren. Der alte D. mit den drei sehr betonten Spitzen lebte unverändert weiter, aber auch die hochkrempige Zweigform mit der nur schwach hervortretenden Frontspitze hat sich bis auf den heutigen Tag erhalten. Für dieses Stück ergab sich mit der Zeit die volkstümliche Bezeichnung „Zweispitz“, die aber niemals amtlichen Charakter hatte. Es handelt sich auch in der Tat, entwicklungsgeschichtlich gesehen, um den D., dessen vordere Spitze immer mehr verflachte, um erst in der Manneform zu zwei gleichwertigen Krempen zu gelangen. Ursprünglich bestand auch kein Unterschied in der Art des Tragens (längs oder quer, bzw. – wie es aus dem Französischen übernommen hieß – „à cheval“ oder „en colonne“). Selbst der alte ausgesprochene D. wurde schon im 3. Dr. 18. Jh. gelegentlich längs aufgesetzt, wobei es meist gleichgültig war, ob der Knopf (und damit Hauptpuschel bzw. Kokarde) hinter dem linken oder vor dem rechten Ohr lag. Die letztere Art wurde bevorzugt und um 1817 allgemein üblich (Abb. 7).

Zu den Abbildungen

1. Caspar Luyken, Ein Jäger. Radierung aus Abr. a Santa Clara, „Neu eröffnete Welt Galleria“ usw., Nürnberg 1703, Taf. 31. Fot. Walter Steinkopf, Berlin.

2. Joh. Christian Brand, Huterin. Kupferstich aus dem „Kaufruf von Wien“, Wien 1775, gest. von Sebastian Mansfeld. Fot. Walter Steinkopf, Berlin.

3. Antoine Pesne, Bildnis der Gräfin Sophie Marie von Voß geb. von Pannewitz im Jagdkostüm. Um 1745. Berlin, Schlösserverwaltung. Fot. Schlösserverwaltung.

4. Ein Incroyable, Kupferstich aus [3] 13, 1798, Taf. 8. Fot. Walter Steinkopf, Berlin.

5.–7. Ehem. Berlin, Zeughaus, Hüte preußischer Infanterieregimenter. 1760, 1806 und 1820. Zeichnungen von Herb. Knötel nach Originalstücken.

Literatur

Zu I: 1. Manuel de toilettes etc., Paris und Lübeck 1777, 2. H., Fig. 18 Nr. 14; Fig. 49 Nr. 30; Fig. 50 Nr. 32. – 2. Beytrag zur Unterhaltung, Prag 1782, Taf. 14, 22, 28. – 3. Journal des Luxus und der Moden 1, 1786, 51, 125, 152, 293; 2, 1787, 206, 352; 3, 1788, 65f., 333; 4, 1789, 269; 5, 1790, 22; 6, 1791, 356; 9, 1794, 498, 554. – 4. Frdr. Hottenroth, Dt. Volkstrachten, Ffm. 1900, S. 6 u. 32. – 5. O. Timidior (Pseud. für Oskar Scheuer), Der Hut und seine Geschichte, Wien 1914. – 6. Rud. Helm, Dt. Volkstrachten aus der Slg. des G.N.M. in Nürnberg, München 1932. – 7. Ders., Die bäuerlichen Männertrachten im G.N.M. in Nürnberg, Heidelberg 1932. – 8. Bruhn-Tilke Taf. 93 bis 118, 133 und 135.

Zu II: 9. Rich. Knötel, Uniformkunde, Rathenow 1890ff., Bd. 1–18. – 10. Ders., Hdb. der Uniformkunde, neubearb. v. Herb. Knötel u. Herb. Sieg, Hamburg 1937, S. 4, 409, 425. – 11. Martin Lezius, Das Ehrenkleid des Soldaten, Bln. 1936, S. 30ff., Taf. 185–290. – 12. Bruhn-Tilke Taf. 119–20, 124.

Verweise