Dreinagelkruzifixus

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englisch: Crucifix with three nails; französisch: Crucifix à trois clous; italienisch: Crocifisso con tre chiodi.


Karl-August Wirth (1955)

RDK IV, 524–525


RDK IV, 523, Brüssel, 1149, aus Thienen.

Die Fachliteratur bezeichnet als D. (Dreinagelkruzifix, Dreinagelkreuz, Dreinageltyp) Darstellungen des Gekreuzigten, bei denen Christus mit drei Nägeln ans Kreuz geheftet ist: je ein Nagel durchbohrt die Hände und beide Füße. Die Benennung begreift auch diejenigen Werke ein, die auf Wiedergabe der Nägel verzichten und lediglich das Motiv der gekreuzten Füße (und Beine) aufweisen. Weitere, die Darstellungsform des Kruzifixus betreffende Einzelheiten werden durch den Begriff D. nicht festgelegt: Christus kann als Lebender und als Toter, in aufrechter oder bewegter Körperhaltung, mit und ohne Zeichen körperlichen Schmerzes und ebenso mit wie ohne Dornen- oder Königskrone dargestellt werden.

Die Vorstellung vom D. ist seit M. 12. Jh. unabhängig voneinander in der Literatur [4; 7] und in der bildenden Kunst nachzuweisen; das älteste datierte Beispiel eines D. stammt aus dem Jahre 1149 (Taufbecken aus Thienen Prov. Namur, jetzt in Brüssel; Abb.); auch bei Darstellung der Leidenswerkzeuge ist seit 2. H. 12. Jh. die Dreizahl der Nägel anzutreffen [7]. Vom 13. Jh. an wurden überall im Abendland D. geschaffen, und dieser Bildtyp blieb bis in die jüngste Vergangenheit maßgebend für die weitaus meisten Kreuzigungsbilder.

Der Anstoß zur Gestaltung des D. ging nicht von einem bestimmten Urbild aus, sondern erfolgte in den einzelnen Kunstlandschaften des Abendlandes zu verschiedenen Zeiten und unter voneinander abweichenden Bedingungen. Die Gründe für die Entstehung des D. hat man seit den Anfängen der Kunstgeschichtsschreibung (Giov. Andrea Gilio, 1564; vgl. Schlosser, Materialien VI, S. 100) in der stilistischen Entwicklung gesucht. Neuere Versuche der Erklärung führen reliquiengeschichtliche [6] und liturgische [7] Gründe an. F.P. Pickering [8] schlägt vor, den D. als „Sieg der Typik der Totendarstellung“ in der Ikonographie des Gekreuzigten anzusehen.

Für alles Weitere s. Gekreuzigter.

Zur Abbildung

Brüssel, Mus. du Cinquantenaire, Taufbecken aus Thienen (Tirlemont), Detail. Bronzeguß. Dat. 1149. Fot. A. C. L. Brüssel Nr. 103 755 B.

Literatur

1. Ad. Goldschmidt, Das Naumburger Lettnerkreuz im Berliner K. F. M., Jb. d. preuß. K.slgn. 36, 1915, 137–52. – 2. Geza de Francovich, L’origine e la diffusione del crocifisso gotico doloroso, Röm. Jb. f. Kg. 2, 1939, 143–261. – 3. Herm. Beenken, Zwei Triumphkreuze des 13. Jh., Marburger Jb. 13, 1944, 93–102. – 4. Roza van Hoogenbemt, De voorstelling van de Gekruisigde van de XII tot de XVIIIe eeuw, in: Ons geestelijk erf 32, 1948, 201–36. – 5. Aron Andersson, English Influence in Norwegian and Swedish Figure-sculpture in Wood 1220–1270, Stockholm 1949. – 6. Hans Wentzel, Miscellanea, in: Neue Beitr. z. Archäologie u. Kg. Schwabens (Fs. Julius Baum), Stuttgart 1952, S. 40–44. – 7. K.-A. Wirth, Die Entstehung des Dreinagelkruzifixus. Seine typengeschichtliche Entwicklung bis zur M. 13. Jh. in Frankreich und Deutschland, Diss. Ffm. 1953 (masch.). – 8. F. P. Pickering, Christl. Erzählstoff bei Otfrid und im Heliand, Zs. f. dt. Altertum u. dt. Lit. 85, 1955, 285 Anm. 1.

Verweise