Dreipaß

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englisch: Trefoil; französisch: Trilobe, trèfle; italienisch: Trilobo, trifoglio.


Lottlisa Behling (1955)

RDK IV, 526–537


RDK II, 977, Abb. 7. Kleeblatt- oder Dreipaßbogen.
RDK II, 1065, Abb. 3. Straßburg, Münster, um 1260.
RDK IV, 527, Abb. 1. Dreipaßformen und ihre Konstruktion.
RDK IV, 529, Abb. 2. Konstanz, um 1280.
RDK IV, 529, Abb. 3. Maulbronn, E. 13. Jh.
RDK IV, 531, Abb. 4. Oppenheim, 4. V. 13. Jh.
RDK IV, 531, Abb. 5. Minden, 4. V. 13. Jh.
RDK IV, 533, Abb. 6. Arnstadt (Thür.), um 1300.
RDK IV, 533, Abb. 7. Neubrandenburg, 1. H. 15. Jh.
RDK IV, 535, Abb. 8. Köln, St. Ursula, 1. H. 14. Jh.
RDK IV, 535, Abb. 9. Kappel b. Waldsassen, 1685-89.

I. Begriff und Name

Unter D. versteht man eine aus drei Zirkelschlägen („Pässen“) geformte zentrierte Figur, die seit der Hochgotik vornehmlich als Füllfigur eines Kreises, später auch eines in die Ebene projizierten sphärischen Dreiecks im Maßwerk, aber auch in anderer Verwendung, vorkommt.

Das Wort kommt von mhd. tripas, tripaz, das erstmals M. 13. Jh. bei der Beschreibung eines Thrones zur Kennzeichnung einer Schmuckform nachweisbar ist (Schlosser, Quellenbuch S. 298ff.). Im 14. Jh. bezeichnet tripaz einen dreikantigen Schild (Matthias Lexer, Mhd. Handwörterbuch, Lpz. 1876, Bd. 2, Sp. 1516 mit Belegen). Aus dieser Verwendung und aus Villard de Honnecourts Beschreibung eines D.-artigen Sockels (s. u.) als „ais a III compas“ dürfen wir schließen, daß im MA die durch Verwendung von drei Zirkeln entstandenen Formen als tripaz galten; daß es sich hierbei um recht verschiedene Figuren handeln konnte, liegt auf der Hand.

Heute bezeichnet der Sprachgebrauch die durch verschiedene Konstruktionstechnik entstehenden D.-Formen sowie die von einem Kreis oder der Projektion eines sphärischen Dreiecks in die Ebene umschriebenen D. gleichermaßen als D. Ansätze zu schärferer begrifflicher Bestimmung (Unterscheidung zwischen D., Dreinase, Dreiblatt u. a.) haben sich nicht allgemein durchgesetzt.

Die Verwendung von drei Kreisen bei der Konstruktion des – nicht zentrierten – Kleeblattbogens (vgl. hierfür RDK II 977, Abb. 7; ebd. 979) brachte diesem bisweilen die ungenaue Bezeichnung D.-Bogen ein. Für Fenster, deren oberen Abschluß drei Halbkreise – über den drei Seiten eines Quadrats oder über der Spitze und den Seitenhalbierungspunkten im gleichschenkligen Dreieck errichtet – bilden, ist die Bezeichnung D.-Fenster abzulehnen (s. Fächerfenster). Irreführend ist es auch, bei Längsbauten mit drei radial angeordneten Apsiden von einem D.-Grundriß zu sprechen: s. Dreikonchenanlage (Sp. 465ff.).

II. Konstruktionsformen

Die Konstruktion von D. geht stets vom gleichseitigen Dreieck aus. Der Vielzahl möglicher Varianten liegen im wesentlichen folgende Konstruktionsprinzipien zugrunde:

a) Die Ecken des gleichseitigen Dreiecks sind die Mittelpunkte von Kreisen, deren Radius die Hälfte einer Dreiecksseite mißt (Abb. 1 a). Der Mittelpunkt des den D. umschreibenden Kreises liegt im Schnittpunkt der Seitenhalbierenden (Schwerpunkt) des Dreiecks.

b) Den Seiten eines gleichseitigen Dreiecks ist jeweils ein Halbkreis vorgelegt (Abb. 1 b). Der Mittelpunkt des Umkreises liegt, wie bei a, im Schwerpunkt des Dreiecks, sein Radius ist die Summe von halber Seitenlänge und einem Drittel der Seitenhalbierenden des Ausgangsdreiecks.

c) Eine häufig vorkommende Variante des Konstruktionsprinzips b ist die Anordnung eines Paßmittelpunktes auf der über die Fläche des Ausgangsdreiecks hinaus verlängerten Seitenhalbierenden (Abb. 1 c); die Verlängerung beträgt zumeist ein Drittel der Seitenhalbierenden. Der Umkreisradius hat die Länge der Mittelsenkrechten und ihrer Verlängerung. Nicht selten begegnet, besonders bei Sockeln und Rahmen, eine Abwandlung dieser D.-Form, bei der sich D. und – dem Umkreis eingeschriebenes – gleichseitiges Dreieck so durchdringen, daß die Pässe als Halbkreisvorlagen auf den Dreieckseiten stehen und die Ecken des Dreiecks zwischen die Halbkreise treten (so schon bei Villard de Honnecourt: H. R. Hahnloser, Wien 1935, Taf. 13).

d) Bei „angespitzten“ D. sind die Konstruktionen a und b gemeinsam verwendet (Abb. 1 d); b liefert die Grundform, mit Hilfe von a werden die „Anspitzungen“ konstruiert.

e) Spitzbogige D. entstehen durch die Durchdringung dreier jeweils über den Seiten eines gleichseitigen Dreiecks errichteter Halbkreise mit dem Durchmesser einer Seitenlänge (Abb. 1 e). Während bei b die Halbkreise außerhalb des Ausgangsdreiecks liegen, sind sie hier umgekehrt ins Innere der Dreiecksfläche verlegt. Häufiger als in Umkreise sind spitzbogige D. in die Projektion eines sphärischen Dreiecks eingefügt.

f) Bei einer Sonderform, deren sich besonders spätgotische Rosen- und Gruppenfenster bedienten, sind an den Ecken eines gleichseitigen Dreiecks Senkrechten errichtet, die durch Spitzbogen (meist aus Kreisbogen mit dem Radius der Länge einer Dreiecksseite) miteinander verbunden werden (Abb. 1 f).

Der Dreischneuß gehört nicht zu den D., sondern zum Fischblasenmaßwerk.

III. In der Architektur des MA

A. Vorformen

In der ma. Architektur begegnen D. seit 1200. Die frühesten nachweisbaren Beispiele zeigen den D. als aus dem Stein herausgesägte „Lochfigur“ bzw. als Blende, dazu bestimmt, Giebel sowie Zwickel und Tympana von Arkaden, Fenstern aller Art und Wänden auszuschmücken. Häufig treten D. neben anderen Paßfiguren auf; D.-Fenster wechseln bisweilen mit sonstigen Fensterformen.

In den Tympana der Choremporen von St. Etienne in Caen, um 1200, finden sich derartige D.; an entsprechender Stelle in der Chorapsis sind Vierpaßöffnungen angebracht. Ähnliche D. haben die Fenster im Obergeschoß des Dekagons von St. Gereon in Köln, vor 1227. Bei der Rose der Kathedrale von Lausanne kommen D. neben Vierpässen vor (vgl. außerdem die zeichnerische Aufnahme durch Villard de Honnecourt, Hahnloser Taf. 31 u. Abb. 56, sowie Villards Chartreser Rose, Ebd. Taf. 30 u. Abb. 53). Als Giebelschmuck sind D. u. a. von Villard (Ebd. Taf. 7) und am Konstanzer hl. Grab (Abb. 2) verwendet worden, ferner an Fialen des Naumburger W-Chors (J. Jahn, Schmuckformen d. Naumburger Doms, Lpz. 1944, Abb. 8). Verschiedenartige D. in den Zwickeln der Kleeblattbogen am Altarziborium von S. Cecilia in Trastevere, 1293, zeigen die Genesis des D. (Val. Mariani, Arnolfo di Cambio, Rom 1943, Abb. 42–44). Wandblenden in echter D. - Form finden sich über den Fenstern der Westfassade der Pariser Kathedrale, um 1215; ähnliche Blenden am äußeren Sockel an den Seitenschiffswänden der Reutlinger Pfarrkirche, um 1300. Alternierend mit rundbogig geschlossenen Fenstern kommen D.-Fenster bei Architekturdarstellungen im Psalter Leber 6 der Bibl. municipale zu Rouen, nach 1228, vor (Leroquais, Psautiers, Taf. 27; s. a. Taf. 83). – Die nicht mit einem Umkreis versehenen D. haben als Schmuck liturgischer Geräte auch dann noch eine wichtige Rolle gespielt, als in der Architektur eingeschriebene D. die Regel geworden waren (s. IV.).

B. Maßwerk

Die „klassische“ Verwendung von D. als Maßwerkfigur kam vielleicht zuerst in Triforien und Fenstern der Kathedrale von Amiens, nach 1220, zur Anwendung, nachdem an den ältesten Bauteilen (Westfassade) noch die D.-Blenden der Pariser Kathedrale – z. T. allerdings schon in einen Kreis eingefügt – wiederholt wurden. Fortan begegnen D. der verschiedensten Konstruktionen an sämtlichen Baugliedern, auf die Maßwerkschmuck übertragen wurde. Die reiche ornamentale Entfaltung des D. und ihre verschiedenartige Verwendung zeigen deutlich, daß die Annahme einer Dreifaltigkeitssymbolik des D. unnötig ist.

In Frankreich verbreitete sich der D. im Maßwerk schnell: D. erscheinen in St. Denis (nach 1231), der Ste. Chapelle in Paris, der Kathedrale von Meaux, St. Sulpice in Favières usw., ebenso in Spanien (Kathedralen von Toledo und Burgos u. a.). Gleichartige D. bilden auch den Schmuck der Giebelfelder an Portalen und Wimpergen wie z. B. bei der Kathedrale von Rouen und der Porte Rouge der Pariser Kathedrale, ferner zieren D. Dachbrüstungen (Stiftskirche zu Mantes) oder Strebebogen (Kathedrale und Kirche St. Urbain in Troyes; Inneres des Untergeschosses der Ste. Chapelle zu Paris). Dekorative Maßwerkformen mit D. zeigen in Deutschland u. a. die Dome zu Köln (Triforien, Fenster, Wimperge, Strebewerk, Chorschranken), Straßburg (Westfassade, Entwurf B und Ausführung; Fenster der Katharinenkapelle, Brüstung des Laurentiusportales), Regensburg (Fenster), ferner die Heiligkreuzkirche in Schwäbisch-Gmünd (Fenster), die Pfarrkirche in Reutlingen (Portaltympana und Wimperge) und einige Fenster sowie das südliche Seitenschiffsportal des Freiburger Münsters. Ein D. mit Lilienendigungen, wie sie bereits das Triforium im Langhaus der Kathedrale von Amiens aufweist, findet sich im südlichen Seitenaltarraum der Katharinenkirche in Oppenheim (Abb. 4). Eine Fülle von D. zeigt das nordöstliche Fenster des Mindener Domlanghauses: drei D., deren Pässe jeweils durch einen kleinen, gegen die Mitte des großen D. geöffneten D. ausgefüllt sind (Abb. 5); die dreieckige Ordnung von drei D., die hier auftritt, begegnet sowohl in Frankreich (Paris, Ste. Chapelle; Amiens, Kathedrale, Chorfenster) als auch in England (Lichfield, Kathedrale), Spanien (Valencia, Kathedrale) und andernorts in Deutschland (Maulbronn, Kreuzgang, Abb. 3); sogar in dreimaliger, abermals in Form eines Dreiecks angeordneter Wiederholung im Wimperg des Mittelportals der Reutlinger Pfarrkirche. Die Neigung der englischen Gotik, die schon in der Kathedrale von Durham eines der großen Fenster der Chapel of Nine Altars mit zahlreichen D. versah, zu dekorativer Ausnutzung struktureller Gliederungsformen zeigt sich besonders deutlich am Maßwerk der Lady Chapel der Kathedrale zu Wells, wo im Bogenfeld der Fenster mehrere Reihen von D. zu einem teppichartigen Muster vereint sind; jeder D. ist hier, ähnlich wie bei den Fenstern der Chorkapellen in Amiens, von einem sphärischen Dreieck umgeben. – Bereits seit E. 13. Jh. kommt die spitzbogige Form des D. vor. Als teilweise Angleichung an den abschließenden Spitzbogen zeigt schon das Giebelgeschoß des Nordwestturmes der Kirche U. L. F. zu Arnstadt reine Spitzbogenformen des D. (Abb. 6; ebenso die Kathedralen von Sees, Ely, Lincoln, Exeter, Prag und St. Urbain in Troyes, Milton Abbey, Tintern Abbey, St. Katharinen zu Oppenheim). Aber auch in Verbindung mit neuen Maßwerkformen (sphärische Drei- und Vierecke, Fischblasen usw.) hielt sich der echte D. noch bis zum Ende der Gotik (vgl. etwa Prag, südliches Querhaus des Domes).

Selbstverständlich wurde das Maßwerk mit D. auch bei profanen Bauten verwendet: z. B. Carcassonne, Porte Narbonnaise; ein besonders reiches aus D. zusammengesetztes Rosenmuster zeigt die Feldseite des Treptower Tores in Neubrandenburg (Abb. 7); dort sind – wie auch am Stargarder Tor – die D. aus Formsteinen gefügt.

IV. Als Schmuck von Geräten und Gewändern des MA

An kirchlichen Geräten des MA, die mit Maßwerkfiguren geschmückt wurden, findet sich natürlich auch der D.: so etwa am Gertrudschrein in Nivelles und einem Reliquiar in St. Ursula zu Köln (Braun, Reliquiare Abb. 169), beide im letzten V. 13. Jh. geschaffen. Daneben hielt sich der Gebrauch von D. als Zwickelfüllung, Blende, „Lochfigur“ usw. durch das ganze MA hin.

Aus der Fülle der Beispiele seien folgende genannt: am Gertrudschrein in Nivelles befindet sich in der wimpergartigen Bekrönung der Hauptarkade an der Stirnseite eine D.-Blende, deren Pässe mit Edelsteinen ausgefüllt sind (Lüer-Creutz II Abb. 204). Die Arkadenzwickel des Petrusretabels im Mus. du Cinquantenaire in Brüssel schmücken D., ebenso sind D. am Reliquienkästchen aus Elfenbein, das sich in St. Ursula in Köln befindet (Abb. 8), und an der Stipes des Hochaltares im Kölner Dom (RDK I 423/24, Abb. 20) verwendet. D. (und Vierpässe) finden sich an der sog. Müllerkrone des Lübecker Domes, einem Kronleuchter des 15. Jh. Im Straßburger Münsterlanghaus übernehmen D. in der Blendarkatur des inneren Laufganges die Funktion des Rahmens, sie umgeben figürliche Reliefs (RDK II 1065, Abb. 3); ähnlich verwenden Siegel (z. B. das der Vicegrafen von Mortain: Georges Mancel, Les anciennes abbayes de Normandie, Caen 1834, Taf. 23, 34) und Meisterzeichen der Goldschmiede (z. B. Inv. Bayern VII, 4, S. 57 u. 58) den D. Sockel von Lesepulten (RDK I 190, Abb. 3) und Kelchen haben ebenfalls bisweilen die Form eines D. Einen reichen Zierat bilden D. gelegentlich an liturgischer Gewandung: Straßburger Münster, Grabmal Konrads von Lichtenberg, gest. 1299, an der Mitra zahlreiche D. (Otto Schmitt, Got. Skulpturen des Straßburger Münsters, Ffm. 1924, Bd. 2 Taf. 183); an der Kasel des hl. Nikolaus in einem Glasfenster aus der Dorfkirche in Oberndorf bei Arnstadt aus der 2. H. 12. Jh. (Wentzel, Meisterwerke Taf. 8) ist der „D.“ allerdings aus drei Vollkreisen gebildet.

Als nach-ma. Beispiel einer Verwendung des D. an Geräten seien Kanne und Becken eines Nürnberger Meisters von 1582, ehem. im Grünen Gewölbe in Dresden, genannt (Sponsel 1, Taf. 31f.).

V. Barockarchitektur

D.-förmige Grundrisse sind zu keiner Zeit häufig; lediglich im Barock bediente sich eine kleine Gruppe von Kirchenbauten des D.-Grundrisses.

Vorausgegangen ist diesen Anlagen die Kirche von Planès in den spanischen Pyrenäen (Sabarthez, Eglise triangulaire de P., Perpignan 1895). Ihr Gründungsdatum steht nicht fest; J. Puig i Cadafalch zählt sie zu den Zentralbauten des premier art roman (La géographie et les orgines du premier art roman, Paris 1935, S. 263, Abb. 387 u. 389). Der Grundriß zeigt die bei Abwandlung des Konstruktionsprinzips c (Abb. 1 c) entstehende Durchdringung von D. und Dreieck, welches hier allerdings gekrümmte Seiten hat. Über den Paßformen sind Apsiden errichtet, die zwischen diesen vorspringenden dreieckigen Prismen im Inneren mit Apsidiolen versehen. Es ist vermutet worden, daß der ungewöhnliche Grundriß aus symbolischen Gründen gewählt wurde (Kult der hl. Dreifaltigkeit; so Sabarthez a.a.O.). Die Kirche hatte, wie aus einer Stiftung von 1442 bekannt ist, damals ein Marienpatrozinium, ebenso wie die Kirche in Münchsdorf Krs. Landshut, die in der 2. H. 17. Jh. über einem D.-Grundriß errichtet wurde (Inv. Bayern IV, 2, Abb. 133).

Sicher ist die Symbolbedeutung D.-förmiger Grundrisse erst für eine Gruppe von Kirchen der 2. H. 17. Jh., die der hl. Dreifaltigkeit geweiht sind. Aus einer 1675 datierten Zeichnung geht hervor, daß die Wallfahrtskapelle auf dem Armesberg Krs. Kemnath, Opf., als D.-Anlage geplant war; dieser Entwurf blieb jedoch unausgeführt (Inv. Bayern II, 10, S. 14, Abb. 1). Die Wallfahrtskirche von Kappel Krs. Tirschenreuth, Opf., 1685–89 von Gg. Dientzenhofer erbaut, weist ebenfalls einen D.-Grundriß auf (Abb. 9): der innere D. besteht aus drei Halbkreisen, in den einspringenden Winkeln sind runde Treppentürme eingestellt; jede der drei mit Halbkugeln überwölbten Konchen besitzt drei Altäre. Der Umgang wiederholt im Grundriß die D.-Form, wobei auch die Kurven der Rundtürme durch drei Ausbuchtungen angedeutet werden. Die Sehnen der Halbkreise bilden zu innerst ein gleichseitiges Dreieck (s. Sp. 412). Max Hauttmann [2], der die Bedeutung des Grundrisses als Dreifaltigkeitssymbol aufzeigt, verweist für Kirchenbau und Dreifaltigkeitskult auf das Vorbild slawischer Länder. Deren Einfluß auf die Dientzenhofer ist auch sonst nachweisbar, vgl. den Sammelband aus dem Besitz Leonh. Dientzenhofers im B.N.M., wo neben dem Kappeler weitere symbolische Grundrißformen aufgezeichnet sind [2, S. 163f.]. Weitere D.-Anlagen bei [2]; die dort ebenfalls genannte Wallfahrtskirche Frauenbründl Krs. Straubing (Inv. Bayern IV, 12, Abb. 23) gehört allerdings nicht hierher, sie entspricht im Grundriß der Ludwigsburger Schloßkapelle und ist formal wie diese zu erklären (s. Sp. 474).

Daß es auch D.-artige Grundrisse gibt, die nicht symbolischer Spekulation ihren Ursprung verdanken, beweist S. Ivo della Sapienza in Rom, 1642–50 von Francesco Borromini, im Grundriß eine Durchdringung von D. und Dreieck, die sich von der üblichen Konstruktionsvariante von c dadurch unterscheidet, daß der Durchmesser der Pässe durch den Sechsstern bestimmt und die Spitzen des Dreiecks ausgerundet sind (Eberh. Hempel, F. Borromini, Wien 1924, S. 115, Abb. 34).

VI. Neugotik

In Epochen der Wiederbelebung gotischer Formen – gleichgültig, ob es sich um die gotisierenden Bauten der Jesuiten im 17. Jh. oder die deutsche Neugotik des 19. Jh. handelt –, wurden D. seltener als andere Maßwerkfiguren des MA gestaltet. Als Kirchengrundriß ist der D. in der Neugotik nicht nachgewiesen. Erst in den 30er Jahren des 19. Jh. fand der D. in der Architektur etwas häufiger, doch noch immer ziemlich begrenzt, Aufnahme: Karl Friedr. Schinkel, der bis dahin D. fast nur für Restaurationsarbeiten, Vorschläge zur Neuausstattung ma. Kirchen (Entwurf zu einer Altarwand für die Nikolaikirche Pasewalk) und Bilderrahmen (Entwurf für Rahmen der Flügel des Genter Altares) angewendet hatte, benutzte ihn in reichem Maße im Maßwerk der Werderschen Kirche in Berlin (K. F. Schinkel, Lebenswerk, Bln. 1939ff.); auch Karl Blechen hat zu Beginn der 30er Jahre D. als Maßwerkfigur (zum Schmuck eines Thrones: Lukas malt die Madonna, Entwurf zu einem lebenden Bild für das Lukasfest 1833), auch mit der Sonderform Abb. 1 f verbunden (Kat. Nat. Gal. Bln., Karl Blechen, Bln. 1940, Nr. 1866, 1879, 1881f.), verwendet. In den folgenden Jahrzehnten wurde mit zunehmender historischer Treue der neugotischen Detailformen auch der D. in stärkerem Maße herangezogen, ohne jemals die Bedeutung von Vier-, Fünf- und Sechspaß zu erlangen.

Zu den Abbildungen

1. Dreipaßformen und ihre Konstruktion. Zchg. Karl-August Wirth, München.

2. Konstanz, Münster, Hl. Grab in der Grabkapelle. Um 1280. Fot. Erwin Burda, Freiburg i. Br., B 6.64 062.

3. Maulbronn, Kreuzgang-Ostflügel, Fensteröffnung. Ende 13. Jh. Fot. Marburg 15 629.

4. Oppenheim (Rhein), Katharinenkirche, Südfenster im südl. Nebenchor, Maßwerk. 4. V. 13. Jh. Fot. Marburg 18 068.

5. Minden i. W., Dom, Maßwerk des 3. Fensters an der Nordseite des Langhauses, 4. V. 13. Jh. Fot. Marburg 15 865.

6. Arnstadt (Thür.), Pfarrkirche U.L.F., Westturm, Detail. Um 1300. Fot. Verf.

7. Neubrandenburg (Meckl.-Strelitz), Treptower Tor, Detail der Feldseite, 1. H. 15. Jh. Fot. Staatliche Bildstelle.

8. Köln, St. Ursula, Reliquienkästchen (früher Minnekästchen), Ausschnitt aus dem Deckelrelief (Darstellung von vier höfischen Szenen). Elfenbein, 9 cm h., Koechlin Nr. 1266. Frankreich, 1. H. 14. Jh. Fot. Bildarchiv Rhein. Mus., Köln, 16 507.

9. Kappel Krs. Tirschenreuth, Opf., Grundriß der Wallfahrtskirche zur Hl. Dreifaltigkeit. 1685–89 von Georg Dientzenhofer. Nach [2] Abb. S. 162.

Literatur

1. L. Behling, Gestalt u. Gesch. des Maßwerks (= Die Gestalt, hrsg. v. Wilh. Pinder u. a., Heft 16), Halle a. S. 1944.

Zu V: 2. Max Hauttmann, Gesch. d. kirchlichen Bauk. in Bayern, Schwaben u. Franken 1550–1780, München 19232.

Verweise